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»Rand«, sagte Min ängstlich, »sieh mich nicht so an. Ich bin auf deiner Seite, wenn es dazu kommt, daß ich Partei ergreifen muß. Es könnte vielleicht soweit kommen. Sie denken, daß ich ihnen erzählen werde, was du sagst. Aber das werde ich nicht tun, Rand. Sie wollen lediglich wissen, wie sie mit dir umgehen sollen, was sie von dir zu erwarten haben, aber ich werde ihnen nicht ein Wort sagen, wenn du es nicht willst, und wenn du mich bittest zu lügen, werde ich es tun. Sie wissen nichts von meinen Visionen. Sie gehören dir, Rand. Du weißt, daß ich alle, einschließlich Merana und den anderen, ergründen werde.«

Er bemühte sich, nicht grimmig dreinzuschauen und seine Stimme sanft zu halten. »Beruhige dich, Min. Ich weiß, daß du auf meiner Seite bist.« Das war die einfache Wahrheit. Wenn er Min mißtraute, wäre das, als würde er sich selbst mißtrauen. Lews Therin war im Moment unter Kontrolle. Es war an der Zeit, auch diese Merana und ihre Abordnung unter Kontrolle zu bekommen. »Sage ihnen, daß sie jeweils zu dritt kommen können.« Das hatte ihm Lews Therin in Cairhien geraten: nicht mehr als drei auf einmal. Der Mann glaubte offenbar, er könnte drei Aes Sedai bezwingen. Er schien überaus wenig von jenen zu halten, die sich jetzt Aes Sedai nannten. Aber was in Cairhien eine Beschränkung gewesen war, war hier anders. Merana wollte, daß er ruhig und besänftigt war, bevor ihm auch nur eine Aes Sedai nahekam. Sollten sie sich über die Einladung, zu dritt zu kommen, wundern und darüber nachdenken, was es bedeuten könnte. »Abgesehen davon darf ohne meine Erlaubnis keine von ihnen die Innere Stadt betreten. Und sie dürfen in meiner Nähe keinen Versuch unternehmen, die Macht zu lenken. Sage ihnen das, Min. Ich werde es sofort erkennen, wenn sie die Quelle anrühren, und ich werde nicht erfreut sein. Sage ihnen das.«

»Sie werden auch nicht sehr erfreut sein, Schafhirte«, erwiderte sie trocken. »Aber ich werde es ihnen mitteilen.«

Ein Krachen ließ Rand ruckartig den Kopf wenden.

Sulin stand in ihrem rotweißen Gewand direkt hinter der Tür, und ihr Gesicht war derart gerötet, daß die Narbe auf ihrer Wange noch heller hervorstach als gewöhnlich. Ihr weißes Haar war gewachsen, seit sie die Livree trug, aber es war noch immer kürzer als das Haar jeder anderen Dienerin. Frau Harfor hatte es zu einer dichten Lockenkappe gestalten lassen. Sulin haßte das. Zu ihren Füßen lag ein silbernes, mit einem Goldrand versehenes Tablett, und vergoldete Zinnbecher lagen daneben. Der Weinkrug drehte sich gerade ein letztes Mal, als Rand hinsah, und richtete sich dann wundersamerweise auf, obwohl genausoviel gewürzter Wein auf das Tablett und den Teppich gelaufen zu sein schien, wie sich noch in dem Krug befinden konnte.

Min war schon halbwegs aufgestanden, als er sie um die Taille faßte und wieder hinabzog. Zeit genug und noch mehr Zeit, sie für sich zu gewinnen, jetzt wo er mit Aviendha auseinander war, und Min würde bereitwillig helfen. Tatsächlich lehnte sie sich nach einem Moment des Widerstands gegen ihn und legte den Kopf an seine Brust.

»Sulin«, sagte er, »eine gute Dienerin wirft nicht mit Tabletts umher. Hebt es jetzt auf und erfüllt Eure Aufgabe.« Sie sah ihn finster, aber wortlos an.

Es war fast brillant gewesen, wie er sie ihrem Toh hatte gegenübertreten lassen, während er gleichzeitig zumindest einen Teil seiner Verpflichtung ihr gegenüber losgeworden war. Sulin kümmerte sich jetzt um die Räume und bediente ihn. Sie haßte es natürlich, besonders weil er sie jeden Tag dabei beobachtete, aber sie mußte nicht mehr den Rücken krümmen, um im ganzen Palast die Böden zu schrubben oder endlose Ströme schwerer Wassereimer für die Wäsche heranzuschleppen. Er vermutete, daß es ihr lieber gewesen wäre, wenn jede Aiel diesseits der Drachenmauer ihre Schande gesehen hätte, als ihn Zeuge dessen werden zu lassen, aber er hatte ihr die Arbeit und damit auch sein Gewissen dadurch erheblich erleichtert, und wenn sie, weil sie für ihn arbeiten mußte, der Meinung war, ihr Toh sei früher erledigt, dann war es auch gut. Sulin gehörte in einen Cadin'sor, mit einem Speer in der Hand, nicht in eine Livree und Bettwäsche faltend.

Sie hob das Tablett auf, stolzierte durch den Raum und stellte es hart auf einen Tisch mit Elfenbeinintarsien. Als sie sich wieder abwenden wollte, sagte er: »Dies ist Min, Sulin. Sie ist meine Freundin. Sie kennt sich mit der Aiel-Art nicht aus, und ich würde es übelnehmen, wenn ihr Schlechtes widerführe.« Es war ihm gerade in den Sinn gekommen, daß die Töchter des Speers vielleicht ihre eigene Ansicht darüber hatten, daß er Aviendha fortgeschickt hatte und eine andere Frau im Arm hielt, kaum daß sie gegangen war. »Tatsächlich würde ich es persönlich nehmen, wenn sie Schaden erlitte.«

»Warum sollte jemand außer Aviendha dieser Frau Schaden zufügen wollen?« fragte Sulin grimmig. »Sie hat zuviel Zeit mit Träumen von Euch verbracht und nicht genug Zeit, Euch zu lehren, was Ihr wissen solltet.« Sie erschauderte und fügte grollend hinzu: »Mein Lord Dache.« Er glaubte, es sei nicht für ihn bestimmt gewesen. Sie fiel bei ihrem Hofknicks beinahe zwei Mal hin, bevor sie wieder aufrecht stand, und schlug dann die Tür beim Hinausgehen fest zu.

Min wandte den Kopf und sah zu ihm hoch. »Ich glaube nicht, daß ich jemals eine Dienerin wie... Rand, ich glaube, sie hätte dich erdolcht, wenn sie ein Messer gehabt hätte.«

»Sie hätte mich vielleicht getreten«, lachte er, »aber niemals erdolcht. Sie glaubt, ich sei ihr lange vermißter Bruder.« Mins Augen trübten sich verwirrt. Er konnte hundert Fragen darin aufsteigen sehen. »Das ist eine lange Geschichte. Ich werde sie dir ein anderes Mal erzählen.« Einen Teil davon würde er ihr erzählen. Niemand würde jemals erfahren, was er von Enaila und Somara und ein paar anderen ertragen mußte. Nun, die Töchter des Speers wußten es bereits alle, aber niemand sonst.

Melaine trat auf Aiel-Art ein, was bedeutete, daß sie ihren Kopf durch die Tür streckte, sich umsah und dann ihren restlichen Körper folgen ließ. Er hatte noch nicht herausgefunden, was eine Aiel zu dem Entschluß bringen könnte, nicht hereinzukommen. Häuptlinge, Weise Frauen und Töchter des Speers waren sogar zu ihm hereinspaziert, wenn er unschicklich bekleidet, im Bett oder im Bad gewesen war. Die sonnenhaarige Weise Frau trat näher, setzte sich einige Schritte von ihm entfernt mit gekreuzten Beinen und klingenden Armbändern auf den Teppich und richtete sorgfältig ihre Röcke. Grüne Augen betrachteten Min unbeteiligt.

Dieses Mal versuchte Min nicht aufzustehen. Tatsächlich war er sich nach der Art, wie sie an ihm lehnte, den Kopf auf seine Brust gepreßt und langsam atmend, nicht sicher, daß sie nicht eingeschlafen war. Sie hatte immerhin gesagt daß sie Caemlyn erst in der Nacht erreicht hatte. Plötzlich wurde er sich bewußt, daß seine Hand noch auf ihrer Taille lag, und er legte sie statt dessen auf die Armlehne. Sie seufzte fast bedauernd und schmiegte sich an ihn. Sie war zweifellos fast eingeschlafen.

»Ich habe Neuigkeiten«, sagte Melaine, »und ich vermag nicht zu sagen, welche die wichtigste ist. Egwene hat die Zelte verlassen. Sie zieht zu einem Ort namens Salidar, wo sich Aes Sedai befinden. Es sind Aes Sedai, die Euch vielleicht unterstützen werden. Wir haben Euch auf ihre Bitte hin nicht eher darüber unterrichtet, aber jetzt teile ich Euch mit, daß sie eigensinnig, undiszipliniert, streitsüchtig und jenseits aller Vernunft von sich eingenommen sind.« Sie hatte die letzten Worte erregt ausgestoßen und den Kopf vorgereckt.