Er legte eine Presse an und befahl seinen Männern, Toby in Decken zu wickeln und ihn an Bord des Zuges ruhen zu lassen. Einer der Kavalleristen, ein scheuer Junge namens Collet, schenkte Charles einen bewundernden Blick.
»Sie sind ein guter Offizier, Mist' August.«
Als er auf der anderen Seite des Zuges ankam, sagte Graue Eule zu ihm: »Ein Arapahoe ist tot. Sollen wir ihn liegenlassen?«
Charles fuhr sich über den Mund. Er wollte gerade ja sagen, überlegte es sich dann aber anders. »Wenn du eine der Plattformen in dem Wäldchen reparieren kannst, dann leg ihn drauf. Da er bereits tot ist, können wir das schon für ihn tun. Ich halte den Zug so lange an.«
Graue Eule schaute ihn unbewegt an, drehte sich dann um und ging los.
»Lieutenant«, sagte der Schaffner mit einem klagenden Unterton in der Stimme, »Sie müssen sich die Zeit nehmen, den Verwundeten hier drin anzusehen. Ich glaube, er ist ganz in Ordnung, aber ich bin kein Doktor.«
Charles nickte und kletterte müde die Metallstufen hoch. Die Zivilisten wichen zurück, um ihn durchzulassen. Zwischen zwei Sitzen ragten Stiefel und gelbgestreifte Kavalleriehosen in den Gang. Der Verwundete lehnte mit schlaff herabhängendem Arm an der Wand.
Einen Augenblick lang sah Charles nichts als die Wunde, ein feuchtes, rotes Loch im oberen Ärmel. Dann betrachtete er den Mann etwas näher; er sah ein feingeschnittenes Gesicht mit gletscherblauen Augen und rostfarbenem Schnurrbart und Bart. Weil so viel geschehen war, dauerte das Erkennen etwas länger. Es traf ihn, als er sich gerade hinknien wollte.
»Main«, sagte der Offizier. »Oder lieber May?«
»Mein Name ist ...« Er hielt inne. Es hatte keinen Sinn.
Vom Gang her sagte der Schaffner: »Der Name des Mannes ist Lieutenant August.«
»Den Teufel ist er.«
»Ich werde mir Ihre Wunde ansehen«, fing Charles an.
»Rühren Sie mich nicht an«, sagte Captain Harry Venable. »Sie stehen unter Arrest.«
37
Generalmajor Philip Henry Sheridan, Missouri-Department, VJ zitierte Grierson nach Leavenworth. Die beiden Männer trafen sich an dem Tag, an dem Sheridan seinen verlängerten Urlaub antrat.
Grierson kam herein, als Sheridan noch mit seinem Adjutanten, Colonel Crosby, konferierte. Sheridan war sechsunddreißig, Junggeselle, mit dunklem irischem Gesicht und rauhen Manieren; sein Mongolenschnurrbart und seine gelockten Haare verstärkten diesen Eindruck noch. Er schüchterte Grierson ein. Es war mehr als nur der Rang oder die traditionelle Spannung zwischen West-Point-Offizieren und Nicht-West-Point-Offizieren. Sheridan war bekannt für seinen Starrsinn und seine Unbarmherzigkeit.
»Bin gerade mit dem Report über das Zuggefecht fertig«, sagte er, nachdem er Griersons Salut erwidert hatte. »Setzen Sie sich.« Er schob seinem Adjutanten einen Stoß Papiere zu. »Telegraphieren Sie der Eisenbahn, sie sollen diesen verfluchten Idioten Hartree aus Kansas verschwinden lassen. Ich lasse es nicht zu, daß sich Vigilanten in Angelegenheiten der Armee der Vereinigten Staaten mischen.«
Colonel Crosby räusperte sich. »Jawohl, General. Das ist allerdings ein heikles Thema. Die Eisenbahnaktionäre sind immer noch sehr erregt über die Bedrohung durch die Indianer.«
»Gottverdammt noch mal, Sam Grant und Cump Sherman haben mich an diesen Platz gestellt, damit ich mich um diese verfluchten Indianer kümmere, und das werde ich auch. Ich habe für sie nichts übrig. Die einzigen guten Indianer, die ich je gesehen habe, waren tote Indianer. Befolgen Sie meine Anweisungen. Hartree hat zu verschwinden.«
Der Adjutant salutierte und zog sich zurück. Als sich die Tür geschlossen hatte, ging Sheridan zu dem Eisenofen, um sich die Hände zu wärmen. Es war Ende November, ein grauer, trostloser Tag.
»Grierson, ich kann absolut nichts für Charles Main tun. Harry Venable kam letztes Frühjahr in den Stab des Departments, um unter Winnie Hancock zu dienen. Ich mag den kleinen Scheißer nicht, aber er ist ein fähiger Soldat.«
»Main ist ein hervorragender Soldat.«
»Ja, aber er ist auch ein Rebell ohne Begnadigung, der in bezug auf seine Kriegserfahrungen und die Akademie gelogen hat. Zweimal.«
»Das zweite Mal hab' ich ihn dazu ermutigt, General. Er machte einen erstklassigen Eindruck auf mich, und ich wollte ihn für das Regiment. Mich trifft mindestens genausoviel Schuld.«
»Ich will kein weiteres verdammtes Wort hören. Und die letzten hab' ich auch nicht gehört. Ich bin mir Mains Fähigkeiten durchaus bewußt. Er kam kurz vor meiner Graduierung ins Sommerlager. Ungefähr ein Jahr später hörte ich, daß Bob Lee ihn für den besten Reiter im Kadetten-Corps hielt. Aber er muß gehen.«
»Custer suspendieren sie lediglich für ein Jahr vom Dienst, und das angesichts all der Anklagen, die gegen ihn erhoben wurden.«
»Colonel, ich will nichts mehr hören«, sagte der kleine Kommandeur. Seine schwarzen Augen bohrten sich in die des Kavalleristen. »Curly Custer kämpfte für die Union. Und ich werde Ihnen noch was sagen. Er wirkt wie ein gottverdammter Magnet auf die Männer. Sie schneiden sich gegenseitig die Kehle durch, um unter ihm dienen zu können.«
»Einige. Nicht die Männer, die gegen ihn ausgesagt haben. Nicht sein eigener kommandierender Offizier.«
»Würden Sie um Himmels willen den Mund halten? Ich kann Mains Arsch nicht retten auf der Basis von dem, was mit Cu-ster geschehen ist. Außerdem will ich Curly so schnell wie möglich wieder in meinem Department haben, weil dieser Scheißvertrag niemals halten wird. Und jetzt gehen Sie zurück zu Main, und sagen Sie ihm, daß es mir leid tut, er aber dankbar sein kann, daß es mir gelungen ist, ihn mit einer unehrenhaften Entlassung loszuwerden; drei Jahre verschärftes Arbeitslager mit einer Eisenkugel am Bein wären für seinen Fall normal gewesen.«
Grierson erhob sich. »Jawohl, General. Ist das alles?«
Sheridans Gesichtsausdruck wurde sanfter, während er eine Zigarre zwischen seinen Handflächen rollte. »Ist das nicht genug? Abtreten.«
In Fort Harker teilte Grierson am nächsten Tag Charles das Urteil mit, der in stoischem Schweigen vor ihm stand. Seit er in dem Zug auf Harry Venable gestoßen war, hatte er gewußt, daß dieser Augenblick unausweichlich kommen würde.
»Ich habe Ihnen zuvor gesagt, daß ich Sie nicht retten kann, wenn Sie auffliegen, Charles. Ich hab's versucht. Ich habe mir verdammt viel Mühe gegeben. Sie sind der einzige hundertprozentige Rebell in diesem Regiment, und trotzdem sind Sie der stärkste Anhänger dieser Neger.«
»Ich gewähre ihnen keine besonderen Vergünstigungen, Sir. Von ein paar Ausnahmen abgesehen, sind sie gute Soldaten. Sie geben sich mehr Mühe als die meisten anderen.«
»Das stimmt. In unserem ersten Jahr hatten wir die niedrigste Desertionsrate der gesamten Armee und die wenigsten Disziplinarvergehen. Ich sagte Ihnen, ich hatte eine Vision für die Zehnte, und Sie haben mir geholfen, diese Vision zu verwirklichen. Es tut mir nur verdammt leid, daß die Sache für Sie kein gutes Ende nimmt.«
»Ich schätze, heutzutage kann man einem Mann alles verzeihen, außer daß er ein Südstaatler ist.«
»Ihre Verbitterung ist verständlich.« Er schwieg einen Moment. Charles sah zu, wie sich draußen vor Griersons Fenster die Nacht herabsenkte. Im Büro war es eiskalt. Es begann zu schneien. »Was werden Sie tun?«
»Ich weiß nicht. Mich besaufen. Arbeit suchen. Ein paar Cheyenne umbringen.«
»Darüber sind Sie immer noch nicht weg?«
»Darüber werde ich nie wegkommen.«
»Aber Sie haben die Arapahoe-Gefangenen gerettet.« Einer war einen Tag nach seiner Einlieferung in das Arrestlokal von Fort Harker gestorben. Der andere, der jegliche Nahrung verweigert hatte, lag auf der Krankenstation im Koma.