Er ging, innerlich angespannt, schnell zur Tür. Wesley blockierte seinen Weg; es zuckte ihm in den Fingern, seine Pistole zu ziehen. Andy stoppte, ballte seine Hände zu Fäusten und starrte Wesley an. Mit leiser Stimme sagte er: »Wenn du mich aufzuhalten versuchst, Wesley, dann wirst du gleich ein paar gebrochene Knochen haben. Oder Schlimmeres.«
Wesley fluchte und zog seine Pistole. Klawdell riß seinen Revolver heraus und hämmerte mit dem Kolben auf die Holzkiste. »Schon gut, schon gut, beruhigt euch. Wir brauchen deine Stimme dringender als einen Kampf, Sherman. Wenn du bereit bist, dich registrieren zu lassen.«
»Das bin ich. Ich muß nur die Zeit dazu finden.«
»Dann wollen wir das andere vergessen.«
Andy warf ihm den gleichen durchdringenden Blick zu, mit dem er Wesley bedacht hatte. Dann kehrte er zu seiner Bank zurück. Andy spürte eine leichte Befriedigung, aber auch Bitterkeit. Die Männer der Liga strömten in den Süden - um bei der Erziehung der befreiten Neger behilflich zu sein, wie sie sagten. Aber mußten sie deshalb Mißtrauen, sogar Haß gegen gute weiße Freunde säen?
Klawdell fuhr fort: »Dieser Sonderkonvent wird eine großartige Sache werden, Jungs. Aber er wird nie stattfinden, wenn nicht die Mehrheit der Wähler von South Carolina dafür ist. Sherman und Newton müssen bis zum 19. November unterschrieben haben.«
Der alte Mann Newton sagte: »Aber wir müssen das in Summerton tun, Captain. Gettys und seine Freunde, wie dieser Cap-tain Jolly, die sagen, halt nicht in Summerton an, Nigger. Lauf gleich durch.«
»Was glaubst du, warum zwei Soldaten an der Kreuzung stehen, Newton? Nicht bloß, um dich zu registrieren. Die sorgen auch dafür, daß sich niemand einmischt, wenn du's tust. Du kannst Gettys und seinen Kumpels sagen, sie sollen dich gefälligst am Arsch lecken.«
Inmitten des aufbrandenden Gelächters und Klatschens krümmte sich Andy innerlich zusammen. Der Tonfall lag hier völlig daneben. Irgendwie wurden seine schwarzen Freunde und Nachbarn wie Kinder behandelt. Beinahe wäre er aufgestanden und endgültig gegangen. Nur das größere Ziel des Clubs, wichtiger als Klawdells Benehmen, hielt ihn davon ab.
Klawdell bekam Andys Widerwillen mit und schlug einen gemäßigteren Ton an. »Ich sage es noch einmal, Sherman - wir brauchen dich und Newton. Jede Stimme zählt. Laßt euch registrieren. Bitte.«
Nun, das war schon besser. »Keine Sorge. Ich werde es tun.«
»Gelobet sei Gott!« rief Klawdell. Er steckte seinen Revolver weg und griff zum Hammer. »Also gut, dann raus mit der Sprache. Was ist die Partei des farbigen Mannes?«
Alle bis auf Andy sagten: »Unions-Republikaner.«
Wumm. »Wer sind eure Feinde?«
»Johnson. Demokraten.«
Wumm, wumm. »Wer will euch die Rechte stehlen, für die wir gekämpft und geblutet haben, für die Abe Lincoln gestorben ist?«
»Demokraten!«
»Und jetzt sagt mir den Namen eurer wahren Freunde.«
Bei jedem Wort stampften sie auf. »Unions-Republikaner.«
»Wer wird diesen Staat übernehmen?« Jetzt brüllte Klawdell. »Wer wird dieses ganze Land übernehmen und es richtig führen?«
»Unions-Republikaner! Unions-Republikaner!« Das Gestampfe ließ die Hütte erbeben. Andy machte ein finsteres Gesicht, während die anderen klatschten und die Hütte mit ihrem Lärm füllten. »Unions-Republikaner! Unions-Republikaner!« Einige der Männer funkelten Andy zornig an. Er gab die Blicke genauso zornig zurück; der Teufel sollte ihn holen, wenn er sich wie ein abgerichteter Hund benahm. In schweigendem Protest blieb er weiterhin stocksteif sitzen.
Am nächsten Tag erschien Andy eine Stunde vor Sonnenuntergang an der Summerton-Kreuzung. Mit schnellem Schritt näherte er sich der flaggengeschmückten Hütte. Der Corporal trat heraus, schüttelte ihm die Hand und begleitete ihn hinein.
Durch das Fenster seines Ladens hatte Randall Gettys die Szene beobachtet. Als Andy zehn Minuten später wieder mit zufriedenem Gesicht auftauchte und sich auf den Heimweg machte, begann Gettys sofort einen Brief an Des in Charleston zu schreiben:
Sie hat alle ihre Nigger registrieren lassen. Ich habe zur Vorsicht gedrängt, aber wir können nicht viel länger warten. Du kommst besser her, um alles zu besprechen.
Dann schrieb er an seinen Cousin Sitwell oben im York County:
Die pestartige Republikanische Liga hetzt alle örtlichen Farbigen auf. Sie sind mehr als wir und werden uns auch bei den Wahlen in diesem Monat überstimmen. Wir sind verzweifelt auf der Suche nach ein paar sicheren Methoden, mit denen wir sie einschüchtern könnten. Hast du noch was von dieser Geheimgesellschaft in Tennessee gehört?
Die Wahl zur Einberufung eines Konvents wurde mit überwältigender Mehrheit gewonnen. Ich denke, daß es daran auch nie einen Zweifel gegeben hat. Mindestens 80.000 Neger haben sich registrieren lassen und halb so viele Weiße.
Das Militär hat Andy überredet, sich als Delegierter aufstellen zu lassen, was er auch getan hat. Er wird im Januar nach Charleston gehen.
Das ist unsere einzige gute Nachricht. Zwei Mißernten in diesem Jahr - die Dampfsäge immer noch nicht repariert - Dawkins verlangt die Quartalszahlungen - wir stehen dichter vor dem Bankrott denn je. Gestern abend haben Prudence und ich wieder darüber diskutiert, ob ich wich an George H. wenden soll. Ich bin fest geblie-ben, frage mich aber, ob es richtig ist. Ist es nicht besser zu betteln, anstatt alles zu verlieren? Wie sehr ich mir doch wünsche, du wärst hier, um mir zu raten.
35
Charles, Graue Eule und weitere zehn Mann rückten wieder aus, um entlang der Eisenbahnlinie östlich von Fort Harker zu patrouillieren. Auf diesem Abschnitt ereigneten sich Indianerangriffe zwar nicht so häufig wie zwischen Harker und Fort Hays im Westen, kamen aber doch vor.
Charles war dankbar, wieder im Einsatz zu sein. Es half ihm, seine Trauer, aber auch seinen Zorn über Willa in den Hintergrund zu drängen. Von diesen Gefühlen abgesehen ging es ihm gut. Er besaß ein großartiges Pferd; Satan war schnell, wurde unter Feuer nicht nervös und besaß eine unglaubliche Ausdauer. Er ritt den Schecken nun schon so lange, daß Pferd und Mann fast die Gedanken des anderen lesen konnten.
Genauso zufrieden war er mit seinen Männern. Er ließ sich bis ans Ende zurückfallen und inspizierte sie. In Zweierreihe kamen sie an ihm vorbei, jeder mit einem Messer an der linken Hüfte, an der rechten den Revolver mit nach vorn gerichtetem Kolben. Nur ein Mann trug den regulären Patronengurt. Die anderen führten ihre Patronen in selbstgenähten Gurten mit. Für ehemalige Stadtjungs waren sie eine wilde Bande; im Grunde ähnelten sie herumstreifenden, auf alle Eventualitäten vorbereiteten Banditen.
Shem Wallis ritt vorbei. Charles hörte, wie er zu Corporal Magic Magee sagte: »Gott, ist das heiß. Ich kann nicht glauben, daß wir November haben. Wann machen wir Mittagspause?«
»Bald«, sagte Magee. »Hier, paß auf die Münze auf.«
Charles rief Wallis zu: »Wir halten dort.« Er deutete auf ein kleines Wäldchen links vor ihnen. Da Bäume für gewöhnlich auf feuchtem, tiefliegenden Land wuchsen, fanden sie dort vielleicht einen Bach und Pappelrinde für die Pferde.
Charles ließ sich jetzt bis zu Graue Eule zurückfallen. Die Männer mochten den Spurenleser; Magee war ganz begeistert von ihm, weil Graue Eule so ein großartiges Publikum für seine Tricks abgab. Charles wußte immer noch nichts von seiner Vergangenheit, vor allem nicht, weshalb er sein Volk verlassen hatte. Der Spurenleser schien entspannt und gut gelaunt, also probierte Charles es noch einmal.
»Graue Eule, wenn du für mich als Spurenleser arbeitest, dann würde ich gern einiges über dich wissen. Erzähl mir von deiner Familie.«