Er fühlte sich stets unbeholfen, wenn er die kleinen Knöpfe öffnen sollte, weil er halbwegs befürchtete, sie abzureißen oder ihr Gewand zu beschädigen. Andererseits gefiel es ihm, seine Frau auszuziehen. Für gewöhnlich half ihr eine Dienerin dabei, seiner Meinung nach sicherlich wegen der verlorengegangenen Knöpfe. »Hast du irgend etwas von dem Unsinn ernst gemeint, den du deiner Mutter erzählt hast?«
»Hast du mich nicht gezähmt, mein Ehemann«, fragte sie, ohne ihn anzusehen, »und mich gelehrt, dir zur Verfügung zu stehen, wenn du mich rufst? Bemühe ich mich nicht, dich zu erfreuen? Gehorche ich nicht deiner kleinsten Geste?« Sie roch belustigt. Und sicherlich klang sie belustigt. Nur klang es auch, als wollte sie es so, genauso wie es auch geklungen hatte, als sie ihrer Mutter mit hocherhobenem Kopf und so stolz sie nur konnte fast dasselbe gesagt hatte. Frauen waren schlichtweg seltsam, das war alles. Und ihre Mutter...! Und ihr Vater!
Vielleicht sollte er das Thema wechseln. Was hatte Bashere noch erwähnt? »Faile, was ist eine Zerbrochene Krone?« Er war sicher, daß es das gewesen war.
Sie verzog das Gesicht und roch plötzlich aufgebracht.
»Rand hat den Palast verlassen, Perrin.«
»Und wenn schon?« Er beugte sich herab, um einen winzigen Perlmuttknopf besser sehen zu können, und runzelte hinter ihrem Rücken die Stirn. »Woher weißt du das?«
»Von den Töchtern des Speers. Bain und Chiad haben mir ein wenig von der Zeichensprache beigebracht. Du darfst mich nicht verraten, Perrin. So wie sie sich aufführten, als sie hörten, daß Aiel hier sind, glaube ich, daß sie es lieber nicht getan hätten. Aber es könnte nützlich sein zu verstehen, was die Töchter des Speers sagen, ohne daß sie etwas davon wissen. Sie scheinen sich mit Rand gut zu vertragen.« Sie drehte sich um, sah ihn schelmisch an und streichelte seinen Bart. »Diesen Töchtern, die wir trafen, gefielen deine Schultern, aber sie machen sich nicht viel daraus. Aielfrauen erkennen keinen schönen Bart, wenn sie einen sehen.«
Er schüttelte den Kopf, wartete, daß sie sich wieder umdrehen würde, und steckte dann hastig den Knopf in die Tasche, der bei ihrer Drehung abgerissen war. Vielleicht würde sie es nicht merken. Er war eine Woche lang mit einem an seinem Umhang fehlenden Knopf herumgelaufen und hatte es nicht gemerkt, bis sie ihn darauf hinwies. Und was Barte betraf, so waren Aiel, nach dem, was Gaul erzählte, stets glattrasiert. Bain und Chiad hatten sich über seinen Bart mehr als einmal lustig gemacht. Er hatte bei dieser Hitze schon oft daran gedacht, ihn abzurasieren. Aber Faile mochte ihn. »Was ist mit Rand? Warum sollte es von Bedeutung sein, daß er den Palast verlassen hat?«
»Nur insofern, als du wissen solltest, was er hinter deinem Rücken tut. Du hast offensichtlich nicht gewußt, daß er fortgegangen ist. Denk daran, daß er der Wiedergeborene Drache ist. Damit steht er fast einem König gleich, einem König der Könige, und Könige verletzen manchmal sogar Freunde, aus Versehen und absichtlich.«
»Das würde Rand niemals tun. Worauf willst du überhaupt hinaus? Daß ich ihn ausspionieren soll?«
Er hatte dies als Scherz gemeint, aber sie erwiderte: »Nicht du, mein Lieber. Das ist die Aufgabe einer Frau.«
»Falle!« Er richtete sich so jäh auf, daß er fast einen weiteren Knopf abgerissen hätte, ergriff ihre Schultern und wandte sie zu sich um. »Du wirst Rand nicht ausspionieren, hast du mich verstanden?« Sie nahm einen widerspenstigen Gesichtsausdruck an, die Mundwinkel herabgezogen, die Augen verengt — sie strahlte geradezu Hartnäckigkeit aus —, aber er konnte auch hartnäckig sein. »Faile, ich möchte etwas von dem Gehorsam sehen, dessen du dich gerühmt hast.« Soweit er bisher erkennen konnte, tat sie, was er sagte, wenn sie ihm gut gesonnen und zufrieden war, und sonst nicht, gleichgültig, ob er im Recht war oder nicht. »Ich meine es ernst, Faile. Ich will dein Versprechen. Ich werde nicht teilhaben an jemandes...«
»Ich verspreche es dir, mein Herz«, sagte sie und legte ihre Finger über seinen Mund. »Ich verspreche, daß ich Rand nicht ausspionieren werde. Du siehst, ich gehorche meinem Herrn Gemahl. Erinnerst du dich, wie viele Enkelkinder meine Mutter erwartet?«
Der plötzliche Richtungswechsel überraschte ihn. Aber sie hatte es versprochen. Das war das wichtigste. »Sechs, glaube ich. Ich habe aufgehört mitzuzählen, als sie erklärte, welches Jungen und welches Mädchen werden sollten.« Lady Deira hatte einige bestürzend unverblümte Ratschläge parat gehabt, wie dies zu erreichen sei. Dankenswerterweise hatte er das meiste davon verpaßt, weil er sich ständig gefragt hatte, ob er den Raum verlassen sollte, bis sie fertig wäre. Faile hatte zu den Worten ihrer Mutter nur genickt, als sei es das Natürlichste von der Welt, daß ihr Vater und ihr Ehemann dabei waren.
»Mindestens sechs«, sagte sie mit wahrhaft verruchtem Lächeln. »Perrin, sie wird uns über die Schulter sehen, bis ich ihr sagen kann, daß sie bald das erste Enkelkind erwarten darf, und ich dachte, wenn es dir jemals gelänge, meine restlichen Knöpfe zu öffnen...« Sie errötete nach Monaten der Ehe noch immer, aber dieses Lächeln schwand nicht. »Ein richtiges Bett nach so vielen Wochen erfüllt mich mit einer Vorfreude wie ein Bauernmädchen zur Ernte.«
Manchmal wunderte er sich über ihre ständige Erwähnung dieser saldaeanischen Bauernmädchen. Ob mit oder ohne Erröten — wenn sie nur halb so direkt wie Faile waren, wenn er mit ihr allein war, würde in Saldaea niemals eine Ernte eingebracht. Er riß beim Versuch, sie auszukleiden, zwei weitere Knöpfe ab, und es kümmerte sie nicht im geringsten. Tatsächlich zerriß sie ihm sogar das Hemd.
Demira war überrascht, daß sie die Augen öffnen konnte, überrascht, daß sie auf dem Bett in ihrem Zimmer in der Rosenkrone lag. Sie hatte erwartet, tot zu sein und nicht entkleidet unter einem Leinenlaken zu liegen. Stevan saß auf einem Stuhl am Fußende des Bettes, und es gelang ihm, gleichzeitig erleichtert, besorgt und streng dreinzublicken. Ihr schlanker cairhienischer Behüter war einen Kopf kleiner als sie und fast zwanzig Jahre jünger, auch wenn Grau sein Schläfenhaar durchzog, aber manchmal führte er sich wie ein Vater auf, der behauptete, sie könne nicht selbst auf sich aufpassen, wenn er nicht ihre Hand hielte. Sie fürchtete sehr, daß dieser Zwischenfall ihm in diesem Kampf auf Monate hinaus Oberwasser verschaffen würde. Merana stand mit ernstem Gesicht auf der einen und Berenicia auf der anderen Seite des Bettes. Die rundliche Gelbe Schwester war ohnehin stets ernst, aber jetzt wirkte sie vollkommen finster.
»Wie?« gelang es Demira zu fragen. Licht, sie fühlte sich schwach. Das kam vom Heilen, aber es war schon eine Anstrengung, die Arme unter dem Laken hervorzunehmen. Sie mußte dem Tode sehr nahe gewesen sein. Das Heilen hinterließ keine Narben, aber die Erinnerungen und die Schwäche genügten vollkommen.
»Ein Mann kam in den Schankraum«, erzählte Stevan, »und verlangte ein Bier. Er sagte, er hätte gesehen, wie Aiel einer Aes Sedai gefolgt seien — er beschrieb Euch genau — und meinte, sie wollten sie töten. Sobald er das erzählt hatte, spürte ich...« Er verzog vielsagend das Gesicht.
»Stevan bat mich mitzukommen«, sagte Berenicia. »Er hat mich sozusagen mitgezerrt — und wir rannten den ganzen Weg. Ich war ehrlich gesagt nicht sicher, daß wir rechtzeitig gekommen waren, bis Ihr gerade eben die Augen öffnetet.«
»Natürlich«, sagte Merana mit tonloser Stimme, »hatten beide Anteil an der Falle — und an der Warnung. Die Aiel und der Mann. Es ist eine Schande, daß wir ihn entkommen ließen, aber wir waren so um Euch besorgt, daß er entwischen konnte, bevor jemand daran dachte, ihn aufzuhalten.«