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Demira hatte an Milam gedacht und daran, wie dies die Suche in der Bibliothek beeinflussen würde, daran, wie lange es dauern würde, Stevan zu beruhigen, und Meranas Worte drangen nur langsam zu ihr vor. »Ihn festhalten? Eine Warnung? Wovon sprecht Ihr, Merana?« Berenicia murmelte etwas darüber, daß sie es vielleicht verstehen würde, wenn sie es ihr schwarz auf weiß zeigten. Berenicia konnte manchmal sehr bissig sein.

»Habt Ihr jemanden den Schankraum betreten sehen, um etwas zu trinken, seit wir eingetroffen sind, Demira?« fragte Merana geduldig.

Es stimmte — sie hatte niemanden gesehen. Eine oder auch zwei Aes Sedai fielen unter den Gästen einer Schenke in Caemlyn kaum auf, aber bei neun Aes Sedai war es schon etwas anderes. Herrin Cinchonine hatte kürzlich offen darüber gesprochen. »Dann wollte man Euch absichtlich wissen lassen, daß Aiel mich getötet hätten. Vielleicht, damit ich gefunden würde, bevor ich tot wäre.« Sie hatte sich gerade an das gräßliche Gesicht des Burschen erinnert, der sie drohend angesprochen hatte. »Ich sollte Euch alle auffordern, Euch von al'Thor fernzuhalten. Jemand sagte wörtlich: ›Richtet den anderen Hexen aus, sie sollen sich vorn Wiedergeborenen Drachen fernhalten.‹ Diese Nachricht hätte ich wohl kaum tot überbringen können... Wo war ich verletzt?«

Stevan regte sich auf seinem Stuhl und warf ihr einen gequälten Blick zu. »Es wurde in beiden Fällen keines der Organe getroffen, deren Verletzung tödlich gewesen wäre, aber Euer immenser Blutverlust...«

»Was sollen wir jetzt tun?« unterbrach Demira ihn, die Frage an Merana gerichtet, bevor Stevan damit fortfahren konnte, ihr vorzuwerfen, wie töricht sie gewesen war, sich auf diese Art erwischen zu lassen.

»Ich denke, wir sollten die verantwortlichen Aiel suchen«, sagte Berenicia bestimmt, »und an ihnen ein Exempel statuieren.« Sie kam aus den Grenzgebieten Shienars, und Überfälle der Aiel waren in ihrer Kindheit üblich gewesen. »Seonid ist meiner Meinung.«

»O nein!« widersprach Demira. »Ich werde mir die erste Gelegenheit, Aiel zu beobachten, nicht entgehen lassen. Es war immerhin mein Blut. Außerdem scheint mir offensichtlich, daß sie auf Befehl gehandelt haben, wenn der Mann, der Euch gewarnt hat, nicht auch ein Aiel war. Und ich glaube, es gibt nur einen Mann in Caemlyn, der Aiel befehligt.«

»Wir anderen«, sagte Merana, während sie Berenicia fest ansah, »stimmen mit Euch überein, Demira. Ich möchte nichts mehr davon hören, Zeit und Kräfte zu verschwenden, um unter Hunderten ein Rudel Jagdhunde ausfindig zu machen, während sich der Mann, der sie zur Jagd aufgefordert hat, ins Fäustchen lacht.« Berenicia murrte ein wenig, bevor sie den Kopf beugte, aber das tat sie stets.

»Wir müssen al'Thor zumindest zeigen, daß er Aes Sedai nicht auf diese Art behandeln kann«, bemerkte Berenicia scharf. Ein Blick von Merana mäßigte sie, obwohl sie nicht glücklich darüber klang. »Aber natürlich auch nicht so deutlich, daß es alle unsere Pläne gefährden würde.«

Demira tippte sich mit den Fingern an die Lippen und seufzte. Sie fühlte sich schwach. »Mir fällt gerade etwas ein. Wenn wir ihm offen vorhalten, was er getan hat, wird er alles abstreiten, und wir können ihm nichts beweisen. Nicht nur das — er wäre vielleicht sogar so klug zu verkünden, daß er sich berechtigt fühlt, Aes Sedai wie Hasen zu jagen.« Merana und Berenicia wechselten Blicke und nickten verständig. Der arme Stevan runzelte zornig die Stirn. Er hatte niemals jemanden ungestraft gelassen, der sie verletzt hatte. »Wäre es nicht besser stillzuhalten? Das würde ihn sicherlich zum Nachdenken bringen. Warum haben wir nichts gesagt? Was werden wir unternehmen? Ich weiß nicht, wieviel wir tun können, aber wir können ihm zumindest Angst einjagen.«

»Ein stichhaltiges Argument«, sagte Verin vom Eingang her. »Al'Thor muß die Aes Sedai respektieren, sonst wird es keine Zusammenarbeit geben.« Sie bedeutete Stevan zu gehen — er wartete natürlich, bis Demira ihr Einverständnis gab — und nahm dann seinen Platz ein. »Ich dachte, daß Ihr das Ziel wart...« Sie sah Merana und Berenicia stirnrunzelnd an. »Wollt Ihr Euch nicht setzen? Ich möchte keine Genickstarre bekommen, weil ich ständig zu Euch aufschauen muß.« Verin fuhr bereits fort, während sie noch Stühle neben das Bett stellten. »Da Ihr das Ziel wart, Demira, solltet Ihr bei der Entscheidung mitreden, wie Meister al'Thor seine Lektion lernen soll. Und anscheinend habt Ihr bereits damit begonnen.«

»Ich denke...«, setzte Merana an, aber Verin unterbrach sie.

»Gleich, Merana. Demira hat das Recht, zuerst Vorschläge zu machen.«

Demira hielt den Atem an, während sie auf den Ausbruch wartete. Merana schien ihre Entscheidungen stets von Verin billigen lassen zu wollen, was unter den gegebenen Umständen nur allzu verständlich, wenn auch ungeschickt war, aber dies war das erste Mal, daß Verin die Sache in die Hand nahm. Zumindest das erste Mal vor anderen. Und doch sah Merana Verin einen Moment nur mit zusammengepreßten Lippen an und beugte dann den Kopf. Demira fragte sich, ob das bedeutete, daß Merana die Abordnung Verin überlassen würde. Sie schien jetzt keine andere Wahl mehr zu haben. Aller Augen wandten sich abwartend Demira zu. Verins Blick war besonders eindringlich.

»Wenn wir wollen, daß er sich wegen unserer nächsten Unternehmungen sorgt, schlage ich vor, daß heute niemand zum Palast geht. Vielleicht ohne jegliche Erklärung, und wenn das zu hart ist, dann mit einer Erklärung, die er durchschaut.« Merana nickte. Und was nach der neuesten Entwicklung noch wichtiger war — Verin nickte ebenfalls. Demira beschloß, ein wenig mehr zu wagen. »Vielleicht sollten wir sogar mehrere Tage lang niemanden hinschicken, um ihn schmoren zu lassen. Ich bin sicher, daß wir es erfahren werden, sollte er hübsch aufgebracht sein, wenn wir Min beobachten...« Was auch immer sie zu unternehmen beschlossen — sie wollte Anteil daran haben. Es war immerhin ihr Blut gewesen, und nur das Licht wußte, wie lange sie jetzt ihre Nachforschungen in der Bibliothek unterbrechen mußte. Letzteres war fast ein genauso triftiger Grund, al'Thor eine Lektion zu erteilen, wie sein Vergessen, wer die Aes Sedai waren.

47

Die Wanderin

Mat wünschte sich einen ruhigen Ritt nach Ebou Dar, und in gewisser Weise wurde sein Wunsch erfüllt. Aber es ärgerte ihn dennoch sehr, mit sechs Frauen zu reisen, von denen vier noch dazu Aes Sedai waren.

Sie erreichten den fernen Wald am ersten Tag, als die Sonne noch hoch am Himmel stand, und ritten mehrere Stunden unter einem hohen Baldachin überwiegend kahler Äste dahin, während totes Laub und trockene Zweige unter den Pferdehufen knirschten, bis sie unmittelbar vor Sonnenuntergang in der Nähe eines Stromes, der nur wenig Wasser führte, ihr Lager errichteten. Harnan, der Anführer der Rotte mit dem tätowierten Falken auf der Wange, sorgte dafür, daß die Reiter der Horde versorgt, die Pferde gestriegelt und angepflockt, Wachen aufgestellt und Feuer entzündet wurden. Nerim und Lopin liefen umher und jammerten darüber, daß sie keine Zelte mitgenommen hatten. Woher sollte ein Mann wissen, daß sie nächtelang auf dem Boden schlafen würden, wenn sein Herr nichts sagte. Und wenn sein Herr sich bei irgend etwas den Tod holte, wäre es nicht seine Schuld. Hager und kräftig, klangen sie wie Echos. Vanin kümmerte sich natürlich um sich selbst, obwohl er auch auf Olver achtete und Winds Hals striegelte, den der Junge nicht erreichen konnte, selbst wenn er den Sattel als Hocker benutzte. Jedermann kümmerte sich um Olver.

Die Frauen teilten das Lager in einer Weise auf, daß ihr Bereich so abgeschieden war, als wäre er fünfzig Fuß entfernt. Eine unsichtbare Linie schien das Lager in zwei Hälften zu spalten, mit unsichtbaren Zeichen, die den Reitern bedeuteten, daß sie diese Linie nicht übertreten durften. Nynaeve und Elayne und die beiden weißhaarigen Frauen hatten sich mit Aviendha und der blonden Jägerin um ihr eigenes Feuer versammelt und schauten selten dorthin, wo Mat und seine Männer ihre Decken ausbreiteten. Bei der leisen Unterhaltung ging es, soweit Mat sie verstehen konnte, um Vandenes und Adeleas' Sorge, daß Aviendha ihr Pferd den ganzen Weg nach Ebou Dar führen wollte, anstatt zu reiten. Thom versuchte, ein Wort mit Elayne zu wechseln, und erhielt einen flüchtigen Schlag auf die Wange, bevor er zu Juilin und Jaem, dem sehnigen alten Behüter, zurückgeschickt wurde, der zu Vandene gehörte und seine ganze Zeit mit dem Schärfen seines Schwertes zu verbringen schien.