»Es ist manchmal schwer einzusehen, daß sich die Menschen verändern.« Sheriam setzte sich, ohne zu fragen, und richtete sorgfältig ihre blauen Seidenröcke. »Ich nehme an, daß derjenige, wer auch immer die Drachenverschworenen befehligt, Mat mit einer Botschaft von Rand al'Thor hierhergesandt hat? Ich hoffe. Ihr habt nichts gesagt, was er als Versprechen auffassen könnte, Mutter. Ein Heer von Drachenverschworenen keine zehn Meilen entfernt stellt uns vor eine heikle Situation. Es wird nicht sehr hilfreich sein, wenn ihr Befehlshaber glaubt, wir würden Versprechungen nicht einhalten.«
Egwene betrachtete die Frau einen Moment. Nichts berührte Sheriam. Zumindest ließ sie es niemanden erkennen. Sheriam wußte viel über Mat, wie auch einige andere Schwestern in Salidar. Konnte das benutzt werden, um ihn in die gewünschte Richtung zu drängen, oder würde er sich dann davonmachen? Zu Mat kommen wir später, dachte sie entschlossen. Und jetzt zu Sheriam. »Würdet Ihr wohl jemanden bitten, Tee zu bringen, Sheriam? Ich bin ein wenig durstig.«
Sheriams Gesichtsausdruck änderte sich nur wenig, nur eine leichte Anspannung um jene schrägstehenden Augen, die ihre anscheinende Gelassenheit kaum störte. Egwene konnte die hervordrängende Frage jedoch fast sehen. Was hatte sie zu Mat gesagt, worüber sie nicht sprechen wollte? Welche Versprechen hatte sie gegeben, vor deren Erfüllung Sheriam sie würde retten müssen, ohne Romanda und Lelaine gegenüber Boden zu verlieren?
Sheriam sagte zu jemandem draußen nur wenige Worte, und als sie sich wieder hinsetzte, gab Egwene ihr gar nicht erst die Gelegenheit zu sprechen. Statt dessen versetzte sie ihr sozusagen einen Schlag mitten ins Gesicht. »Anscheinend ist Mat der Befehlshaber, Sheriam, und in gewisser Weise ist das Heer die Botschaft. Anscheinend möchte Rand, daß wir alle zu ihm nach Caemlyn kommen. Es war die Rede von Treueschwüren.«
Sheriam hob mit geweiteten Augen ruckartig den Kopf. Allerdings waren ihre Züge angesichts dieses Vorschlags nur teilweise von Zorn geprägt. Sie zeigten entschieden ... nun, bei jeder anderen als einer Aes Sedai hätte Egwene es Angst genannt. Es wäre sehr verständlich, wenn dem so wäre. Wenn sie das versprochen hätte — und sie stammte aus demselben Dorf; einer der Gründe, warum sie die Amyrlin war, bestand darin, daß sie mit Rand aufgewachsen war —, wäre es eine Grube ohne Boden, aus der man erst wieder herausgelangen müßte. Die Nachricht würde sich verbreiten, gleichgültig, was Sheriam unternähme. Einige Angehörige des Saals könnten ihr sehr wohl die Schuld dafür geben oder es immerhin als Vorwand benutzen. Romanda und Lelaine waren nicht die einzigen Sitzenden, die Egwene davor gewarnt hatten, Sheriams Rat ohne Rücksprache mit dem Saal zu folgen. Delana war in Wahrheit die einzige, die Sheriam wirklich vollkommen zu unterstützen schien, aber sie riet ebenfalls, auch auf Romanda und Lelaine zu hören, als sei es tatsächlich möglich, gleichzeitig in drei verschiedene Richtungen zu gehen. Und selbst wenn man mit dem Saal zurechtkäme — wenn die Nachricht über das Versprechen und das Zurücknehmen des Versprechens Rand erreichte, würde er noch zehnmal schwerer zu lenken sein. Hundert Mal.
Egwene wartete nur, bis sich Sheriams Lippen teilten, und sprach dann zuerst. »Natürlich habe ich ihm gesagt, das sei lächerlich.«
»Natürlich.« Sheriams Stimme war nicht mehr ganz so ruhig wie vorher. Sehr gut.
»Aber Ihr habt ganz recht. Die Situation ist heikel. Es ist zu schade. Euer Rat, wie mit Romanda und Lelaine umzugehen sei, war gut, aber ich glaube nicht, daß verstärkte Vorbereitungen zum Aufbruch jetzt noch genügen werden.«
Romanda hatte sie in die Enge getrieben und grimmig darüber belehrt, daß Hast Unheil anrichtete. Gabriel Brynes Heer mußte groß genug werden, daß die Nachricht seiner Größe Elaida einschüchtern würde. Und im übrigen konnte Romanda gar nicht nachdrücklich genug betonen, daß die Abordnungen zu den Herrschern zurückgerufen werden mußten. Nur Aes Sedai sollte es erlaubt sein, von mehr Schwierigkeiten in der Burg zu erfahren als vermeidbar. Lelaine kümmerten weder Lord Brynes Heer noch die Herrscher — beide waren unwichtig —, obwohl sie zu Vorsicht und abwartender Haltung riet. Die richtige Annäherung an die noch in der Burg befindlichen Aes Sedai würde sicherlich Vorteile bringen. Elaida konnte auf eine Weise vom Amyrlin-Sitz vertrieben werden und Egwene ihn einnehmen, daß nur einige wenige Schwestern jemals sicher wüßten, was tatsächlich geschehen war. Mit der Zeit würde die Tatsache, daß die Weiße Burg jemals gespalten gewesen war, nur als eine Geschichte vom Lande angesehen. Es hätte vielleicht sogar funktioniert, wenn sie genug Zeit gehabt hätten. Wenn das Abwarten Elaida nicht ebensoviel Gelegenheit gegeben hätte, auf die Schwestern hier einzuwirken.
Der Unterschied bei Lelaine war, daß sie alles mit einem Lächeln geäußert hatte, das sehr gut einer gehorsamen Novizin oder einer Aufgenommenen hätte gelten können, auf die sie sehr stolz war. Egwenes Wiederentdeckung des Schnellen Reisens veranlaßte viele Aes Sedai zu lächeln, obwohl nur eine Handvoll von ihnen stark genug waren, ein größeres Tor zu gestalten, als ihr Arm benötigte, und die meisten brachten nicht einmal das zustande. Romanda wollte Tore benutzen, um die Eidesrute und bestimmte andere Gegenstände aus der Burg fortzuschaffen —Egwene wurde nicht gesagt, was genau —, damit sie in Salidar wahre Aes Sedai sein konnten, während sie Elaida der Fähigkeit beraubten. Sicherlich wollte Egwene eine wahre Aes Sedai sein. Darin stimmte Lelaine mit Romanda überein, nicht aber darin, Tore in die Burg zu benutzen. Die Gefahr der Entdeckung war zu groß, und wenn jene in der Burg das Schnelle Reisen erlernten, ginge zuviel Vorteil verloren. Diese Einwände waren vom Saal schwer gewichtet worden, was Romanda überhaupt nicht gefiel.
Sheriam hatte ebenfalls gelächelt, weil Lelaine mit etwas einverstanden gewesen war, aber jetzt lächelte sie nicht. »Mutter, ich bin nicht sicher, daß ich das verstehe«, sagte sie viel zu duldsam. »Die Vorbereitungen reichen sicherlich aus, dem Saal zu zeigen, daß Ihr Euch nicht einschüchtern laßt. Es könnte sich als verhängnisvoll erweisen, wenn wir aufbrechen, bevor alles geregelt ist.«
Egwene gelang ein verschlagener Gesichtsausdruck. »Ich verstehe, Sheriam. Ich weiß nicht, was ich ohne Euren Rat tun würde.« Wie sehr sie sich auf den Tag freute, an dem sie damit aufhören konnte. Sheriam würde eine sehr gute Behüterin abgeben — sie wäre vielleicht sogar eine gute Amyrlin gewesen —, aber Egwene würde den Tag genießen, an dem sie die Frau darüber belehren könnte, daß sie die Behüterin war und nicht die Amyrlin. Sheriam und den Saal. »Es ist nur so, daß Mat jetzt dieses Heer Drachenverschworener an unsere Schwelle geführt hat. Was wird Lord Bryne tun? Oder was werden einige seiner Soldaten auf eigene Faust tun? Jedermann spricht darüber, daß er Männer aussenden wolle, diese Drachenverschworenen zu jagen, die Dörfer niederbrennen. Ich weiß, daß man ihm befohlen hat, sie hart im Zaum zu halten, aber...«
»Lord Gareth wird genau das tun, was wir — was Ihr —befehlt, und nicht mehr.«
»Vielleicht.« Er war nicht so glücklich mit diesem harten Zaum, wie Sheriam glaubte. Siuan verbrachte viel Zeit mit Gareth Bryne, obwohl sie über den Mann schimpfte, und er erzählte ihr gewisse Dinge. Egwene konnte es sich jedoch nicht leisten, Siuans Treue zu verraten. »Ich hoffe, dasselbe kann man von jedem seiner Soldaten behaupten. Wir können nicht westwärts nach Amadicia gehen, aber ich dachte, wir könnten vielleicht flußabwärts ziehen, nach Ebou Dar. Vielleicht durch ein Tor. Dort sind Aes Sedai sicherlich willkommen. Lord Bryne könnte außerhalb der Stadt lagern. Wenn wir aufbrechen, zeigen wir damit, daß wir Rands Angebot nicht annehmen werden, wenn man es überhaupt so nennen kann. Und wenn wir weitere Vorbereitungen treffen wollen, bin ich sicher, daß wir dies in einer großen Stadt mit Straßen und einem Hafen wesentlich leichter bewerkstelligen können.«