Nynaeve nickte, obwohl ein Teil ihres Verstands monierte, es sei nicht dasselbe. Man hatte Rand gesagt, Elayne befinde sich in Sicherheit bei Aes Sedai, wenn auch nicht wo. Wie konnte sich Rand aber jemals wirklich in Sicherheit befinden? Sie beugte sich über das Waschbecken und Lans Ring rutschte ihr aus dem Hemd und baumelte an der Lederkordel über dem Wasser. Nein, Elayne hatte doch recht. Was Lan auch gerade tun mochte, wo er sich auch befand: sie bezweifelte, daß er auch nur halb so oft an sie dachte, wie sie an ihn. Licht, hilf, daß er am Leben bleibt, und wenn er überhaupt nicht mehr an mich denkt! Diese Möglichkeit erzürnte sie dermaßen, daß sie wohl ihren Zopf mitsamt der Haarwurzeln herausgerissen hätte, hätte sie nicht einen seifigen Waschlappen in den nassen Händen gehalten. »Du kannst dich nicht bloß die ganze Zeit mit einem Mann beschäftigen«, sagte sie tadelnd, »selbst wenn du zu den Grünen gehen willst. Was haben sie letzte Nacht alles herausgefunden?«
Es war eine lange Geschichte, aber eigentlich recht dünn, und nach einer Weile setzte sich Nynaeve auf Elaynes Bett, hörte weiter zu und stellte Fragen. Nicht, daß die Antworten sehr aufschlußreich gewesen wären. Es war einfach nicht das gleiche, als die Dokumente selbst ansehen zu können. Alles schön und gut, wenn sie erfuhr, daß Elaida nunmehr von Rands Amnestie erfahren hatte, aber was würde sie deshalb unternehmen? Der Beweis, daß die Burg in Kontakt mit einigen Herrschern getreten war, mochte sich als gute Nachricht herausstellen, denn das würde die Aes Sedai in Salidar endlich zu größerer Eile und Entschlußfreudigkeit antreiben. Irgend etwas mußte sie aufwecken. Daß Elaida eine Delegation zu Rand schickte, war sicher Grund zur Sorge, doch konnte er ein solcher Narr sein, auf jemanden zu hören, die von Elaida gesandt wurde? Doch wohl nicht, oder? Aus dem, was Elayne mitbekommen hatte, war einfach nicht mehr herauszulesen. Und was sollte das mit diesem Extra-Podest, auf den Rand den Löwenthron hatte stellen lassen? Was fing er denn überhaupt mit einem Thron an? Er mochte ja der Wiedergeborene Drache sein und dieser Aiel Car-irgendwas, aber sie kam nicht darüber hinweg, daß sie ihn als Kind oft zur Pflege gehabt und ihm den Hintern versohlt hatte, wenn es nötig war.
Elayne fuhr fort, sich anzuziehen, und sie war damit eher fertig als mit ihrer Geschichte. »Ich erzähle dir den Rest später«, sagte sie schnell und war schon aus der Tür.
Nynaeve knurrte und kleidete sich dann ohne Eile fertig an. Elayne unterrichtete heute zum erstenmal Novizinnen, was man Nynaeve bisher noch nicht gestattet hatte. Aber wenn man ihr schon keine Novizinnen anvertraute, war da ja immer noch Moghedien. Sie würde sicher bald mit den Frühstücksvorbereitungen fertig sein.
Das Dumme war nur: Als Nynaeve die Frau aufspürte, steckte Moghedien bis zu den Ellbogen im Waschwasser. Das silberne Halsband des A'dam wirkte in diesem Moment besonders deplaziert. Sie war nicht allein; ein Dutzend weiterer Frauen arbeitete hingebungsvoll an Waschbrettern in einem Hof, der von einem Holzzaun umgeben war, zwischen dampfenden Kesseln mit heißem Wasser. Andere Frauen hängten bereits die erste Tageswäsche an langen Leinen auf, die man über Stangen gezogen hatte, aber trotzdem warteten noch ganze Stapel von Bettwäsche und Unterwäsche und allen möglichen Kleidungsstücken und Tischdecken darauf, auf die Waschbretter zu wandern. Der Blick, den Moghedien Nynaeve zuwarf, hätte ausreichen sollen, ihr die Haare vom Kopf zu sengen. Haß, Scham und blanke Wut kamen durch den A'dam zu ihr herüber, beinahe genug, um die allgegenwärtige Furcht zu verdrängen.
Nildra, die Frau, die hier die Leitung innehatte, grauhaarig und hager wie ein Stock, eilte heran. Sie hielt einen Rührlöffel wie ein Szepter in der Hand und hatte den dunklen Wollrock bis zu den Knien hochgebunden, damit er nicht immer über den vom überlaufenden Waschwasser matschigen Boden schleifte. »Guten Morgen, Aufgenommene. Ich schätze, Ihr wollt Marigan holen, eh?« In ihrem Tonfall schwang durchaus Respekt mit, aber auch das Wissen darum, daß morgen schon vielleicht jede der Aufgenommenen einen Tag oder auch einen Monat lang zum Waschdienst eingeteilt sein konnte und dann genauso hart arbeiten mußte und genauso schikaniert wurde wie die anderen, wenn nicht noch mehr. »Also, ich kann sie noch nicht gehen lassen. Ich habe nicht genug Frauen da, wie die Lage aussieht. Eines meiner Mädchen heiratet heute, eine andere ist weggelaufen, und zwei dürfen nur leicht arbeiten, weil sie schwanger sind. Myrelle Sedai hat mir gesagt ich könne sie haben. Vielleicht kann ich sie in ein paar Stunden entbehren. Wir werden sehen.«
Moghedien richtete sich auf und öffnete den Mund, aber Nynaeve brachte sie mit einem harten Blick zum Schweigen — nebst einem auffälligen Griff zum Armband des A'dam an ihrem Handgelenk —, und sie widmete sich wieder ihrer Arbeit. Alles, was notwendig war, wären ein paar falsche Worte von Moghedien, eine Klage, wie sie keine Bauersfrau äußern würde, und diese Rolle spielte sie ja nun, um sie auf den Weg zur Dämpfung und zum Henker zu bringen. Nynaeve und Elayne würde es dann nicht viel besser ergehen. Nynaeve atmete unwillkürlich erleichtert auf, als sich Moghedien wieder über das Waschbrett beugte. Ihr Mund bewegte sich, aber sie fluchte nur unhörbar vor sich hin. Immense Scham und blanke Wut durchströmten den A'dam.
Nynaeve brachte ein Lächeln in Nildras Richtung zustande und murmelte etwas Unverbindliches — sie wußte selbst nicht genau, was — und marschierte weiter zu einer der öffentlichen Küchen, um sich etwas zum Frühstücken zu holen. Wieder Myrelle. Sie fragte sich, ob die Grüne irgend etwas gegen sie persönlich habe. Sie fragte sich auch, ob sie auf Dauer einen übersäuerten Magen davontragen werde, wenn sie immer auf Moghedien aufpassen mußte. Seit sie der Frau den A'dam angelegt hatte, schluckte sie praktisch ihre Magenmedizin wie andere Bonbons.
Es war nicht schwierig, einen kleinen Tonkrug voll Tee mit Honig zu bekommen, und dazu ein Brötchen, das noch heiß war vom Backofen, aber sobald sie beides hatte, ging sie weiter und aß im Gehen. Schweißperlen standen auf ihrem Gesicht. Selbst zu dieser frühen Stunde wuchs die Hitze ständig an und die Luft war trocken. Die aufgehende Sonne erstrahlte wie eine Kuppel aus geschmolzenem Gold über den Baumwipfeln.
Die Lehmstraßen waren gefüllt, und das war hier meistens so, wenn das Tageslicht ausreichte, um etwas zu sehen. Aes Sedai schritten gravitätisch vorbei, wobei sie Staub und Hitze ignorierten, geheimnisvolle Mienen und geheimnisvolle Aufträge, manchmal mit Behütern auf den Fersen, Wölfen mit kalten Augen, die vergeblich vorgaben, zahm zu sein. Überall waren Soldaten, gewöhnlich in Gruppen marschierend oder reitend. Allerdings verstand Nynaeve nicht, wieso man sie hier auf die Straßen ließ, wenn sie doch draußen in den Wäldern ihre Lager aufgebaut hatten. Kinder rannten umher und äfften häufig die Soldaten nach, indem sie Stöcke statt Schwerter und Piken gebrauchten. Weißgekleidete Novizinnen eilten durch die Menge, um ihren Aufgaben nachzugehen. Diener und Dienerinnen bewegten sich etwas langsamer, Frauen mit ganzen Armladungen von Bettlaken für die Aes Sedai oder mit Körben voll Brot aus den Backstuben. Männer, die hoch mit Feuerholz beladene Ochsenkarren führten, Truhen schleppten oder sich ganze ausgeweidete Schafe für die Küchen auf die Schultern geladen hatten. Salidar war nicht für so viele Menschen angelegt worden, und so platzte das Dorf beinahe aus allen Nähten.
Nynaeve ging weiter. Der Tag einer Aufgenommenen gehörte zumeist ihr selbst — außer, wenn sie Novizinnen unterrichten mußte —, damit sie studieren konnte, was immer sie sollte, allein oder mit einer Aes Sedai als Ausbilderin, aber eine Aufgenommene, die anscheinend nichts zu tun hatte, konnte jederzeit von irgendeiner Aes Sedai aufgegriffen und zum Arbeiten eingesetzt werden. Sie hatte nicht vor, den Tag damit zu verbringen, einer Braunen Schwester beim Katalogisieren von Büchern zu helfen oder die Notizen einer Grauen abzuschreiben. Sie haßte Abschreiben und all dieses Zungenschnalzen, wenn sie einen Klecks machte, und dieses enttäuschte Seufzen, wenn ihre Schrift nicht so sauber wie die einer Schreiberin war. Also spazierte sie geschäftig durch den Staub und die Menschenmenge und hielt nach Siuan und Leane Ausschau. Sie war wütend genug, um selbst die Macht zu gebrauchen, ohne durch Moghedien arbeiten zu müssen.