»Ja. Bei deinem Volk ist es Sitte, ihre Toten auf diese Begräbnisplattformen zu legen, wenn der Winterboden zu hart zum Graben ist. Das hier waren besondere Männer - Kriegshäuptlinge, Lagerhäuptlinge, vielleicht Gemeinschaftsführer -, da sie auf diese Weise beerdigt wurden, als der Boden nicht gefroren war.«
Da die Toten auf der Plattform dem Himmel näher waren, konnten sie schneller die Straße zum Paradies beschreiten. Es gehörte zu den Sitten der Cheyenne, den Toten auch noch persönliche Schätze, Waffen und ein Lieblingspferd mitzugeben, damit es dem Toten in dem Leben danach an nichts fehlen würde. Trotz seines Hasses auf die Cheyenne stellte Charles fest, daß ihm die Leichenschändung Übelkeit bereitete.
»Schau genauer hin«, sagte Graue Eule zu ihm. Der Fährtensucher stammelte fast vor Wut. »Geh hin. Schau!«
Charles trat vor, blieb aber gleich wieder mit blassem Gesicht stehen. Nicht nur die Totenkleidung war verschwunden, sondern auch Fleischstücke, herausgehackt aus Armen, Beinen und Rumpf. In den faustgroßen Löchern wimmelte es von Maden.
»Jesus Christus. Wozu?«
Graue Eule schrie: »Köder.« Er winkte wild in Richtung des Flüßchens. »Fischköder. Ich habe das schon einmal erlebt. Ein Soldat der Siebten prahlte damit.« Aus den Augen von Graue Eule liefen die Tränen. Einen Augenblick lang dachte Charles, der Cheyenne würde sein Messer ziehen und ihn niederstechen. »Der weiße Mann ist Dreck. Er begeht seine Heldentaten an den Toten.«
»Manchmal sind deine eigenen Leute ...«, fing er an, in Gedanken bei Holzfuß und Boy und dem Mädchen in dem Lehmhaus mit den veilchenblauen Augen. Er hielt inne, weil diese Grausamkeiten die Untaten hier nicht ungeschehen machen konnten.
Ein langgezogenes Pfeifen im Osten zerriß das Schweigen. Ein nach Westen fahrender Zug.
Graue Eule wandte sich ab und verließ das Wäldchen. Es war ganz deutlich, daß er in diesem Moment Charles und alle anderen Weißen haßte. Warum zum Teufel arbeitete er dann für sie?
Aus der Ferne hörte er schwache Explosionen. Er stürzte aus dem Wäldchen, froh über die Ablenkung, und schwenkte den Säbel. »Aufsitzen. Das ist Gewehrfeuer.«
Drei Kavalleristen am Fluß hoben ihre nassen Gesichter, als er erneut brüllte: »Aufsitzen!« Er schwenkte noch einmal den Säbel über seinem Kopf und rannte auf Satan zu; durch den plötzlichen Einsatz wurden seine Emotionen gnädig in den Hintergrund gedrängt.
Die Indianer teilten sich; die Hälfte von ihnen galoppierte um den letzten Waggon des keuchenden U.P.E.D.-Lokalzugs. Die parallelen Kolonnen griffen den Zug von beiden Seiten an.
In dem Zweite-Klasse-Abteil schaute die Frau des Sergeant aus dem Fenster und sah braunhäutige Männer mit im Wind flatternden Haaren, die auf blankem Pferderücken ritten. Einige hatten Gewehre, andere Jagdbogen. Vorne im Wagen sprang eine ältere Frau auf und fiel dann in Ohnmacht. »Mein Gott, Lester, Cheyenne«, rief ein Mann seinem Reisebegleiter zu.
»Arapahoe«, sagte der Kavallerieoffizier auf dem Platz vor der Frau. »Man erkennt sie an den offenen Haaren.« Er riß seinen Dienstrevolver heraus, zerbrach mit drei Stößen seines Ellbogens das Fenster und feuerte. Die Kugel ging daneben.
Die Frau des Sergeant starrte ungläubig in ein wildes, bemaltes Gesicht, keine drei Fuß von ihr entfernt. Es war kein Mann, sondern ein Junge, höchstens siebzehn oder achtzehn. Er riß sein Gewehr hoch, während er sein rasendes Pony mit den Knien lenkte. Der Junge und die Frau starrten sich einen endlosen Augenblick lang an, nur die Fensterscheibe und der Gewehrlauf zwischen ihnen.
»Runter!« brüllte der Offizier mit dem rostbraunen Bart sie an. Er stand auf und zielte auf den Indianer. Der junge Krieger sah ihn und schoß zuerst. Der Körper des Colonel wurde herumgerissen, er verdrehte die Augen und sank zu Boden.
Ein Mann schrie: »Wir werden alle sterben!«
»Den Teufel werden wir!« rief der Schaffner. »In dem Zug sind ein Paar Männer der Eisenbahn versteckt.«
In dem Frachtwaggon verborgen lachte J.O. Hartree seinen drei Gefährten zu, als er die donnernden Hufe, die schrillen Schreie und die ersten Schüsse hörte. Er war ein rundlicher, relativ junger Mann, der mit seinem welligen Haar und dem langen, an den Spitzen gewachsten Schnurrbart auf eine sanfte Art und Weise ganz gut aussah. Er hatte ein frommes, unaufrichtiges Lächeln und tückische Augen.
»Turk, du stellst dich neben mich«, sagte er und streifte sich schnell glänzende Lederhandschuhe über. Er rollte die Ärmel seines weißen Seidenhemdes hoch und beugte die Knie, um sicher zu sein, daß er das richtige Gefühl für den fahrenden Zug hatte. Wenn es losging, konnte er sich nicht mehr mit den Händen festhalten.
Hartree und seine angeheuerten Scharfschützen fuhren seit Wochen auf dieser Linie, in der Hoffnung, daß sich ihnen diese Chance einmal bieten würde. Den ganzen Sommer hindurch hatten die Stämme die Baustellen überfallen, die Arbeiter terrorisiert und einige von ihnen niedergemetzelt, die sich dummerweise allein auf Abwege begeben hatten. Hartree hatte Befehl, den verdammten Roten klarzumachen, daß sie die Linie nicht ungestraft überfallen konnten. Es war eine Aufgabe, die er genoß.
Er glättete die Front seiner grünen, mit zwei Antilopen geschmückten Samtweste. »Red, wenn ich den Befehl gebe, dann schieb die Tür auf. Dann hilf Wingo beim Laden der Gewehre.« Auf dem Boden lagen acht mächtige Sharps-Büffelflinten vom Kaliber .45, vier für jeden Schützen. J.O. Hartree plante sorgfältig.
Zwei Kugeln klatschten außen gegen den Waggon. Über den Lärm hinweg hörte Hartree das Geräusch brechenden Fensterglases. Die Passagiere wurden angegriffen. Nun, er würde diesem roten Abschaum eine echte Überraschung bereiten.
»Die ersten beiden Gewehre, Red. Spannt die Hähne. Turk, wenn du feuerst, bevor ich es sage, dann jage ich dir die erste Kugel in den Kopf.«
Charles und seine Männer kamen über den nächstgelegenen Hügel in Formation gestürmt. Dichte Rauchwolken hingen über dem Zug. Heulende Indianer mit offenem Haar galoppierten nebenher. Die Indianer bemerkten die Kavalleristen und reagierten überrascht und verwirrt darauf.
Der Zug befand sich ungefähr eine Viertelmeile links von den Soldaten. Charles preßte seine Knie gegen Satans Leib und bemühte sich, seine Spencer ruhig zu halten; er wußte, daß die Chance auf einen Treffer vom galoppierenden Pferd aus sehr klein war.
Ein Indianer schwang seinen Bogen nach oben und zielte auf Magic Magee, der links neben Charles ritt. Charles beugte sich hinüber und schlug Magee gegen die Schulter. Magee schwankte einen Moment und rutschte nach vorn, tief über den Pferdenacken. Der Pfeil zischte durch die Luft, dort, wo eben noch seine Kehle gewesen war.
Magee raffte sich wieder hoch und warf Charles einen dankbaren Blick zu. Shem Wallis zielte und holte den Bogenschützen aus dem Sattel. Die Indianer verlangsamten ihr Tempo nun; sie waren zwar den Soldaten gegenüber in der Überzahl, ihnen aber an Feuerkraft unterlegen. Charles brüllte seine Befehle, und die Hälfte der Kavalleristen bog ab, um auf der anderen Zugseite hinter den Indianern herzujagen.
Charles näherte sich dem Zug, brachte die Spencer erneut in Anschlag. Dann geschah etwas, auf das die Soldaten überhaupt nicht vorbereitet waren.
J.O. Hartree fuhr mit der Hand über den Lauf der Sharps und begann lautlos bis zehn zu zählen. Er hörte, wie sich Pfeile in den Waggon bohrten. Er suchte festen Stand neben Turk und hörte auf zu zählen.
»Öffnen!«
Die Tür rollte quietschend auf. Die doppelläufigen Sharps der beiden Scharfschützen blitzten im Morgenlicht auf. Ein Arapahoe glotzte, als die Männer der Eisenbahn so plötzlich auftauchten. Hartrees braune Augen funkelten, und sein frommes Lächeln wurde breiter. »Schieß sie nieder, Turk.«
Rauch und Donner brach aus der Tür des Frachtwaggons. Der indianische Gewehrschütze kippte vom Rücken seines Ponys und wurde sofort von den Pferden zweier Arapahoe niedergetrampelt.