»Wollkopf«, sagte er leise lachend. »Min, du kannst mich einen Lügner nennen, aber ich habe es tatsächlich vermißt, nicht mehr diese Bezeichnung zu hören.« Sie bezeichnete ihn jetzt als gar nichts mehr. Sie sah ihn nur an, und das Funkeln war vollkommen vergangen. Ihre Wimpern schienen länger, als er sie in Erinnerung hatte.
Als ihm bewußt wurde, wo sie sich befanden, nahm er ihre Hand. Ein Thronraum war kein geeigneter Ort, um alten Freunden zu begegnen. »Komm mit, Min. Wir können in meinem Wohnraum einen Becher gewürzten Wein nehmen. Somara, ich gehe in meine Räume. Ihr könnt alle fortschicken.«
Somara schien nicht glücklich darüber, aber sie entließ alle Töchter des Speers bis auf Enaila. Somara und Enaila wirkten ein wenig verdrießlich, was er nicht verstand. Er hatte Somara zunächst erlaubt, so viele Töchter des Speers im Palast zu versammeln, weil Cyelin und die anderen kamen. Bashere befand sich aus demselben Grund in seinem Reiterlager nördlich der Stadt. Die Töchter des Speers als Erinnerung, Bashere, weil es zu viele Erinnerungen geben konnte. Er hoffte, daß die beiden Töchter des Speers nicht vorhatten, ihn zu bemuttern. Sie wechselten sich im Übermaß als seine Wächter ab, wie ihm schien, aber Nandera war genauso unnachgiebig, wie Sulin es gewesen war, als er bestimmt hatte, wer im einzelnen was tun sollte. Er konnte Far Dareis Mai befehligen, aber er war keine Tochter des Speers, so daß ihn das andere nichts anging.
Min betrachtete die Wandteppiche, während er sie an der Hand den Gang entlangführte. Sie bemerkte kostbare Truhen und Tische, goldene Schalen und in Nischen hohe Vasen aus Meervolk-Porzellan. Sie begutachtete Enaila und Somara drei Mal von Kopf bis Fuß. Aber sie sah Rand weder an, noch richtete sie ein Wort an ihn. Seine Hand umschlang ihre, und er konnte den rasenden Puls an ihrem Handgelenk spüren. Er hoffte, daß sie nicht wirklich verärgert darüber war, daß er sie herumgewirbelt hatte.
Zu seiner großen Erleichterung nahmen Somara und Enaila ihre Plätze zu beiden Seiten seiner Tür ein, obwohl sie ihn fragend ansahen, als er um gewürzten Wein bat und er seinen Wunsch noch einmal wiederholen mußte. Im Wohnraum zog er den Umhang aus und warf ihn über einen Stuhl. »Setz dich, Min. Setz dich. Ruh dich aus und entspanne dich. Der Wein wird gleich kommen. Du mußt mir alles erzählen. Wo du gewesen bist, wie du hierhergelangt bist, warum du in der Nacht angekommen bist. Es ist nicht ungefährlich, nachts zu reisen, Min. Jetzt weniger denn je. Ich werde dir die schönsten Räume im Palast — nun, die zweitschönsten, da dies die schönsten sind — und eine Aiel-Eskorte zuweisen, die dich überall hinbringen kann. Und wehe dem, der dir nicht aus dem Weg geht.«
Während sie dort an der Tür stand, dachte sie einen Moment, sie müßte lachen, aber statt dessen atmete sie tief ein und nahm einen Brief aus ihrer Tasche. »Ich kann dir nicht sagen, wo ich hergekommen bin —ich habe es versprochen, Rand —, aber Elayne befindet sich dort, und...«
»Salidar«, sagte er und lächelte darüber, daß sich ihre Augen weiteten. »Ich weiß ein paar Dinge, Min. Vielleicht mehr, als manche Menschen glauben.«
»Ich ... merke, daß du das tust«, sagte sie schwach. Sie übergab ihm den Brief und trat dann wieder zurück. Ihre Stimme klang wieder fester, als sie hinzufügte: »Ich habe geschworen, daß ich ihn dir sofort übergeben würde. Also lies ihn schon.«
Er erkannte das Siegel, eine Lilie in dunkelgelbem Wachs, und er erkannte bei seinem Namen Elaynes flüssige Handschrift und zögerte, bevor er den Brief öffnete. Klare Brüche waren das beste, und er hatte einen solchen Bruch vollzogen, aber da er den Brief in Händen hielt, konnte er nicht umhin. Er las ihn, setzte sich dann auf seinen Umhang und las ihn erneut. Er war sehr kurz gehalten.
Rand,
ich habe Dir meine Gefühle erklärt. Du sollst wissen, daß sie sich nicht geändert haben. Ich hoffe, daß Du für mich empfindest, was ich für Dich empfinde. Min kann Dir helfen, wenn Du ihr nur zuhören willst. Ich liebe sie wie eine Schwester und hoffe, daß Du sie genauso liebst wie ich.
Elayne Ihr mußte die Tinte ausgegangen sein, denn die letzten Zeilen waren eilig dahingekritzelt und nicht mehr so zierlich geschrieben wie der Anfang. Min hatte sich herangestohlen und den Kopf gedreht und versucht, den Brief zu lesen, ohne daß es zu offensichtlich wurde, aber als er sich schließlich erhob, um den Umhang unter sich hervorzuziehen —das Angreal in Form eines fetten kleinen Mannes steckte in der Tasche —, hastete sie wieder rückwärts. »Versuchen Frauen alle, einen Mann in den Wahnsinn zu treiben?« murrte er. »Was!«
Er starrte auf den Brief, während er halbwegs zu sich selbst sprach. »Elayne ist so schön, daß ich sie ansehen muß, aber die Hälfte der Zeit weiß ich nicht, ob sie will, daß ich sie küsse oder daß ich mich vor ihr hinknie. Um die Wahrheit zu sagen, wollte ich mich manchmal vor ihr hinknien ... um sie anzubeten, das Licht helfe mir. Sie schreibt, ich wüßte, wie sie empfindet. Sie hat mir schon vorher zwei Briefe geschickt, einer voller Liebesbezeugungen und der andere mit dem Inhalt, daß sie mich niemals Wiedersehen wollte. Wie oft habe ich dagesessen und mir gewünscht, der erste wäre die Wahrheit und der zweite ein Scherz oder Versehen oder... Und Aviendha. Sie ist auch wunderschön, aber jeder Tag mit ihr war ein Kampf. Von ihr bekomme ich keine Küsse mehr, und sie läßt keinen Zweifel darüber, wie sie mir gegenüber empfindet. Sie war sogar glücklicher darüber, von mir fortzukommen, als ich darüber, sie gehen zu sehen. Aber ich erwarte sie zu sehen, wenn ich mich umdrehe, und wenn sie nicht da ist, ist es, als fehle in mir etwas. Ich vermisse den Kampf tatsächlich, und es gibt Momente, in denen ich mich bei dem Gedanken ertappe, daß es ›Dinge gibt, die des Kämpfens wert sind‹.« Etwas an Mins Schweigen ließ ihn aufschauen. Sie sah ihn so ausdruckslos an wie eine Aes Sedai.
»Hat dir niemand jemals beigebracht, daß es unhöflich ist, einer Frau gegenüber von einer anderen Frau zu sprechen?« Ihre Stimme klang vollkommen tonlos. »Und noch viel weniger von zwei Frauen.«
»Min, du bist eine Freundin«, protestierte er. »Ich sehe dich nicht als Frau an.« Es war falsch, das zu sagen. Er wußte es, sobald er es ausgesprochen hatte.
»So?« Sie schlug ihren Umhang zurück und stemmte die Hände in die Hüften. Es war nicht die nur zu vertraute verärgerte Pose. Ihre Handgelenke waren gedreht, so daß die Finger nach oben zeigten, und das machte es irgendwie anders. Sie stand mit einem gebeugten Knie da, und das... Er sah sie zum ersten Mal wirklich. Nicht einfach Min, sondern so, wie sie aussah. Nicht in der üblichen einfachen braunen Jacke und Hose, sondern in Hellrot und mit Stickereien an der Kleidung. Nicht mit dem üblichen grobgeschnittenen Haar, das kaum ihre Ohren bedeckte, sondern mit Locken, die bis in den Nacken reichten. »Sehe ich wie ein Junge aus?«
»Min, ich... «
»Sehe ich wie ein Mann aus? Oder wie ein Pferd?« Sie erreichte ihn mit einem schnellen Schritt und setzte sich auf seinen Schoß.
»Min«, keuchte er erschrocken, »was tust du?«
»Dich davon überzeugen, daß ich eine Frau bin, Wollkopf. Sehe ich nicht wie eine Frau aus? Rieche ich nicht wie eine Frau?« Sie duftete schwach nach Blumen, jetzt, wo er es bemerkte. »Fühle ich mich nicht...? Nun, genug davon. Beantwortet die Frage, Schafhirte.«
Es waren die Worte ›Schafhirte‹ und ›Wollkopf‹, die ihn beruhigten. Die Wahrheit war, daß sie sich auf seinem Schoß bemerkenswert gut anfühlte. Aber sie war Min, die ihn für einen unvernünftigen Jungen vom Lande mit Heu im Haar hielt. »Licht, Min, ich weiß, daß du eine Frau bist. Ich wollte dich nicht beleidigen. Und du bist auch eine Freundin. Ich fühle mich einfach in deiner Gesellschaft wohl. Bei dir ist es egal, wenn ich mich zum Narren mache. Ich kann dir Dinge sagen, die ich niemandem sonst sagen würde, nicht einmal Mat oder Perrin. Wenn ich mit dir zusammen bin, löst sich alles. Ich spüre die Angespanntheit meiner Schultern nicht einmal mehr, bis sie vergeht. Verstehst du, Min? Ich mag es, mit dir zusammenzusein. Ich habe dich vermißt.«