»George, diese Leute sind deine Freunde. Sie benehmen sich absolut einwandfrei für einen Leichenschmaus.«
»Verdammt noch mal, halt mir keine Vorträge.« Die kurze Gemeinsamkeit, die mit dem Gebrauch des Namens Jilly begonnen hatte, war vorüber. »Wotherspoon hatte eine Menge zu tun, um Hazard während meiner Abwesenheit zu leiten. Er und Jupe Smith müssen außerdem mit dem Pittsburgh-Werk anfangen.«
»Ich wußte nicht, daß du verreist«, sagte Madeline.
Ein teilnahmsloses Nicken. »Ich habe Geschäfte in Washington. Danach - nun, ich bin mir noch nicht sicher. Vielleicht werde ich nach Europa gehen.«
»Was ist mit den Kindern?«
»Sie können das Schuljahr beenden und dann zu mir kommen.«
»Wohin?« fragte Virgilia.
»Wo immer ich dann bin.«
Madeline und Virgilia tauschten besorgte Blicke aus, während George den geknickten Lorbeerzweig aufhob. Verächtlich schleuderte er ihn in den kalten Kamin.
Sehr spät in dieser Nacht erwachte George. Er kam sich vor wie ein Kind, verängstigt und zornig zugleich. »Warum hast du mir das angetan, Constance?« sagte er in die Dunkelheit hinein. »Warum hast du mich allein gelassen?«
Er schlug auf das Kissen, er schlug so lange, bis er zu weinen begann. Er fühlte sich beschämt und verloren. Er legte seinen Kopf auf das Kissen. Aus dem gestärkten Stoff kroch ein Duft, ihr Duft, der Abdruck eines Menschen, der Bett und Kissen jahrelang mit ihm geteilt hatte. Sie war tot, aber sie lebte hier in vielen Dingen noch fort. Er wollte mit dem Weinen aufhören, aber er konnte es nicht. Er weinte, bis das erste graue Licht des Tages anbrach.
Alle Sheriffs und Stadtdetektive suchten nach Elkanah Bent. Als man ihn bis zum Neujahrstag immer noch nicht gefunden hatte, ging George davon aus, daß man ihn, wenn überhaupt, so bald nicht finden würde.
Am zweiten Tag des neuen Jahres 1868 schaute George bei Jupe Smith vorbei und wies ihn an, den neuen Eisenbahnwagen zu verkaufen. Dann packte er einen Koffer und sagte der Dienerschaft und Patricia und William auf Wiedersehen. Die Kinder kamen sich hilflos und verloren vor. Konnte dieser kalte Mann mit den leeren Augen ihr Vater sein? William legte einen Arm um seine Schwester. Von einem Augenblick zum anderen fühlte er sich um Jahre älter.
George nahm wortlos den Mittagszug nach Philadelphia.
Im Kriegsministerium zeigte ein Captain namens Malcolm sein Mitgefühl. Er erkundigte sich: »Und es gibt keine Spur von diesem Wahnsinnigen?«
»Keine. Er ist einfach verschwunden. Ich hätte ihn erwischt, wenn dieser verdammte Zug keine Verspätung gehabt hätte.«
George hielt inne. Er versuchte, die Hand zu lockern, die die Lehne des Stuhls in Malcolms Büro umklammerte. Langsam kehrte Farbe in Finger und Handgelenk zurück. Er wünschte, er könnte dieses verfluchte Wenn aus seinem Geist verbannen. Es war unmöglich. Er wünschte, er wäre Manns genug, das zu tun, wovon Virgilia gesprochen hatte: erwachsen werden, die Bestie anschauen. Er hatte sie angesehen, aber sie zerstörte ihn.
Captain Malcolm erkannte, in welcher Verfassung sich sein Besucher befand, und schwieg. Malcolm selbst stand unter großem Streß, so wie jeder andere Stabsoffizier auch, der das Pech hatte, in Washington stationiert zu sein. Nachdem Johnson Kriegsminister Stanton letzten August suspendiert hatte, befand sich das ganze Ministerium in Aufruhr. Da eine Suspension während einer Amtszeit ausdrücklich untersagt war, leugnete Mr. Stanton, sowohl ein Radikaler als auch ein cleverer Anwalt, die Gültigkeit der Amtsenthebung. Nichtsdestoweniger diente Grant mehr oder weniger widerstrebend als Interimsminister.
George sagte: »Ich habe die Pinkerton-Agentur beauftragt. Ich möchte ihnen alle verfügbaren Informationen zukommen lassen.«
»Ich lasse gerade von einem Mann die Personalakten des Generaladjutanten durchsehen. Ich werde mal schauen, wie weit er ist.«
Malcolm blieb zwanzig Minuten verschwunden. Dann kehrte er mit einer schmalen Akte zurück, die er auf seinen ohnehin schon überhäuften Schreibtisch legte. »Ich fürchte, viel haben wir nicht. Bent wurde der Feigheit beschuldigt, als er bei Shiloh vorübergehend eine andere Einheit als seine eigene befehligte. In der Angelegenheit fehlte es an den letzten Beweisen, doch General Sherman veranlaßte trotzdem eine Eintragung in seine Akte und versetzte ihn zur Strafe nach New Orleans. Dort blieb er bis zum Ende von General Butlers Dienstzeit.«
»Sonst nichts?«
Malcolm blätterte weiter. »Er hat einen Zwischenfall in einem Bordell verursacht, das einer Madam Conti gehörte. Er wurde gefaßt, als er ein Gemälde stahl, das sich in ihrem Besitz befand. Bevor Bent erneut angeklagt werden konnte, desertierte er. Ein Jahr später ist noch eine letzte Eintragung. Ein Mann, auf den Bents Beschreibung paßt, arbeitete kurz für Colonel Bakers Detektiveinheit.«
George kannte die Arbeit von Colonel Lafayette Baker. Er erinnerte sich daran, daß Zeitungsredakteure ins Old-Capitol-Ge-fängnis geworfen worden waren, weil sie sich kritisch über den Krieg oder über Lincoln und sein Kabinett geäußert hatten. »Sie meinen die von Mr. Stanton beschäftigte Geheimpolizei?«
Malcolms Herzlichkeit verschwand. »Mr. Stanton? Darüber besitze ich keine Informationen, Sir. Zu dieser Behauptung kann ich nichts sagen.«
George hatte genügend Bürokraten erlebt, um den Selbstschutz hinter diesen Worten zu erkennen. Bitter sagte er: »Natürlich. Ist das alles?«
»So gut wie alles. Bent wurde zuletzt in Port Tobacco gesehen, wo er vermutlich seinen illegalen Übertritt in die Konföderation vorbereitete. Dann verliert sich die Spur.«
»Ich danke Ihnen, Captain. Ich werde die Informationen an Pinkerton weitergeben.« Er fügte eine höfliche Lüge hinzu: »Sie waren mir eine große Hilfe.«
Er schüttelte Malcolm die Hand und ging. Er spürte, wie es in seinen Eingeweiden wühlte, und erreichte gerade noch das Willard-Hotel, bevor ihn die Magenbeschwerden mit voller Wucht überfielen.
Virgilia schickte ihm einen Arzt. Der Mann verschrieb ihm ein Opiumpräparat, das seinen Magen kräftigte, ihn aber nicht vor den plötzlichen Weinkrämpfen bewahren konnte, die ihn in höchst ungelegenen Momenten überkamen. Er hatte einen derartigen Anfall, als er Virgilia zu einem Abschiedsessen in den Speisesaal des Willard führte.
Mit ungeheurer Willensanstrengung bekam er sich wieder unter Kontrolle. Seine Schwester versuchte, ihn während der Mahlzeit abzulenken, indem sie ihm von ihrer Arbeit in Scipio Browns Heim für schwarze Waisenkinder erzählte. George hörte kaum etwas davon und schließlich gar nichts mehr, als er die Hände vors Gesicht schlug und erneut in Tränen ausbrach. Er schämte sich zu Tode, aber er konnte nicht dagegen ankämpfen.
In seiner Suite drückte ihn Virgilia fest an sich, bevor sie sich trennten. Ihre Arme fühlten sich stark an, während er sich schwach, krank und wertlos vorkam. Sanft küßte sie ihn auf die Wange. »Laß uns wissen, wo du bist, George. Und paß bitte auf dich auf.«
Er hielt ihr die Tür auf; in dem schwachen Licht war sein Gesicht sehr blaß.
»Wozu?« sagte er.
Ohne Antwort ging sie davon.
In New York buchte er auf der >Grand Turk< eine Kabine erster Klasse nach Southampton. In London kannte er einen Makler, der über gute Kontakte in Europa und ganz besonders in der Schweiz verfügte. Der Makler empfahl ihm Lausanne am Nordufer des Genfer Sees; er meinte, dort hätten schon viele gesundheitlich angeschlagene amerikanische Millionäre Genesung gefunden. George hatte ihm gegenüber angedeutet, daß er einen ruhigen Zufluchtsort benötigte.
Im Zwielicht eines kalten, feuchten Januartages stand er an der Reling, zusammen mit anderen Passagieren der ersten Klasse, die winkten, plauderten, feierten. Ein Steward reichte ihm ein Glas Champagner. Er murmelte etwas, trank aber nicht. Abgrundtiefe Verzweiflung hielt ihn immer noch im Griff. Er hatte zwanzig Pfund verloren, was bei seiner Größe sehr viel war und ihn furchtbar abgezehrt aussehen ließ.