Perrin sah sie an. Bashere hatte den Platz eingenommen, auf dem Faile gesessen hatte, und betrachtete selbstzufrieden seine Stiefel, deren einer auf die Spitze des anderen aufgesetzt war. Faile, die auf der breiten Armlehne des Sessels ihres Vaters saß, sah ihre Mutter ungehalten die Stirn runzelnd an und blickte dann mit all der Zuversicht zu Perrin, die sie auch gezeigt hatte, als sie ihm gesagt hatte, er solle zu Rand stehen.
»Ich glaube nicht, daß sie mich um den Finger wickelt«, bemerkte er vorsichtig. Sie versuchte es zwar, aber er glaubte nicht, daß er es jemals zugelassen hatte. Außer hin und wieder, um ihr eine Freude zu machen.
Lady Deiras Schnauben sprach Bände. »Schwächlinge glauben das nie. Eine Frau will einen Mann, der stärker ist als sie.« Sie stieß ihm mit dem Finger so fest vor die Brust, daß er stöhnte. »Ich werde niemals vergessen, wie Davram mich das erste Mal am Genick packte und mir zeigte, daß er der Stärkere von uns beiden war. Es war großartig!« Perrin blinzelte. Das war für ihn ein unvorstellbares Bild. »Wenn eine Frau stärker ist als ihr Mann, wird sie ihn irgendwann verachten. Sie hat die Wahl, ihm entweder auf der Nase herumzutanzen oder sich selbst zu erniedrigen, um ihn nicht zu erniedrigen. Ist der Mann jedoch stark genug...« Sie stieß ihn erneut mit dem Finger an, diesmal sogar noch fester. »...darf sie so stark sein, wie sie ist, so stark, wie sie werden kann. Du wirst Faile beweisen müssen, daß du stark bist.« Ein weiterer Stoß, noch ein wenig fester. »Die Frauen in meiner Familie sind Leoparden. Wenn du ihnen nicht beibringen kannst, auf deinen Befehl zu jagen, wird Faile dich so biegen, wie du es verdienst. Bist du ausreichend stark?« Dieses Mal drängte ihr Finger Perrin einen Schritt zurück.
»Wollt Ihr wohl damit aufhören?« grollte er. Er versagte es sich, über seine Brust zu reiben. Faile half ihm nicht, sondern lächelte ihm nur ermutigend zu. Bashere beobachtete ihn mit geschürzten Lippen und einer hochgezogenen Augenbraue. »Wenn ich ihr manchmal etwas nachsehe, dann nur, weil ich es will. Ich sehe sie gerne lächeln. Wenn Ihr von mir erwartet, daß ich sie mit Füßen trete, könnt Ihr es vergessen.« Vielleicht hatte er mit diesen Worten verloren. Failes Mutter sah ihn auf höchst eigenartige Weise an, und sie roch nach einer Mischung, die er nicht bestimmen konnte, obwohl noch immer Zorn dabei war und auch eiskalte Verachtung. Aber ob er nun einen guten Eindruck machte oder nicht — er würde nicht mehr versuchen, das zu sagen, was Bashere und seine Frau hören wollten. »Ich liebe sie, und sie liebt mich, und das ist, soweit es mich betrifft, alles.«
»Er sagte«, berichtete Bashere langsam, »daß er unsere Tochter zurückholen wird, wenn du sie fortbringst. Er scheint zu glauben, daß neuntausend saldaeanische Reiter wenigen hundert Bogenschützen von den Zwei Flüssen nicht standhalten können.«
Seine Frau sah Perrin nachdenklich an, riß sich dann sichtbar zusammen und reckte den Kopf empor. »Das ist alles schön und gut, aber jeder Mann kann ein Schwert führen. Ich will wissen, ob er sie zähmen kann, diese eigenwillige, sture, ungehorsame... «
»Genug, Deira«, unterbrach Bashere sie sanft. »Da du offensichtlich beschlossen hast, daß unsere Tochter kein Kind mehr ist, denke ich, daß Perrin für sie genügen wird.«
Zu Perrins Überraschung beugte Basheres Frau sanftmütig den Kopf. »Wie du willst, mein Herz.« Dann sah sie Perrin wenig sanftmütig an, als wollte sie sagen, daß ein Mann seine Frau genau so behandeln sollte.
Bashere murmelte leise etwas über Enkelkinder und die neuerliche Stärkung des Blutes. Und Faile? Sie lächelte Perrin mit einem Ausdruck zu, den er niemals zuvor auf ihrem Gesicht gesehen hatte, ein Ausdruck, bei dem er sich entschieden unbehaglich fühlte. Mit den gefalteten Händen, den verschränkten Fußknöcheln und dem zu einer Seite geneigten Kopf gelang es ihr irgendwie ... unterwürfig auszusehen, Faile! Vielleicht hatte er in eine Familie eingeheiratet, in der alle verrückt waren.
Rand schloß die Tür hinter Perrin, trank seinen Becher gewürzten Wein leer und ließ sich dann nachdenklich in einen Sessel sinken. Er hoffte, daß Perrin mit Bashere gut zurechtkam. Aber andererseits wäre Perrin Tear vielleicht zugeneigter, wenn sie sich stritten. Er brauchte entweder Perrin oder Mat in Tear, um Sammael davon zu überzeugen, daß dies der wahre Angriff war. Der Gedanke ließ ihn leise und verbittert lachen. Licht, welch eine Art, über einen Freund zu denken. Lews Therin kicherte und murmelte etwas Undeutliches über Freunde und Verrat. Rand wünschte sich, er könnte ein Jahr lang schlafen.
Min trat ein, natürlich ohne anzuklopfen. Die Töchter des Speers beobachteten sie manchmal auf eigentümliche Art, aber was auch immer Sulin oder vielleicht auch Melaine gesagt hatten — Min war eine derjenigen, die ungeachtet dessen, was auch immer er gerade tat, am häufigsten hereingeschickt wurden. Aber sie zog auch ihren Vorteil daraus. Sie hatte sogar schon einmal darauf bestanden, sich einen Stuhl neben seine Badewanne zu stellen und dort mit ihm zu reden, als sei daran überhaupt nichts Ungewöhnliches. Jetzt hielt sie nur kurz inne, um sich einen Becher gewürzten Wein einzugießen, und setzte sich dann schwungvoll auf seinen Schoß. Ein leichter Schweißfilm glänzte auf ihrem Gesicht. Es war ihr gleichgültig, wie man die Hitze unbeachtet ließ, sie lachte nur und sagte, sie sei keine Aes Sedai und habe auch nicht vor, eine zu werden. Er war bei diesen Besuchen anscheinend zu ihrem Lieblingssessel geworden, aber er war sich sicher, daß sie ihr Spiel früher oder später aufgeben würde, wenn er einfach vorgab, es nicht zu bemerken. Darum hatte er sich auch so gut wie möglich in seinem Badewasser verborgen, anstatt sie mit Luft zu verblenden. Wenn sie erst wußte, daß sie ihn berührte, würde sie niemals mit diesem Schabernack aufhören. Außerdem fühlte es sich gut an, ein Mädchen auf den Knien zu haben, so sehr er sich auch schämte, das Min gegenüber zuzugeben. Er war nicht aus Holz gemacht.
»Hattest du ein erfreuliches Gespräch mit Faile?« erkundigte sich Rand.
»Es hat nicht lange gedauert. Ihr Vater kam sie holen, und sie war zu stark damit beschäftigt, ihm die Arme um den Hals zu werfen, um mich noch zu bemerken. Anschließend bin ich ein wenig spazierengegangen.«
»Du magst sie nicht?« fragte Rand, und Mins Augen weiteten sich, wobei die langen Wimpern sie noch größer scheinen ließen. Frauen erwarteten nie, daß ein Mann etwas erkannte oder verstand, daß er nicht erkennen oder verstehen sollte.
»Es ist nicht so, daß ich sie nicht mag«, sagte sie zögernd. »Es ist nur so... Nun, sie will, was sie will, wenn sie es will, und sie akzeptiert kein Nein. Der arme Perrin tut mir leid, weil er mit ihr verheiratet ist. Weißt du, was sie von mir wollte? Sie wollte sich versichern, daß ich kein Auge auf ihren kostbaren Mann geworfen habe. Du hast es vielleicht nicht bemerkt... Männer sehen solche Dinge nie...« Sie brach ab und schaute durch lange Wimpern mißtrauisch zu ihm hoch. Er hatte bewiesen, daß er immerhin doch einiges bemerkte. Als sie zufrieden feststellte, daß er nicht lachen würde, fuhr sie fort. »Ich konnte auf den ersten Blick erkennen, daß er in sie vernarrt ist, der arme Tor. Und sie in ihn, was auch immer ihm das nützen wird. Ich glaube nicht, daß er eine andere Frau auch nur ein zweites Mal ansehen würde, aber sie glaubt es, zumal wenn die andere Frau den ersten Blick riskiert. Er hat seinen Falken gefunden, und ich wäre nicht überrascht, wenn sie ihn töten würde, wenn der Jagdfalke durchbricht.« Sie hielt inne, schaute erneut zu ihm hoch und trank dann von ihrem gewürzten Wein.
Sie würde ihm sagen, was sie meinte, wenn er sie danach fragte. Er erinnerte sich, daß sie nichts von ihren Visionen erzählte, wenn sie ihn nicht betrafen, aber wenn es so war, hatte sie sich aus irgendeinem Grund geändert. Sie würde jedermann prüfen, wenn er sie jetzt darum bäte, und ihm alles sagen, was sie sah. Aber sie fühlte sich unbehaglich dabei.