Vandene schaute zu Adeleas. Elayne schaute zu Nynaeve. Und Aviendha sah ihn stirnrunzelnd an.
Er gab jedoch keiner von ihnen die Gelegenheit zu einer Erwiderung. »Thom, Juilin, was haltet ihr von einigen Bechern gewürztem Wein?« Vielleicht wäre Wasser besser. Er hatte niemals zuvor in seinem Leben soviel getrunken.
Thom schüttelte den Kopf. »Vielleicht später, Mat. Ich möchte in der Nähe bleiben, falls Elayne mich braucht.« Das fast väterliche Lächeln, das er ihr zugedachte, schwand, als er sah, daß sie Mat verdutzt ansah. Juilin lächelte nicht — er lächelte nur noch selten —, aber auch er meinte, er wolle in der Nähe bleiben und würde vielleicht später mitkommen.
»Wie ihr wollt«, sagte Mat und setzte sich seinen Hut wieder auf. »Vanin. Vanin!« Der dicke Mann schrak zusammen und unterbrach seine Anbetung Elaynes. Tatsächlich errötete er! Licht, die Frau übte einen schlechten Einfluß auf ihn aus.
Als Mat Pips umwandte, erklang Elaynes Stimme in seinem Rücken, die noch bereitwilliger klang als am Morgen. »Ihr werdet sie nicht zuviel trinken lassen, Meister Cauthon. Einige Männer wissen nicht, wann sie aufhören müssen. Und Ihr solltet sicherlich nicht zulassen, daß ein kleiner Junge betrunkene Männer sieht.«
Er knirschte mit den Zähnen und ritt weiter über den Platz, ohne zurückzuschauen. Olver sah ihn an. Er würde die Männer warnen müssen, sich nicht vor dem Jungen zu betrinken, besonders Mendair. Licht, wie er es haßte, wenn sie ihm sagte, was er tun sollte!
Das Gasthaus hieß Die Wanderin, aber das Schild über der Tür und der Schankraum versprachen alles, wonach es Mat verlangte. In dem Raum mit der hohen Decke und den breiten Bogenfenstern war es sicherlich kühler als draußen. Die Läden wiesen anscheinend mehr Löcher als Holz auf, aber sie spendeten dem Raum dennoch Schatten. Fremde saßen zwischen Einheimischen, ein schlaksiger Murandianer mit gedrehtem Schnurrbart, ein gedrungener Kandori mit zwei Silberketten über der Vorderseite seines Umhangs und andere, die Mat nicht sofort erkannte. Schwacher Pfeifendunst erfüllte die Luft, und zwei Frauen, die auf schrillen Flöten spielten und ein Bursche mit einer Trommel zwischen den Knien boten eine seltsame Musik dar. Das beste war aber, daß die Schankmädchen hübsch waren und an vier Tischen Männer würfelten. Der Kandori-Händler spielte Karten.
Die stattliche Wirtin stellte sich als Setalle Anan vor, obwohl sie mit ihren haselnußbraunen Augen niemals in Ebou Dar geboren sein konnte. »Mylords.« Große goldene Ringe in ihren Ohren schwangen mit, als sie vor Mat und Nalesean den Kopf beugte. »Darf Die Wanderin Euch bescheidene Unterkunft bieten?«
Sie war trotz einer Spur Grau im Haar hübsch, aber Mat beobachtete ihre Augen. An einer engen Halskette trug sie einen Hochzeitsdolch, dessen Heft mit roten und weißen Steinen sich zwischen ihre üppigen Brüste schmiegte, und auch an ihrem Gürtel steckte einer jener gebogenen Dolche. Er konnte dennoch nicht umhin zu grinsen. »Herrin Anan, ich habe das Gefühl, nach Hause gekommen zu sein.«
Das Seltsame war, daß der Würfel in seinem Kopf aufgehört hatte umherzurollen.
48
Auf dem Dolch ausruhen
Nynaeve kletterte aus der großen Kupferwanne, ein weißes Handtuch um den Kopf geschlungen, und trocknete sich langsam ab. Die rundliche, grauhaarige Dienerin wollte ihr beim Anziehen helfen, aber Nynaeve schickte sie fort, achtete nicht auf bestürzte Blicke und Einwände, sondern zog sich selbst mit großer Sorgfalt an und betrachtete sich in dem dunkelgrünen Gewand mit dem breiten Kragen aus heiler Merada-Spitze in dem hohen, schmalen Standspiegel. Lans schwerer goldener Ring ruhte in ihrer Tasche —sie sollte besser nicht daran denken — zusammen mit dem gewundenen Ring-Ter'angreal, und die Große Schlange schimmerte golden um den dritten Finger ihrer rechten Hand. Ihre rechte Hand. Sie sollte auch daran besser nicht denken.
Die hohe Decke war mit einem blauen Himmel und weißen Wolken hübsch bemalt, und auch wenn die Möbel auf beunruhigend großen vergoldeten Löwenfüßen standen und die schmalen Bettpfosten und Stuhlbeine für ihren Geschmack zu viele Verzierungen und Gold aufwiesen, war dies dennoch ein behaglicherer Raum, als sie ihn seit langer Zeit bewohnt hatte. Ein freundlicher Raum. Angenehm kühl. Sie versuchte, sich zu beruhigen.
Es gelang ihr natürlich nicht. Sie hatte die Gewebe Saidars gespürt, und sobald sie aus ihrem Schlafzimmer trat, bemerkte sie den unsichtbaren Schutzschirm erneut, den Elayne geschaffen und um das Wohnzimmer gelegt hatte. Birgitte und Aviendha waren ebenfalls bereits dort, alle frisch gebadet und mit sauberer Kleidung.
In einer, wie Birgitte behauptete, eher zufälligen Anordnung flankierten vier Schlafräume den Wohnraum, der ebenfalls eine mit Himmel und Wolken bemalte Decke aufwies. Vier hohe Bogenfenster führten auf einen breiten Balkon mit einem weiß gestrichenen schmiedeeisernen Gitter, das so verschlungen gearbeitet war, daß sie ungesehen vom Balkon auf den Mol Hara-Platz vor dem Palast hinabspähen konnten. Eine schwache Brise wehte durch die Fenster herein, die den salzigen Geruch des Meeres und verwunderlicherweise auch ein wenig Kühle mit sich brachte. Verärgerung störte Nynaeves Konzentration. Sie hatte die Hitze schon kurz nach ihrer Ankunft im Tarasin-Palast gespürt.
Thom und Juilin war ein Raum irgendwo bei den Quartieren der Diener zugewiesen worden, was Elayne tatsächlich mehr zu verärgern schien als einen der Männer. Thom hatte wahrhaftig darüber gelacht. Aber er konnte es sich auch leisten.
»Probiere einmal diesen ausgezeichneten Tee, Nynaeve«, sagte Elayne und legte eine weiße Servierte über blau schimmernde Seidenröcke. Wie alles andere in dem Wohnraum wies auch ihr breiter Sessel vergoldete Füße sowie weitere Vergoldungen an der über ihrem Kopf aufragenden Rückenlehne auf. Aviendha saß neben ihr auf dem Boden, die Beine unter einem hochgeschlossenen Gewand eingeschlagen, das fast zu den hellgrünen Fliesen paßte. Ihre verschlungene silberne Halskette paßte sehr gut zu dem Gewand. Nynaeve glaubte nicht, daß sie die Aielfrau auch nur einmal in einem Sessel sitzen gesehen hatte. Sie war in den beiden Gasthäusern sicherlich angestarrt worden.
»Minze und Schellbeeren«, fügte Birgitte Elaynes Aufforderung hinzu, während sie eine weitere zart vergoldete Porzellantasse füllte. Birgitte trug eine weite graue Hose und eine kurze blaue Jacke. Sie trug gelegentlich auch Kleider, aber bei ihrem Geschmack war Nynaeve froh, daß sie es nur selten tat. Alle drei hatten sich sorgfältig zurechtgemacht aber niemand wollte sie.
Der Silberkrug schimmerte matt, und der Tee war angenehm kalt und erfrischend. Nynaeve bewunderte Elaynes kühles und trockenes Gesicht. Sie selbst fühlte sich trotz der leichten Brise schon wieder verschwitzt. »Ich muß sagen«, murmelte sie, »daß ich einen anderen Empfang erwartet hatte.«
»Tatsächlich?« fragte Elayne. »Nach der Behandlung durch Vandene und Adeleas?«
Nynaeve seufzte. »Also gut, ich hatte es gehofft. Ich bin endlich eine wahre Aes Sedai, aber niemand scheint es zu glauben. Ich hatte wirklich gehofft, daß es anders würde, wenn wir Salidar erst einmal verlassen hätten.«
Ihr Treffen mit Merilille Ceandevin war nicht gut verlaufen — vor allem, wie man sie ihr vorgestellt hatte. Vandene hatte sich dieser Aufgabe äußerst oberflächlich entledigt, und dann wurden sie entlassen, fortgeschickt, damit sich die wahren Aes Sedai unterhalten konnten. Merilille hatte gemeint, sie würden sich sicherlich erfrischen wollen, aber es war eine Entlassung, die ihnen die Wahl gelassen hatte, entweder wie gehorsame Aufgenommene zu gehen oder sich wie launische Kinder zu weigern. Schon die Erinnerung nahm Nynaeve jegliche Ruhe. Schweiß begann ihr Gesicht herabzulaufen.