Выбрать главу

Er war so erschrocken, daß er am Fleck stehenblieb und auf seine Brust hinabstarrte, bevor er auch nur daran dachte, zum Feuer der Aes Sedai zu schauen.

Sie standen, einschließlich Aviendha, an der unsichtbaren Linie aufgereiht. Elayne murmelte etwas Unverständliches, und die beiden weißhaarigen Aes Sedai nickten, während Adeleas unaufhörlich einen Federhalter in ein Tintenfaß an ihrem Gürtel tauchte und in einem kleinen Buch Notizen machte. Nynaeve zog an ihrem Zopf und murmelte vor sich hin.

Es dauerte nur wenige Augenblicke. Dann verging die Kälte, und die Frauen kehrten, leise miteinander sprechend, zu ihrem Feuer zurück. Hin und wieder schaute eine von ihnen in seine Richtung, bis er sich schließlich hinlegte.

Am zweiten Tag gelangten sie auf eine Straße, und Jaem legte seinen die Farbe verändernden Umhang ab. Die Straße bestand aus festgetretener Erde, durch die manchmal alte Pflastersteine hindurchschimmerten, aber sie kamen auch hier nicht wesentlich schneller voran, da sich die Straße durch eine zunehmend hügeligere Waldlandschaft schlängelte. Einige jener Hügel verdienten es, zumindest als kleine Berge bezeichnet zu werden, gezackte Erhebungen mit kahlen Klippen und aus dem Wald herausragenden felsigen Spitzen. Ein schmaler, aber beständiger Strom von Menschen eilte in beide Richtungen, hauptsächlich Gruppen verwahrloster Gestalten mit ausdruckslosen Gesichtern, die kaum genug Verstand zu haben schienen, dem hochrädrigen Ochsenkarren eines Bauern aus dem Weg zu gehen, und noch viel weniger einem Händlerzug mit seinen Planwagen, die, von sechs oder acht Pferden gezogen, eilig dahinfuhren. Bauernhöfe und Scheunen aus hellem Stein klebten an den Hängen der Hügel, und am Mittag des dritten Tages sahen sie das erste Dorf mit weiß verputzten Häusern, deren flache Dächer mit rötlichen Ziegeln gedeckt waren.

Aber die Nadelstiche blieben. Elayne behielt ihre abendlichen Besichtigungen bei. Als er sarkastisch bemerkte, er sei froh, daß sie zufrieden sei — es war in der zweiten Nacht, in der sie seitlich der Straße lagerten —, lächelte sie eines dieser bewußt erhabenen Lächeln und sagte: »Das solltet Ihr auch sein, Meister Cauthon«, wodurch der Eindruck erweckt wurde, er habe jedes Wort ernst gemeint!

Als sie in Gasthöfen rasteten, besichtigte sie die Pferde in den Ställen und die Schlafplätze der Reiter auf den Heuböden. Die Bitte an sie, dies nicht mehr zu tun, brachte ihm nur eine kühl gewölbte Augenbraue, aber keine Antwort ein. Der Befehl, es nicht mehr zu tun, brachte ihm nicht einmal die gewölbte Augenbraue ein. Sie ignorierte ihn einfach vollkommen. Sie forderte ihn auf, Dinge zu tun, die er bereits selbst zu tun beschlossen hatte — wie, zum Beispiel, beim ersten Gasthof, wo es einen Hufschmied gab, alle Pferdehufe überprüfen zu lassen. Noch schmerzlicher war, daß sie ihn auch aufforderte, Dinge zu tun, um die er sich gekümmert hätte, wenn er vor ihr davon gewußt hätte. Mat konnte sich nicht vorstellen, wie sie herausbekommen hatte, daß Tad Kandel einen Furunkel an seinem Gesäß zu verbergen versuchte, oder daß Lawdrin Mendair nicht weniger als fünf Flaschen Brandy in seinen Satteltaschen versteckte. Er war mehr als verärgert, Dinge tun zu müssen, nachdem sie ihn dazu aufgefordert hatte, aber Kandels Furunkel mußte herausgeschnitten und Mendairs Brandy ausgegossen werden, und noch ein Dutzend andere Dinge mußten erledigt werden.

Mat betete inständig, daß sie ihm einmal etwas auftrug, was nicht getan werden mußte, nur einmal, damit er es ihr verweigern konnte. Nachdrücklich, vollkommen verweigern konnte! Die Herausgabe des Ter'angreals abermals zu fordern, wäre der krönende Höhepunkt gewesen, aber sie erwähnte es niemals wieder. Er erklärte den Reitern, daß sie nicht verpflichtet seien, ihr zu gehorchen, aber sie begannen erfreut zu lächeln, wenn sie ihnen Komplimente darüber machte, wie gut sie sich um ihre Pferde kümmerten, und streckten die Brust heraus, wenn sie ihnen sagte, sie machten einen guten Eindruck auf sie. An jenem Tag, an dem er Vanin vor ihr die Hand an die Stirn legen sah und ihn ohne die leiseste Spur von Ironie »Vielen Dank, Mylady« murmeln hörte —, an diesem Tag verschluckte Mat sich fast an seiner Zunge.

Er versuchte, freundlich zu sein, aber keine der Frauen reagierte darauf. Aviendha belehrte ihn, daß er keine Ehre besäße, und wenn er Elayne nicht mehr Respekt erweisen könne, würde sie es selbst übernehmen, ihn Respekt zu lehren. Aviendha! Die Frau, der er noch immer unterstellte, daß sie nur auf eine Gelegenheit wartete, Elayne die Kehle durchzuschneiden! Sie nannte Elayne ihre Nächst-Schwester! Vandene und Adeleas starrten ihn an, als wäre er ein seltener, auf ein Brett aufgespießter Käfer. Er erbot sich, mit der Jägerin Schießübungen zu veranstalten — der Bogen, den sie trug, mußte ihre Phantasie angeregt haben; ihr Name als Jägerin war Birgitte —, aber sie sah ihn nur sehr eigenartig an und lehnte höflich ab. Danach mied sie ihn. Sie hing wie ein Mühlstein an Elayne, außer wenn diese in seine Nähe kam. Und Nynaeve...

Sie mied ihn schon den ganzen Weg seit Salidar, als würde er schlecht riechen. Am dritten Abend ihrer Reise, der ersten in einem Gasthaus, einem kleinen Haus namens Der Hochzeitsdolch, sah Mat sie im Stall eine verschrumpelte Möhre an ihre gedrungene Stute verfüttern, und er beschloß, daß er mit ihr zumindest über Bode sprechen könnte. Nicht jeden Tag ging die Schwester eines Mannes davon, um eine Aes Sedai zu werden, und Nynaeve würde wissen, was Bode zu bewältigen hatte. »Nynaeve«, sagte er, während er auf sie zuging, »ich möchte mit Euch reden...« Aber weiter kam er nicht.

Sie sprang nahezu senkrecht in die Luft und kam mit geballter Faust wieder zum Stehen, obwohl sie sie sofort in den Falten ihrer Röcke verbarg. »Laßt mich in Ruhe, Mat Cauthon«, sagte sie deutlich hörbar. »Hört Ihr mich? Laßt mich in Ruhe!« Und sie floh, zwängte sich an ihm vorbei und bewegte sich dermaßen starr, daß er erwartete, ihr Zopf würde wie ein Katzenschwanz senkrecht in die Luft ragen. Ihrem Verhalten nach roch er nicht nur schlecht, sondern hatte bestimmt irgendeine Krankheit, die sowohl ekelerregend als auch ansteckend war. Wenn er auch nur in ihre Nähe zu kommen versuchte, versteckte sie sich hinter Elayne und starrte ihn über die Schulter hinweg an, beinahe so, als wollte sie ihm die Zunge herausstrecken. Frauen waren schlichtweg verrückt.

Zumindest waren Thom und Juilin bereit, den Tag über neben ihm zu reiten, wann immer Elayne nicht ihre Aufmerksamkeit forderte. Manchmal tat sie es, einfach um sie von ihm fernzuhalten, dessen war Mat sich sicher, obwohl er nicht ergründen konnte warum. Wenn sie ein Gasthaus gefunden hatten, teilten die beiden am Abend sehr gerne einen oder zwei Krüge Bier oder gewürzten Wein mit ihm und Nalesean. Es waren ländliche, ruhige Schankräume mit Ziegelsteinwänden, wo das einzige Vergnügen darin bestand, eine Tigerkatze zu beobachten, und die Wirtin selbst am Tisch bediente — unvermeidlicherweise eine Frau mit Hüften, die den Eindruck erweckten, als würde sich ein Mann bei dem Versuch hineinzukneifen die Finger brechen. Sie sprachen hauptsächlich über Ebou Dar, wovon Thom einiges wußte, obwohl er niemals dortgewesen war. Nalesean war jederzeit bereit, so oft von seinem dortigen Besuch zu erzählen, wie es gewünscht wurde, obwohl er sich lieber auf die Duelle und Pferdewetten beschränkt hätte, die er dort erlebt hatte. Juilin wußte Geschichten von Männern zu erzählen, die wiederum Männer kannten, die dort gewesen waren, Geschichten, die unglaublich klangen, bis Thom oder Nalesean sie bestätigten. Männer fochten in Ebou Dar Duelle um Frauen aus, und Frauen um Männer, und in beiden Fällen wurde der Preis — dieser Begriff wurde genannt — dem Sieger zugesprochen. Männer schenkten Frauen einen Dolch, wenn sie heirateten, und baten diese, sie damit zu töten, wenn sie ihnen mißfielen — ihnen mißfielen! —, und eine Frau, die einen Mann tötete, wurde als dazu berechtigt angesehen, es sei denn, es erwies sich etwas anderes. In Ebou Dar behandelten die Männer die Frauen mit Vorsicht und zwangen sich, über Dinge zu lächeln, derentwegen sie einen anderen Mann getötet hätten. Elayne würde es gefallen. Und Nynaeve ebenfalls.