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Zunächst sah Birgitte sie nur finster an, aber dann nahm sie Elaynes Arm und drängte sie fast zum Eingang einer Gasse. Niemand der Vorübergehenden gewährte ihnen einen zweiten Blick, und Areina blieb, wo sie war, wenn ihr Gesicht auch düsterer wirkte als zuvor, aber Birgitte sah sich dennoch vorsichtig um und sprach im Flüsterton. »Wann immer mich das Rad herausschleuderte, wurde ich geboren, lebte und starb, ohne jemals zu wissen, daß ich an das Rad gebunden war. Ich wußte es nur zwischendrin, in Tel'aran'rhiod. Manchmal wurde ich bekannt, sogar berühmt, aber ich war wie alle anderen, niemand aus einer Legende. Dieses Mal wurde ich herausgerissen, nicht herausgeschleudert. Da ich zum ersten Mal in Fleisch und Blut bin, weiß ich, wer ich bin. Und zum ersten Mal werden es auch andere Menschen erkennen. Thom und Juilin erkennen es. Sie sagen nichts, aber ich bin mir sicher. Sie sehen mich nicht auf die gleiche Weise an wie andere Menschen. Wenn ich sagte, ich würde einen Glasberg erklimmen und mit bloßen Händen einen Riesen töten wollen, würden sie mich nur fragen, ob ich unterwegs Hilfe brauchte, und nicht erwarten, daß dem so wäre.«

»Ich verstehe nicht«, sagte Elayne zögernd, und Birgitte seufzte und ließ den Kopf hängen.

»Ich weiß nicht, ob ich dem gerecht werden kann. In anderen Leben tat ich, was ich tun mußte, was richtig zu sein schien, was für Maerion oder Joana oder jede andere Frau genügte. Jetzt bin ich Birgitte aus den Geschichten. Jedermann, der das weiß, wird Erwartungen haben. Ich fühle mich wie ein Federtänzer, der in eine Geheimversammlung der Tovan gerät.«

Elayne fragte nicht nach. Wenn Birgitte Dinge aus früheren Leben erwähnte, waren Erklärungen meist verwirrender als Unwissenheit. »Das ist Unsinn«, erwiderte sie bestimmt und umfaßte die Arme der anderen Frau. »Ich weiß es, und ich erwarte sicherlich nicht von Euch, daß Ihr irgendwelche Riesen tötet. Egwene auch nicht. Und sie weiß es ebenfalls.«

»Solange ich es nicht eingestehe«, murmelte Birgitte, »ist es, als wüßte sie es nicht. Macht Euch nicht die Mühe, mir zu sagen, daß es Unsinn ist. Ich weiß, daß es das ist, aber das ändert nichts.«

»Was ist dann damit? Sie ist die Amyrlin, und ihr seid eine Behüterin. Sie verdient Euer Vertrauen, Birgitte. Sie braucht es.«

»Seid Ihr immer noch nicht mit ihr fertig?« fragte Areina aus einem Schritt Entfernung. »Wenn Ihr schon fortgeht und mich zurücklaßt, könntet Ihr mir wenigstens beim Bogenschießen helfen, wie Ihr es gesagt habt.«

»Ich werde darüber nachdenken«, sagte Birgitte ruhig zu Elayne. Dann wandte sie sich zu Areina um und ergriff weit oben ihren Zopf. »Wir werden über das Bogenschießen sprechen«, sagte sie, während sie Areina zur Straße schob, »aber zunächst werden wir über Manieren sprechen.«

Elayne schüttelte den Kopf, erinnerte sich plötzlich Aviendhas und eilte davon. Das Haus war nicht weit entfernt.

Sie brauchte einen Moment, um Aviendha wiederzuerkennen. Elayne war ihren Anblick im Cadin'sor gewöhnt, das dunkle, rötliche Haar kurz geschnitten, und nicht in Rock und Bluse und Stola, das Haar bis über die Schultern gewachsen und mit einem gefalteten Tuch nach hinten genommen. Sie schien zumindest auf den ersten Blick nicht in Schwierigkeiten zu sein. Sie saß eher unbeholfen auf einem Stuhl —Aiel waren nicht an Stühle gewöhnt — und schien mit fünf Schwestern in einem Kreis im Wohnraum sitzend gemütlich Tee zu trinken. Häuser, die Aes Sedai schützten, besaßen Wohnräume, obwohl Elayne und Nynaeve noch immer in ihrem beengten kleinen Raum hausten. Auf den zweiten Blick sah man jedoch, daß Aviendha die Aes Sedai über den Rand ihrer Teetasse hinweg gehetzt ansah. Für einen dritten Blick blieb keine Zeit. Aviendha sprang beim Eintreten Elaynes auf und ließ ihre Tasse auf den sauber gefegten Boden fallen. Elayne hatte außer im Stein von Tear erst wenige Aiel gesehen, aber sie wußte, daß sie ihre Empfindungen verbargen, was Aviendha normalerweise auch ausgezeichnet gelang. Nur jetzt war blanke Qual auf ihrem Gesicht erkennbar.

»Es tut mir leid«, sagte Elayne an den ganzen Raum gewandt, »aber ich muß sie Euch eine Weile entführen. Vielleicht könnt Ihr später mit ihr sprechen.«

Mehrere der Schwestern hielten nur mühsam ihren Widerspruch zurück, obwohl es keinen hätte geben sollen. Sie war, bis auf Aviendha, eindeutig bei weitem die Stärkste in diesem Raum, und keine der Aes Sedai war eine Sitzende oder gehörte zu Sheriams Konzil. Sie war sehr froh, daß Myrelle nicht anwesend war, die in diesem Haus lebte. Elayne hatte die Grüne Ajah erwählt und war angenommen worden, ohne zu wissen, daß Myrelle das Oberhaupt der Grünen Ajah in Salidar war. Myrelle, die noch keine fünfzehn Jahre Aes Sedai war. Aus Gesprächen wußte Elayne, daß es in Salidar Grüne gab, welche die Stola schon mindestens fünfzig Jahre lang trugen, obwohl keine davon ein graues Haar besaß. Wäre Myrelle hiergewesen, hätte Elaynes ganze Kraft nichts gezählt, wenn das Oberhaupt ihrer Ajah Aviendha hätte hierbehalten wollen. Aber jetzt öffnete nur Shana, eine glotzäugige Weiße, die Elayne an einen Fisch erinnerte, den Mund ein Stück weiter, schloß ihn aber dann wieder, wenn auch eher störrisch, als Elayne sie mit hochgezogener Augenbraue ansah.

Die fünf machten äußerst verkniffene Gesichter, aber Elayne ignorierte die Anspannung. »Danke«, sagte sie mit einem Lächeln, nach dem ihr nicht zumute war.

Aviendha schlang sich ein dunkles Bündel über den Rücken, zögerte aber dann, bis Elayne sie tatsächlich aufforderte mitzukommen. Auf der Straße sagte Elayne: »Ich entschuldige mich hierfür. Ich werde dafür sorgen, daß es nicht wieder geschieht.« Sie war sich sicher, daß ihr das gelingen würde. Oder Egwene. »Ich fürchte, es gibt nicht viele Orte, an denen man ungestört reden kann. In meinem Raum ist es zu dieser Tageszeit sehr heiß. Wir könnten uns einen schattigen Platz suchen oder einen Tee nehmen, wenn sie Euch noch nicht damit übersättigt haben.«

»Euer Zimmer.« Es wurde eigentlich nicht barsch geäußert, aber Aviendha wollte eindeutig nicht reden, noch nicht. Sie sprang jäh auf einen vorüberfahrenden, mit Brennholz beladenen Karren zu und riß einen Ast heraus, der länger als ihr Arm und dicker als ihr Daumen war. Dann trat sie wieder zu Elayne und begann den Zweig mit ihrem Gürtelmesser abzuschälen. Die scharfe Klinge beseitigte kleinere Ästchen mühelos. Ihr gequälter Gesichtsausdruck war gewichen. Sie schien jetzt entschlossen.

Elayne sah sie von der Seite an, während sie weitergingen. Sie konnte nicht glauben, daß Aviendha ihr schaden wollte, was auch immer dieser tölpelhafte Mat Cauthon sagte. Aber andererseits... Sie wußte nur wenig von Ji'e'toh. Aviendha hatte es ihr teilweise erklärt, als sie zusammen im Stein gewesen waren. Vielleicht hatte Rand etwas gesagt oder getan. Vielleicht zwang dieses verwirrende Labyrinth aus Ehre und Verpflichtung Aviendha zu... Es schien nicht möglich. Aber vielleicht...

Als sie ihr Zimmer erreichten, beschloß sie, das Thema zuerst anzusprechen. Sie stellte sich der anderen Frau gegenüber — umarmte Saidar ganz bewußt nicht —und sagte: »Mat behauptet, Ihr wärt hierhergekommen, um mich zu töten.«

Aviendha blinzelte. »Feuchtländer verstehen immer alles falsch«, sagte sie verwundert. Sie legte den Stock auf das Fußende von Nynaeves Bett und legte das Gürtelmesser sorgfältig daneben. »Meine Nächstschwester Egwene bat mich, Rand al'Thor für Euch zu bewachen, was ich zu tun versprach.« Bündel und Stola wurden auf den Boden neben der Tür gelegt. »Ich habe ihr gegenüber Toh, aber Euch gegenüber ein noch größeres.« Sie schnürte ihre Bluse auf, zog sie über den Kopf und öffnete ihr Hemd dann bis über die Taille herunter. »Ich liebe Rand al'Thor, und ich habe es mir einmal erlaubt, mit ihm zu schlafen. Ich habe Toh, und ich bitte Euch darum, mir zu helfen, dem gegenüberzutreten.« Sie wandte Elayne den Rücken und kniete sich auf den wenigen verbliebenen Raum. »Ihr könnt den Stock oder das Messer benutzen, wie Ihr wollt. Ich habe Toh, und Ihr habt die Wahl.« Sie reckte das Kinn und streckte den Nacken. Ihre Augen waren geschlossen. »Was immer Ihr erwählt — ich werde es annehmen.«