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Schrill pfeifend und eine Rauchwolke hinter sich herziehend, verließ der große Dampfer das Dock und schob sich den Hudson hinunter, vorbei an den Jersey-Piers mit all ihren Schuppen. George ging zum Heck, den Pelzkragen seines Mantels gegen die Kälte hochgestülpt. Mit erloschenen Augen sah er zu, wie Amerika hinter ihm versank. Er rechnete damit, es nie wiederzusehen.

MADELINES JOURNAL

Januar 1868. Zurück von Lehigh Station. Eine traurige Reise. George ist nicht mehr er selbst. Virgilia, nach langer Entfremdung mit der Familie wieder vereinigt - sie ist jetzt viel sanfter geworden -, sagte mir im vertraulichen Gespräch, daß sie um Georges geistige Stabilität fürchte. G.s Anwalt Smith warnte uns, daß der Mörder Bent gegen jeden von uns losschlagen könnte. Es ist zu monströs, als daß man es glauben möchte. Doch das Schicksal der armen Constance soll uns als Warnung dienen.

Hat mich überrascht, daß der C'ston Courier einen Artikel über den Mord brachte - Judith hat ihn während meiner Abwesenheit an Prudence geschickt. Ich vermute, daß die Geschichte wegen ihres Sensationsgehalts weite Kreise gezogen hat. Bent wird als Täter genannt.

Außerdem ein Brief von einem Beaufort-Anwalt, der seinen baldigen Besuch ankündigt. Die Entdeckung bei Lambs, die immer noch Furore macht, wird auch unsere Rettung sein, behauptet er...

Geschrieben am 12ten. Andy bricht morgen nach C'ston auf zum Großen Konvent des Volkes von South Carolina< - die gleiche Versammlung, die in Gettys üblem Blättchen als >schwarzbraunes Treffen bezeichnet wird. Obwohl ich es mir kaum leisten kann, habe ich in dem neuen Summerton-Ramschladen einen Dollar für Hosen und einen gebrauchten, aber noch ganz ordentlichen Gehrock ausgegeben. Die Sachen hab' ich A. geschenkt. Jane hat ihrem Mann noch weitere Sachen genäht, damit er sich seiner Kleidung nicht zu schämen braucht.

Prudence hat eine alte, vierbändige Sammlung von Kents Kommentaren zum amerikanischen Gesetz gefunden und sie Andy geschenkt. A. möchte unbedingt die Gesetze studieren und verstehen. Er verehrt ihre Macht, durch die seine Rasse geschützt werden kann. Er studiert sie einzig und allein zur persönlichen Befriedigung, da er weiß, daß es selbst bei liberalster Regierung für einen Mann seiner Hautfarbe unwahrscheinlich ist, eine gewinnbringende Anwaltspraxis in Carolina zu betreiben. Tatsächlich stellt seine bloße Anwesenheit bei dem Konvent, zusammen mit anderen seiner Rasse, eine Beleidigung für Männer wie Gettys dar ...

Am 13. Januar brachte Judith kurz nach Mitternacht eine Kerze in das Arbeitszimmer ihres Mannes in der Tradd Street. Er saß in einem Wust von Zeitungen da, seine Lesebrille auf der Nase und ein Buch im Schoß. Es war ein Buch, das sie ihn seit Jahren nicht mehr hatte aufschlagen sehen.

»Die Bibel, Cooper?«

Seine langen, weißen Finger tippten auf das Reispapier.

»Exodus. Ich las gerade das Kapitel über die Plagen. Genau der Passende Lesestoff für diese Zeiten, findest du nicht?«

Von dem bitteren Unterton in seiner Stimme erschreckt, stellte Judith die Kerze ab und verschränkte ihre Arme über dem Nachthemd. Cooper las mit leiser Stimme aus der Bibel vor: »Und der Herr ließ den ganzen Tag und die ganze Nacht einen Ostwind wehen. Als der Morgen kam, waren die Heuschrecken da ... Sie fraßen alle Pflanzen, auch die Früchte an den Bäumen, alles, was der Hagel verschont hatte. Weder auf den Bäumen noch am Boden ließen sie etwas Grünes übrig, im ganzen Lande Ägypten.«

Er nahm die Brille ab. »Wir haben statt dessen Nordwind. Er trägt uns die Plage der Carolina-Abtrünnigen heran, der YankeeAbenteurer, der ungebildeten Farbigen und all diese Leute werden sich morgen zu diesem Konvent zusammensetzen. Was für eine Aussicht! Radikalismus in all seiner Pracht!«

»Cooper, der Konvent muß zusammentreten. Eine neue Verfassung ist der Preis für die Wiedereingliederung in die Union.«

»Und eine neue soziale Ordnung - ist das auch ein Preis, den wir zahlen müssen?« Er griff zur Daily News und las vor: »Der Demagoge regiert die Massen, und Gemeinheit und Ignoranz beherrschen die weitgespannten Interessen, die auf dem Spiel stehen. Die Delegierten mögen durchaus ein Negertollhaus schaffen.« Er warf die Zeitung beiseite. »Dem kann ich nur zustimmen.«

»Aber wenn ich mich recht an die Bibel erinnere, dann kam kurz nach den Heuschrecken auch ein Westwind, der sie wieder ins Rote Meer zurückwarf.«

»Aber du erinnerst dich auch, was dann kam, nicht wahr? Die Plage der Finsternis. Und dann die Plage des Todes.«

Judith hätte am liebsten geweint. Sie konnte nicht glauben, daß dieser verbrauchte, verbitterte Mann der gleiche Mensch war, den sie geheiratet hatte. Nur mit einer gewaltigen Willensanstrengung hielt sie jede Regung von ihrem Gesicht fern. »Hast du vor, einigen der Sitzungen beizuwohnen?« fragte sie.

»Lieber würde ich wilden Tieren zusehen. Lieber würde ich mich aufhängen lassen.«

Am Morgen brach er frühzeitig zu den Büros der Carolina Shipping Company auf. Judith fühlte sich traurig und hilflos. Allmählich wurde Cooper wirklich ein Fremder für sie. Mit Madeline wollte er überhaupt nichts mehr zu tun haben.

Marie-Louise gab kaum eine bessere Gesellschaft für sie ab, wenn auch aus vollkommen anderen Gründen. Judith fand ihre Tochter an dem sonnigen Eßtisch vor, das Kinn in die Hände gestützt, das Frühstück unberührt, ihre Augen träumerisch auf irgendeine ferne Vision gerichtet. Sie vernachlässigte ihre Studien und redete fast nur noch über Jungs. Ganz besonders bewunderte Marie-Louise einige von General Canbys Besatzungssoldaten. Was immer die anderen Konsequenzen des Wiederaufbaus sein mochten, er beraubte Judith buchstäblich ihrer Familie.

Von den 124 Delegierten, die sich am 14. Januar versammelten, waren 76 schwarz. Nur 23 der weißen Delegierten waren in Carolina zur Welt gekommen, doch eine ordentliche Anzahl von ihnen waren früher rechte Draufgänger und Heißsporne gewesen. Joe Crews hatte mit Sklaven gehandelt. J.M. Rutland hatte Geld für einen neuen Spazierstock gesammelt, als Preston Brooks seinen Stock über dem Kopf von Charles Sumner zerbrochen und ihn dabei um ein Haar umgebracht hatte. Franklin Moses hatte geholfen, die amerikanische Flagge nach der Kapitulation von Fort Sumter herunterzureißen.

Andy saß in seinem Gehrock zwischen den anderen Delegierten, den ersten Band von James Kents >Kommentaren< auf den Knien. Vor lauter Stolz, bei dem Konvent dabei zu sein, saß er bolzengerade da, war gleichzeitig aber auch von tiefer Ehrfurcht ergriffen, die meisten anderen schwarzen Delegierten waren wesentlich gebildeter als er. Alonzo Ransier, schon als freier Neger geboren, hatte sich mit ihm lange über die sozialen Wandlungen unterhalten, die der Konvent mit sich bringen würde. Besonders einschüchternd wirkte ein gutaussehender, großer, breiter Neger namens Francis Cardozo. Obwohl seine Haut die Farbe alten Elfenbeins hatte, setzte sich Cardozo, ein frei geborener Mulatte, stolz zu den schwarzen Delegierten. Er war ein Beispiel dafür, was ein Mann aus sich machen konnte, wenn ihm alle Möglichkeiten offenstanden, dachte Andy. Cardozo hatte die Universität von Glasgow absolviert; früher hatte er einer Presbyterianerkirche in New Haven, Connecticut, vorgestanden.

Um seine Minderwertigkeitsgefühle zu überwinden, rief sich Andy häufig einige ernste Worte ins Gedächtnis, die Jane ihm beim Abschied mit auf den Weg gegeben hatte. »Du bist so gut wie jeder von ihnen, du brauchst nur den Beweis dafür anzutreten. In den Augen Gottes fangen alle mit gleichen Voraussetzungen an. Das hat Mr. Jefferson gesagt, und darum ging es im Krieg in Wirklichkeit. Es liegt an dir, ob du weiter vorn endest als dort, wo du begonnen hast.«

Sie umarmte ihn, küßte ihn und flüsterte ihm zu: »Sorg dafür, daß wir alle stolz auf dich sein können.« Beim Gedanken daran richtete er sich auf.