Der Indianer zog sich tiefer in sein Büffelfell zurück. Trotz der Hitze zeigte sich auf seinem zerfurchten Gesicht kein Schweißtropfen. Er dachte eine Weile nach, bevor er antwortete. »Mein Vater war ein großer Kriegshäuptling namens Krummer Rücken. Meine Mutter war eine weiße Frau, die er gefangen hatte. Es hieß, sie sei schön gewesen und habe helle Haare gehabt. Sie ist schon sehr lange tot.«
Diese überraschende Information war ein erster Ansatzpunkt. »Noch weitere Verwandtschaft?«
»Nein. Vor acht Wintern ging meine Schwester in die ewigen Jagdgründe. Vor fünf Jahren folgte ihr mein einziger Bruder.
Beide starben an der gleichen Krankheit. Die Krankheit, die wir gar nicht kannten, bevor euer Volk sie uns brachte.«
»Pocken?«
»Ja.« Graue Eule warf Charles einen langen Blick zu, den ein vages Schuldgefühl überkam. Der Indianer starrte nach vorn auf die Hitzewirbel.
Charles räusperte sich. »Ich möchte wirklich gern wissen, weshalb du bereit bist, für die Armee als Spurenleser zu arbeiten.«
»Als junger Mann suchte ich meine Vision, um ein Krieger zu werden und den Sinn meines Lebens zu finden. Im Schwitzzelt brannte ich das Gift des Zweifels und des Hasses und der Selbstsucht aus. Ich malte mein Gesicht weiß, um es zu reinigen, und ging, wie es Suchern vorgeschrieben ist, an einen gefährlichen Ort. Einen einsamen Ort, wo das Gras so hoch und trocken ist, daß der kleinste Funke ein gewaltiges Feuer entzündet, das mich verschlingen würde.«
Charles hielt den Atem an. Er ging voran.
»Drei Tage und Nächte lag ich in dem hohen Gras verborgen und rief nach meiner Vision. Ich aß nichts. Ich trank nichts. Ich wurde belohnt. Der Weise über uns, der Heilige Geist, den ihr Weißen Gott nennt, begann aus den Wolken zu sprechen, aus den Steinen in einem Fluß und aus einer vorbeigleitenden Schlange. Ich sah mich selbst so hohl und glatt wie ein trockenes Rohr, bereit, gefüllt zu werden.
Dann bewegte sich Gott. Alle Gräser beugten sich, jeder Halm deutete nach Norden auf den uralten heiligen Berg. Im leeren Himmel tauchte ein Adler auf. Er strich knapp über meinen Kopf und flog nach Westen. Dann senkte sich aus der Mitte der Sonne eine große Eule hernieder. Die Eule sprach eine Weile. Dann machte mich die Sonne blind.«
»Wurde die Eule zu deinem Geburtsvogel?«
Graue Eule zeigte sich überrascht; Charles wußte mehr von den Stammessitten, als er vermutet hatte. »Ja. Ich trage immer die Klaue einer großen Eule bei mir.« Er tippte gegen seinen Medizinbeutel, den er an seinem Gürtel befestigt hatte. »Und wenn ich darum bitte, erscheint stets eine große Eule und leitet mich, wenn ich verloren oder verwirrt bin. Ich lernte den Sinn und Zweck meines Lebens von der Eule und dem Adler.«
»Und worin besteht der?«
»Dem Volk zu helfen, den richtigen Weg zu finden. Es zu den Winterlagern und den Zeremoniengründen für die großen Sommerfeste zu führen. Dem Büffel mit dem Schnee nach Süden zu folgen und mit dem grünen Gras nach Norden. Als ich mit meiner Vision zurückkehrte, trug ich die Insignien eines Kriegers, doch danach folgte ich stets meinem Ziel.«
»Das Volk zu führen. Doch jetzt führst du uns. Warum?«
Das Gesicht von Graue Eule wurde steinern. »Das Volk hat sich so weit von dem richtigen Weg entfernt, daß nicht mal Gott es zurückführen könnte. Es ist Zeit zu rasten. Soll ich diese Bäume dort vorn absuchen?«
Es war, als wäre in Trumps Theater der Vorhang gefallen. Frustriert nickte Charles. Der Cheyenne drückte seinem Pony die Mokassins in die Flanken und trieb es auf das ferne Wäldchen zu.
Zehn Meilen weiter östlich verließ ein Personenzug das Dörfchen Solomon und fuhr nach Westen ins Saline County hinein. Im Frachtwaggon putzten zwei Mann ihre Waffen, während zwei andere Karten spielten.
In einem Zweite-Klasse-Wagen schaute eine junge Frau, die unterwegs zu ihrem Mann nach Fort Harker war, aus dem Fenster auf die kahle, öde Landschaft hinaus. Sie war noch nie west-lich des Mississippi gewesen. Ihr Ehemann war vor kurzem zur Siebten Kavallerie versetzt worden.
In dem Sitz vor ihr las ein Kavallerieoffizier sehr aufmerksam in einem Buch über Taktik. Am Ende des Wagens zählte der Schaffner die abgerissenen Fahrkarten. Die anderen Passagiere unterhielten sich oder dösten vor sich hin; niemand warf einen zufälligen Blick auf die Südseite des Zuges. Dort trieben zwanzig Berittene in einer Linie ihre Pferde einen flachen Hügel hinunter. Unten angekommen, galoppierten sie auf den Zug zu.
Während sie auf Graue Eule warteten, zog Magee sein Übungsseil hervor. Er reichte das Seilstück dem Kavalleristen George Jubilee, dann überkreuzte er seine Handgelenke und bat Jubilee, ihn zu fesseln.
»Richtig fest«, sagte Magee. Jubilee drängte sein Pferd näher an ihn heran und schlang das Seil mit äußerster Konzentration mehrmals um Magees Handgelenke. Er merkte nicht, wie sich Magees Rückgrat plötzlich versteifte, wie seine Unterarme zitterten und Adern auf den dunkelbraunen Handrücken seiner Fäuste auftauchten. Charles jedoch sah es von seiner Position aus; er hatte schon öfter Magees Entfesselungskünste erlebt und schaute genau hin. Fast unmerklich spannte Magee das Seil, während Jubilee seine letzten Schlingen legte und zweimal verknotete.
Jubilee lehnte sich in seinem Sattel zurück, zufrieden mit seinem Handwerk. Magee begann mit geblähten Nasenflügeln seine Hände in entgegengesetzten Richtungen zu drehen. Er grunzte einmal auf und plötzlich, schneller als Charles folgen konnte, waren seine Hände frei. Das Seil war immer noch um sein linkes Handgelenk geknotet. Er hatte gerade genügend Spannung erzeugt, um eine Hand herausdrehen zu können.
Magee lächelte träge und zupfte an den Knoten, während Kavallerist Jubilee ihn verblüfft anstarrte. Er war relativ neu in der Truppe und noch nicht an Magees Tricks gewöhnt.
Graue Eule kehrte nach zehn Minuten zurück. Er war bleicher, als Charles ihn je gesehen hatte.
»Weiße sind dort vorbeigekommen«, sagte er mit unterdrückter Wut. »Unter den Bäumen liegen tote Männer und tote Pferde. Die Leichen sind ausgeraubt worden.«
Charles setzte sich an die Spitze und führte seine Truppe zu dem Wäldchen. Aus einiger Entfernung schon sah er den Bach, mit dem er gerechnet hatte, ein sich schlängelndes gelbes Band am Nordrand des Wäldchens.
Ein widerlicher Geruch entströmte den blattlosen Bäumen. Charles erkannte ihn sofort. Den gleichen Gestank hatte er bei Sharpsburg und Brandy Station und an anderen Orten gerochen, wo die Toten lange nach Feuereinstellung noch herumgelegen hatten. Einer seiner jungen Männer beugte sich nach rechts aus dem Sattel; seine Schultern zuckten konvulsivisch.
Charles zog seinen Säbel aus der Scheide und gab das Haltzeichen. »Ich gehe als erster. Ich versorge inzwischen eure Pferde mit Wasser.«
Er stieg ab, nahm den Säbel in die linke Hand und zog seinen Colt. Vorsichtig näherte er sich dem Wäldchen. Graue Eule folgte ihm, ohne um Erlaubnis zu fragen; Charles nahm ihn nur als einen durch das trockene Gras huschenden Schatten wahr.
Vom Rande des Wäldchens aus sah er ein totes Pferd, dann zwei weitere Pferde. Kriegspferde, die für gewöhnlich am Leben gelassen wurden, damit ihre Besitzer im Paradies gute Reittiere zur Verfügung hatten. Das bedeutete, daß sie wahrscheinlich nicht von Indianern erschossen worden waren.
Er schluckte, machte einige weitere Schritte und entdeckte die drei verwesenden Leichen. Ihrer Kleidung beraubt, lagen sie zwischen zerbrochenen Teilen hölzerner Plattformen. In der Mitte des Wäldchens standen immer noch senkrechte Stämme, die die Plattformen getragen hatten. Charles zwang sich, näher an die nackten Leichen heranzugehen. Neben ihnen fand er zerbrochene, mit leuchtenden Farben bemalte Pfeile. Alles andere war geplündert worden.
Er hörte den Zorn in der Stimme von Graue Eule. »Weißt du, was hier passiert ist?«