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»Das Rad webt, wie das Rad es wünscht«, lautete die Erwiderung, und Ellorien wußte, daß sie keine andere Antwort bekommen würde.

44

Die Eigenschaft Vertrauen

Als Vanin gegangen war, um die Horde anzuweisen, sich ruhig zu verhalten, stellte Mat fest, daß es in Salidar kein Gasthaus mehr gab, das nicht von Aes Sedai übernommen worden war, und auch die fünf Ställe waren alle brechend voll. Und doch räumte der schmalgesichtige Stallknecht die Hafersäcke und Strohballen aus einem ummauerten Hof, der für sechs Pferde ausreichte, als er ihm eine kleine Silbermünze zusteckte. Er wies Mat und den übrigen vier Männern der Horde Schlafplätze auf dem Heuboden zu, wo es kaum kühler war als anderswo.

»Bittet um nichts«, belehrte Mat seine Männer, während er seine restlichen Münzen unter ihnen aufteilte. »Bezahlt für alles, und nehmt keine Geschenke an. Die Horde wird hier niemandem etwas schuldig sein.«

Seine vorgetäuschte Zuversicht übertrug sich auf sie, und sie zögerten keine Sekunde, als er ihnen befahl, die Banner außen an der Tür des Heubodens zu befestigen, so daß sie für jedermann gut sichtbar vor dem Stall herabhingen — das karmesinrotweiße Banner, die schwarzweiße Scheibe und der Drache. Aber die Augen des Stallknechts traten hervor, und er verlangte sehr erregt zu wissen, was Mat da tat.

Mat grinste nur und warf dem Burschen eine Goldmünze zu. »Ich will nur jedermann deutlich machen, wer hier Quartier genommen hat.« Er wollte Egwene unmißverständlich zeigen, daß er sich nicht herumschubsen lassen würde, und manchmal mußte man sich wie ein Narr verhalten, wenn man Menschen dies verdeutlichen wollte.

Leider zeitigten die Banner aber kaum Wirkung. Oh, jedermann, der vorüberging, sperrte den Mund auf und deutete darauf, und eine Anzahl Aes Sedai kamen nur, um sie mit kühlem und ausdruckslosem Blick anzuschauen. Mat erwartete die empörte Aufforderung, die Banner abzunehmen, aber nichts dergleichen geschah. Als er zur Kleinen Burg zurückkehrte, rückte eine Aes Sedai, die trotz glatter, altersloser Wangen verhärmt wirkte, ihre braun gesäumte Stola zurecht und belehrte ihn mit äußerster Deutlichkeit, der Amyrlin-Sitz sei beschäftigt, und sie könne ihn vielleicht in ein oder zwei Tagen empfangen. Vielleicht. Elayne schien verschwunden zu sein und Aviendha ebenso, aber noch schrie niemand Mord. Er vermutete, daß die Aiel ihr irgendwo ein weißes Gewand über den Kopf gezogen hatten. Das machte für ihn keinen Unterschied, wenn der Frieden gewahrt wurde. Er wollte nicht derjenige sein, der Rand sagen mußte, daß einer den anderen getötet hätte. Er erblickte Nynaeve kurz, aber sie verschwand um eine Ecke und war fort, als er dort ankam.

Er verbrachte den größten Teil des Nachmittags mit der Suche nach Thom und Juilin. Einer der beiden konnte ihm sicherlich mehr über das erzählen, was vor sich ging, und außerdem mußte er sich bei Thom für seine Bemerkungen über diesen Brief entschuldigen. Leider schien auch über ihren Aufenthaltsort niemand etwas zu wissen. Er beschloß bereits lange vor Einbruch der Nacht, daß man sie von ihm fernhielt. Egwene wollte ihn hinhalten, aber er beabsichtigte, sie erkennen zu lassen, daß er nicht einmal ungehalten war. Um diesem Eindruck nachzuhelfen, ging er tanzen.

Anscheinend dauerten die Feiern zu Ehren einer neuen Amyrlin einen Monat lang, und obwohl jedermann in Salidar den ganzen Tag zu arbeiten schien, wurden an jeder Straßenecke bei Anbruch der Dunkelheit Freudenfeuer entzündet, und Fiedeln und Flöten und sogar eine oder zwei Zimbeln wurden hervorgeholt. Musik und Lachen erfüllten die Luft, und bis zur Schlafenszeit herrschte Ausgelassenheit. Er sah Aes Sedai auf den Straßen mit Kutschern und Stallknechten tanzen, die noch ihre Arbeitskleidung trugen, und Behüter mit Schankmädchen und Köchinnen, die ihre Schürzen abgelegt hatten. Aber Egwene war nicht zu sehen. Der verdammte Amyrlin-Sitz würde nicht auf den Straßen tanzen. Und auch Elayne und Nynaeve waren nirgends zu sehen und ebensowenig Thom und Juilin. Thom hätte selbst mit zwei gebrochenen Beinen keinen Tanz versäumt, es sei denn, man hinderte ihn daran. Mat stürzte sich ins Vergnügen, um jedermann zu zeigen, daß ihn nichts auf der Welt bekümmerte. Es verlief nicht ganz so, wie er es sich gewünscht hatte.

Er tanzte kurze Zeit mit der wunderschönsten Frau, die er je gesehen hatte und die alles über Mat Cauthon wissen wollte. Das war sehr schmeichelhaft, besonders als sie ihn fragte, ob sie den Tanzboden verlassen wollten. Aber nach einer Weile merkte er, daß Halima ihn ständig auf gewisse Art streifte, sich auf gewisse Art vorbeugte, um etwas zu betrachten, so daß er nicht umhin konnte, ihr in den Ausschnitt zu blicken. Er hätte es vielleicht genossen, wenn sie ihm nicht jedesmal mit aufmerksamem Blick und belustigtem Lächeln ins Gesicht gesehen hätte. Sie war auch keine sehr gute Tänzerin — sie versuchte, ihn zu führen —, so daß er sich schließlich entschuldigte.

Es hätte keine große Sache sein sollen, aber bevor er nur zehn Schritte gegangen war, wurde der Fuchskopf auf seiner Brust eiskalt. Er fuhr wild herum und suchte nach einer Ursache. Aber dort war nur Halima, die ihn im Feuerschein ansah. Es dauerte nur einen Moment, bis sie den Arm eines großen Behüters ergriff und auf die Tanzfläche zurückwirbelte, aber er war sich sicher, auf diesem wunderschönen Gesicht Entsetzen gesehen zu haben.

Die Fiedeln spielten eine klagende Melodie, die er erkannte. Zumindest galt dies für eine seiner alten Erinnerungen, die sich nicht sehr verändert hatten, wenn man das Verstreichen eines Zeitraums von über eintausend Jahren in Betracht zog. Die gesungene Weise mußte sich jedoch vollkommen verändert haben, denn diese alten Worte, die in seinem Kopf widerhallten, hätten hier niemals Gehör gefunden.

Vertrau mir, sagte die Aes Sedai. Ich trage den Himmel auf meinen Schultern. Vertrau mir, daß ich weiß und tue, was das beste ist, und ich werde mich um den Rest kümmern. Aber Vertrauen ist die Eigenschaft dunklen, wachsenden Korns

Vertrauen ist die Eigenschaft von Herzblut. Vertrauen ist die Eigenschaft des letzten Atemzugs einer Seele.

Vertrauen ist die Eigenschaft des Todes.

»Aes Sedai?« erwiderte eine unförmige junge Frau verächtlich auf seine Frage. Sie war hübsch, und unter anderen Umständen hätte er vielleicht versucht, sie zu küssen und zu umarmen. »Halima ist nur Delanas Schreiberin. Sie neckt die Männer stets. Wie ein Kind mit einem neuen Spielzeug. Sie neckt, nur um auszuprobieren, ob sie es kann. Sie hätte schon häufig in Schwierigkeiten gesteckt, wenn Delana sie nicht schützen würde.«

Vertrau mir, sagte die Königin auf ihrem Thron, denn ich muß die Bürde ganz allein tragen. Vertrau mir die Führung und Beurteilung und Regentschaft an,

und niemand wird dich für einen Narren halten. Aber Vertrauen ist der Klang des am Grab heulenden Hundes.

Vertrauen ist der Klang des geheimen Treubruchs.

Vertrauen ist der Klang des letzten Atemzugs einer

Seele.

Vertrauen ist der Klang des Todes.

Vielleicht hatte er sich geirrt. Vielleicht war sie nur darüber entsetzt gewesen, daß er fortging. Nicht viele Männer würden eine Frau verlassen, die so hübsch war, egal ob sie ihn geneckt oder schlecht getanzt hatte. Das mußte es sein. Aber damit blieb seine Frage noch immer unbeantwortet. Wer und Warum? Er sah sich um, betrachtete die Tänzer und die Menschen, die am Rande der Schatten zusahen und warteten, bis sie an der Reihe waren. Der blonde Jäger des Horns, der ihm vertraut erschienen war, wirbelte mit einer besonders grobknochigen Frau vorbei, deren Zopf fast senkrecht hinter ihr abstand. Mat konnte Aes Sedai an ihren Gesichtern erkennen — die meisten jedenfalls —, aber er konnte nicht feststellen, welche versucht hatte ... was auch immer sie versucht hatte.