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Sie sah ihn mit großen Augen an, riß sich sichtlich zusammen, aber in ihrem Blick stand nun eindeutige Feindseligkeit. Schließlich sagte sie: »Wenig genug.« Sie würde nie vergessen, daß er beobachtete hatte, wie sie die Selbstbeherrschung verlor. Nichts von ihrem Zorn schwang allerdings in ihrer Stimme mit; die war so kühl und beherrscht wie immer. Es klang sogar etwas nach Plauderton: »Semirhage war nicht bei der letzten Versammlung anwesend. Ich weiß nicht, warum. Ich glaube auch nicht, daß Mesaana oder Demandred den Grund kennen. Besonders Mesaana war verstört deshalb, obwohl sie versucht hat, es zu verbergen. Sie glaubt, Lews Therin werde sich schon bald in unseren Händen befinden, aber das hat sie andererseits ja schon immer behauptet. Sie war sicher, daß Be'lal ihn in Tear töten oder gefangennehmen würde. Sie war so stolz auf diese Falle. Demandred läßt dir ausrichten, du solltest dich gut in acht nehmen.«

»Also weiß Demandred, daß wir beide uns treffen«, sagte er mit ausdrucksloser Stimme. Wieso hatte er eigentlich je erwartet, mehr als die anderen für sie zu sein?

»Natürlich weiß er das. Nicht, wieviel ich dir sage, aber daß ich dir einiges berichte. Ich versuche, uns alle zusammenzuführen, Sammael, bevor es zu...«

Er unterbrach sie in scharfem Tonfalclass="underline" »Dann überbringe Demandred eine Botschaft von mir. Sag ihm, ich wisse genau, was er plant.« Gewisse Ereignisse im Süden zeigten deutlich Demandreds Handschrift. Demandred hatte immer gern seine Marionetten benützt. »Richte ihm aus, er solle vorsichtig sein. Ich werde nicht zulassen, daß er oder seine Freunde sich in meine Plane einmischen.« Vielleicht sollte er al'Thors Aufmerksamkeit darauf lenken. Das wäre dann vermutlich dessen Ende. Falls andere Mittel versagten. »Solange sie sich von mir fernhalten, können seine Lakaien anstellen, was sie wollen, aber sie werden sich aus meinen Plänen heraushalten, sonst bekommt er die Folgen zu spüren.« Es war ein langer Kampf gewesen, nachdem der Stollen in das Gefängnis des Großen Herrn fertiggestellt war, viele Jahre lang, bis sie stark genug gewesen waren, um offen aufzutreten. Diesmal würde er dem Großen Herrn beim Brechen des letzten Siegels ganze Nationen übergeben, die bereit waren, ihm zu folgen. Und wenn sie auch nicht wußten, wem sie da eigentlich gehorchten, spielte das überhaupt keine Rolle. Er würde nicht versagen, so wie Be'lal und Rahvin. Der Große Herr würde schon merken, wer ihm am besten diente. »Richte ihm das aus!«

»Wie du wünschst«, sagte sie und verzog zweifelnd das Gesicht. Einen Augenblick später überzog dieses träge Lächeln wieder ihre Züge. Anpassungsfähig. »All diese Bedrohungen ermüden mich. Komm. Lausche der Musik und entspanne dich.« Er wollte ihr schon sagen, daß er sich nicht für Musik interessiere, wie sie sehr wohl wußte, aber sie wandte sich bereits wieder der Brüstung zu. »Hier sind sie. Hör zu.«

Das so sehr dunkelhäutige Paar stand jetzt am Fuße des Podestes. Sie hatten diese eigenartigen Harfen vor sich auf den Boden gestellt. Sammael vermutete, daß vor allem die Glöckchen ihrem Spiel die besondere Note verliehen, konnte den Unterschied aber nicht genau definieren. Sie strahlten hingebungsvoll zu Graendal hinauf, als sie bemerkten, daß sie beobachtet wurden.

Graendal befolgte ihren eigenen Rat, ihnen zu lauschen, jedoch nicht und fuhr statt dessen fort: »Sie kommen aus einer wirklich seltsamen Gegend. Dort verlangt man von Frauen, die mit der Macht umgehen können, daß sie die Söhne anderer Frauen heiraten, die dieses Talent ebenfalls besitzen, und das Zeichen für ihre Abstammung wird ihnen bei ihrer Geburt auf das Gesicht tätowiert. Niemand mit einer dementsprechenden Tätowierung darf jemanden ohne eine solche heiraten, und jedes aus einer verbotenen Verbindung stammende Kind wird getötet. Männer mit der Tätowierung werden ohnehin in ihrem einundzwanzigsten Lebensjahr getötet, nachdem man sie vorher von der Welt abgeschieden aufgezogen hat, wo sie nicht einmal Schreiben und Lesen lernten.«

Also war sie doch wieder auf dieses Thema zurückgekommen. Sie mußte ihn wirklich für einfältig halten. So beschloß er, selbst einen kleinen Köder auszuwerfen. »Müssen sie sich wie Kriminelle verschwören, aneinanderbinden?«

Erstaunen überflog ihr Gesicht einen Moment lang und wurde schnell wieder unterdrückt. Offensichtlich hatte sie darüber gar nicht nachgedacht, und es gab ja an sich auch keinen Grund dafür. Nur wenige Menschen ihrer Zeit hatten je ein Gewaltverbrechen begangen, geschweige denn mehrere. Zumindest vor der Zeit der Bohrung. Natürlich gab sie ihre Unkenntnis nicht zu. Es gab Zeiten, da es am besten war, einen Mangel an Kenntnissen zu verbergen, doch Graendal trieb das schon bis zum Exzeß. Deshalb hatte er seine Bemerkung losgelassen. Er wußte, es würde an ihr nagen, und das geschah ihr recht, wenn sie nur solche nutzlosen Kleinigkeiten von sich geben konnte.

»Nein«, antwortete sie, als habe sie alles verstanden. »Die Ayyad, wie sie sich nennen, wohnen für sich in ihren kleinen Städten und meiden alle anderen. Angeblich gebrauchen sie die Macht niemals ohne Erlaubnis oder direkten Befehl des Sh'botay oder der Sh'boan. Diese stellen die eigentliche Macht im Lande dar, und deshalb läßt man den Sh'botay und die Sh'boan auch nur jeweils sieben Jahre lang regieren.« Einen Augenblick lang mußte sie herzlich lachen. Sie hatte immer nur die heimliche Macht hinter der offiziellen sein wollen. »Ja, ein faszinierendes Land. Natürlich liegt es zu weit vom Mittelpunkt der Ereignisse entfernt und wird deshalb auf viele Jahre hinaus noch keine Bedeutung erlangen.« Sie winkte mit ihren beringten Finger leicht ab. »Es wird nach dem Tag der Wiederkehr noch genug Zeit sein, um zu sehen, was man aus ihnen machen kann.«

Ja, sie wollte ihn offensichtlich davon überzeugen, daß ihr einiges daran lag. Wäre das wirklich der Fall gewesen, hätte sie dieses Land aber niemals auch nur erwähnt. Er stellte seinen unberührten Kelch auf das Tablett, das der muskulöse Bursche ihm blitzschnell hinhielt, bevor er die Bewegung noch vollendet hatte. Graendal bildete ihre Diener wirklich gut aus. »Ich bin sicher, daß ihre Musik faszinierend wirkt...« — falls man etwas dafür übrig hatte —, »aber ich muß nun einige Vorbereitungen treffen.«

Graendal legte eine Hand auf seinen Arm. »Sorgfältige Vorbereitungen, wie ich hoffe? Der Große Herr wird nicht erfreut sein, wenn du seine Pläne durcheinanderbringst.«

Sammaels Mundpartie spannte sich an. »Ich habe alles mögliche getan, außer natürlich mich zu ergeben, um al'Thor zu überzeugen, daß ich keine Gefahr für ihn darstelle, aber der Mann verfolgt mich wie ein Besessener.«

»Du könntest Illian ja aufgeben und woanders neu anfangen.«

»Nein!« Er war nie vor Lews Hierin geflohen, und er würde auch vor diesem provinziellen Emporkömmling nicht fliehen. Der Große Herr konnte doch wohl nicht vorhaben, einen wie den über die Auserwählten zu stellen! Über ihn! »Du hast mir also alle Befehle des Großen Herrn wiedergegeben?«

»Ich hasse es, mich wiederholen zu müssen, Sammael.« In ihrer Stimme lag eine Andeutung von Verbitterung und in ihrem Blick eine Spur von Zorn. »Wenn du mir beim erstenmal nicht geglaubt hast, wirst du mir auch jetzt nicht glauben.«

Er blickte sie noch einen Augenblick länger an und rückte dann abrupt. Höchstwahrscheinlich hatte sie die Wahrheit gesagt, denn eine Lüge in bezug auf den Großen Herrn würde mit tödlicher Sicherheit auf sie zurückfallen. »Ich sehe keinen Grund, uns wiederzutreffen, bis du mir etwas Wichtigeres mitzuteilen hast als die Tatsache, ob Semirhage zum Treffen kam oder nicht.« Ein kurzes Stirnrunzeln bei einem letzten Blick auf die Harfner sollte reichen, sie davon zu überzeugen, daß ihr Ablenkungsmanöver erfolgreich gewesen sei. Dann wanderte sein Blick mißbilligend über die Gestalten, die in den Becken herumplanschten, die Akrobaten und alle anderen, damit seine Absicht den anderen gegenüber nicht zu offensichtlich wurde. All diese verschwendete Mühe, diese Zurschaustellung von Haut, ekelte ihn wirklich an. »Das nächstemal kannst du ja nach Illian kommen.«