Schließlich fühlte sich Marie-Louise noch durch die Konkurrenz in der Akademie für junge Damen beunruhigt, wo sie Latein und Griechisch lernte (langweilig), dazu Algebra (ein Mysterium) und gesellschaftliches Betragen (was bei Jungs nützlich sein konnte; zumindest hatte man ihr das gesagt). Zum Abschluß des Frühjahrssemesters plante Mrs. Allwick einen Abend mit Tanzdemonstrationen unter Aufsicht von Mr. LaMotte, der aushilfsweise als Tanzlehrer der Akademie fungierte. LaMotte war ein eigenartiger Mann mit einem mächtigen Körper, einer fast weiblichen Grazie und beunruhigenden Augen; sie schienen sich, wie Marie-Louise fand, stets auf eine andere Person zu richten als die, mit der er es gerade zu tun hatte.
LaMotte hielt den jungen Damen häufig flammende Reden über >Südstaatenweiblichkeit<. Er sagte, sie repräsentierten die schönsten Blumen des Landes und müßten sich selbst gegen Männer schützen, die sie in den Schmutz ziehen wollten. Marie-Louise wußte, daß >in den Schmutz ziehen< etwas mit dem physischen Zusammensein von Männern und Frauen zu tun hatte, aber wenn sie sich im Geiste noch weiter vorwagte, dann versank sie bald schon wieder in den Nebeln der Unwissenheit. Zwei ihrer Klassenkameradinnen kicherten bei solchen Anspielungen; sie verstanden alles oder taten zumindest so. Es machte sie so wütend, daß sie am liebsten ausgespuckt hätte.
Um das Programm auch für Eltern interessant zu gestalten, würde man eine großartige Darbietung geben. Eines der sechs Mädchen in Marie-Louises Klasse würde ausgewählt werden, um die häufig erwähnte Südstaatenweiblichkeit zu repräsentieren. Mrs. Allwick würde die Auswahl treffen. Marie-Louise hatte entschieden, daß es die wichtigste Sache in ihrem Leben war, daß die Wahl auf sie fiel, gleich nach einem Jungen, der ihr den Hof machte. Allerdings fürchtete sie, der Preis würde an eine dumme Kuh namens Sara Jane Oberdorf gehen, die behauptete, sieben Jungs würden ihr den Hof machen. Marie-Louise hatte drei davon gesehen. Einer war der Sohn eines Leichenbestatters, der gern über Beerdigungen sprach und Vergleiche zog. Ein anderer war der schüchterne Sohn eines örtlichen Beamten; er gab nie Antwort, wenn man ihn begrüßte, sondern grunzte lediglich. Der dritte war ein so übergewichtiger Tölpel, daß sein Genick wie bei manchen alten Damen herausquoll, die >kropf-krank< waren, wie es ihre Mutter bezeichnete. Aber zumindest atmeten und lebten diese drei Jungs und waren keine Wesen aus irgendeinem rosigen Traum.
Anfang April verließ Marie-Louise eines Nachmittags die Schule um halb fünf; als sie heraustrat, stellte sie fest, daß es heftig regnete. Im Hafen konnte sie nicht mal Fort Sumter sehen.
Ihre plappernden Freundinnen huschten zu in Kutschen wartenden Eltern oder Dienern. Marie-Louise packte ihren Vergil und ihr Algebrabuch fester und bereitete sich darauf vor, bis zur Tradd Street völlig durchnäßt zu sein. Dann bog ein vertrauter Zweisitzer um die Ecke von der South Battery, und Papa winkte mit seinem Stock mit Goldknauf.
»Ich war bei einer Komiteesitzung in Ravenels Haus. Ich sah, daß es zu regnen anfing, und dachte mir, ich erspare es dir, durchnäßt zu werden. Steig ein. Ich muß kurz beim Mills House vorbei, um einige Papiere abzugeben. Anschließend fahren wir heim.«
Marie-Louises Locken hüpften, als sie sich neben ihn unter das Dach des Zweisitzers schwang. Mit bewundernden Blicken schaute sie ihren blassen, müde wirkenden Vater an. So viel Aufmerksamkeit hatte er ihr seit Monaten nicht mehr zukommen lassen.
Vor dem Hotel standen viele Kutschen und Reitpferde. Cooper fand einen freien Raum und befahl ihr zu warten. Er blieb länger weg als die versprochenen zehn Minuten.
Der Regen wurde schwächer, die schnell treibenden Wolken zogen aufs Meer hinaus, durchbrochen von vereinzelten Sonnenstrahlen. Während sie wartete, bemerkte sie eine kleine Ansammlung von Männern und Frauen, die einem Redner auf den Stufen der Hibernian Hall lauschten. Ganz in der Nähe hielten andere Männer Plakate hoch. Auf einem stand: Republikaner für freie Schulen.
Gelangweilt verließ Marie-Louise die Kutsche und schlenderte auf die Menge zu. Der heisere Sprecher, der wie ein Mulatte aussah, drängte seine Zuhörer, für die neue Staatsverfassung zu stimmen. Marie-Louise blieb hinter der Menge stehen. Die beiden Männer direkt vor ihr waren unrasierte Farmertypen. Sie warfen ihr mißtrauische Blicke zu.
Plötzlich bemerkte sie ein Stück links von ihr einen jungen Mann. Er trug einen rehbraunen Mantel, Reithosen und eine bauschige braune Krawatte. Er starrte sie an.
Beinahe wäre sie im Boden versunken. Sie erkannte das blasse Gesicht, das blonde Haar, den Schnurrbart und diese leuchtenden blauen Augen. Es war der junge Zivilist, der in dem Zug von Coosawhatchie der Negerin seinen Platz angeboten hatte.
Er lächelte und tippte an seinen Hut. Marie-Louise lächelte; sie mußte feuerrot geworden sein. Heftig preßte sie ihre Bücher gegen ihren Busen. Benahm sie sich wie eine absolute Närrin?
»... und es steht jedem Bürger mit einem reinen Gewissen gut an, freie Schulen für South Carolina mit seiner Ja-Stimme zur Verfassung zu unterstützen, eine Woche von ...«
»Einen Moment!«
Köpfe fuhren herum. Marie-Louise wirbelte ebenfalls herum.
Der Schock ließ ihre Beine ganz schwach werden. Woher war Papa plötzlich so lautlos aufgetaucht? Nun, offensichtlich vom Mills House, während sie in die Betrachtung des jungen Mannes versunken war.
Cooper schob sich durch die Menge. »Ich bin ein Bürger mit einem Gewissen. Ich würde gern eine Frage stellen.«
»Jawohl, Sir, Mr. Main. Ich kenne Sie«, sagte der Redner leicht spöttisch. Marie-Louise warf dem jungen Mann einen Blick zu, versuchte auszudrücken, daß Cooper ihr Vater war, aber natürlich konnte der junge Mann das nicht verstehen. Zur Menge gewandt, sagte der Sprecher: »Dieser Gentleman ist Geschäftsmann und Schiffsagent. Ein Demokrat.«
Wie vorauszusehen gewesen war, ging ein abfälliges Gemurmel durch die Menge.
Als jemand sagte: »Zum Teufel mit ihm«, reagierte MarieLouise darauf mit zornigem Gesichtsausdruck. Wie konnten sie es wagen, so grob mit ihrem Vater umzuspringen?
Unter Einsatz seiner Ellbogen kämpfte sich Cooper zu den Stufen der Hibernian Hall vor. Marie-Louise sah ihm an, daß er wütend war. »Ich habe mir die schönen Phrasen angehört, die dieser Gentleman als Teil seiner republikanischen Litanei absondert. Ich frage mich, ob irgendeiner von euch die wahren Kosten dafür kennt?«
»Er soll das Maul halten«, brüllte einer der vor Marie-Louise stehenden Männer.
»Nein«, sagte Cooper, »ich bin mir sicher, ihr kennt sie nicht. Deshalb darf ich die zartbesaiteten Idealisten daran erinnern, daß South Carolina früher, als es noch reich war, lediglich 75.000 Dollar im Jahr aus Vermögenssteuern zur Unterstützung der öffentlichen Schulen aufbringen konnte. Ein Großteil des Geldes stammte aus der Besteuerung für schwarze Leibeigene.«
»Holt ihn runter«, brüllte der ungehobelte Bursche. MarieLouise hätte am liebsten ihre Röcke gerafft und ihn mit ihrem spitzen Schuh getreten. Der Redner gab einigen zerlumpten Musikern ein Zeichen, die daraufhin >The Battle Hymn of the Republic< auf Querpfeifen zu spielen begannen.
»Verdammt noch mal, ich werde sagen, was ich zu sagen habe.« Coopers Gesicht hatte sich gerötet. Marie-Louise erschrak. Sie sah nicht, daß der junge Mann sich aus der Menge drängte, einen Bogen schlug und auf sie zukam.
Die Musik übertönend brüllte Cooper: »Das gewaltige, schlecht geplante Schulsystem kostet schätzungsweise fast eine Million Dollar im Jahr. Dieses Geld kann nur von Steuern kommen. Wenn ihr für die von Republikanern inspirierte Verfassung stimmt, dann legt ihr dem Staat eine untragbare Last auf. South Carolina liegt auf den Knien, versucht sich zu erheben. Dieses Schulsystem wird das Land für immer niederdrücken.«
Eine Frau drohte ihm mit ihrem Sonnenschirm. »Es sind nicht die Steuern, die Sie hassen. Es sind die farbigen Menschen.«