Jolly vergaß seine Umgebung, sah den General auf seinem großartigen Kriegsroß, King Philip, vor sich. Und die Nigger. Die jammernden, schreckensstarren Nigger von Fort Pillow. Nach dem Fall von Fort Pillow hatte Jolly persönlich mit der Waffe in der Hand sechs Niggersoldaten in ein Zelt getrieben und dann seinem Sergeant befohlen, es in Brand zu stecken. Jetzt, in diesem Moment, konnte er die Nigger schreien hören. Die Erinnerung brachte ein Lächeln auf sein Gesicht.
Gettys senkte seine Stimme und sagte: »Cousin Sitwells Freunde im York County haben Forrest eingeladen, ihnen bei der Gründung einer Klavern behilflich zu sein. Ich würde meinen, wir könnten in Ashley so was auch gebrauchen.«
Des' Karottenhaar glühte im Schein der hinter ihm stehenden Kerosinlampe auf. »Kriegen wir Forrest her? Könnten wir ihm eine telegraphische Nachricht schicken?«
»Jawohl. Und ich bezahle das aus den Profiten des Ladens«, sagte Gettys begeistert. »Ist genügend da. Wohin schicken wir die Nachricht?«
»Mississippi«, sagte Jolly. »Sunflower Landing. Das ist die Plantage des Generals in Coahoma County. Unterzeichne die Nachricht mit meinem Namen, Gettys - nein. Unterzeichne mit Captain Jackson Jerome Jolly. Der General wird kommen, wenn einer seiner Offiziere ihn ruft, das verspreche ich.«
Zufrieden lehnte er sich zurück. »Die Sache kommt endlich in Bewegung, Jungs. Bald können wir die Jagd eröffnen auf hochnäsige Niggerfrauen.«
Habe mich entschlossen, mit der Nachricht von Mont Royals Schulden erst eine Woche vor Weihnachten herauszurücken. In Lambs, ein kurzes Stück weiter den Fluß hinunter, hat man gerade eben eine überraschende geologische Entdeckung gemacht. Der ganze Bezirk befindet sich in heller Aufregung. Muß herausfinden, warum.
38
Durch ein Gewitter keuchte der Nachtzug das Lehigh Valley hoch. In der Nähe von Bethlehem schlief Georges Anwalt, Jupiter Smith, ein; sein Klient saß da und starrte aus dem Fenster in die regnerische Finsternis.
Die Männer fuhren in einem Privatwaggon, der an das Zugende angehängt worden war. Nach Georges Wünschen gebaut, besaß der Wagen rote Plüschpolster, herrliche Holztäfelung und Glastrennwände. Vor Jahren hatte Stanley einen ähnlichen Wagen für die Hazards gekauft, der dann durch ein Eisenbahnunglück zerstört worden war. George hatte sich verächtlich über diese Verschwendung geäußert, bis er dann vor einem Jahr einen gewissen Sinn darin zu sehen begann. Pittsburgh entwickelte sich schnell zum Eisen- und Stahlzentrum des Staates. George wünschte, daß Hazard eine bedeutsame Rolle bei dieser Expansion spielte, und rechnete damit, diese Reise häufig unternehmen zu müssen. Er arbeitete hart und hatte deshalb seiner Meinung nach eine bequeme Fahrt verdient.
Der Zug hatte fast eine Stunde Verspätung. Gähnend lehnte George die Stirn gegen das Fenster und beobachtete die Regentropfen auf der anderen Seite. Wenn nur der Lokomotivführer etwas schneller fahren würde. Er war nun vier Nächte von zu Hause fort gewesen. Er kannte Männer, die ihre Frauen für Wochen verlassen und die Zeit genießen konnten. Er konnte das nicht. Er stellte sich Constance in ihrem warmen Bett in Belvedere vor. Bald würde er auch dort sein, er würde sich an sie schmiegen und sie im Schlaf festhalten.
Constance hörte ein merkwürdiges Geräusch.
Sie legte ihre Haarbürste beiseite, erhob sich und ging zu dem Fenster neben dem mit einem Baldachin versehenen Doppelbett. Sie wunderte sich über das Geräusch, denn beide Kinder waren in der Schule, und ansonsten befand sich bis auf die Dienstboten in einem entfernten Flügel niemand im Haus.
Stirnrunzelnd stieß sie das Fenster ein Stückchen auf. Blitze zuckten hinter den lorbeerbewachsenen Bergen auf. Die Hazard-Hochöfen färbten den dunstigen Nachthimmel rot. Regen fegte herein, näßte ihr Gesicht und ihr gepudertes Dekolleté. Sie hatte das chinesische Seidennachthemd gewählt, weil George heute heimkam. Er war spät dran.
Sie starrte in den Sturm hinaus, versuchte sich an das Geräusch zu erinnern. Es war schwierig. Sie nahm an, der Wind hatte irgend etwas gegen das Fenster geschleudert. Es befand sich zwar zweieinhalb Stockwerke über dem Rasen, aber es war ein heftiger Sturm.
Constance war müde, aber zufrieden. Sie hatte den Abend in der Küche verbracht und geholfen, Kuchen für die Feiertage zu backen. Überall in Belvedere hingen die angenehmen Düfte, die an Weihnachten erinnerten. Sie freute sich auf die Wärme und die Festlichkeit der Weihnachtstage - die Kinder waren von der Schule zurück, die Familie war vereint.
Ein ferner Pfiff übertönte den Regen. Sie lächelte. Das war sein Zug. Sie schloß das Fenster, ohne es zu verriegeln, wie es ihre Gewohnheit war. Sie setzte sich wieder und fuhr sich weitere zwanzigmal mit der Bürste durch ihr glänzendes rotes Haar; dann betrachtete sie sich in typisch weiblicher Manier im Spiegel.
Nicht unattraktiv für ihr Alter, dachte Constance. Aber eindeutig übergewichtig, mindestens dreißig Pfund. An den meisten Tagen aß sie nur sehr mäßig, beflügelt von dem Spiegelbild des vorangegangenen Abends. Und trotzdem nahm sie zu. Wer hätte gedacht, daß ein glückliches Leben derartige Kämpfe enthalten könnte?
Sie lächelte schläfrig und streckte sich. In einer halben Stunde sollte George ebenfalls im Bett sein. Beim Gedanken an ihn richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf ein kleines Samtkästchen zwischen ihren Kosmetiksachen. Er war so ein lieber, großzügiger Mann. Auch ohne besonderen Anlaß machte er ihr gern Geschenke. In dem Samtkästchen lag sein letztes Geschenk - Ohrringe.
Sie nahm sie heraus und hielt sie neben ihre Ohrläppchen. Sie dachte daran, wie sehr sie ihren Mann liebte, wie schön ihr Leben nun nach vier Jahren Krieg und Trennung war.
Sie schaute in den Spiegel und merkte nicht, wie sich das Fenster langsam öffnete.
Der vollen Gewalt des Sturmes ausgesetzt, hing eine verkrümmte Gestalt am Dach über dem Fenster, als Constance es beunruhigt öffnete. Nachdem sie es wieder geschlossen hatte, blieb die Gestalt still wie ein Wasserspeier an einer Kathedrale hängen.
Unten, zwischen den verschwommenen Lichtern der Stadt am Fuße des Berges, pfiff ein in den Bahnhof einfahrender Zug. Der Mann auf dem Dach achtete nicht darauf, war völlig mit den kommenden Ereignissen beschäftigt. Heute abend sollte sein jahrelanges Warten belohnt werden, all die Monate des Herumziehens und Planens sollten ihren Höhepunkt finden. Tagelang hatte er sich in der Stadt herumgetrieben und Fragen gestellt, hatte dann wieder gewartet, bis die Natur ihm zur Tarnung dieses Gewitter geschickt hatte. Heute abend würden die Schuldigen dafür bezahlen, daß sie ihn gedemütigt und verletzt hatten.
Die Kletterei zu dem Dachfenster hoch über schlüpfrige Dachrinnen, Ornamente und Fenstersimse hatte eine halbe Stunde in Anspruch genommen. Die glitschige Nässe hatte alles noch schwieriger gemacht, ebenso wie seine Erinnerungen an den Sturz in den James River, die fürchterlichen Schmerzen, die seinen Körper durchbohrt hatten, als er von Felsen zu Felsen gestürzt war. Er war sehr stolz auf sich, daß er diese Erinnerungen überwunden und die Kletterei erfolgreich hinter sich gebracht hatte.
Einige Augenblicke wartete er noch, dann griff er vom Dach aus zum Fenster. Er quetschte seine schmierigen Finger in den schmalen Spalt zwischen Rahmen und oberem Fensterrand. Ein Windstoß riß ihm den gestohlenen Zylinder vom Kopf. Er schnappte danach, wobei sein rechter Fuß ausrutschte und über das Dach scharrte. Der Zylinder segelte davon. Er fluchte lautlos, mit zusammengebissenen Zähnen. Das Geräusch eines solchen Ausrutschers hatte vorhin Hazards Frau ans Fenster gebracht.
Verkrampft hing er da und wartete. Nichts geschah. Anscheinend hatte sie das zweite Scharren nicht gehört. Langsam kroch er neben dem Dachfenster herab und schob es mit großer Vorsicht auf.