Elayne glaubte, ihr würden die Knie versagen. Min hatte gesagt, die dritte Frau wäre gefährlich, aber Aviendha? Warte! Sie sagte, sie... Mit Rand! Ihre Hand zuckte zu dem Messer auf dem Bett, und sie kreuzte schnell die Arme und hielt ihre Hände gefangen. »Steht auf. Und zieht Eure Bluse wieder an. Ich werde Euch nicht schlagen...« Nur ein paar Mal?
Sie kreuzte ihre Arme noch stärker, um die Hände an ihrem Platz zu halten. »...und ich werde sicherlich dieses Messer nicht anrühren. Bitte steckt es fort.« Sie hätte es der anderen Frau gereicht, aber sie wußte nicht, ob es in dem Moment geraten gewesen wäre, eine Waffe zu berühren. »Ihr habt mir gegenüber kein Toh.« Es klang wie eine Phrase. »Ich liebe Rand, aber es kümmert mich nicht, daß Ihr ihn auch liebt.« Die Lüge verbrannte ihr die Zunge. Aviendha hatte wirklich mit ihm geschlafen?
Aviendha wandte sich auf Knien stirnrunzelnd um, »Ich bin nicht sicher, daß ich Euch verstanden habe. Wollt Ihr damit vorschlagen, daß wir ihn uns teilen sollen? Elayne, ich glaube, wir sind Freunde, aber wir müssen wie Erst-Schwestern sein, wenn wir SchwesterFrauen sein wollen. Es wird Zeit brauchen herauszufinden, ob wir das sein können.«
Elayne merkte, daß ihr Mund offenstand, und sie schloß ihn rasch wieder.
»Das stimmt vermutlich«, sagte sie tonlos. Min sagte stets, sie würden ihn sich teilen, aber sicherlich nicht auf diese Art! Allein der Gedanke daran war ungehörig! »Es ist ein wenig komplizierter, als Ihr wissen könnt. Es gibt noch eine dritte Frau, die ihn liebt.«
Aviendha sprang auf. »Wie heißt sie?« Ihre grünen Augen blitzten, und das Messer lag in ihrer Hand.
Elayne mußte fast lachen. In einem Moment spricht sie davon zu teilen und im nächsten Moment ist sie so verbissen wie ... wie... So verbissen wie ich, beendete sie diesen Gedanken, der ihr überhaupt nicht gefiel. Dies hätte schlimmer sein können, viel schlimmer. Es hätte Berelain sein können. Da es irgend jemand sein mußte, konnte es genausogut Aviendha sein. Und ich könnte es genausogut in Angriff nehmen, anstatt wie ein Kind mit dem Fuß aufzustampfen. Sie setzte sich aufs Bett, die gefalteten Hände im Schoß. »Steckt dieses Messer ein und setzt Euch hin, Aviendha. Und bitte zieht Eure Bluse wieder an. Ich habe Euch viel zu erzählen. Es gibt eine Frau — meine Freundin, meine Nächstschwester — namens Min...«
Aviendha zog sich wieder an, aber es dauerte einige Zeit, bis sie sich hinsetzte, und noch mehr Zeit, bis Elayne sie davon überzeugen konnte, daß sie bezüglich Min keine falschen Schlüsse ziehen durfte. Das sah sie schließlich ein und sagte widerwillig: »Ich muß sie kennenlernen. Ich werde ihn mit keiner Frau teilen, die ich nicht als Erst-Schwester lieben kann.« Diese Worte wurden mit einem prüfenden Blick zu Elayne geäußert, die seufzte.
Aviendha würde erwägen, ihn mit ihr zu teilen. Und Min war auch bereit, ihn mit ihr zu teilen. War sie die einzige von ihnen dreien, die nicht verrückt war? Laut des Plans unter ihrer Matratze sollte Min bald in Caemlyn eintreffen, oder vielleicht war sie schon dort. Sie wußte nicht, was dort geschehen sollte, nur daß Min ihre Visionen gebrauchen sollte, um ihm zu helfen. Was bedeutete, daß Min ihm nahe bleiben mußte. Während Elayne nach Ebou Dar zog.
»Ist irgend etwas im Leben jemals einfach, Aviendha?«
»Nicht, wenn Menschen einbezogen sind.« Elayne war sich nicht sicher, was sie mehr überraschte: die Erkenntnis, daß sie lachte, oder daß Aviendha es tat.
41
Bedrohung
Min, die unter einer brütenden Spätmorgensonne durch Caemlyn ritt, sah in Wahrheit nur wenig von der Stadt. Sie bemerkte die Menschen und Sänften, Wagen und Kutschen kaum, welche die Straßen verstopften, sondern führte ihre kastanienbraune Stute nur darum herum. Einer ihrer Träume war es stets gewesen, in einer großen Stadt zu leben und an fremde Orte zu reisen, aber heute zogen die farbenreichen, mit glänzenden Ziegeln belegten Türme und der weite Blick, der sich ihr bot, als sich die Straße um einen Hügel herumwand, fast unbemerkt an ihr vorüber. Sie beobachtete die Gruppen von Aiel, die durch die sich vor ihnen teilende Menge schritten, und auch die aus hakennasigen, häufig bärtigen Reitern bestehenden Patrouillen, aber nur weil sie Min an die Geschichten erinnerten, die sie gehört hatten, als sie noch in Murandy weilten. Merana hatten diese Geschichten verärgert, und auch die verkohlten Beweise der Drachenverschworenen, auf die sie zwei Mal gestoßen waren, aber Min glaubte, daß sich einige der anderen Aes Sedai sorgten. Je weniger darüber gesprochen wurde, was sie von Rands Straferlaß hielten, um so besser.
Sie verhielt Wildrose am Rande des Platzes vor dem Königlichen Palast und tupfte ihr Gesicht sorgfältig mit einem spitzengesäumten Taschentuch ab, das sie dann wieder in ihren Umhangärmel steckte. Nur wenige Menschen sprenkelten das große Oval, vielleicht weil Aiel die geöffneten Tore des Palastes bewachten. Weitere Aiel standen auf Marmorbalkonen oder streiften wie Leoparden durch hohe Säulengänge. Der Weiße Löwe von Andor wehte über der höchsten Palastkuppel im Wind. Eine weitere karmesinrote Flagge flatterte auf einer der ein wenig tiefer gelegenen Dachspitzen und wurde durch die Brise gerade weit genug ausgebreitet, daß das uralte schwarzweiße Symbol der Aes Sedai erkennbar war.
Diese Aiel bewirkten, daß sie froh war, das Angebot zweier Behüter als Eskorte abgelehnt zu haben. Nun, es war eigentlich kein Angebot gewesen, und sie hatte abgelehnt, indem sie eine Stunde vor der angegebenen Zeit auf der Uhr auf dem Kaminsims des Gasthauses davongeschlichen war. Merana stammte aus Caemlyn, und als sie vor der Dämmerung angekommen waren, hatte sie Min geradewegs zu dem, wie sie sagte, vornehmsten Gasthaus in der Neustadt geführt.
Jedoch waren nicht die Aiel der Grund, warum Min dort war. Nicht ganz, obwohl sie alle möglichen Arten schrecklicher Geschichten über schwarz verschleierte Aiel gehört hatte. Ihre Jacke und Hose waren aus der feinsten, weichsten Wolle, die in Salidar zu finden war, in einem hellen Rotton mit winzigen blauweißen aufgestickten Blumen an den Aufschlägen und an der Außenseite der Hosenbeine. Ihr Hemd war ebenfalls wie das eines Mannes geschnitten, aber es war aus cremefarbener Seide. In Baerlon hatten ihre Tanten nach dem Tod ihres Vaters versucht, sie zu einer, wie sie es nannten, richtigen, anständigen Frau zu machen, obwohl ihre Tante Miren vielleicht begriffen hatte, daß es, nachdem sie zehn Jahre lang in Jungenkleidung herumgelaufen war, vielleicht zu spät war, sie in Kleider zu stecken. Sie hatten es dennoch versucht, und sie hatte sich genauso eigensinnig gewehrt, wie sie sich geweigert hatte, nähen zu lernen. Abgesehen von jener unglückseligen Episode im Bergarbeiters Ruh — einem rauhen Ort, an dem sie aber nicht lange geblieben war; Rana, Jan und Miren hatten energisch dafür gesorgt, als sie es herausfanden, und es war dabei unwichtig, daß sie damals bereits zwanzig Jahre alt gewesen war —, abgesehen von diesem einen Mal hatte sie niemals freiwillig ein Kleid getragen. Jetzt dachte sie, daß sie sich vielleicht eines anstatt dieser Jacke und Hose hätte anfertigen lassen sollen. Ein Seidengewand mit engem Leibchen und tief ausgeschnitten und...
Er wird mich so nehmen müssen, wie ich bin, dachte sie und riß verärgert an den Zügeln. Ich werde mich für keinen Mann ändern. Nur wäre ihre Kleidung vor noch gar nicht allzu langer Zeit so einfach wie die eines Bauern gewesen, und ihr Haar hätte nicht gelockt bis fast auf die Schultern gereicht. Eine leise Stimme flüsterte: Du wirst so sein wollen, wie er dich haben will. Sie wehrte das genauso ab, wie sie stets jeden Stallburschen abgewehrt hatte, der anzüglich werden wollte, und trieb Wildrose kaum sanfter an. Sie haßte allein schon den Gedanken, daß Frauen schwach sein könnten, wenn es um Männer ging. Sie würde jetzt sehr bald herausfinden, wie es sich wirklich verhielt.