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Die Mietkutsche kam im Stallhof der Rosenkrone ruckartig zum Stehen, und Stallburschen mit bestickten Westen eilten heran, um die Türen der Kutsche zu öffnen und die Pferde anzuschirren.

Der Schankraum des dreistöckigen weißen Gebäudes war mit dunkel glänzendem Holz vertäfelt und besaß zwei gegenüberliegende hohe Marmorkamine. Auf einem Kaminsims stand eine große Uhr mit Stundenschlag und einigen wenigen Goldverzierungen. Die Schankmädchen trugen blaue Gewänder und weiße, mit einem Kranz aus Rosen bestickte Schürzen. Sie lächelten und waren höflich und tüchtig, und diejenigen, die nicht hübsch waren, waren zumindest ansehnlich. Die Rosenkrone war das bevorzugte Gasthaus der Adligen im ganzen Land, die in Caemlyn keine eigenen Herrenhäuser besaßen, aber jetzt waren die Tische nur von Behütern besetzt. Alanna und Verin saßen an der Rückseite des Raumes. Hätte Merana Wünsche äußern können, hätte sie lieber bei den Dienern in der Küche gewartet. Die übrigen Schwestern befanden sich alle draußen. Es durfte keine Zeit verschwendet werden.

»Wenn es Euch nichts ausmacht«, sagte Min, »würde ich gerne ein wenig umherwandern und mir Caemlyn ansehen, bevor es dunkel wird.«

Merana gab ihr Einverständnis, wechselte, als die junge Frau nach draußen eilte, Blicke mit Seonid und Masuri, und fragte sich, wie lange Min brauchen würde, um zum Palast zurückzukehren.

Herrin Cinchonine erschien sofort. Sie war genauso rundlich wie jede andere Wirtin, die Merana jemals gesehen hatte, verbeugte sich tief und knetete ihre rötlichen Hände. »Kann ich etwas für Euch tun, Aes Sedai? Darf ich Euch etwas bringen?« Sie hatte Merana schon häufig und gut bewirtet und das nicht erst, nachdem sie erfahren hatte, daß Merana eine Aes Sedai war.

»Hagebuttentee«, antwortete Merana lächelnd. »Oben im Privatraum.« Das Lächeln verging, als die Wirtin davoneilte und eines der Schankmädchen rief. Merana bedeutete Alanna und Verin unmißverständlich, ihr zur Treppe zu folgen, und die fünf Frauen stiegen schweigend hinauf.

Die Fenster des Privatraums boten demjenigen, der es wünschte, einen guten Blick auf die Straße, was Merana eigentlich nicht im Sinn hatte. Sie schloß die Fenster, um den Straßenlärm zu dämpfen. Sie wandte den anderen den Rücken zu. Seonid und Masuri hatten sich hingesetzt. Alanna und Verin blieben zwischen den beiden anderen stehen. Verins dunkles Gewand wirkte ein wenig zerknittert, und sie hatte einen Tintenfleck auf der Nase, aber ihre Augen blickten wie die eines Vogels scharf und aufmerksam. Auch Alannas Augen glänzten, aber höchstwahrscheinlich nur vor Verärgerung, und ihre Hände zitterten hin und wieder leicht, wenn sie die Röcke ihres blauen Seidengewandes mit dem gelben Leibchen umfaßte. Ihr Gewand wirkte ebenfalls, als hätte sie darin geschlafen, was aber nur zum Teil entschuldbar war.

»Ich kann noch nicht absehen, Alanna«, sagte Merana bestimmt, »ob deine Handlungsweise Schaden angerichtet hat. Er hat nicht erwähnt, daß du ihn —gegen seinen Willen — an dich gebunden hast, aber er war wachsam, sehr wachsam, und...«

»Hat er uns weitere Beschränkungen auferlegt?« unterbrach Verin sie und neigte leicht den Kopf. »Mir scheint alles gut zu verlaufen. Er ist nicht geflohen, als er von Eurer Anwesenheit erfuhr. Er hat drei von uns empfangen — zumindest annähernd höflich, denn sonst wärt Ihr zornig. Er furchtet uns ein wenig, was nur von Vorteil ist, sonst hätte er keine Grenzen errichtet, aber wir haben noch immer genauso viel Freiraum wie zuvor. Wir dürfen ihn vor allem nicht zu sehr ängstigen.«

Es erschwerte ihre Aufgabe, daß Verin und Alanna nicht zu Meranas Abordnung gehörten. Sie besaß ihnen gegenüber keinerlei Autorität. Sie hatten die Neuigkeiten von Logain und den Roten Ajah gehört und zugestimmt, daß Elaida den Amyrlin-Sitz nicht weiterhin innehaben durfte, aber das bedeutete nichts. Alanna bot allerdings nur möglicherweise Anlaß zur Sorge. Sie und Merana waren sich, was ihre Kräfte anbetraf, so ähnlich, daß nur ein Wettkampf hätte erweisen können, wer stärker war — aber dies taten nur Novizinnen, bis sie ertappt wurden. Alanna war sechs Jahre lang Novizin gewesen, Merana nur fünf, aber wichtiger war, daß Merana bereits seit zehn Jahren Aes Sedai war, als die Hebamme Alanna erst an die Brust ihrer Mutter gelegt hatte. Das war wirklich wesentlich. Merana hatte Vorrechte. Zunächst dachte niemand so, bis dann eine von ihnen darauf kam, aber sie wußten es beide und paßten sich dem ganz selbstverständlich an. Alanna würde keine Befehle annehmen, aber die instinktive Achtung würde sie sicherlich bis zu einem gewissen Grad im Zaum halten — und das Wissen um das, was sie getan hatte.

Das eigentliche Problem stellte Verin dar. Sie hatte Merana auf diesen Gedanken gebracht. Merana ließ sich mit der Macht erneut auf die Kraft der anderen Frau ein, obwohl sie natürlich wußte, was sie vorfinden würde. Es war nicht festzustellen, welche von beiden stärker war. Beide waren fünf Jahre lang Novizinnen und sechs Jahre lang Aufgenommene gewesen. Das wußte jede Aes Sedai über jede andere Aes Sedai, auch wenn sie sonst nichts wußte. Der Unterschied lag darin, daß Verin älter war, vielleicht fast genauso viel, wie Merana älter war als Alanna. Die Spur Grau in Verins Haar unterstrich es. Wäre Verin Teil der Abordnung gewesen, hätte es überhaupt keine Schwierigkeiten gegeben, aber das war sie nicht, und Merana merkte, daß Verin aufmerksam zuhörte und ohne nachzudenken abwartete. Merana hatte sich am Vormittag zweimal in Erinnerung rufen müssen, daß Verin nicht ihrem Befehl unterstand. Das einzige, was die Situation erträglich machte, war der Umstand, daß Verin offensichtlich das Gefühl hatte, Anteil an Alannas Schuld zu haben. Andernfalls hätte sie sich zweifellos genauso bald wie jede andere hingesetzt und stünde jetzt nicht neben Alanna. Wenn man sie nur irgendwie dazu bringen könnte, Tag und Nacht im Gasthof Culains Jagdhund zu bleiben, um über diese wunderbaren Mädchen aus den Zwei Flüssen zu wachen.

Sie setzte sich so hin, daß sie mit Seonid und Masuri das Paar einrahmte, und richtete sorgfältig ihre Röcke und ihre Stola. Es bedeutete eine gewisse moralische Überlegenheit, daß sie saßen, während die anderen stehen blieben. In ihren Augen war das, was Alanna getan hatte, fast ein Vergehen. »Tatsächlich hat er uns eine weitere Beschränkung auferlegt. Es ist schön und gut, daß Ihr beide seine Schule ausfindig gemacht habt, aber jetzt rate ich Euch nachdrücklich, aller Gedanken zu entsagen, die Ihr vielleicht in dieser Richtung hegt. Er hat ... von uns gefordert, daß wir seinen Männern ... fernbleiben.« Sie konnte ihn noch immer vor sich sehen, wie er sich auf diesem eindrucksvollen Thron vorgebeugt hatte mit dem Drachenszepter in der Faust.

»Hört mich an, Merana Sedai«, sagte er freundlich, aber bestimmt. »Ich will keinen Streit zwischen Aes Sedai und Asha'man. Ich habe den Soldaten gesagt, sie sollen sich von Euch fernhalten, aber ich will auch nicht, daß sie von Aes Sedai herausgefordert werden. Wenn Ihr an der Schwarzen Burg auf die Jagd geht, könntet Ihr selbst zur Beute werden. Das wollen wir doch beide vermeiden.«

Merana war schon lange genug Aes Sedai, um nicht jedesmal zu erschaudern, wenn solche Andeutungen gemacht wurden, aber diesmal war sie nahe daran gewesen. Asha'man. Die Schwarze Burg. Mazrim Taim! Wie hatte es so weit kommen können? Aber Alanna war sich sicher, daß sie über mehr als hundert Mann verfügten, obwohl sie natürlich keine Einzelheiten darüber preisgab, woher sie es wußte. Keine Schwester gab freiwillig ihre Augen-und-Ohren preis. Es war nicht wichtig. »Wenn du zwei Hasen gleichzeitig verfolgst, werden dir beide entkommen«, besagte ein altes Sprichwort, und al'Thor war wichtiger als alle anderen.

»Ist er noch immer hier, oder ist er schon wieder fort?« Verin und Alanna schienen es sehr ruhig aufzunehmen, daß al'Thor offensichtlich das Schnelle Reisen beherrschte. Das machte Merana ein wenig mißmutig. Was hatte er sich noch beigebracht, was die Aes Sedai vergessen hatten? »Alanna? Alanna!«