»Geschlachtet wurde?«
Jupe starrte den Boden an. George winkte ab und ging mit teilnahmsloser Miene zu der Kommode. Er wühlte zwischen den Glaskaraffen herum, warf eine um. Er versuchte sich mit Bourbon zu betrinken. Den ganzen Nachmittag über hatte sein Magen das zurückgewiesen.
Er stellte die Karaffe wieder auf, kippte dabei Bourbon auf den glänzenden Fußboden. »Wohin hast du die Nachricht für Charles Main geschickt?«
»An General Duncan in Fort Leavenworth.«
»Und was ist mit Billy? Virgilia? Madeline?«
»Ja. Ich habe jeden einzelnen von ihnen gewarnt, genau wie du es mir aufgetragen hast, George. Ich habe ihnen gesagt, daß jeder Angehörige der beiden Familien als Zielscheibe für Bent in Frage kommt, obwohl ich nicht weiß, ob das wahrscheinlich ist.«
»Wahrscheinlich oder nicht, es ist jedenfalls möglich. Was ist mit dem Ohrring?«
»Ich habe ihn allen genau beschrieben. Eine Perle, mit einem wie eine Träne geformten Goldklümpchen. Ich verstehe allerdings nicht ganz, warum ...«
»Ich will, daß sie über alles Bescheid wissen. Bents Erscheinung, soweit ich mich daran erinnere - alles.«
»Nun, ich habe mich um alles gekümmert.«
George schenkte sich einen Drink ein. Sein Hemd stank, seine Rede war voller langer Pausen und unbeendeter Gedanken, und in seinen für gewöhnlich ruhigen dunklen Augen lag ein wildes Glitzern. Jupe entschloß sich zu gehen.
»Er ist krank, Mr. Smith«, flüsterte Patricia, als sie den Anwalt zur Tür brachte. »So merkwürdig habe ich ihn noch nie erlebt.«
Bis zur Beerdigung, die zwei Tage vor Neujahr stattfand, hatte sich George wieder leicht erholt.
Madeline war den weiten Weg von South Carolina gekommen. Sie wirkte befangen und seltsam scheu. Sie war jetzt zweiundvierzig; ihr Haar hatte viele graue Strähnen, die zu färben sie sich weigerte. Ihr Mantel und ihr Trauerkleid aus schwarzer Seide waren alt und schäbig. George hatte sie mit erzwungener Herzlichkeit begrüßt und für einen Moment seine feuchte Wange gegen die ihre gedrückt. Sie glaubte nicht, daß er ihre ärmliche Erscheinung bemerkte. Dafür war sie dankbar.
Virgilia kam aus Washington. Sie war hübsch, aber nicht teuer gekleidet. In ihrer Gegenwart fühlte sich George klein und schwach, wie der jüngere Bruder, obwohl nur ein Jahr zwischen ihnen lag. Das neue Leben, das sie nun führte, hatte viel von Virgilias altem Zorn ausgebrannt. Sie konnte George mit echtem Gefühl umarmen und ihm ihr aufrichtiges Beileid ausdrücken. Diese Wandlung verwirrte einige Einwohner der Stadt, die sich noch gut an die radikale Hexe früherer Jahre erinnerten.
Zur Totenmesse in St. Margaret's-in-the-Vale wurde die Familie von ungefähr dreihundert Männern und Frauen aus der Stadt und von den Hazard-Werken begleitet, dann fuhren oder gingen sie in der Eiseskälte zu dem Friedhof auf dem Hügel. Vater Toone, Constances Priester, sprach seine lateinische Litanei neben dem offenen Grab und machte dann das Zeichen des Kreuzes. Totengräber begannen, den silberverzierten Sarg abzusenken. Auf der anderen Seite schauten Stanley und Isabel mit unbehaglichem Gesichtsausdruck überall hin, nur nicht zu dem trauernden Ehemann. Glücklicherweise hatten sie ihre abscheulichen Zwillinge nicht mitgebracht. Stanley war eindeutig betrunken, obwohl es gerade erst zwei Uhr nachmittags war.
Eine behandschuhte Hand berührte von hinten Georges Arm. Ohne hinzusehen, griff er nach der Hand. Virgilia drückte die Finger ihres Bruders. Die Menge begann sich aufzulösen.
Der scharfe, kalte Wind peitschte den Saum von Vater Toones Kutte, als er sich George und den beiden weinenden Kindern näherte. »Ich weiß, dies ist ein kummervoller Tag, George. Und doch müssen wir auf Gott vertrauen. Er bringt Sinn und Zweck in diese Welt und für alle seine Kreaturen, ganz gleich, wie sehr sich dieser Sinn hinter den Wolken des Bösen auch verbergen mag.«
George starrte den Priester an. Bleich und mit eingefallenen Wangen, hatte er eine starke Ähnlichkeit mit Fotos des irrsinnigen Poe in den letzten Monaten seines Lebens, dachte Madeline. Mit steinernem Gesicht sagte er: »Entschuldigen Sie mich bitte, Vater.«
Die Hazards konnten sich der Verpflichtung nicht entziehen, die Türen von Belvedere zu öffnen und den Trauergästen Speis und Trank anzubieten. All die vielen Brote und Kuchen, die Schinken und saftigen Rindfleischstücke, die normalerweise zu Weihnachten bereitet worden wären, wurden jetzt zum Leichenschmaus serviert. Der Alkohol lockerte die Zungen, und es dauerte nicht lange, bis Gruppen von Gästen zu lärmen begannen; sogar vereinzeltes Gelächter ertönte.
George konnte es nicht ertragen. Er versteckte sich in der Bibliothek. Er hatte sich dort ungefähr zwanzig Minuten aufgehalten, als die Schiebetür zurückrollte und Virgilia und Madeline hereinkamen.
»Bist du in Ordnung?« fragte Virgilia und eilte auf ihn zu. Madeline schloß die Tür und holte dann ihr schwarzes Taschentuch hervor. George saß da, die Krawatte gelöst, und starrte die Frauen an.
»Ich weiß nicht, Jilly«, sagte er. Virgilia zuckte überrascht zusammen; sie waren noch recht klein gewesen, als er das letzte-mal diesen kindischen Spitznamen gebraucht hatte. Plötzlich erhob er sich. »Was ihr zugestoßen ist, entzieht sich jeglicher Vernunft. Mein Gott, es ist der pure Wahnsinn.«
Virgilia seufzte. Sie wirkte sehr gesetzt und gepflegt im Gegensatz zu Madelines offensichtlicher Armut. Sie sagte: »Das gilt für die ganze Welt. Jeder Tag unseres Lebens, habe ich gelernt, besteht aus dummen Mißgeschicken und albernen Melodramen, aus Habgier und unnötigem Leid. Wir vergessen es, wir maskieren es, wir versuchen es mit unseren Künsten und Philosophien einzuordnen, oder wir betäuben uns durch Ablenkungen - oder wir trinken wie der arme Stanley. Wir versuchen es durch unsere Religionen zu erklären. Aber es ist immer da und uns sehr nahe, wie irgendeine arme, mißgestaltete Bestie, die sich hinter einem hauchdünnen Vorhang verbirgt. Gelegentlich wird der Vorhang heruntergerissen, und wir sind gezwungen, hinzusehen. Du weißt das. Du bist im Krieg gewesen.«
»Zweimal. Ich dachte, ich hätte meinen Teil zu sehen gekriegt.«
»Das Leben ist nicht so logisch, George. Manche sehen die Bestie nie. Manche sehen sie wieder und wieder, und es scheint überhaupt kein Sinn darin zu liegen. Doch wenn wir hinschauen, dann geschieht etwas. Mir ist es mit Grady so gegangen, und ich habe Jahre gebraucht, um es zu begreifen. Die Kindheit geht zu Ende, das ist es, was geschieht. Eltern nennen das Erwachsenwerden, und sie gebrauchen diese Phrase viel zu beiläufig. Erwachsenwerden heißt, die Bestie anzuschauen und zu wissen, daß sie unsterblich ist und du nicht. Damit muß man fertig werden.«
Mit gesenktem Kopf stand George vor dem Bibliothekstisch. Neben dem Meteoritenfragment und dem Lorbeerzweig lag ein schmutziger, alter Zylinder. Man hatte ihn auf dem Rasen unter dem Mansardenfenster gefunden, durch das Bent eingedrungen war. George schlug den Zylinder vom Tisch und fegte dabei auch versehentlich den Lorbeerzweig hinunter.
»Ich kann damit nicht fertig werden, Jilly. Ich kann es nicht.«
Madeline brach es das Herz. Sie wollte ihn in die Arme nehmen, ihn an sich ziehen und trösten. Die Stärke ihres Gefühls für diesen Mann - den besten Freund ihres verstorbenen Gatten - überraschte sie und machte sie ein bißchen verlegen. Das Blut, das ihr in die Wangen schoß, verriet sie, aber die anderen bemerkten nichts davon. Schnell brachte sie sich wieder unter Kontrolle, indem sie sich abwandte und das Taschentuch gegen ihre Augen drückte.
»Jilly«, er war nun ruhiger, »würdest du oder Madeline bitte Christopher Wotherspoon ausrichten, er möge zu mir kommen? Ich möchte mit den Arrangements für meine Reise beginnen.«
Virgilia konnte es nicht glauben. »Heute nachmittag?«
»Warum nicht heute nachmittag? Du denkst doch nicht, daß ich da runter gehe und trinke und Witze reiße, oder?«