»Ich sagte umbringen, Sir. Ich habe nichts von foltern gesagt. Das ist ein Unterschied.«
Grierson studierte den großen, leicht bedrohlich wirkenden Soldaten mit den zornigen Augen. Dann strich er sich über seinen gewaltigen Bart und fragte: »Was ist mit Ihrem Sohn?«
»Er wird noch ein bißchen auf Jack Duncans Wohltätigkeit angewiesen sein.«
»Nun, bleiben Sie mit ihm in Verbindung. Ein Mann kann den Verlust vieler Dinge ertragen, aber nicht den Verlust der Menschen, die er liebt.«
Charles zuckte mit den Schultern. »Vielleicht ist es bereits zu spät. Alles andere habe ich weiß Gott schon verloren.«
Weiteres Schweigen. Grierson konnte es kaum ertragen. Er vermied Charles' Blick, als er sagte: »Morgen früh müssen Sie vom Militärposten weg sein. Aber niemand wird was dagegen haben, wenn es etwas länger dauert, bis Sie auf Wiedersehen gesagt haben.«
»Es wird nicht länger dauern, Colonel. Ein schneller, sauberer Schlußstrich ist immer das beste.«
»Charles!«
»Habe ich Erlaubnis, mich zu entfernen, Colonel?«
Grierson nickte. Er erwiderte den Salut und sah zu, wie Charles eine Kehrtwendung machte und die Tür hinter sich schloß. Dann ließ er sich auf seinen Stuhl fallen und starrte das gerahmte Photo seiner Frau an.
»Alice, manchmal hasse ich diese gottverdammte Welt.«
Der Schneefall wurde stärker. Charles sammelte seine paar Habseligkeiten ein und drehte seine Abschiedsrunde. Die Wachen in der eisigen Dunkelheit setzten zu einem zackigen Salut an, der respektvoller auszufallen schien als je zuvor.
Im Offiziersquartier für Junggesellen verabschiedete er sich von Floyd Hook. Floyd war ungekämmt und unrasiert. Er war eine Woche vor Charles von der Patrouille zurückgekehrt und hatte feststellen müssen, daß seine Frau mit einem Fahrer der Butterfield-Postkutsche durchgebrannt war. Die dreijährige Tochter hatte sie mitgenommen. Charles hatte gehört, daß Dolores Hook im letzten Jahr einen Selbstmordversuch unternommen hatte. Manche Armeefrauen brachen unter den Sorgen und der Einsamkeit einfach zusammen. Auch Floyd sah so aus, als würde er kurz vor dem Zusammenbruch stehen. Er roch nach Bier. Charles mühte sich zehn Minuten lang ohne Erfolg, ihn aufzuheitern.
In den Quartieren für verheiratete Offiziere verabschiedete er sich von Ike Barnes und der kleinen Lovetta, die weinte und ihn wie eine Mutter in die Arme nahm. Der Alte, alles andere als redselig und stets ängstlich darauf bedacht, nur ja keine Gefühle zu zeigen, quetschte nichtsdestoweniger mehrmals Charles' Arm und drehte seinen Kopf weg.
Charles entdeckte Graue Eule, der in der Dunkelheit mit gekreuzten Beinen schlafend unter der Dachkante des Marketenders saß. Der Fährtenleser hatte sich in mehrere Decken und Büffelfelle gewickelt; ein Fell bedeckte seinen Kopf wie eine Mönchskapuze. »Du wirst noch an Erkältung sterben«, warnte Charles ihn, nachdem er ihn geweckt hatte.
»Nein. Bis auf einen Blizzard ertrage ich jedes Wetter. Das habe ich mir vor langer Zeit beigebracht.« Graue Eule erhob sich, schüttelte die Felle und Decken ab. Er packte Charles an der Schulter und starrte ihm in die Augen. »Ich werde dich vermissen. Du bist ein guter Mann. Daß du die Gefangenen trotz deines Hasses verschont hast, das war gut.«
Bis auf ein müdes Achselzucken wußte Charles darauf keine Antwort. Graue Eule stellte die gleiche Frage wie Grierson, und Charles antwortete: »Ich weiß nicht, was ich tun oder wohin ich gehen werde. Der Colonel hat mir die Spencer und Satan gelassen.«
»Ich glaube, wir sind uns sehr ähnlich«, sagte der Fährtensucher. »Ausgestoßene. Ich habe mich von meinem Volk getrennt, als sie ihren Weg verloren.«
Graue Eule beobachtete das Schneetreiben. »Wie mein Vater nahm ich eine gefangene weiße Frau zum Weib. Ich behandelte sie gut und liebte sie sehr. Vor drei Wintern, während ich die Männer der Gemeinschaften und die jungen Krieger zur Herde für die letzte Jagd des Jahres führte, quälten einige eifersüchtige Squaws meine Frau mit scharfen Stöcken. Sie verblutete, und niemand wollte die Frauen wegen ihrer Grausamkeit bestrafen. Der Bruder der Frau, die die anderen angestiftet hatte, ein haßerfüllter Mann namens Narbengesicht, lobte sie und erzählte ihre Geschichte viele Male. Als ich zurückkehrte und all das sah, da wußte ich, daß mein Volk zu weit vom Wege abgeirrt war, als daß ich es hätte zurückführen können. So wandte ich mich für immer von ihnen ab. Doch wenn du dich je verirrst, Charles, und ich dich wieder auf sicheren Boden führen kann, dann werde ich das tun.«
»Danke«, sagte Charles kaum hörbar. Er wollte die restlichen Verabschiedungen so schnell wie möglich hinter sich bringen. Es begann zu sehr zu schmerzen.
Er umarmte Graue Eule und verließ den Cheyenne, der sich wieder gegen die aus Baumstämmen errichtete Wand des Marketenders drückte. Nach einigen Schritten schaute er zurück. In der von Lampen erhellten Finsternis sah er Graue Eule, eingehüllt in seine schneebedeckten Felle, wie einen seltsam verkümmerten Strauch zusammengekauert dasitzen.
Bei diesem Wetter blieb den Männern der Zehnten keine andere Wahl, als in den stinkenden, engen Hütten, die in Fort Harker als Baracken dienten, Unterschlupf zu suchen. Charles bog um die Ecke einer Hütte, in der die meisten Männer seines Kommandos hausten. Durch die Bohlentür hindurch hörte er Magic Magees Stimme.
Vorsichtig drückte er die Tür ein paar Zentimeter auf. Im Lichte der Öllampen sah er Magee auf dem Lehmboden knien. »Okay, Jungs, ihr seht, daß ich in dieser Hand drei ganz gewöhnliche Blechtassen habe, aus denen wir jeden Tag trinken. Würdest du ein bißchen zurückrutschen, Sergeant Williams? Ich brauche mehr Platz.«
Es war das erstemal seit längerer Zeit, daß Charles wieder lächelte. Er beobachtete, wie Magee eine Tasse nahm und sie mit schneller, fließender Bewegung verkehrt herum auf den Boden stellte. In der gleichen Weise stellte er die anderen Tassen daneben.
»Was ich euch jetzt zeigen werde, Jungs, ist eines der unglaublichsten Geheimnisse aller Zeiten. In Chicago hat mir jemand erzählt, daß es in irgendeinem alten Grab in Ägypten Bilder von einem Magier gebe, der den gleichen Trick mit Tassen und einem Ball vorführt. Hier ist der Ball. Eine gewöhnliche kleine Korkkugel.«
Er zeigte ihn zwischen Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand, dann schob er ihn in die linke Hand oder tat zumindest so, wobei er ihn verschwinden ließ.
»Shem, wo ist der Ball?«
»Verschwunden«, sagte Wallis.
»Wohin verschwunden?«
»Weiß nicht.«
»Komm schon. Er ist auf Reisen gegangen.« Schwungvoll hob Magee die erste Tasse hoch; darunter kam der Ball zum Vorschein.
Er nahm den Ball, ließ ihn wieder in der Hand verschwinden und unter der zweiten Tasse auftauchen. Charles hatte den Trick oft genug gesehen, um das Geheimnis zu kennen: vier Bälle, in jeder Tasse einer; Magees Geschick beim Umdrehen der Tassen und dem schnellen Aufsetzen auf den harten Boden hinderten sie am Herausfallen. Magee fing wieder von vorn an, doch Williams hatte den Zug von der Tür gespürt, hob eine Hand und griff nach seiner Waffe. »Jemand draußen?«
Charles stieß die Tür auf und trat ein. »Habe mir nur die Vorstellung angesehen. Ich ziehe los, Jungs. Den Mantel und die Kappe hab' ich euch mitgebracht. Verkauft die Sachen, und legt das Geld in die Kompaniekasse.«
Ein gemurmelter Dank, dann wurde es wieder still. Charles fühlte sich genauso befangen wie die Männer. Ihr Lächeln war traurig.
Charles räusperte sich. Er war so unbeholfen und nervös wie damals in West Point, als er zum erstenmal an die Tafel gerufen wurde. »Ich wollte nur sagen - Männer, ihr seid gute Soldaten. Jeder Offizier wäre«, er stockte, räusperte sich erneut, »wäre stolz, euch zu führen.«
»Wir sind stolz, daß Sie uns geführt haben«, sagte Shem Wallis. »Sie haben mit Ihnen ein schlechtes Geschäft gemacht, diese Generäle.«