Er richtete sich jäh auf und starrte sie an. »Ich werde wieder mit dir sprechen, wenn du bereit bist, auf den Verstand zu hören, Egwene. Ist Thom Merrilin hier?« Sie nickte kurz. Was wollte er von Thom? Wahrscheinlich in Wein versinken. Nun, viel Glück bei der Suche nach einem Gasthaus in Salidar. »Wenn du bereit bist, zuzuhören«, wiederholte er grimmig und stolzierte hinkend zur Tür.
»Mat«, sagte Elayne, »ich würde nicht zu gehen versuchen, wenn ich du wäre. Nach Salidar hineinzugelangen, ist entschieden einfacher, als wieder hinauszugelangen.«
Er grinste sie überheblich an, und bei der Art, wie er sie von Kopf bis Fuß betrachtete, konnte er von Glück sagen, daß Elayne ihm keinen so harten Schlag versetzte, daß er alle Zähne verlor. »Dich, meine edle Lady, nehme ich mit zurück nach Caemlyn, auch wenn ich dich zu einem Paket verschnüren muß, um dich Rand zu übergeben, aber ich will verdammt sein, wenn ich es nicht tue. Und ich werde, verflucht noch mal, gehen, wann ich will.« Er verbeugte sich spöttisch vor Elayne und Egwene. Nynaeve wurde nur ein finsterer Blick und ein Drohen mit dem Zeigefinger zugedacht.
»Wie kann Rand solch einen gemeinen, unerträglichen Kerl zum Freund haben?« fragte Elayne niemand Besonderen, bevor sich die Tür noch ganz hinter Mat geschlossen hatte.
»Mit seiner Ausdrucksweise ist es sicherlich bergab gegangen«, murrte Nynaeve düster und warf den Kopf zurück, so daß der Zopf über ihre Schulter schwang. Egwene dachte, sie befürchtete vielleicht, ihn samt den Haarwurzeln auszuziehen, wenn sie ihn nicht außer Reichweite brachte.
»Ich hätte ihn nach seinem Gutdünken handeln lassen sollen, Nynaeve. Du mußt daran denken, daß du jetzt eine Aes Sedai bist. Du kannst nicht umhergehen und Leute treten oder ohrfeigen oder sie mit Stöcken schlagen.« Nynaeve starrte sie an und verzog den Mund, während sich ihr Gesicht immer stärker rötete. Elayne betrachtete aufmerksam den Teppich.
Egwene faltete die gestreifte Stola seufzend zusammen und legte sie auf eine Seite des Tisches. So stellte sie sicher, daß Elayne und Nynaeve sich daran erinnerten, daß sie allein waren. Manchmal veranlaßte die Stola sie, zum Amyrlin-Sitz anstatt zu Egwene al'Vere zu sprechen. Es funktionierte, wie immer. Nynaeve atmete tief durch.
Bevor sie jedoch sprechen konnte, sagte Elayne: »Willst du dich ihm und seiner Horde der Roten Hand zu Gareth Bryne anschließen?«
Egwene schüttelte den Kopf. Die Behüter sagten, Mats Horde bestünde jetzt aus sechs- oder siebentausend Mann, mehr als sie von Cairhien her in Erinnerung hatte. Das war eine erhebliche Anzahl, wenn auch nicht annähernd so viele, wie die beiden Gefangenen behauptet hatten, aber Brynes Soldaten würden Drachenverschworenen wirklich nicht freundlich begegnen. Außerdem hatte sie ihren eigenen Plan, den sie den beiden anderen Frauen erklärte, während sie sich Stühle zum Tisch zogen. Es war, als säße man plaudernd in der Küche. Sie schob die Stola noch weiter beiseite.
»Das ist hervorragend.« Elaynes Grinsen bewies, daß sie ihre Worte ehrlich meinte. Aber andererseits sagte Elayne stets, was sie meinte. »Ich habe bei dem anderen Plan eigentlich nicht geglaubt, daß er funktionieren würde, aber dieser hier ist wirklich hervorragend.«
Nynaeve schnaubte verärgert. »Warum glaubst du, daß Mat aufhören wird? Er wird dir nur aus Spaß Steine in den Weg legen.«
»Ich denke, er hat ein Versprechen gegeben«, erwiderte Egwene nur, und Nynaeve nickte. Zögernd und widerwillig, aber sie nickte. Elayne wirkte natürlich verwirrt denn sie kannte ihn nicht. »Elayne, Mat tut genau das, was er tun will. Das war schon immer so.«
»Egal, wie schwierig es war«, fügte Nynaeve mürrisch hinzu, »oder wie oft er auf die Nase fiel.«
»Ja, das ist Mat«, seufzte Egwene. Er war der verantwortungsloseste Junge in Emondsfeld und vielleicht sogar in den Zwei Flüssen gewesen. »Aber wenn er sein Wort gibt, dann hält er es auch. Und ich glaube, er hat Rand versprochen, dich nach Caemlyn zurückzubringen, Elayne. Erinnere dich, daß er mir gegenüber ausgewichen ist, es ›in gewisser Weise‹ getan zu haben, aber er wird dir kein Haar krümmen. Ich denke, er wird versuchen, dir möglichst nahe zu bleiben. Aber wir werden ihn dich nicht einmal sehen lassen, bis er tut, was wir wollen.« Sie hielt inne. »Elayne, wenn du mit ihm gehen willst, dann kannst du das tun. Zu Rand, meine ich. Sobald wir von Mat und seiner Horde alles Wissenswerte herausbekommen haben.«
Elayne schüttelte ohne Zögern heftig den Kopf. »Nein, Ebou Dar ist zu wichtig.« Dieser Sieg war überraschenderweise nur durch einen Vorschlag errungen worden. Elayne und Nynaeve würden sich Merilille an Tylins Hof anschließen. »Wenn er in der Nähe bliebe, hätte ich vielleicht wenigstens einige Zeit, den Ter'angreal zu betrachten, den er trägt. Es muß ein Ter'angreal sein, Egwene. Nichts sonst würde es erklären.«
Egwene konnte ihr nur zustimmen. Sie hatte ihn an Ort und Stelle in Luft einhüllen wollen, nur als sanfte Erinnerung daran, wen er schlecht zu behandeln versuchte, aber die Stränge berührten ihn und zerschmolzen. Dies war die einzig mögliche Erklärung. Die Stränge zerschmolzen, wenn sie ihn berührten. Sie spürte diesen Schreckensmoment in der Erinnerung noch immer, und sie erkannte, daß sie nicht die einzige war, die plötzlich Röcke richtete, die nicht gerichtet werden mußten.
»Wir könnten ihm von einigen Behütern die Taschen leeren lassen.« Nynaeve klang bei dieser Vorstellung überaus zufrieden. »Dann werden wir sehen, wie Meister Cauthon das gefällt.«
»Wenn wir ihm etwas fortnehmen«, sagte Egwene geduldig, »meinst du nicht, daß er dann mißtrauisch wird, wenn wir ihm sagen, was er tun soll?« Mat hatte Befehle noch niemals bereitwillig angenommen, und seine übliche Reaktion auf Aes Sedai und die Eine Macht bestand darin, bei erster Gelegenheit zu verschwinden. Vielleicht würde sein Rand gegebenes Versprechen es verhindern — es mußte dieses Versprechen gegeben haben; nichts sonst könnte sein Verhalten erklären —, aber sie würde das Risiko nicht eingehen. Nynaeve nickte eher widerwillig.
»Vielleicht...« Elayne tippte mit den Fingern auf den Tisch und blickte einen Moment nachdenklich ins Leere. »Vielleicht könnten wir ihn mit nach Ebou Dar nehmen. Auf diese Weise hätte ich eine bessere Chance, das Ter'angreal zu betrachten. Obwohl ich, wenn es Saidar aufhält, nicht erkennen kann, wie ich es jemals betrachten können soll.«
»Diesen jungen Grobian mitnehmen!« Nynaeve setzte sich jäh auf. »Das kannst du nicht ernst meinen, Elayne. Er würde uns jeden Tag verleiden. Darin ist er sehr gut. Er wird niemals tun, was man ihm sagt. Außerdem wird er dafür niemals Zeit verschwenden. Er ist so von seiner Aufgabe erfüllt, dich nach Caemlyn zu bringen, daß ihn keine zehn Pferde davon abbringen.«
»Aber wenn er mich im Auge behalten will, bis Caemlyn erreicht ist«, belehrte Elayne sie, »wird er keine andere Wahl haben, als mitzugehen.«
»Es ist vielleicht keine schlechte Idee«, warf Egwene ein, während Nynaeve nach weiteren Einwänden suchte. Es schien noch immer richtig, die Schale zu holen, aber je mehr sie darüber nachdachte, wo sie suchen müßten, desto besorgter wurde sie. »Einige Soldaten wären vielleicht gut zu eurem Schutz, es sei denn, du hast ohne mein Wissen bereits Behüter ausgesucht. Es ist vollkommen in Ordnung, Thom und Juilin und Birgitte mitzunehmen, aber ihr sucht einen rauhen Ort auf.«