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Jedesmal, wenn sie sich des schweren Goldrings bewußt wurde, der zwischen ihren Brüsten hing, dachte sie: Er muß noch am Leben sein. Und sollte er mich auch vergessen haben, Licht, laß ihn überleben! Natürlich machte der letztere Gedanke sie noch wütender. Falls al'Lan Mandragoran auch nur wagte, daran zu denken, sie zu vergessen, würde sie ihm den Kopf zurechtrücken. Er mußte einfach noch am Leben sein. Behüter starben oftmals, wenn sie ihre Aes Sedai rächen wollten, denn es war so sicher wie der nächste Sonnenaufgang, daß kein Behüter irgend etwas zwischen sich und eine solche Vergeltung kommen lassen würde, aber in diesem Fall gab es keine Möglichkeit für Lan, Moiraine zu rächen. Genauso hätte Moiraine vom Pferd fallen und sich den Hals brechen können. Nein. Sie und Lanfear hatten einander getötet. Er mußte also noch leben. Und warum sollte sie Schuldgefühle in bezug auf Moiraines Tod empfinden? Sicher, dadurch war Lan für sie frei geworden, aber sie hatte ja nun wirklich nichts damit zu tun gehabt. Doch ihr erster Gedanke, als sie von Moiraines Tod erfahren hatte, war Freude gewesen, wenn auch nur ganz kurz, daß Lan nun frei war. Mitleid für Moiraine hatte sie nicht empfunden. Die Scham deswegen konnte sie noch nicht ablegen, und das steigerte ihren Zorn nur noch.

Plötzlich sah sie, wie Myrelle mit dem blonden Croi Makin, einem ihrer drei Behüter, die Straße entlangschlenderte. Der junge Mann an ihrer Seite war wohl fast überschlank, wirkte aber doch hart wie Felsgestein. Die Aes Sedai blickte entschlossen drein und zeigte nicht die geringste Auswirkung der Erlebnisse der letzten Nacht. Nichts hätte darauf hingedeutet, daß Myrelle nach ihr suchte, doch Nynaeve schlüpfte schnell in ein großes Steingebäude hinein, das einst eine der drei Schenken des ursprünglichen Salidar beherbergt hatte.

Den breiten Schankraum hatte man ausgeräumt und wie ein Empfangszimmer möbliert: die getünchten Wände und die hohe Decke ausgebessert, ein paar bunte Wandbehänge angebracht und auf dem Boden, der nicht mehr sehr splittrig wirkte, aber immer noch kein Bohnerwachs annahm, lagen einige farbige Läufer. Das schattige Innere wirkte nach der Hitze der Straße tatsächlich kühl. Oder wenigstens etwas kühler. Der Raum war allerdings nicht leer.

Logain stand überheblich vor einem der breiten, kalten Kamine, den Schwalbenschwanz seines goldbestickten roten Fracks nach hinten geschoben, und beobachtet wurde er aufmerksam von Lelaine Akaschi, deren blaugefranste Stola dem Ganzen einen offiziellen Anstrich verlieh. Sie war eine schlanke Frau, die stets einen Ausdruck von Würde und Eleganz verbreitete und zwischendurch auch einmal warmherzig lächeln konnte. Außerdem war sie eine der drei Sitzenden der Blauen Ajah im Burgsaal von Salidar. Heute allerdings fiel vor allem der durchdringende Blick auf, mit dem sie Logains Besucher musterte.

Es waren zwei Männer und eine Frau, prachtvoll in bestickte Seide gekleidet und mit Goldschmuck behängt. Alle drei ergrauten bereits, und einer der Männer war fast kahlköpfig, was er wohl durch seinen rechteckig geschnittenen Vollbart und den langen, gezwirbelten Schnurrbart wettzumachen versuchte. Sie waren mächtige Adlige aus Altara, die am Vortag mit starken Eskorten eingetroffen waren und sich gegenseitig offenbar mit dem gleichen Mißtrauen beobachteten wie die Aes Sedai, die hier mitten in Altara ein Heer aufstellten. Die Adligen Altaras schworen einem Lord oder einer Lady oder auch einer Stadt Gefolgschaftstreue, aber für eine Nation namens Altara blieb dann wenig übrig. Nur ein paar Adlige zahlten Steuern oder beachteten, was die Königin in Ebou Dar befahl, doch ein Heer in ihrer Mitte erregte durchaus ihre Aufmerksamkeit. Das Licht allein mochte wissen, welche Wirkung die Gerüchte in bezug auf die Drachenverschworenen bei ihnen ausgelöst hatten. Im Augenblick allerdings vergaßen sie vollständig, sich gegenseitig arrogant und Lelaine trotzig anzustarren. Ihre Blicke ruhten so fasziniert auf Logain, wie man möglicherweise eine große, bunte Viper anblickt.

Die Runde vervollständigte Burin Schaeren. Sein Teint war kupfern, und er wirkte wie aus einem Baumstumpf geschnitzt. Er wiederum beobachtete sowohl Logain wie auch die Besucher, wobei er wie eine Sprungfeder gespannt war, bereit, innerhalb eines Wimpernschlags aufzuspringen und zuzuschlagen. Lelaines Behüter war weniger deshalb anwesend, um Logain zu bewachen — schließlich nahm man an, Logain befinde sich freiwillig in Salidar —, sondern vor allem, um den Mann vor seinen Besuchern und einem plötzlich in seinem Herz steckenden Messer zu beschützen.

Was ihn betraf, schien Logain unter all diesen Blicken geradezu aufzublühen. Er war ein hochgewachsener Mann mit lockigem Haar, das ihm fast bis auf die Schultern herabfiel, dunkelhaarig und gut aussehend, wenn sein Gesicht auch einen Ausdruck von Härte trug. Er wirkte so stolz und selbstbewußt wie ein Adler. Es war aber vor allem die Chance, Rache zu nehmen, die seine Augen so glänzen ließ. Wenn er auch nicht jedem alles heimzahlen konnte, an denen er sich rächen wollte, so doch zumindest einigen. »Sechs Rote Schwestern spürten mich in Cosamelle auf, ungefähr ein Jahr, bevor ich mich zum Drachen ausrufen ließ«, sagte er gerade, als Nynaeve eintrat. »Javindhra nannte sich die Anführerin, obwohl auch eine namens Barasine eine Menge zu sagen hatte. Und ich hörte, wie man Elaida erwähnte, als wisse sie Bescheid darüber, was diese vorhatten. Sie haben mich schlafend angetroffen, und ich glaubte, mein letztes Stündlein habe geschlagen, als sie mich abschirmten.«

»Aes Sedai«, unterbrach ihn die lauschende Frau grob. Sie war untersetzt, hatte einen harten Blick und eine dünne Narbe auf der Wange, die Nynaeve nicht zu einer Frau zu passen schien. Aber die Frauen Altaras standen in dem Ruf, ziemlich wild zu sein, wenn das auch natürlich recht aufgebauscht sein mochte. »Aes Sedai, wie kann das wahr sein, was er da behauptet?«

»Ich weiß auch nicht, Lady Sarena«, sagte Lelaine gelassen, »aber es wurde mir von einer bestätigt, die nicht lügen kann. Er sagt die Wahrheit.«

Sarenas Gesichtsausdruck änderte sich nicht, aber ihre Hände verkrampften sich hinter ihrem Rücken zu Fäusten. Einer ihrer Begleiter, der große Mann mit dem hageren Gesicht und mehr Grau im Haar als Schwarz, hatte seine Daumen in den Schwertgürtel eingehakt und bemühte sich, entspannt zu wirken, doch seine Knöchel an den Handgelenken waren weiß vor Anstrengung.

»Wie ich sagte«, fuhr Logain mit einem verbindlichen Lächeln fort, »haben sie mich aufgespürt und mich wählen lassen. Entweder würde ich auf der Stelle sterben, oder ich konnte ihr Angebot annehmen. Ein eigenartiges Angebot, ganz und gar nicht, was ich erwartet hatte, aber ich mußte es mir nicht lange überlegen. Sie haben niemals zugegeben, daß sie das schon früher versucht hätten, aber ich hatte so das Gefühl, sie machten es nicht zum erstenmal. Gründe nannten sie mir auch nicht, aber die scheinen klar zu sein, wenn ich zurückdenke. Einen Mann anzuschleppen, der mit der Macht umgehen konnte, brachte nicht viel Ruhm ein, aber einen falschen Drachen zu Fall zu bringen...«

Nynaeve runzelte die Stirn. Er sprach so gleichmütig darüber wie ein Mann, der über die heutige Jagd berichtet, und doch war es sein eigener Sturz, von dem er da sprach, und jedes Wort war ein weiterer Nagel für Elaidas Sarg. Vielleicht sogar ein Sarg für die ganze Rote Ajah. Wenn die Roten Logain dazu getrieben hatten, sich selbst zum Wiedergeborenen Drachen auszurufen, harten sie dann vielleicht das gleiche Spiel mit Gorin Rogad oder Mazrim Taim getrieben? Vielleicht sogar mit allen falschen Drachen der Geschichte? Sie konnte beinahe die Gedanken wie Mühlräder in den Köpfen der Adligen aus Altara arbeiten sehen, zuerst langsam, und dann drehten sie sich immer schneller...