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Er schlenderte die Straße zum nächsten Freudenfeuer hinab, nicht nur um von diesem Lied fortzukommen, bevor es mit ›Der König von der Höhe‹ und ›Die Lady und der Lord‹ bis zu ›Die Liebe deines Lebens‹ in seinem Kopf weiterging. Bei dieser alten Erinnerung kam ihm wieder in den Sinn, daß er dieses Lied für die Liebe seines Lebens geschrieben hatte. Vertrauen ist der Geschmack des Todes. An der nächsten Straßenecke spielten ein Mann mit einer Fiedel und eine Frau mit einer Flöte etwas, was wie ›Plustere dich auf‹ klang — ein passendes Lied für einen Volkstanz.

Wie weit konnte er Egwene trauen? Sie war jetzt eine Aes Sedai. Sie mußte eine sein, wenn sie die Amyrlin war, wenn auch eine Amyrlin aus dem einfachen Volk. Nun, was auch immer sie war, sie war Egwene. Er konnte nicht glauben, daß sie ihn so unvorbereitet angreifen würde. Nynaeve könnte es natürlich tun, aber nicht, um ihn wirklich zu verletzen, obwohl seine Hüfte noch immer schmerzte. Und nur das Licht wußte, wozu eine Frau wie Elayne fähig war. Er entschied, daß sie ihn noch immer vertreiben wollten. Er mußte wahrscheinlich mit weiteren Versuchen rechnen. Er sollte am besten nicht darauf achten. Er hoffte fast, daß sie es erneut versuchen würden. Sie konnten ihn nicht mit der Macht berühren, und je stärker sie sich bemühten und es mißlang — nun, desto klarer würde ihnen, daß er nicht zu vertreiben war.

Myrelle trat hinter ihn und beobachtete die Tänzer. Er erinnerte sich vage an sie. Er glaubte nicht, daß sie etwas Gefährliches über ihn wußte. Er glaubte es nicht. Sie war natürlich nicht so schön wie Halima, aber immer noch ausgesprochen hübsch. Flackernde Schatten huschten über ihr Gesicht, so daß er fast vergaß, daß sie eine Aes Sedai war.

»Eine warme Nacht«, sagte sie lächelnd und sprach dann so beiläufig weiter, während er ihren Anblick genoß, daß er einige Zeit brauchte, bis er erkannte, was sie vorhatte.

»Das finde ich nicht«, erwiderte er höflich, als sie ihn schließlich zu Wort kommen ließ. Das hatte man davon, wenn man vergaß. Aes Sedai waren Aes Sedai.

Sie lächelte nur. »Es hätte viele Vorteile, und ich würde Euch nicht zu stark einschränken. Es hätte sehr viele Vorteile. Ihr habt ein gefährliches Leben erwählt, oder es wurde für Euch erwählt. Ein Behüter hätte vielleicht bessere Aussichten zu überleben.«

»Das glaube ich wirklich nicht. Nein, aber danke für das Angebot.«

»Denkt darüber nach, Mat. Es sei denn... Hat die Amyrlin sich Euch zugeschworen?«

»Nein.« Das würde Egwene nicht tun. Oder doch? Sie konnte es nicht tun, solange er das Medaillon trug, aber würde sie es tun, wenn er es nicht mehr besäße? »Wenn Ihr mich entschuldigen würdet?« Er verbeugte sich knapp und ging schnell davon, zu einer hübschen, blauäugigen jungen Frau, die im Takt der Musik mit dem Fuß wippte. Sie hatte einen hübschen Mund, genau richtig zum Küssen, und er wollte sich amüsieren. »Ich habe Eure Augen gesehen und konnte nicht umhin, hierher zu eilen. Möchtet Ihr tanzen?«

Er sah den Großen Schlangenring an ihrer rechten Hand zu spät, und dann öffnete sich der hübsche Mund, und eine ihm bekannte Stimme sagte trocken: »Ich habe Euch einmal gefragt, ob Ihr dasein würdet, wenn das Haus brennt, mein Junge, aber anscheinend macht Ihr es Euch zur Gewohnheit, ins Feuer hineinzuspringen. Jetzt geht und sucht Euch eine andere zum Tanzen.«

Siuan Sanche! Sie war gedämpft und tot! Sie sah ihn mit dem Gesicht einer jungen Frau an, das sie gestohlen hatte, und trug einen Aes-Sedai-Ring! Er hatte Siuan Sanche um einen Tanz gebeten!

Während er sich umschaute, wirbelte eine geschmeidige junge Domani-Frau in einem hellgrünen Gewand vorbei, das so dünn war, daß ihre Gestalt vorn Freudenfeuer durch den Stoff abgezeichnet wurde. Sie gewährte Siuan einen frostigen Blick, den diese mit Interesse erwiderte, und riß ihn fast aus den Reihen der Tänzer heraus. Sie war so groß wie eine Aiel. Ihre dunklen Augen lagen ein wenig höher als seine eigenen. »Ich bin übrigens Leane«, sagte sie mit einer honigsüßen Stimme, »falls Ihr mich nicht erkannt habt.« Ihr tiefes Lachen war fast eine Liebkosung.

Er zuckte zusammen und verdarb fast die erste Drehung. Auch sie trug den Ring. Er bewegte sich rein mechanisch. Sie lag trotz ihrer Größe wie eine Feder in seinen Armen, wie ein dahinschwebender Schwan, aber das konnte sicherlich die Frage nicht verdrängen, die wie ein Feuerwerk in seinem Kopf dröhnte: Wie? Wie, unter dem Licht? Um das alles noch zu überbieten, sagte sie, als der Tanz vorüber war, mit dieser streichelnden Stimme: »Ihr seid ein sehr guter Tänzer.« Und dann küßte sie ihn fast vollendeter, als er jemals zuvor geküßt worden war. Er war so erschrocken, daß er sich ihr nicht einmal zu entziehen versuchte. Sie tätschelte ihm seufzend die Wange. »Ein sehr guter Tänzer. Denkt daran, wenn Ihr es das nächste Mal versucht, und Ihr werdet besser sein.« Lachend ging sie davon und tanzte erneut mit irgendeinem Burschen aus der Zuschauermenge.

Mat beschloß, daß er so viel erlebt hatte, wie ein Mann in einer Nacht ertragen konnte. Er ging zum Stall zurück und legte sich schlafen, wobei er seinen Sattel als Kissen benutzte. Seine Träume wären erfreulicher gewesen, wenn sie nicht Myrelle und Siuan und Leane und Halima mit einbezogen hätten. Ein Mann konnte Träume von Natur aus nicht deuten.

Der nächste Tag mußte besser werden, dachte er, als sich in der Dämmerung Vanins Gestalt auf dem Heuboden abzeichnete, der ebenfalls auf seinem Sattel schlief. Talmanes verstand und würde die Stellung halten. Behüter hatten die Vorbereitungen der Horde verfolgt, wollten zweifellos gesehen werden, aber niemand hatte sich der Horde genähert. Eine weniger erfreuliche Überraschung war die Entdeckung von Olvers Grauem im Hof hinter dem Stall, während Olver selbst in seine Decken gerollt in einer Ecke lag.

»Ihr braucht jemanden, der Euch den Rücken freihält«, belehrte er Mat düster. »Man kann ihr nicht trauen.« Er brauchte Aviendhas Namen nicht zu erwähnen.

Olver hatte kein Interesse daran, mit den Kindern im Dorf zu spielen, so daß Mat den Jungen ertragen mußte, während er ihm in Salidar überallhin nachging, sein Bestes tat, den schwebenden Gang eines Behüters nachzuahmen und ständig nach Aviendha Ausschau hielt, die noch immer nirgends zu sehen war, genauso wenig wie Elayne und Nynaeve. Und die Amyrlin war noch immer beschäftigt. Thom und Juilin waren ebenfalls beschäftigt. Vanin gelang es, einiges aufzuschnappen, aber es war nichts dabei, was Mat glücklich gemacht hätte. Wenn Nynaeve sowohl Siuan als auch Leane wirklich geheilt hatte, wäre sie jetzt unerträglicher denn je. Sie hatte schon immer viel von sich gehalten, und wenn sie vollbracht hatte, was nicht vollbracht werden konnte, wäre ihr Kopf wohl größer als eine Wassermelone. Aber das war noch das wenigste. Die Erwähnung Logains und der Roten Ajah machte Mat Sorgen. Das klang wie etwas, was keine Aes Sedai verzeihen würde. Wenn Gareth Bryne ihr Heer anführte, ging es nicht um Bauernpöbel und das Leerfegen der Straßen mit wenigen Behütern zur Verstärkung. Wenn man dazu noch bedachte, daß Vanin gesehen hatte, wie Lebensmittel eingewickelt und für unterwegs in Fässer verpackt wurden, dann klang das nach Schwierigkeiten. Die schlimmsten Schwierigkeiten, die er sich vorstellen konnte, fast so schlimm, wie einen der Verlorenen gegenüber am Tisch sitzen zu haben, wenn ein Dutzend Trollocs zur Tür hereinkommt. Nichts von alledem machte sie zu geringeren Narren. Es machte sie zu sehr gefährlichen Narren. Wenn Thom jemals aus seinem Versteck käme, könnte er einer seiner Geschichten vielleicht auch einmal ein ›Wie‹ entnehmen.

Abends sprach Myrelle ihn erneut an, ob er ein Behüter werden wolle, und wurde ein wenig ärgerlich, als er ihr sagte, ihres sei bereits das fünfte Angebot, das er seit Sonnenaufgang abgelehnt habe. Er war sich nicht sicher, ob sie ihm glaubte. Sie stürmte so beleidigt davon, wie er es noch nie zuvor bei einer Aes Sedai erlebt hatte. Aber es stimmte. Das allererste Angebot war, als er noch zu frühstücken versucht hatte, von jener Delana gekommen, für die Halima arbeitete, eine stämmige, hellhaarige Frau mit wässerigen blauen Augen, die ihn heftig bedrängte. An diesem Abend hielt er sich vom Tanzboden fern und legte sich mit Musik und Lachen in den Ohren schlafen. Aber beides klang jetzt bitter.