»Einige Soldaten wären vielleicht gut«, sagte Elayne, aber dann entstand eine deutliche Pause, bevor sie gereizt den Kopf schüttelte. »Wir werden wohl kaum Duelle ausfechten, Egwene, wie empfindlich diese Ebou Dari auch sein mögen. Thom und Juilin werden durchaus genügen. Ich denke, daß alle diese Geschichten, die wir gehört haben, uns nur entmutigen sollen.« Sie alle hatten Geschichten über Ebou Dar gehört, seit bekannt geworden war, daß sie dorthin ziehen wollten. Chesa hatte verschiedene Geschichten gehört, von denen jede schrecklicher war als die vorige: daß Fremde wegen eines schiefen Blicks getötet würden, bevor sie blinzeln könnten, Frauen wegen eines falschen Wortes zu Witwen und Kinder zu Waisen gemacht würden und Frauen auf den Straßen mit Messern kämpften. »Nein, wenn wir Tanchico nur mit Thom und Juilin und Liandrin und einigen ihrer Schwarzen Schwestern überleben konnten, werden wir in Ebou Dar auch ohne Mat Cauthon oder irgendwelche Soldaten sehr gut zurechtkommen. Mat als Befehlshaber von Soldaten! Er hat niemals auch nur daran gedacht, die Kühe seines Vaters zu melken, wenn er nicht auf den Schemel gesetzt wurde und den Eimer in die Hand gedrückt bekam.«
Egwene seufzte leise. Jede Erwähnung Birgittes hatte diese Wirkung. Sie begannen herumzualbern und stotterten dann entweder herum oder fuhren fort, als sei sie gar nicht erwähnt worden. Ein Blick hatte Egwene davon überzeugt, daß die Frau, die Elayne und Nynaeve überallhin folgte — aus irgendeinem Grund besonders Elayne — dieselbe Frau war, die sie in Tel'aran'rhiod gesehen hatte. Birgitte der Legenden, die Bogenschützin, die ihr Ziel niemals verfehlte, eine der toten Heldinnen, die auf den Ruf des Horns von Valere warteten. Eine tote Heldin, keine lebende Frau, die in den Straßen Salidars wandelte, aber dennoch dieselbe Frau. Elayne hatte noch immer keine Erklärung abgegeben, nur ein vorsichtiges, verlegenes Gemurmel, daß sie nicht darüber reden könnte. Birgitte selbst, die Heldin der Legenden, kehrte um oder ging die Straße hinab, wenn sie Egwene kommen sah. Es stand außer Frage, die Frau in ihr Arbeitszimmer zu beordern und eine Erklärung von ihr zu verlangen. Sie hatte immerhin ein Versprechen gegeben, egal, wie töricht sie sich in der Situation fühlte. Wie dem auch sei — es schien wohl kaum zu schaden. Sie wünschte nur, sie wüßte warum. Und wie.
Sie verdrängte die Gedanken an Birgitte und beugte sich über den Tisch zu Nynaeve. »Vielleicht können wir Mat nicht dazu bringen, Befehle auszuführen, aber wäre es nicht gut, ihn bei der Aufgabe als dein Leibwächter schmoren zu sehen?«
»Das wäre sicherlich der Mühe wert«, sagte Elayne nachdenklich, »wenn Rand ihn wirklich zum Lordhauptmann ernannt hat. Mutter sagte oft, auch die besten Männer nähmen nur widerwillig Befehle entgegen, und es wäre immer gut, sie zu belehren. Ich kann Mat nicht als einen der Besten ansehen — Lini sagt ›Narren hören nur sich selbst zu‹ —, aber wenn wir ihn in so ausreichendem Maße belehren können, daß er keinen vollständigen Narren aus sich macht, werden wir Rand einen großen Gefallen erweisen. Außerdem brauche ich Zeit, wenn ich dieses Ter'angreal betrachten soll.«
Egwene unterdrückte ein Lächeln. Elayne begriff stets sehr schnell. Andererseits würde sie Mat wahrscheinlich sogar zu belehren versuchen, wie man aufrecht sitzt. Das bliebe abzuwarten. Sie mochte Elayne und bewunderte ihre Stärke, aber sie würde bei diesem Wettstreit auf Mat setzen.
Nynaeve gab widerwillig etwas Boden auf. Mat war verbohrt. Er würde aus reiner Boshaftigkeit ›hinunter‹ sagen, wenn sie ›hinauf‹ sagten. Er konnte selbst dann noch Schwierigkeiten verursachen, wenn er in ein Faß eingenagelt wurde. Sie würden ihn ständig aus Tavernen und Spielhöhlen herauszerren müssen. Letztendlich dachte sie nur noch, Mat würde Elayne wahrscheinlich zwicken, sobald sie ihm zum ersten Mal den Rücken wandte, aber Egwene wußte, daß sie ihre Einwände überwinden würden. Mat verbrachte sicherlich viel Zeit damit, hinter Frauen herzujagen, was Egwene kaum gutheißen konnte, aber Nynaeve wußte sicher genauso gut wie sie, daß er, auch wenn er zum falschen Zeitpunkt und auf die falsche Art Ausschau hielt, mit unheimlicher Zielgenauigkeit jene Frauen erwählte, die erwählt werden wollten, auch wenn es die unwahrscheinlichsten Frauen waren. Leider kündete ein Klopfen an der Tür Sheriam in dem Moment an, als sie glaubte, Nynaeve würde nachgeben.
Sheriam wartete nicht auf die Erlaubnis, eintreten zu dürfen. Das tat sie niemals. Sie hielt in ihrer blauen Stola mit kühlem Blick inne, um Nynaeve und Elayne zu betrachten. Auch wenn die Behüterin nach der Amyrlin an zweiter Stelle stand, hatte sie keine wirklichen Befugnisse über Aes Sedai, außer der, die die Amyrlin ihr zugedachte, und sie besaß sicherlich keine Berechtigung, jemanden aus der Gegenwart der Amyrlin zu entlassen, obwohl ihr Blick genau das ausdrücken sollte.
Elayne erhob sich anmutig und vollführte einen tiefen, formvollendeten Hofknicks vor Egwene. »Wenn Ihr mich entschuldigen wollt, Mutter, werde ich Aviendha aufsuchen.«
Nynaeve aber hielt Sheriams Blick stand, bis Egwene sich räusperte und die gestreifte Stola um ihre Schulter legte.
Nynaeve errötete und sprang auf. »Ich sollte auch gehen. Janya sagte, sie wollte mit mir über die verlorenen Talente sprechen.«
Die Wiedererlangung jener Talente erwies sich nicht als so einfach, wie Egwene gehofft hatte. Die Schwestern waren sehr gesprächsbereit, aber die Schwierigkeit bestand darin, daß Moghedien verstehen mußte, was mit einer ungenauen Beschreibung oder manchmal nur einem Namen gemeint war, und dann blieb noch zu hoffen, daß sie wirklich etwas wußte. Es war beispielsweise recht gut zu wissen, daß Metalle verstärkt wurden, wenn man die Grundmasse abglich, aber die Frau wußte weniger von Metallen als vom Heilen, und was, unter dem Licht, waren Wirbelndes Erdfeuer oder, um bei solchen Dingen zu bleiben, Milchige Tränen?
Moghedien schien bereitwillig helfen zu wollen, verzweifelt helfen zu wollen, besonders seit Siuan den Trick verraten hatte, wie man nicht schwitzte. Sie hatte Nynaeve und Elayne diesbezüglich offenbar belogen. Überzeugt davon, daß Egwene dies für ihre eine Lüge halten würde, war die Frau auf den Knien gekrochen, hatte mit klappernden Zähnen geweint und gebettelt und ihren Rocksaum geküßt. Aber ob sie nun bereitwillig half oder nicht — es hatte die Angst größer werden lassen. Das beständige, widerwärtige Rieseln wehleidigen Schreckens war einfach zuviel. Das A'dam- Armband befand sich jetzt, trotz ihrer Absichten, in Egwenes Tasche. Sie hätte es Nynaeve gegeben — und wäre froh gewesen, es los zu sein —, aber es vor anderen hin- und herzureichen, würde früher oder später Gerede hervorrufen.
Statt dessen sagte sie: »Nynaeve, du solltest Mat besser aus dem Weg gehen, bis er sich wieder beruhigt hat.« Sie war sich nicht sicher, daß Mat seine Drohung wirklich wahr machen würde, aber wenn jemand ihn dazu aufstacheln konnte, dann sicherlich Nynaeve, und danach wäre sie nicht mehr zu überzeugen. »Oder versichere dich wenigstens, daß du nur mit ihm sprichst, wenn viele Leute in der Nähe sind. Vielleicht auch einige Behüter.«
Nynaeve öffnete den Mund und schloß ihn dann nach einem Moment wieder. Ihre Wangen erblaßten ein wenig, und sie schluckte. Sie verstand, was Egwene meinte. »Ja, ich glaube, das wäre das beste, Mutter.«
Sheriam beobachtete mit leicht gerunzelter Stirn, wie sich die Tür schloß, und wandte sich dann mit demselben Gesichtsausdruck zu Egwene um. »Das waren harte Worte, Mutter.«
»Es war nur das, was man erwarten kann, wenn alte Freunde sich nach langer Zeit wiederbegegnen. Nynaeve hat Mat noch als Lausbub in Erinnerung, aber er ist nicht mehr zehn Jahre alt und nimmt das übel.« Durch den Eid daran gebunden, nicht zu lügen, hatten die Aes Sedai die Halblüge, die Viertellüge und die Andeutung zur Kunstform erhoben. Egwenes Ansicht nach waren dies nützliche Fertigkeiten. Besonders bei Aes Sedai. Die Drei Eide nutzten niemandem, und den Aes Sedai am wenigsten.