Ich hätte ihn schon vor langer Zeit töten sollen, schnaubte Lews Therin. Ich hätte es tun sollen... Ich hätte... Etwas streckte sich nach der Quelle aus.
Nein, verdammt! dachte Rand. Nein, das tust du nicht! Du bist nur eine verdammte Stimme! Lews Therin floh mit verklingendem Jammern.
Rand atmete langsam ein. Taim sah ihn mit diesem Fast-Lächeln an. »Ihr lehrt sie zu heilen?«
»Zunächst nur das wenige, was ich selbst weiß. Und noch bevor ich sie lehre, sich in dieser Hitze nicht zu Tode zu schwitzen. Eine Waffe verliert ihren Nutzen, wenn sie bei der ersten Verletzung abgelegt wird.
Tatsächlich habe ich zugelassen, daß ein Mann sich selbst tötete, als er sich zu tief ausstreckte, und drei weitere brannten sich aus, aber es ist noch niemand im Schwertkampf umgekommen.« Es gelang ihm, das Wort »Schwert« sehr verächtlich klingen zu lassen.
»Ich verstehe«, sagte Rand nur. Einer tot und drei ausgebrannt. Verloren die Aes Sedai in der Burg auch so viele? Aber andererseits gingen sie langsamer vor. Sie konnten es sich leisten, langsamer vorzugehen. »Was ist diese Schwarze Burg, von der dieser Bursche gesprochen hat? Mir gefällt der Klang dieses Namens nicht, Taim.« Lews Therin murrte und klagte erneut, sagte aber noch nichts.
Der hakennasige Mann zuckte die Achseln und ließ seinen Blick mit Besitzerstolz über den Hof und die Schüler gleiten. »Ein Name, den die Schüler benutzen. Man konnte dies nicht einfach weiterhin nur ›das Gut‹ nennen. Sie hatten wohl das Gefühl, das sei nicht richtig. Sie wollten mehr. Die Schwarze Burg als Gegenstück zur Weißen Burg.« Er neigte den Kopf und sah Rand von der Seite an. »Ich kann dem Einhalt gebieten, wenn Ihr es wünscht. Man kann einem Mann leicht verbieten, bestimmte Worte nicht mehr zu sagen.«
Rand zögerte. Man konnte ihnen vielleicht verbieten, diese Worte nicht mehr zu sagen, aber man konnte sie nicht aus ihren Köpfen verbannen. Die Schule mußte einen Namen haben. Er hatte nicht daran gedacht. Warum nicht Schwarze Burg? Als er jedoch das Gutshaus und die Gerüste — größer, aber nur aus Holz — betrachtete, mußte er über den Namen lächeln. »Laßt ihn bestehen.« Vielleicht hatte die Weiße Burg genauso bescheiden angefangen. Nicht daß die Schwarze Burg jemals Zeit haben würde, zu einer Konkurrenz für die Weiße Burg anzuwachsen. Rands Lächeln verblaßte, und er betrachtete die Kinder traurig. Er betrog sich genauso sehr wie sie, gab vor, es bestünde eine Chance, etwas Beständiges aufzubauen. »Versammelt die Schüler, Taim. Ich habe ihnen einiges zu sagen.«
Er war in der Erwartung gekommen, sie um sich zu scharen, aber als er dann ihre Anzahl gesehen hatte, hatte er überlegt, von der Plattform des klapprigen Wagens aus zu sprechen, der jetzt aber anscheinend verschwunden war. Taim besaß jedoch ein Rednerpodest, ein einfacher schwarzer Steinblock, der so glatt poliert war, daß er im Sonnenlicht wie ein Spiegel schimmerte und in dessen Rückseite zwei Stufen geschnitten waren. Er stand auf freiem Gelände jenseits des Gutshauses. Der den Block umgebende Boden war flach und festgetreten. Die Frauen und Kinder versammelten sich auf einer Seite, um ihn zu sehen und ihm zuzuhören.
Von dem Block aus konnte Rand erkennen, wie weit Taims Erhebungsreise ihn geführt haben mußte. Jahar Narishma, den Taim besonders erwähnt hatte, der junge Mann mit dem Talent, hatte mädchenhaft große dunkle Augen, ein blasses vertrauensvolles Gesicht und trug das Haar in zwei langen Zöpfen mit Silberglocken an den Enden. Taim hatte gesagt, er stamme aus Arafel. Rand erkannte bei einem anderen Mann den rasierten Kopf und das Haarbüschel eines Shienarers. Zwei Männer trugen durchscheinende Schleier, die in Tarabon häufig von Männern und Frauen gleichermaßen getragen wurden. Er sah die schrägstehenden Augen aus Saldaea und hellhäutige, kleine Burschen aus Cairhien. Ein alter Mann trug einen geölten und fast in der für einen tairenischen Lord typischen Art geschnittenen Bart, und nicht weniger als drei Männer trugen Barte, bei denen die Oberlippe freiblieb. Er hoffte, daß Taim nicht Sammaels Interesse erweckt hatte, indem er Illianer eingezogen hatte. Er hatte hauptsächlich jüngere Männer erwartet, aber frische Gesichter wie die Ebens und Fedwins waren lediglich in gleichem Maße vertreten wie graue oder kahlwerdende Köpfe, deren einige noch ergrauter waren als Damer. Als Rand jetzt darüber nachdachte, erschien es ihm nicht mehr rätselhaft. Es gab keinen Grund, warum nicht genauso viele Großväter wie Jungen hiersein sollten, die gelehrt werden konnten.
Er war kein großer Redner, aber er hatte lange und angestrengt über das nach gedacht, was er sagen wollte. Nicht über den ersten Teil seiner Rede, der mit etwas Glück am schnellsten abgehandelt sein würde. »Ihr habt wahrscheinlich alle Geschichten darüber gehört, daß die Burg — die Weiße Burg — sich gespalten hat. Nun, es ist wahr. Es gibt einige aufrührerische Aes Sedai, die mir vielleicht folgen wollen, und sie haben eine Abordnung gesandt. Neun von ihnen befinden sich gerade in Caemlyn und erwarten meine Gunst. Wenn Ihr also von Aes Sedai in Caemlyn hört, glaubt keinen Gerüchten. Ihr wißt, warum sie dort sind, und könnt Burschen, die Gerüchte verbreiten, ins Gesicht lachen.«
Keine Reaktion erfolgte. Sie standen einfach da und starrten zu ihm hoch, wobei sie kaum zu blinzeln schienen. Taim wirkte wenig einverstanden, sehr wenig einverstanden. Rand berührte den größeren Beutel in seiner Tasche und fuhr mit dem Teil seiner Rede fort, den er genau ausgearbeitet hatte.
»Ihr braucht einen Namen. Aes Sedai bedeutet in der Alten Sprache ›Diener aller‹ oder doch etwas sehr Ähnliches. Die Alte Sprache ist nicht leicht zu übersetzen.« Er kannte selbst nur wenige Worte, einige von Asmodean, eine Handvoll von Moiraine und einige, die von Lews Therin durchgesickert waren. Zudem hatte ihn Bashere mit den notwendigsten Worten versorgt. »Ein anderes Wort in der Alten Sprache lautet Asha'man. Es bedeutet ›Wächter‹ oder ›Verteidiger‹ und vielleicht noch ein paar andere Dinge. Ich sagte Euch bereits: Die Alte Sprache ist sehr dehnbar. Aber ›Wächter‹ scheint mir die beste Übersetzung. Aber es bezeichnet nicht einfach jeden Verteidiger oder Wächter. Man könnte keinen Mann als Asha'man bezeichnen, der eine ungerechte Sache verficht, und niemals einen schlechten Menschen. Ein Asha'man war ein Mann, der für jedermann Wahrheit und Gerechtigkeit und Recht verteidigte. Ein Wächter, der nicht aufgab, selbst wenn die Hoffnung erloschen war.« Das Licht wußte es: Die Hoffnung würde erlöschen, wenn Tarmon Gai'don käme, wenn nicht schon vorher. »Das sollt Ihr hier werden. Wenn Ihr Eure Ausbildung beendet habt, werdet Ihr Asha'man sein.«
Murmeln erhob sich wie Blätter, die im Wind raschem, und der Name wurde wiederholt, aber es wurde auch schnell wieder still. Aufmerksame Gesichter spähten zu ihm hoch. Er konnte die Ohren fast auf die nächsten Worte lauschen sehen. Zumindest war das etwas besser als der vorherige Gleichmut. Der Stoffbeutel klimperte leise, als er ihn aus der Tasche nahm.
»Aes Sedai beginnen als Novizinnen, werden dann Aufgenommene und schließlich vollwertige Aes Sedai. Ihr werdet auch verschiedene Grade durchlaufen, aber nicht die gleichen Grade wie sie. Es wird unter uns keinen Ausschluß und kein Davonschicken geben.« Davonschicken? Licht, er würde fast alles tun, außer ihnen die Hände und Füße zu fesseln, um jedermann festzuhalten, wenn er die Macht auch nur ein wenig lenken konnte. »Wenn ein Mann zur Schwarzen Burg kommt...«, dieser Name gefiel ihm nicht, »...wird er Soldat genannt werden, weil es das ist, was er wird, wenn er sich uns anschließt, das, was Ihr alle wurdet: ein Soldat, der den Schatten bekämpfen soll, und nicht nur den Schatten, sondern jedermann, der sich der Gerechtigkeit in den Weg stellt oder die Schwachen unterdrückt. Wenn ein Soldat gewisse Fertigkeiten erreicht, wird er Geweihter genannt werden und dies tragen.« Er nahm eines der Abzeichen, die der Silberschmied angefertigt hatte, aus dem Stoffbeuteclass="underline" ein kleines, schimmerndes Silberschwert, das mit seinem langen Heft und der leicht gebogenen Klinge perfekt gestaltet war. »Taim.«