Er grunzte. »Und dein eigener Mann?«
In diesem Moment auf dem Weg nach Belvedere, dachte Constance. Sie mußte Bent in ein Gespräch verwickeln, ihn aufhal-ten, bis George kam. Der Zug war da; es konnte nicht mehr lange dauern. Oh Gott, und wenn er den Zug verpaßt hatte? Lieber Gott, wenn er ...?
»Meine Geduld ist nicht unerschöpflich.« Die linke Schulter des Mannes hing tiefer als seine rechte, was ihn irgendwie verletzlich wirken ließ. Merkwürdig, daß sie im Gegensatz dazu nie eine schreckenerregendere Gestalt gesehen hatte.
»George«, sie fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen, »George ist geschäftlich in Pittsburgh.«
»Du hast Kinder.«
Neues, kaltes Entsetzen. Daran hatte sie nicht gedacht.
»Kinder«, schnarrte er.
»In der Schule. Beide.«
»Ich glaube, dein Mann hat einen Bruder.«
Welchen meinte er? Sie nannte besser den Namen des am weitesten Entfernten. »In Kalifornien. Mit seiner Frau und seinem Sohn.«
Es funktionierte. Der Mann reagierte enttäuscht. Nach weiteren Einzelheiten erkundigte er sich nicht. »Und da gab es noch einen Verwandten von Orry Main. Ein Soldat, dem ich in Texas begegnet bin. Sein Name war Charles. Wo steckt er?«
»Soviel ich weiß, wieder in der Armee, drüben in Kansas.« Sie war so verängstigt, so verzweifelt bemüht, ihm gefällig zu sein und ihr Leben zu retten, daß sie jegliche Vorsicht vergaß. »Er ist nach dem Krieg dort hingezogen, mit seinem kleinen Sohn.«
Plötzlich lächelte der Mann. »Oh, er hat auch ein Kind. In welcher Truppe dient Charles?«
»In der US-Kavallerie. Ich weiß nicht genau, wo.«
»Kansas wird schon reichen. So viele Kinder. An Kinder hatte ich gar nicht gedacht. Sehr interessant.«
Constance stand wieder im Begriff, in unkontrolliertes Zittern auszubrechen. Dann trat zu ihrer Verblüffung der dreckige, regendurchnäßte Mann zurück. »Danke. Ich glaube, du hast mir alles erzählt, was ich wissen muß. Du warst mir eine große Hilfe.«
Der Hysterie nahe, sackte sie in sich zusammen. »Ich danke Ihnen. Oh Gott, ich danke Ihnen.«
»Du kannst ruhig aufstehen, wenn du magst.«
»Danke, ich danke Ihnen vielmals.« Sie stemmte sich mit beiden Handflächen von ihrem Sitz hoch und schwankte auf die Füße; Tränen der Erleichterung, daß er ihr Leben schonen würde, strömten aus ihren Augen. Er lächelte und trat einen Schritt auf sie zu.
»Vorsichtig. Du schwankst ja.« Seine freie Hand griff nach ihrem Ellbogen. Fauliger Atem drang aus seinem Mund. Von einem Moment zum anderen verzerrte ein breites Lächeln sein Gesicht, seine Augen wurden groß und glänzend.
»Hündin.« Ein kühler, silberner, federleichter Schnitt durchtrennte ihr die Kehle.
Er stand über sie gebeugt, beobachtete das strömende Blut und umklammerte die riesige Erektion zwischen seinen Beinen. Er warf das Rasiermesser zu Boden, entdeckte dann den tränenförmigen Ohrring, den sie hatte fallen lassen, hob ihn auf, tauchte ihn in ihr Blut und lächelte über das Rot in dem Gold. In weniger als einer Minute beendete er sein Werk und verließ das Zimmer auf dem gleichen Weg, auf dem er gekommen war.
George sperrte die Haustür auf. Die Droschke ratterte den Hügel hinab.
Summend stieg er, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die große Treppe hinauf. Die freudige Erwartung ließ ihn lauter summen, als er durch den oberen Flur eilte. Der Regen hämmerte schwer gegen das Haus. Er öffnete die Schlafzimmertür, sagte im Eintreten: »Constance, ich ...«
Der unglaubliche Anblick brachte ihn zum Schweigen. Er ließ seine Reisetasche fallen und rannte auf sie zu. Er griff nach ihr, um sie aufzuheben, überzeugt davon, daß sie lediglich bewußtlos war. Die Bedeutung des Blutes, das den Teppich durchtränkt hatte, die Bedeutung der großen Halswunde drang nicht bis in sein Bewußtsein.
Er sah das offene Mansardenfenster, durch das der Regen hereintropfte und den Teppich durchweichte. Er sah einen der tränenförmigen Ohrringe, die er ihr geschenkt hatte, aber nicht den anderen.
Der Spiegel lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich. Er ging auf ihn zu; der Gestank des nassen Wollteppichs würgte ihn tief im Hals. Vier Buchstaben waren mit Blut auf den Spiegel geschrieben.
BENT
Er blickte vom Spiegel zum offenen Fenster und dann zu seiner regungslosen Frau. Der unterste Teil des T im Spiegel wuchs, schwoll an, Blut sammelte sich zu einem dicken Tropfen, der schließlich platzte. Das Blut sickerte tiefer, zog das T immer mehr in die Länge.
»Ich dachte, er sei tot«, sagte George; er merkte nicht, daß er schrie.
Viertes Buch
Das Jahr der Heuschrecke
Intelligenz, Tugend und Patriotismus müssen bei allen Wahlen der Ignoranz, der Dummheit und der Bosheit weichen. Die überlegene Rasse wird der minderwertigen Rasse Untertan gemacht ... Jene, die über keinen eigenen Besitz verfügen, dürfen Steuern erheben und Gelder bewilligen ... Gelder zur Unterstützung freier Schulen für die Ausbildung von Negerkindern, zur Unterstützung alter Neger in Armenhäusern und zur Unterstützung der Verbrecher in den Gefängnissen ..., all das wird zusammen mit einer ständigen Armee von Negersoldaten absolut zerstörend sein und uns in den Ruin treiben ... Die weißen Menschen unseres Staates werden das niemals stillschweigend dulden.
Ein an den Kongreß gerichteter Protest von South Carolina, 1868
Alles läuft gut. Die Verfassung wird verteidigt und der Erzrenegat noch vor Ende der Woche aus dem Weißen Haus getrieben.
Telegramm an den republikanischen Konvent in New Hampshire, 1868
39
In dieser Nacht ging der Regen in Graupeln über. Am Morgen fielen die Temperaturen in den Keller. Eisige Kälte senkte sich über das Tal. Die Sonne versteckte sich hinter grauen, trostlosen Wolken.
Jupiter Smith kümmerte sich um das Begräbnis. George war dazu nicht in der Lage. Selbst in den schlimmsten Zeiten des Krieges hatte er etwas Derartiges nie durchgemacht. Er hatte keinen Appetit. Wenn er einen Happen zu sich nahm, dann kam er ihm gleich wieder hoch. Er litt unter ständigem Durchfall, die Art von Durchfall, an dem so viele Männer in den Kriegslagern auf beiden Seiten gestorben waren.
Er schwankte zwischen dem Unglauben, daß Constance nicht mehr war, und Ausbrüchen von Kummer, die so lautstark wurden, daß er sich in einem Schlafzimmer einschließen mußte -nicht in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer; das konnte er nicht mehr betreten -, bis die heftigen Emotionen sich selbst aufgezehrt hatten.
Lehigh Station bereitete sich auf das Weihnachtsfest vor, allerdings aufgrund des fürchterlichen Ereignisses in dem Herrenhaus oben auf dem Berg mit weniger Freude und Ausgelassenheit als sonst. Für George war die allgemeine Frömmigkeit dieser Jahreszeit nichts weiter als ein widerwärtiger Scherz.
Der Weihnachtstag war düster und dunstig und in Belvedere freudlos. Patricia spielte einen Choral auf dem großen, glänzenden Steinway-Flügel. William, gesund und voller Energie nach einer ganzen Rudersaison in Yale, stand neben ihr und sang mit bemühter Baritonstimme eine Strophe von >God Rest Ye Merry, Gentleman<. Er hörte auf zu singen, als sich sein Vater von dem Stuhl erhob, auf dem er schweigend gesessen hatte, und den Raum verließ.
Jupe Smith besuchte sie am späten Nachmittag. Er teilte George mit, daß telegraphische Botschaften an alle Freunde und Verwandten geschickt worden waren. Er erwähnte Patrick Flynn, Constances mittlerweile bejahrten Vater. »Für ihn hab' ich als Todesursache Herzanfall angegeben. Ich sah keinen Sinn darin, dem alten Mann zu sagen, daß seine Tochter, äh .«