Mat hatte keine Einwände dagegen, daß die Frauen sich abseits hielten. Sie waren von einer Anspannung umgeben, die ihm unverständlich war. Zumindest Nynaeve und Elayne, aber auch die Jägerin schien davon beeinflußt. Sie sahen die Aes Sedai manchmal ein wenig zu unverwandt an — die anderen Aes Sedai; er war sich nicht sicher, ob er sich jemals daran gewöhnen würde, Nynaeve und Elayne als Aes Sedai zu betrachten —, obwohl Vandene und Adeleas dies genauso wenig zu bemerken schienen wie Aviendha. Was auch immer der Grund dafür war — Mat wollte nichts damit zu tun haben. Es roch nach einem unterschwelligen Streit, der jeden Moment ausbrechen konnte, und egal ob er ausbrach oder weiterhin nur schwelte, sollte sich ein kluger Mann von Frauengezänk fernhalten. Und ein kluger Mann sollte sich sehr weit entfernen, wenn diese Frauen noch dazu Aes Sedai waren.
Dies war ein wenig ärgerlich, wie auch eine weitere Sache, an der er selbst die Schuld trug. Das Essen. Der Duft von Lamm und Suppe schwebte vom Feuer der Aes Sedai heran. Da er schnell in Ebou Dar anzukommen erwartet hatte, hatte er Vanin und den anderen gegenüber nichts von Essen erwähnt, was bedeutete, daß sie nur ein wenig getrocknetes Fleisch und hartes Fladenbrot in ihren Satteltaschen hatten. Mat hatte kaum einen Vogel oder ein Eichhörnchen gesehen, ganz zu schweigen von Wild, so daß eine Jagd außer Frage stand. Als Nerim einen kleinen Falttisch und einen Stuhl für Mat aufstellte — Lopin stellte derweil einen weiteren Tisch und Stuhl für Nalesean auf —, befahl Mat ihm auszuteilen, was er in den Körben der Packpferde verstaut hatte. Das Ergebnis war nicht so erfreulich, wie er gehofft hatte.
Nerim stand an Mats Tisch und goß Wasser aus einem Silberkrug, als wäre es Wein, während er düster beobachtete, wie die feineren Sachen in die Kehlen der Reiter wanderten. »Eingelegte Wachteleier, Mylord«, verkündete er mit Grabesstimme. »Sie wären sehr gut für Mylords Frühstück in Ebou Dar geeignet gewesen.« Und: »Die allerfeinste geräucherte Zunge, Mylord. Wenn Mylord nur wüßte, was ich durchgemacht habe, um in diesem armseligen Dorf in Honig geräucherte Zunge zu bekommen, ohne die Zeit zu haben, etwas anderes zu suchen, wobei uns das beste bereits von den Aes Sedai weggeschnappt wurde.« Größten Kummer schien ihm aber zu bereiten, daß Lopin für Nalesean gekochte Lerchen gefunden hatte. Jedesmal, wenn Nalesean eine davon zwischen seinen Zähnen zermahlte, wurde Lopins selbstgefälliges Lächeln noch breiter und Nerims Gesicht noch länger. Was das Essen betraf, war unübersehbar, daß die Männer lieber ein Stück Lammfleisch und eine Schale Suppe bekommen hätten als noch so viel in Honig geräucherte Zunge oder Gänseleberpastete. Olver sah sehnsuchtsvoll zum Feuer der Frauen.
»Möchtest du mit ihnen essen?« fragte Mat ihn. »Es ist in Ordnung, wenn du das möchtest.«
»Ich mag geräucherten Aal«, antwortete Olver tapfer. Und dann fügte er in düsterem Tonfall hinzu: »Sie könnte vielleicht etwas hineintun.« Sein Blick folgte Aviendha bei jeder Bewegung, und er schien auch gegen die Jägerin eingenommen, vielleicht weil sie viel Zeit mit freundlichem Geplauder mit den Aielfrauen verbrachte. Aviendha mußte den Blick des Jungen gespürt haben, weil sie ihn schließlich ansah und die Stirn runzelte.
Mat wischte sich übers Kinn, schaute zum Feuer der Aes Sedai und bemerkte, daß Jaem nicht da war. Vanin murrte, weil er noch einmal hinausgeschickt wurde, aber Mat tat dies aus demselben Grund, weshalb er den Mann den Tag über, obwohl Jaem das gleiche tat, hatte vorausgehen und die Gegend erkunden lassen. Er wollte sich nicht auf das verlassen, was die Aes Sedai ihm mitzuteilen beliebten. Er hätte Nynaeve vielleicht vertraut — er glaubte nicht, daß sie ihn tatsächlich belügen würde; Nynaeve war als Seherin auf Lügner stets schlecht zu sprechen gewesen —, aber sie spähte ständig auf sehr mißtrauische Art über Adeleas' Schulter zu ihm hinüber.
Zu seiner Überraschung erhob sich Elayne, sobald sie ihre Mahlzeit beendet hatte, und glitt über die unsichtbare Linie. Einige Frauen schienen einfach über den Boden zu schweben. »Wollt Ihr mich begleiten, Meister Cauthon?« fragte sie kühl. Nicht wirklich höflich, aber auch nicht grob.
Er bedeutete ihr vorauszugehen, und sie schwebte in den mondbeschienenen Wald jenseits der Wachen. Das goldene Haar fiel um ihre Schultern, umrahmte ein Gesicht, das jeden Mann anzog, und das Mondlicht dämpfte ihre Anmaßung. Wenn sie etwas anderes gewesen wäre, als sie war... Und er meinte damit nicht, daß sie eine Aes Sedai war oder daß sie zu Rand gehörte. Dann begann Elayne zu sprechen, und er vergaß alles andere.
»Ihr besitzt ein Ter'angreal«, sagte sie ohne lange Vorrede und ohne ihn anzusehen. Sie schwebte einfach dahin, ließ die Blätter auf dem Boden rascheln, als erwarte sie von ihm, daß er ihr wie ein Jagdhund folgte. »Einige glauben, daß Ter'angreals rechtmäßig den Aes Sedai gehören, aber ich verlange nicht von Euch, es mir auszuhändigen. Niemand wird es Euch nehmen. Diese Dinge müssen jedoch überprüft werden. Daher möchte ich, daß Ihr mir das Ter'angreal jeden Abend überlaßt, wenn wir rasten. Ich werde es Euch jeden Morgen wiedergeben, bevor wir aufbrechen.«
Mat sah sie von der Seite an. Sie meinte es zweifellos ernst. »Es ist sehr freundlich von Euch, daß Ihr mir lassen wollt, was mir gehört. Aber was führt Euch zu dem Glauben, daß ich eines besitze, eines dieser ... wie habt Ihr es genannt? Ein Ter-sowieso?«
Oh, sie erstarrte bei diesen Worten tatsächlich und sah ihn argwöhnisch an. Er war überrascht, keine Funken aus ihren Augen sprühen zu sehen, die die Nacht erleuchteten. Aber ihre Stimme war reinstes, kristallklares Eis. »Ihr wißt sehr wohl, was ein Ter'angreal ist, Meister Cauthon. Ich hörte Moiraine im Stein von Tear mit Euch darüber sprechen.«
»Im Stein?« fragte er sanft. »Ja, ich erinnere mich an den Stein. Wir hatten dort alle eine schöne Zeit. Erinnert Ihr Euch an etwas, das Euch ein Recht gibt, Forderungen an mich zu stellen? Ich nicht. Ich bin nur hier, um Euch und Nynaeve davor zu bewahren, in Ebou Dar Schaden zu erleiden. Ihr könnt Rand nach dem Ter'angreal fragen, wenn ich Euch seiner Obhut übergebe.«
Sie sah ihn einen langen Moment an, als wollte sie ihn mit Willenskraft niederstrecken, wandte sich dann aber wortlos auf dem Absatz um. Er folgte ihr zum Lager zurück und war überrascht, sie die Reihe der angepflockten Pferde entlanggehen zu sehen. Sie begutachtete die Feuer und die ausgelegten Decken und schüttelte beim Anblick der Essensreste der Reiter den Kopf. Er hatte keine Ahnung, was sie vorhatte, bis sie mit hocherhobenem Kinn zu ihm zurückkam.
»Eure Männer haben ihre Sache sehr gut gemacht, Meister Cauthon«, sagte sie so laut, daß jedermann sie hören konnte. »Ich bin ganz allgemein überaus zufrieden. Aber wenn Ihr richtig vorausgeplant hättet, müßten die Männer keine Nahrung herunterschlingen, die sie heute nacht wachhalten wird. Dennoch — Ihr habt Eure Aufgabe insgesamt gut erfüllt. Und sicherlich werdet Ihr in Zukunft vorausdenken.« Sie kehrte so kühl, wie man es sich nur vorstellen konnte, zu ihrem Feuer zurück, bevor er ein Wort sagen konnte, so daß er ihr nur hinterherstarrte.
Aber wäre das alles gewesen — daß die verdammte Tochter-Erbin ihn für einen ihrer Untergebenen hielt und Nynaeve und sie selbst Vandene und Adeleas gegenüber verschlossen waren —, dann hätte er einen Freudentanz aufgeführt. Aber unmittelbar nach Elaynes Weggang wurde der Fuchskopf, noch bevor Mat überhaupt seine Decken erreichen konnte, kalt.