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»Ich möchte gern zu Fuß gehen«, sagte sie. Er machte sie auf die Kälte aufmerksam. »Ich habe einen alten, sehr warmen Wollmantel und einen Muff.«

Sie gingen hinaus, weg von dem unfertigen zweistöckigen Drovertown-Hotel. Ganz plötzlich standen sie einer schwarzen Prärie gegenüber; weiße und gelbe Sterne funkelten am Himmel.

»Willst du nicht zum Abendessen gehen?« erkundigte er sich. »Bist du nicht nach all der Arbeit halb verhungert?«

»Später. Erst möchte ich alles über dich wissen.« Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus. »Alles in Ordnung mit dir?«

»Alles in Ordnung.« Sie hakte sich bei ihm ein. Er lobte sie dafür, daß sie sich geweigert hatte, in Fort Harker zu spielen. »Sam sagte mir, die Tournee wäre ein Triumph. Du kannst mir die Wahrheit sagen.«

Sie lachte. »Fort Riley war mittelmäßig. Das Publikum war irgendwie daneben, vielleicht auch wir. Ich erwischte Sam, wie er kurz vor der Vorstellung zum Marketender schleichen wollte.«

»Habt ihr in Leavenworth gespielt?«

»Ja. Das Publikum dort war gut.«

»Hast du zufällig meinen Jungen gesehen?«

»Hab' ich. Er ist wundervoll, Charles. Sehr klug. Der Brigadier sagte, er habe sich selber an den Nachttopf gewöhnt, noch bevor er achtzehn Monate war.« Charles räusperte sich. Sie lachte ein zweitesmal. »Oh, stimmt ja. Anständige Damen erwähnen Gentlemen gegenüber solche Dinge nicht. Die Verruchtheit meines Berufs dringt wieder durch.«

Amüsiert sagte er: »Ich kenne die Geschichte mit dem Nachttopf.«

»Das hätte ich mir denken können. Der Brigadier meinte, für ihn sei es schwierig, mit Gus zurechtzukommen, weil er den Jungen anbetet und schrecklich verzieht, auch wenn er nicht die Absicht hat. Er zeigt ihm ständig dein Foto. Gus weiß, wer du bist. Er vermißt dich.« Wieder drückte sie seinen Arm. »Ich vermisse dich auch. Lad mich zum Essen ein, und traktier mich mit etwas Wein, dann zeige ich dir, wie sehr.«

Sie drehte sich um, stellte sich ihm in den Weg. Sie schlang einen Arm um seinen Nacken und zog ihn zu einem Kuß herunter. Er legte beide Arme um ihre Taille und spürte, wie ihr kalter Mund schnell warm wurde. Schweigend hielten sie sich umschlungen. Dann fing irgend etwas in Charles an, von ihr wegzustreben.

»Oh, wie ich dich vermißt habe. Ich liebe dich, Charles. Ich kann nicht anders.« Sie machte keine Pause, verzichtete auf das übliche Signal, daß er ihr dasselbe sagen sollte. »Vielleicht wirst du Gus jetzt öfter zu sehen bekommen. In den Prärien scheint alles friedlich zu sein.«

Sie gingen weiter, einen kleinen Hügel hoch. Oben angekommen stoppten sie, blickten ehrfürchtig zu dem gewaltigen Sternenzelt empor.

Endlich antwortete er ihr. »Im Winter ist es immer friedlich.«

»Ja. Aber ich meine, da gibt es jetzt schließlich den Medicine-Lodge-Vertrag. Das sollte doch ...«

»Willa, fangen wir nicht damit an. Du weißt doch, daß wir bei dem Thema Indianer immer Streit miteinander kriegen.« Wollte er Streit? Legte er deshalb eine gewisse Schroffheit in seine Stimme?

Sie hörte es, und es reizte sie. »Warum sollten wir nicht darüber reden, Charles? Schließlich ist es ein bedeutsamer Vertrag.«

»Komm, komm. Kein Vertrag besitzt große Bedeutung, und Medicine Lodge war noch schlimmer, weil nur einige wenige Häuptlinge unterzeichnet haben. Hast du die Artikel gelesen, die Mr. Stanley für die New York Tribune geschrieben hat? Diese dämlichen Regierungskommissare haben Schwarzer Kessel und den anderen nicht mal den gesamten Vertrag vorgelesen. Die Häuptlinge wollten den Kommissaren gefällig sein, sie wollten die Waren und die Waffen, also unterzeichneten sie.« Mittlerweile hatte sie ihm ihren Arm entzogen. »Sobald sie merken, was sie weggegeben haben, werden sie den Vertrag verwerfen. Falls die Krieger der Hundegemeinschaft sie nicht zuvor schon umgebracht haben.«

»Und das wünschst du dir, vermute ich?« Sie sah ihn an, ihr Gesicht blaß und verschwommen im Sternenschein. Ihr Atem breitete sich als weiße Wolke vor ihr aus.

»Ich will die Männer, die meine Freunde getötet haben. Ich wünschte, du würdest damit nicht anfangen.«

»Ich fange damit an, weil mir an dir was liegt.«

»Ach, zum Teufel.« Er drehte sich weg.

»Du möchtest, daß der Vertrag fehlschlägt.« Sie begann die Beherrschung zu verlieren, was für sie sehr ungewöhnlich war; er hörte es an ihrer schwankenden Stimme.

»Willa, ich habe dir gesagt, was ich will. Was das andere anbelangt, da befindest du dich immer noch auf der Bühne. Du träumst! Die Cheyenne werden nicht aufgeben, bevor sie nicht eingepfercht oder tot sind. Das mag nicht hübsch klingen, das mag dir oder deinen Quäkerfreunden nicht gefallen, denen das Herz beim Gedanken an einen Haufen Wilde blutet, mit denen sie nie was zu tun haben, aber so ist es nun mal. Du solltest allmählich aufwachen.«

»Ich bin hellwach, besten Dank. Ich dachte, du hättest dich vielleicht ein bißchen verändert. Du willst dem Vertrag keine Chance geben.«

»Weil es sinnlos ist. Henry Stanley hat das gesagt. General Sherman sagt das seit nunmehr zwei Jahren.«

»Und wenn deine Prophezeiungen wahr werden? Warum prophezeist du dann nicht mal zur Abwechslung Frieden?«

»Bei Gott, du bist die blindeste, unrealistischste ...«

»Du bist es, der blind ist, Charles. Du bist blind dafür, was aus dir wird. Irgendeine haßerfüllte Kreatur, die lebt, um zu töten. So einen Mann will ich nicht.«

»Keine Sorge, du hast ihn auch nicht auch wenn du verdammt eifrig hinter ihm her bist.«

Er brüllte. Sie schrie auf: »Du Bastard!« und schlug mit der flachen Hand nach ihm. Er wich aus und trat zurück. Er stand stocksteif, als er erkannte, daß sie weinte, während sie ihn verfluchte.

Wie ein Tölpel schaute er ihrer fliehenden Gestalt nach, die auf die ersten Lichter der Stadt zurannte. »Willa, warte. Für eine Frau allein ist es nicht sicher!«

»Sei still!« schrie sie über die Schulter zurück. Sie blieb stehen, drehte ihm ihr Gesicht zu. »Du kannst dich nicht wie ein anständiges menschliches Wesen benehmen. Du treibst alle von dir. Der Krieg ist daran schuld, sagte Duncan. Der Krieg, der Krieg ich habe den Krieg satt, und ich habe dich satt.«

Sie wandte sich um und rannte los. Er hörte ihr Weinen. Das Geräusch verklang langsam, dann verlor er ihre rennende Gestalt gegen die schwarzen Umrisse der Gebäude aus den Augen.

Langsam ging er zu dem Geländer vor dem Drovertown-Ho-tel, wo er sein Pferd angebunden hatte. Er wollte gerade in den Sattel steigen, als jemand aus dem tiefen Schatten geschwankt kam. Der Mann hatte sich dort versteckt und auf ihn gewartet. Charles sprang von Panik erfüllt zurück, weil er seinen Revolver im Fort gelassen hatte. Als der Angreifer in das aus der nächsten Saloontür fallende Licht trat, sah Charles die Chrysantheme am Aufschlag und roch den Gin.

»Du verfluchter, übler Kerl!« Sam Trumps Gesicht war ganz fleckig vor Zorn. Haarfärbemittel lief über seine Schläfen. Er hob die Faust, um sie Charles auf den Kopf zu schlagen. Charles bekam seinen Unterarm zu fassen und hielt ihn sich mühelos vom Leibe. Trump versuchte sich loszureißen.

»Laß los, verdammter Main, verdammter. Ich werde dir das verpassen, was ich dir versprochen habe, weil du dieser feinen jungen Frau weh getan hast.«

»Ich habe ihr nicht weh getan. Wir hatten bloß eine Meinungsverschiedenheit.«

»Das war mehr als eine Meinungsverschiedenheit. Sie kam schluchzend angerannt. Sie hat einen unerschütterlichen Mut, aber ich habe sie noch nie so kaputt gesehen.« Er versuchte Charles das Knie zwischen die Beine zu rammen. Charles brachte ihn mit Leichtigkeit aus dem Gleichgewicht. Der Schauspieler schrie auf und landete auf dem Boden.

Trumps Atem kam in scharfen Stößen. Er bewegte sich vorsichtig auf dem Boden, als hätte er sich etwas verknackst. »Es muß dir viel Befriedigung verschaffen, Leute zu verletzen, die schwächer sind als du. Du bist nicht besser als diese Wilden, die du zu hassen vorgibst. Verschwinde aus meinem Blickfeld.«