Mat grinste. Sie würde wohl jeden Moment ihr Messer ziehen, aber er bezweifelte, daß es ihr in dieser Menschenmenge viel nützen würde. Sie würde Elayne nicht so bald erwischen, das war sicher. Mit der Überlegung, ob er sie bei seiner Rückkehr in einem weißen Gewand vorfinden würde, machte er Vanin mit dem Speer ein Zeichen. »Geh voraus, Nynaeve. Laß uns dieser Amyrlin begegnen.«
Sie sah ihn finster stirnrunzelnd an, führte ihn aber in das Gebäude, während sie an ihrem Zopf zog und halb zu sich selbst murrte: »Dies ist Rands Werk, nicht wahr? Ich weiß es. Irgendwie ist es das. Jedermann vor Angst halbwegs in den Wahnsinn zu treiben! Achte darauf, wo du hintrittst, Lordhauptmann Cauthon, oder ich schwöre, daß du dir wünschen wirst, ich hätte dich nur wieder beim Blaubeerenstehlen erwischt. Menschen zu ängstigen! Selbst ein Mann sollte mehr Verstand haben! Hör auf zu grinsen, Mat Cauthon. Ich weiß nicht, wie sie hierauf reagieren wird.«
An den Tischen im Inneren saßen Aes Sedai — der Raum schien ein Aufenthaltsraum zu sein, auch wenn diese Aes Sedai, die schrieben oder Befehle ausgaben, sorgfältig plaziert wirkten —, aber sie beachteten ihn und Nynaeve kaum, während sie den Raum durchquerten. Es verdeutlichte nur einmal mehr, eine wie armselige Vorführung sie hier boten. Eine Aufgenommene stolzierte durch den Raum, wobei sie etwas vor sich hinmurmelte, aber keine der Aes Sedai sagte etwas. Er hatte sich nur so kurz wie möglich in der Burg aufgehalten, aber er wußte, daß Aes Sedai sonst nicht so reagierten.
Nynaeve öffnete eine Tür an der Rückseite des Raumes, die schon bessere Zeiten gesehen hatte. Alles hier schien schon bessere Zeiten gesehen zu haben. Mat folgte ihr hindurch — und blieb jäh stehen. Elayne befand sich in dem Raum, sehr hübsch mit diesem goldenen Haar, aber sie spielte in ihrer grünen Seide mit einem hohen Spitzenkragen, mit dieser herablassenden Art zu lächeln und den hochgezogenen Augenbrauen die große Dame. Egwene befand sich ebenfalls dort, sie saß mit fragendem Lächeln hinter einem Tisch. Und mit einer Stola mit sieben Streifen über ihrem hellgelben Gewand. Mat spähte schnell nach draußen und schob dann die Tür zu, bevor eine der Aes Sedai hereinsehen konnte.
»Vielleicht hältst du das für spaßig«, grollte er und trat sofort zu ihr, »aber sie werden dich erwischen, wenn sie es herausfinden. Sie werden dich, verdammt, niemals gehen lassen, keine von euch, wenn sie...« Er riß Egwene die Stola von den Schultern und zog sie eilig aus dem Sessel — und der silberne Fuchskopf auf seiner Brust wurde eiskalt.
Er schob Egwene ein kleines Stück vom Tisch fort und sah sie alle an. Egwene wirkte nur verwirrt, aber Elayne schienen die großen blauen Augen fast aus dem Kopf zu fallen. Eine von ihnen hatte versucht, bei ihm die Macht anzuwenden. Das einzig gute Ergebnis seiner Reise in jenes Ter'angreal war das FuchskopfMedaillon gewesen. Er vermutete, daß es ebenfalls ein Ter'angreal sein mußte, aber er war gleichzeitig auch dankbar dafür. Solange es seine Haut berührte, konnte die Eine Macht ihn nicht beeinträchtigen. Und Saidar ohnehin nicht. Er hatte mehr Beweise dafür bekommen, als ihm lieb war. Aber es wurde kalt, wenn jemand es versuchte.
Er warf die Stola und seinen Hut auf den Tisch, setzte sich hin, sprang dann wieder auf, zog einige Kissen hervor und warf sie auf den Boden. Er legte einen Fuß auf die Tischkante und betrachtete die törichten Frauen. »Ihr werdet diese Kissen brauchen, wenn die sogenannte Amyrlin von eurem kleinen Scherz erfährt.«
»Mat«, begann Egwene mit fester Stimme, aber er unterbrach sie.
»Nein! Wenn du reden wolltest, hättest du statt dessen lieber darüber reden sollen, daß du mit deiner verdammten Macht um dich schlagen wolltest. Jetzt kannst du zuhören.«
»Wie hast du...?« fragte Elayne verwundert. »Die Stränge sind einfach ... verschwunden.«
Fast im selben Augenblick sagte Nynaeve in drohendem Tonfalclass="underline" »Mat Cauthon, du begehst den größten... «
»Ich sagte zuhören!« Er deutete mit einem Finger auf Elayne. »Dich nehme ich mit zurück nach Caemlyn, wenn ich Aviendha davon abhalten kann, dich umzubringen. Wenn du nicht willst, daß man dir deine hübsche Kehle durchschneidet, solltest du in meiner Nähe bleiben und tun, was ich dir sage!« Jetzt wurde der Finger auf Egwene gerichtet. »Rand sagt, daß er dich zu den Weisen Frauen zurückbringt, wann immer du willst, und wenn das, was ich bisher gesehen habe, in irgendeiner Weise ein Hinweis darauf ist, wie du hier enden wirst, rate ich dir, ihn jetzt beim Wort zu nehmen! Anscheinend kannst du Schnell Reisen« —Egwene zuckte leicht zusammen —, »also kannst du für die Horde ein Tor nach Caemlyn eröffnen. Ich will keinen Streit, Egwene! Und du, Nynaeve! Ich sollte dich hierlassen, aber wenn du mitkommen willst, steht es dir frei. Aber ich warne dich. Ziehst du nur einmal an diesem Zopf, dann schwöre ich dir, daß ich dir die Kehrseite verbleuen werde!«
Sie starrten ihn an, als wären ihm wie einem Trolloc Hörner gewachsen, aber zumindest hielten sie den Mund. Vielleicht hatte er ihnen ein wenig Verstand eingegeben. Nicht daß sie ihm jemals dafür danken würden, daß er ihre Haut gerettet hatte. O nein, sie nicht. Sie würden, wie üblich, behaupten, daß sie es auch allein geschafft hätten, obwohl sie dafür ein wenig länger gebraucht hätten. Wenn eine Frau sogar sagte, man hätte sich eingemischt, wenn man sie aus einem Kerker befreit — was würde sie dann nicht sagen?
Er atmete tief ein. »Also, wenn die arme blinde Närrin, die sie zur Amyrlin erwählt haben, hierherkommt, werde ich das Reden übernehmen. Sie kann nicht sehr klug sein, sonst hätten sie sie niemals zu dieser Aufgabe drängen können. Amyrlin-Sitz für ein verdammtes Dorf inmitten des verdammten Nichts! Haltet den Mund und vollführt angemessene Hofknickse, dann werde ich wieder einmal für euch die Kohlen aus dem Feuer holen.« Sie sahen ihn nur an. Gut. »Ich weiß alles über ihr Heer, aber ich besitze ebenfalls eines. Wenn sie verrückt genug ist zu glauben, sie kann Elaida die Burg nehmen... Nun, sie würde wahrscheinlich keine Verluste riskieren, nur um euch drei festzuhalten. Egwene, du eröffnest dieses Tor, und ich werde euch morgen, spätestens übermorgen, in Caemlyn sehen. Und diese verrückten Frauen können davonlaufen und sich von Elaida töten lassen. Vielleicht werdet ihr Begleitung haben. Sie können nicht alle verrückt sein. Rand ist bereit, Zuflucht zu gewähren. Ein Hofknicks, ein kurzer Treueschwur — und er wird Elaida daran hindern, ihre Köpfe in Tar Valon aufzuspießen. Etwas Besseres können sie nicht verlangen. Nun? Gibt es irgend etwas zu sagen?« Sie blinzelten nicht einmal, soweit er es erkennen konnte. »Ein einfaches ›Danke, Mat‹ würde genügen.« Kein Wort. Kein Blinzeln.
Ein leises Klopfen erklang an der Tür, und eine Novizin trat ein, ein hübsches, grünäugiges Mädchen, das ehrfürchtig einen tiefen Hofknicks vollführte. »Ich soll Euch fragen, ob Ihr irgend etwas braucht, Mutter. Für den ... für den Lordhauptmann, meine ich. Wein, oder ... oder...«
»Nein, Tabitha.« Egwene zog die gestreifte Stola unter Mats Hut hervor und legte sie sich um die Schultern. »Ich möchte noch ein wenig länger mit Lordhauptmann Cauthon allein sprechen. Sagt Sheriam, daß ich in Kürze nach ihr schicken werde, damit sie mich berät.«
»Mach den Mund zu, bevor dir Fliegen hineingeraten, Mat«, riet Nynaeve in zutiefst zufriedenem Tonfall.
39
Möglichkeiten
Egwene richtete ihre Stola, während sie Mat betrachtete. Sie hätte erwartet, daß er sich wie ein in die Enge getriebener Bär verhalten würde, aber er war nur leicht aus dem Gleichgewicht geraten. Sie wollte ihn so vieles fragen — wie konnte Rand von Salidar wissen? Wie konnte er überhaupt wissen, daß sie das Schnelle Reisen herausgefunden hatte? Was hatte Rand vor? —, aber sie würde diese Fragen nicht stellen. Mat und seine Horde der Roten Hand verwirrten sie. Vielleicht hatte Rand ihr ein Geschenk des Himmels gemacht.