Voller Unglauben sah Hartree hinter den galoppierenden Indianern einen Haufen dieser schwarzen Niggerkavalleristen auftauchen, verlottert wie Banditen. Die Soldaten und ihr weißer Offizier, die nun neben dem Zug hergaloppierten, brüllten den Eisenbahnleuten zu, sie sollten das Schießen einstellen, da sie sich direkt in der Feuerlinie befanden. Hartree ignorierte sie, reichte die heiße Büffelflinte nach hinten und erhielt eine andere. Sein nächster Schuß ging fehl, blies aber einem Nigger den Strohhut vom Kopf, der sich sofort tief über sein Pferd duckte.
»Ich bin Ihnen was schuldig«, brüllte Magee, während er neben Charles galoppierte. »Dieser rote Bastard hätte mich beinahe erwischt.«
Charles schrie zurück: »Diese Idioten im Zug bringen uns noch um.« Er pumpte die Spencer über seinem Kopf auf und nieder. »Feuer einstellen! Das ist ein Befehl! Feuer ...«
Der Schütze in der grünen Weste gab einen Schuß ab, um zu zeigen, was er von dem Befehl hielt. Die Arapahoe, die zwischen den Eisenbahnern und den galoppierenden Soldaten in der Falle saßen, schätzten ihre Chancen ab; ihr Anführer bedeutete ihnen, sich zurückfallen zu lassen. Bald schon befanden sich alle hinter dem Zug und versuchten den Kugeln der Kavalleristen von der anderen Seite zu entgehen. Sie erwiderten das Feuer kurz mit Pfeilen und Gewehrkugeln. Ein Indianer warf die Arme in die Luft und rutschte mit blutüberströmter Brust vom Pferd. Die anderen zogen sich unmittelbar darauf in Richtung Süden aus der Gefahrenzone zurück.
All das war in knapp zwei Minuten geschehen. Charles war wütend. Seine erste vernünftige Chance, Holzfuß zu rächen, war so gut wie dahin, und er hatte keinen einzigen Indianer erwischt. Nicht einen.
»Sollen wir hinter ihnen her, Lieutenant August?« schrie einer seiner Männer.
Charles hätte die Frage gern bejaht, doch die Pflicht verlangte, daß er sich um den beschädigten Zug und die Verwundeten kümmerte. Er nahm an, daß es welche gab. Er sah kein einziges Gesicht in den zerschossenen Fenstern des Waggons.
»Nein, verdammt noch mal. Wir verfolgen sie nicht.«
Wütend, weil die Soldaten ihm die Show verderben konnten, sagte J.O. Hartree: »Jemand soll die Notbremse ziehen. Stoppt den Zug. Ich will Gefangene.« Das Feuergefecht war so schnell vorbei, wie es begonnen hatte; der Zug ruckte, als die Bremsen griffen und das Tempo verlangsamten.
Charles und seine Männer trieben ihre Pferde neben den Zug, der vor bemalten Pfeilen nur so starrte. In einer Dampfwolke, vermischt mit absinkendem Staub, kam die Rogers-Lokomotive zum Stehen. Charles beobachtete, wie der Mann mit der grünen Weste aus dem Frachtwagen sprang und auf ihn zu stolziert kam. Ein Blick auf das Gesicht des Mannes genügte Charles, um zu wissen, daß es Ärger geben würde.
36
Charles schob die Spencer zurück und trabte auf den Frachtwagen zu. Drei weitere Zivilisten sprangen heraus; eine üble Bande. Der rundliche Mann mit den glänzenden Handschuhen und der grünen Samtweste führte offensichtlich das Kommando. Charles gefiel er immer weniger.
»J.O. Hartree«, sagte der Mann, als hätte der Name etwas zu bedeuten. Aus dem zerschossenen Wagen drangen die aufgeregten Stimmen der geschockten Fahrgäste. Weil man ihn nicht erkannte, fügte Hartree mißgestimmt hinzu: »Chef der Eisenbahnsicherheitskräfte.«
»Lieutenant August, Zehnte Kavallerie. Sie sind uns zuvorgekommen. Wir haben kaum einen Schuß abgegeben.« Sein Bedauern war offensichtlich.
»Wir fahren schon eine Zeitlang mit der Linie und warten auf die roten Bastarde. Sie haben ja gesehen, was für Feiglinge das sind.«
»Da befinden Sie sich im Irrtum, Mr. Hartree. Ein alter Freund von mir sagte mal, in der Prärie müsse man seine Vorstellungen umkehren. Wenn meine Abteilung einen Mann verliert, dann schickt die Armee in einem Monat einen anderen. Wenn die Indianer einen Mann verlieren, dann dauert es fünf bis zehn Jahre, bis ein Junge herangewachsen ist, um seinen Platz einzunehmen. Sie sind nicht feige, sondern lediglich verdammt vorsichtig.«
Es tat Charles gut, den Mann ein bißchen von oben herab behandeln zu können, doch Hartree gefiel das ganz und gar nicht. »Sie brauchen mich nicht zu belehren«, sagte er. Eine aufgelöste Frau schaute durch eines der zerbrochenen Fenster, entdeckte die schwarzen Soldaten und sank mit entsetztem Gesichtsausdruck wieder zurück. Hartree hob schützend eine Hand und starrte mit zusammengekniffenen Augen gegen die Sonne nach Osten, durch den immer noch hinter dem Zug treibenden Staub hindurch.
»Boys, wenigstens einer von denen da hinten lebt noch. Bringt ihn her. Wir werden ein Exempel statuieren.«
»Wovon reden Sie?« fragte Charles. Hartree ignorierte ihn. Magee machte ein finsteres Gesicht und klopfte eine Beule aus seiner Melone.
Der Schaffner erschien auf der Wagenplattform. »Wir haben hier drinnen einen Verwundeten.«
Charles fragte: »Schlimm?«
»Fleischwunde. Er ist bei Bewußtsein.«
»Ich sehe erst mal bei meinen eigenen Männern nach.« Kaum hatte er das gesagt, als Wallis vom Ende des Zuges, seine Mütze schwenkend, angeritten kam. »Lieutenant? Toby hat's erwischt. Ein Pfeil im Bein.« Charles fluchte. »Dort drüben liegt auch ein Indianer.«
Hartree sagte zu dem Scharfschützen mit den roten Haaren: »Schnappt ihn euch.« Die anderen rannten los.
Charles übergab seine Zügel einem seiner Kavalleristen und trat dicht an Hartree heran. Inzwischen hatten Hartrees Männer einen Arapahoe erreicht, der in der Nähe des Bremswagens lag. Der Rotschopf trat ihn, rollte ihn herum, schüttelte den Kopf und ging weiter zu dem nächsten Arapahoe, der, aus einer Schulterwunde blutend, auf Händen und Knien kroch.
Der Indianer taumelte hoch und versuchte zu rennen. Rotschopf erwischte ihn und zerrte ihn zurück. Die beiden anderen Schützen verschwanden hinter dem Zug auf der Suche nach dem anderen Krieger.
Einige Männer tauchten an den Zugfenstern auf. Charles hörte einige klatschende Geräusche und eine besorgte Stimme. »Wach auf, May Belle. Dir fehlt nichts. Das sind doch bloß Niggersoldaten.«
Der verwundete Arapahoe kam, gestoßen von dem Rotschopf, auf Charles zugeschwankt. Blut floß am Arm des Indianers herab und tropfte von seinen Fingern. Zu Fuß und verletzt machte der Krieger einen harmlosen, gewöhnlichen Eindruck. Einer von Hartrees Männern tauchte hinter dem Zug auf, einen Indianer schleppend. »Beinwunde!« brüllte der Mann. »Kann nicht laufen!«
»Laß ihn fallen«, schrie Hartree zurück. »Du bist nicht seine verdammte Krankenschwester.« Der Mann ließ los, und der Indianer jaulte auf, als er auf den Boden knallte.
»Hören Sie, Hartree«, sagte Charles. »Ich glaube, wir klären das besser gleich mal. Es fällt unter die Zuständigkeit der Armee, Gefangene nach Fort Harker zu bringen.«
»Das geht Sie überhaupt nichts an, Mister. Dieser Abschaum hat Eisenbahnbesitz angegriffen.« Er packte das glänzende, schulterlange Haar des Arapahoe-Gefangenen und riß daran. »Die Eisenbahn wird sich um sie kümmern.« Er kauerte sich nieder und wischte sich den Handschuh an dem gelblichen Gras ab. »Verfluchte, verdreckte Bastarde.«
Hartrees Blicke huschten zwischen den blutenden Gefangenen und dem am Zugende auf dem Rücken liegenden Indianer hin und her. Ganz plötzlich schien er, seinen Mandarinschnurrbart streichend, einen Entschluß gefaßt zu haben.
»Der hier ist in besserer Verfassung. Den lassen wir laufen, nachdem wir uns um seinen Freund gekümmert haben. Ich will, daß dieser Junge hier mitkriegt, was wir mit den Roten anstellen, die Eisenbahnbesitz bedrohen. Ich will, daß er es den anderen erzählt. Turk, hol diese Weidepflöcke aus meinem Koffer.«
Der Scharfschütze namens Turk kletterte zurück in den Frachtwaggon. Ein unangenehmes Gefühl kroch in Charles hoch. Turk kam mit zwei scharfen Metallpfählen, die zum Anpflocken von Pferden dienten, wieder herausgesprungen. In der Hoffnung, keine Aufmerksamkeit zu erregen, schlenderte Charles langsam zu Magee zurück, der abgesessen war.