Er spähte durch den schmalen Spalt und sah einen hübsch möblierten, von Gaslicht erhellten Raum vor sich. Hinter einem Baldachinbett saß eine Frau vor einem Frisiertisch und hielt sich Ohrringe an die Ohren.
Er stieß das Fenster ganz auf, streckte ein verkrüppeltes Bein über den Sims und sprang in das Zimmer.
Weichensteller mit Laternen koppelten den Privatwaggon ab. Über den verschwommenen Lichtern der Stadt sah George oben auf der terrassenförmigen Anhöhe die hell erleuchteten Fenster von Belvedere. Links von ihm schimmerte der Himmel rot; die Nachtschichten von Hazard liefen.
Während er sich bereit machte, den Wagen zu verlassen, genoß er einen der seltenen Momente der Ruhe. In Pittsburgh hatten er und Jupe Smith Verhandlungen über den Ankauf der McNeely-Gießerei geführt. McNeely, ein großer Eisenfabrikant in Pennsylvania, war im Spätsommer gestorben, und George hatte die Gießerei von den Erben zu kaufen versucht. Sie war für die Einführung des neuen Bessemer-Verfahrens ideal geeignet.
Die Reise war erfolgreich gewesen. Er hatte McNeely in der Tasche, und hier in Lehigh Station wurde bei Hazard Tag und Nacht gearbeitet; die Produktion umfaßte alles von Eisenbahnschienen über Schmiedeeisen bis zu den Eisenrahmen für Fen-way, eine aufstrebende Pianofabrik in Chicago. George hatte ein gutes Gefühl bei all dem, und nun sinnierte er über die momentane Stimmung im Norden. Der Norden erfreute sich eines Wachstums und eines Wohlstands, wie es sie bis jetzt noch nicht gegeben hatte. Aus der Asche war der industrielle Phönix triumphierend aufgestiegen.
Den Politikern hatten sie das nicht zu verdanken. George dankte Gott, daß er noch vor Kriegsende Washington verlassen hatte. Die jetzigen üblen Intrigen dort hätte er nicht ertragen können. Bei einigen Gesprächen, die er in Pittsburgh geführt hatte, war deutlich geworden, daß viele Bürger den politischen Krieg allmählich satt hatten. Sie hatten Johnsons Tiraden über Verfassungsprinzipien ebenso satt wie die Manöver der Radikalen, ihn unter Anklage zu stellen; leider hatten sie mittlerweile auch die Diskussionen über die Rechte der Neger satt.
Unglücklicherweise ließen sich die Radikalen von all dem genausowenig beirren wie von den Wahlniederlagen in etlichen Staaten. Stanleys Kumpel und Gönner, Wade, war bereits zum Senatspräsidenten ernannt worden. Wenn Johnson aus dem Amt entfernt werden konnte, dann bestanden gute Aussichten, daß der Kongreß ihn zum Präsidenten der Vereinigten Staaten machte.
Virgilias Freund Thad Stevens wollte Johnson aus dem Weg haben. Manche behaupteten, nichts anderes hielte den alten Radikalen noch am Leben. Stevens und seine Clique wollten Johnson wegen >monströser Machtanmaßung< vor Gericht sehen; daß ihr erster diesbezüglicher Versuch vom Kongreß abgeschmettert worden war, bedeutete noch lange nicht, daß sie aufgaben. Mein Gott, wie bösartig manche Männer unter dogmatischem Einfluß doch wurden.
»Endlich«, stöhnte Jupe Smith und griff nach Reisetasche und Schirm. Es waren nur ein paar Meter vom Bahnsteig zu der wartenden Lehigh-Station-Droschke.
»Tut mir leid, daß wir uns verspätet haben, Bud«, sagte George und schüttelte beim Einsteigen Wasser von seinem Hut. »Ein umgestürzter Baum hat die Schienen für eine Stunde blockiert. Danke fürs Warten.«
»Gern geschehen«, sagte Bud durch den Dachschlitz. »Übrigens, Mr. Hazard, in den letzten Tagen hat sich ein Mann in der Stadt nach Ihnen erkundigt.«
George rückte zur Seite, um dem grummelnden Anwalt Platz zu machen. »Wer?«
»Hat seinen Namen nicht gesagt. Ziemlich komischer Vogel. Schaut aus, als wäre er im Krieg verkrüppelt worden. Leon vom Station House Hotel hat ihm gesagt, Sie seien für eine Weile weg. Ich schätze, er ist bloß irgendein Kerl, der Ihnen was verkaufen will.«
»Davon gibt's weiß Gott genug.«
»Wenn dieses faszinierende Gespräch vorbei ist«, sagte Jupe, »würde ich gern zu Bett gehen. Ich bin ein alter Mann.«
»Da bist du nicht der einzige.« Georges Knochen schmerzten. War bei ihm eine Grippe im Anzug? Er gab Bud ein Zeichen, und die Droschke schwankte durch die fast leeren Straßen.
Eben noch war der Spiegel leer gewesen, dann füllte sein Bild ihn aus. Sie stieß sich vom Frisiertisch ab. Sie war so entsetzt, daß sie gar nicht bemerkte, wie ihr der Ohrring aus der linken Hand fiel. Die andere goldgefaßte Perlenträne baumelte an ihrem rechten Ohrläppchen.
Er sprang auf sie zu, preßte ihr die linke Hand auf den Mund und stieß ihr sein rechtes Knie in den Rücken. »Sei still. Ein Wort, und ich bringe dich um.« Er bohrte sein Knie tiefer in ihren Rücken, um seine Worte zu unterstreichen. Es tat weh.
Panik legte ihren Verstand lahm. Ihr Blick irrte über das Bild im Spiegel, während sie sich bemühte, etwas Sinn in das Ganze zu bringen. Wer war dieser stoppelbärtige, fettbäuchige Unhold in der regennassen Kleidung? Seine Augen waren dunkel und verstört. Die Nägel seiner Hand auf ihrem Mund waren schwarz; er roch nach Dreck und Schweiß.
»Weißt nicht, wer ich bin, was? Ich bin ein alter Freund.« Er kicherte. Speichel tropfte von seiner Unterlippe und hinterließ einen dunklen Fleck auf ihrem Nachthemd. »Ein alter, alter Freund deines Mannes. Er und dieser kleine Speichellecker, sein Kumpel Main, die nannten mich unten in Mexiko Metzger. Metzger Bent.«
Unter seiner Hand schrie Constance auf - oder versuchte es zumindest. Sie kannte den Namen. George hielt Elkanah Bent für tot. Doch hier stand er und schob kichernd seine rechte Hand in seinen schmutzigen Mantel, an dem sämtliche Knöpfe fehlten. Er zog etwas ans Licht.
»Metzger bringen Kühe um. Du bist besser sehr vorsichtig.«
Er klappte das Rasiermesser auf. Es funkelte im Gaslicht. Constance glaubte, ohnmächtig zu werden. Nein, das durfte sie nicht. Ihr Geist schrie: George! Kinder!
Nein. Sie waren nicht hier. Sie konnten ihr nicht helfen.
Qualvoll, aufreizend langsam ließ Bent das Rasiermesser an ihren Augen vorbei zu ihrer Kehle gleiten. Plötzlich riß er das Messer nach oben.
Ein weiterer unterdrückter Schrei. Erst dann merkte Constance, daß er das Rasiermesser im letzten Moment gedreht hatte. Es war die stumpfe Seite, die sich gegen ihren Hals preßte.
»Jetzt werde ich dir ein paar Fragen stellen, du blöde Kuh. Wenn du schreist, bist du erledigt. Kapierst du, daß du still sein sollst? Wenn ja, dann zwinkere mit den Augen.«
Ihre Augen starrten sie riesengroß aus dem Spiegel an. Sie zwinkerte gleich viermal. Das Gaslicht blitzte auf dem Rasiermesser auf, als er es langsam wegnahm, gefolgt von seiner stinkenden Hand.
Constance wäre beinahe zusammengebrochen. »Bitte, oh Gott, bitte, tun Sie mir nichts.«
»Sag mir, was ich wissen will, und ich werde dir nichts tun.« Er trat zurück, machte jetzt einen fast freundlichen Eindruck. »Ich versprech's.«
Sie schämte sich ihrer Furcht, konnte sie aber nicht überwinden. »Kann ich - kann ich Ihnen trauen?«
Er kicherte. »Was bleibt dir anderes übrig? Aber doch, ja, du kannst. Ich will nur einige Informationen. Über die Leute, die mich ruiniert haben. Über ihre Familien. Fangen wir mit dem Busenfreund deines Mannes an, Orry Main. Ist er wirklich bei Petersburg gestorben?«
»Ja.« Constance hielt ihre Hände zwischen den Knien; ihre Nägel gruben sich in ihre Handflächen. »Ja, er ist tot.«
»Er hat eine Frau.«
Durfte sie Madeline oder irgendeine andere Person in Gefahr bringen? Sie starrte ihn mit offenem Mund an. Bent riß an ihrem Haar. »Wir haben eine Abmachung. Keine Antworten«, er fuchtelte mit dem Rasiermesser dicht vor ihren Augen herum, »und alles ist vorbei.«
»Schon gut, schon gut.«
Er zog das Rasiermesser zurück. »Gefällt mir schon besser. Ich möchte einer unschuldigen Frau wirklich nichts antun müssen. Erzähl mir von Mains Witwe. Wo ist sie?«
»Plantage Mont Royal. In der Nähe von Charleston.«