Es gab in Caemlyn schon jetzt zu viele Gerüchte, ein weiterer Grund, warum er fortzugehen plante. Alanna und Verin und die Zwei-Flüsse-Mädchen befanden sich dem Gerede auf den Straßen zufolge schon halbwegs in der Burg, und auch viele andere Geschichten über Aes Sedai schlichen sich in die Stadt, schlichen bei Nacht durch die Tore. Eine Geschichte einer Aes Sedai, die streunende Katzen heilte, war so weit verbreitet, daß er sie schon fast selbst glaubte, aber alle Bemühungen Basheres, den Ursprung der Geschichte herauszubekommen, förderte genauso viel Wahres zutage wie die Geschichte, daß zwei Frauen, die den Wiedergeborenen Drachen überallhin begleiteten, in Wahrheit verkleidete Aes Sedai seien.
Rand wandte sich unbewußt um und schaute auf den Fries weißer Löwen- und Rosenreliefs an der Wand, blickte durch ihn hindurch. Alanna war nicht mehr in Culain's Hund. Sie war gereizt. Wäre sie keine Aes Sedai gewesen, hätte er gesagt, ihre Nerven seien zum Zerreißen gespannt. In der letzten Nacht war er einmal aufgewacht und sicher gewesen, daß sie weinte. Das Gefühl war sehr stark gewesen. Manchmal merkte er, daß er ihre Anwesenheit fast vergaß —, bis etwas geschah, wie zum Beispiel, daß sie ihn weckte. Er vermutete, daß man sich wirklich an alles gewöhnen konnte.
Heute morgen war Alanna auch ... eifrig gewesen. Eifrig schien die beste Bezeichnung. Er hätte ganz Caemlyn verwettet, daß der auslotende Blick von seinen zu ihren Augen geradewegs zur Rosenkrone verlief. Er würde ebenfalls darauf wetten, daß Verin bei ihr war. Nicht neun Aes Sedai. Elf.
Lews Therin murmelte unbehaglich etwas. Es klang nach einem Mann, der sich fragte, ob er mit dem Rücken zur Wand stand. Rand fragte sich das auch.
Elf, und dreizehn könnten ihn so leicht gefangennehmen, wie sie ein Kind hochheben konnten. Wenn er ihnen die Gelegenheit dazu gab. Lews Therin begann leise zu lachen, eine rauhe, trauernde Art zu lachen. Er wurde vertrieben.
Rand dachte einen Moment über Somara und Enaila nach und eröffnete dann unmittelbar über dem in Blau und Gold gemusterten Teppich in seinem Schlafzimmer ein Tor. So mürrisch, wie sie heute morgen waren, würde sicherlich eine von ihnen etwas ausplaudern, bevor die Reise zum Gut vollbracht war, und wenn er sich an seine früheren Besuche erinnerte, wollte er nicht, daß sich die Schüler aus Angst vor ungefähr zwanzig Töchtern des Speers ständig umsahen. Diese Art Dinge trugen wenig zum Vertrauen eines Mannes bei, und sie brauchten Vertrauen, wenn sie überleben sollten.
Taim hatte in einem Punkt recht: Wenn ein Mann Saidin festhielt, wußte er, daß er lebte, und es bedeutete mehr als nur eine Verstärkung der Sinne. Trotz des Makels des Dunklen, trotz des Gefühls, daß schmieriger Abfall die Knochen beschmutzte, wenn die Macht einen schmelzen wollte, wo man gerade stand, einen erstarren lassen wollte, bis man zersprang, wenn ein falscher Schritt oder ein Moment der Schwäche den Tod bedeutete — Licht, man wußte, daß man lebte. Dennoch schob er die Quelle beiseite, sobald er das Tor durchschritten hatte, und das nicht nur, um sich von dem Makel zu befreien, bevor sich sein Magen entleerte. Es schien schlimmer denn je, noch abstoßender, wenn das überhaupt möglich war. Sein wahrer Grund, die Macht abzulegen, war, daß er glaubte, nicht wagen zu können, Taim mit Saidin in seinem Körper und Lews Therin in seinem Kopf entgegenzutreten.
Die Lichtung war brauner, als er sie in Erinnerung hatte, mehr Laub knackte unter seinen Stiefeln, und weniger Laub war an den Bäumen zu sehen. Einige der Pinien waren vollkommen gelb, und eine Anzahl Lederbäume stand leblos, grau und kahl da. Aber wenn sich die Lichtung schon verändert hatte, dann hatte sich das Gut so sehr verändert, daß es fast nicht wiederzuerkennen war.
Das Gutshaus schien mit dem neuen Strohdach in weitaus besserem Zustand, und die Scheune war offensichtlich vollkommen neu aufgebaut worden. Sie war viel größer als vorher und überhaupt nicht mehr schief. Pferde standen in einem großen Pferch neben der Scheune, und die Pferche der Kühe und Schafe waren weiter entfernt errichtet worden. Die Ziegen waren jetzt ebenfalls eingepfercht, und saubere Reihen Ausläufe beherbergten die Hühner. Der Wald war weiter abgeholzt worden. Mehr als ein Dutzend längliche weiße Zelte bildeten jenseits der Scheune eine Reihe, und daneben standen die Gerüste zweier Gebäude, die viel größer würden als das Gutshaus und vor denen eine Gruppe nähender Frauen saß, die mit dem Ball und mit Puppen spielende Kinder beaufsichtigten. Aber die größte Veränderung waren die Schüler, die meisten in eng anliegenden schwarzen Jacken mit hohen Kragen, von denen nur wenige schwitzten. Es mußten weit über hundert in allen Altersstufen sein. Rand hatte nicht geahnt, daß Taims Erhebungsreisen so erfolgreich gewesen waren. Das Gefühl von Saidar schien die Luft zu erfüllen. Einige Männer übten Gewebe, setzten Baumstümpfe in Brand, zerschmetterten Steine oder fingen einander mit Luftsträngen ein. Andere lenkten die Macht, um Wasser heranzuschleppen oder um Dungkarren aus der Scheune zu schieben oder Feuerholz aufzuschichten. Nicht alle lenkten die Macht Henre Haslin beaufsichtigte eine Reihe Männer mit nacktem Oberkörper, die den Schwertkampf übten. Henre mit der knolligen roten Nase besaß nur noch einen Kranz Haare und schwitzte mehr als seine Schüler und wünschte sich zweifellos seinen Wein herbei, aber er beobachtete und verbesserte genauso streng, als wäre er der Schwertmeister der Garde der Königin. Saeric, ein grauhaariger Rotwasser Goshien, dem die rechte Hand fehlte, beaufsichtigte mit strengem Blick zwei Reihen Männer mit ebenfalls nackten Oberkörpern. Einer der Männer trat in Kopfhöhe zu, drehte sich und trat erneut zu, drehte sich wieder und trat dann mit dem anderen Fuß zu und dann das Ganze noch einmal. Die anderen boxten, so schnell sie konnten, vor sich in die Luft. Alles in allem war dieser Anblick weit von der jämmerlichen Handvoll Männer entfernt, die Rand beim letzten Mal gesehen hatte.
Ein Mann in einer schwarzen Jacke, der bald sein mittleres Lebensalter erreicht haben würde, pflanzte sich vor Rand auf. Er hatte eine scharf geschnittene Nase und einen höhnisch verzogenen Mund. »Und wer seid Ihr?« fragte er mit Taraboner Akzent. »Ihr seid vermutlich zum Lernen zur Schwarzen Burg gekommen? Ihr hättet in Caemlyn auf den Wagen warten sollen, der Euch hergebracht hätte, und das Stadtleben noch einen Tag länger genießen können.«
»Ich bin Rand al'Thor«, sagte Rand ruhig und leise, damit kein Zornausbruch erfolgte. Höflichkeit kostete nichts, und wenn dieser Narr nicht bald beschloß, es ebenso zu sehen...
Aber der höhnische Ausdruck verstärkte sich noch. »Also seid Ihr es, hm?« Er betrachtete Rand unverschämt von oben bis unten. »Ihr wirkt auf mich nicht so großartig. Ich glaube, ich könnte selbst...« Ein Luftstrang verdichtete sich, unmittelbar bevor er ihn unter dem Ohr erwischte und er zusammensackte.
»Manchmal brauchen wir strenge Disziplin«, sagte Taim, der sich über den auf dem Boden liegenden Mann stellte. Seine Stimme klang fast fröhlich, aber seine dunklen, schrägstehenden Augen funkelten den Mann todbringend an, den er niedergeschlagen hatte. »Ihr könnt einem Mann nicht sagen, daß er die Macht hat, die Erde zu erschüttern, und dann von ihm erwarten, bescheiden zu sein.« Die Drachen, welche die Ärmel seines schwarzen Gewandes zierten, glänzten im Sonnenlicht. Goldfäden bewirkten dies bei einem der Drachen —, aber was ließ den blauen Drachen so glänzen? Er hob jäh die Stimme. »Kisman! Rochaid! Bringt Tolvar fort und taucht ihn ins Wasser, bis er wieder zu sich kommt. Aber keine Heilung. Kopfschmerzen werden ihn vielleicht lehren, seine Zunge im Zaum zu halten.«
Zwei Männer in schwarzen Umhängen, die jünger als Rand waren, eilten herbei, beugten sich über Tolvar, zögerten dann und schauten zu Taim. Kurz darauf spürte Rand, wie Saidar sie erfüllte. Luftstränge hoben den leblosen Tolvar an, und die beiden trotteten mit seinem schwebenden Körper zwischen sich davon.