Der ungehobelte Bursche brüllte: »Runter mit dir, oder wir ziehen dich runter!«
Marie-Louise überlegte nicht, bevor sie handelte. Mit ihrem Vergil schlug sie dem Mann zweimal kräftig gegen die Schulter. »Lassen Sie ihn in Ruhe. Er hat das gleiche Recht zu sprechen wie Sie auch.«
Der Mann drehte sich um; sein Begleiter ebenfalls. MarieLouise betrachtete sie näher und wurde starr vor Schreck. Der Schreihals hatte ein milchiges Auge und trug einen Goldring in seinem linken Ohr. Er warf einen Blick auf Marie-Louises Busen und grinste hämisch. »In Charleston lieben sie junge Konkubinen, was?« Er sprach mit einem harten Yankee-Akzent.
»Hüten Sie Ihre Zunge, Sir«, sagte eine leise Stimme neben ihr. Sie drehte sich um und sah den blauäugigen Fremden vor sich. Er trat den beiden älteren Männern ziemlich sorglos gegenüber. »Ich glaube, der Gentleman, der da spricht, ist mit der jungen Dame verwandt. Entschuldigen Sie sich bei ihr.«
»Verdammt will ich sein, wenn ich mich bei irgendeiner Süd-staatlerin entschuldige. Warum stellst du dich auf ihre Seite, Sonny? Du klingst, als kämst du aus dem Norden.«
»Chicago«, sagte er nickend. »Ich stelle mich auf ihre Seite, weil Sie die Manieren eines Schweines haben und der Süden den Respekt vor Frauen nicht allein gepachtet hat.«
»Kleiner Klugscheißer.« Der Mann mit dem trüben Auge holte mit der Faust aus. Eine Frau kreischte auf. Plötzlich zischte Coopers Stock auf den erhobenen Unterarm herab. Er schlug ein zweites Mal mit dem schweren Goldknauf zu, während der junge Mann Marie-Louise an der Taille faßte, hochhob und sie abseits von dem Gedränge auf dem Bürgersteig wieder absetzte.
Schnell atmend hob der junge Mann verteidigungsbereit seine Fäuste. Es war eine übermäßig dramatische Pose, aber sie erregte Marie-Louise. Milchauge griff nach Cooper, der mit der Stockspitze nach ihm stieß. Die restliche Menge, obwohl Republikaner, wandte sich schnell gegen die beiden ungehobelten Burschen. Zahlreiche Hände hielten sie zurück. Der Redner ebenso wie einige andere entschuldigten sich.
Cooper schob Milchauge mit seinem Stock beiseite. Der junge Mann senkte die Fäuste. »Danke, Sir«, sagte Cooper zu ihm, sich den Rockaufschlag abwischend. Auf einmal konzentrierte sich sein Blick auf das Gesicht des jungen Mannes. Er runzelte die Stirn: »Wir sind uns bereits begegnet.«
»Nicht offiziell, Sir. Wir haben uns vor einiger Zeit im Zug von Coosawhatchie gesehen.«
»Ja.« Mit diesem einen Wort brachte Cooper ihn zum Schweigen. Die Menge begann sich zu zerstreuen. Der Redner und die Musiker zogen in einer improvisierten Parade die Meeting Street hinab. Einige andere schlossen sich ihnen an. Milchauge stand da und beobachtete Marie-Louise und ihre beiden Beschützer, bis sein Kumpan ihn wegzog.
Cooper verbeugte sich.
»Cooper Main, Sir. Ihr ergebener Diener.«
»Theo German, Sir. Der Ihre. Ich finde es bedauerlich, daß heute die Freiheit, anderer Meinung zu sein, nicht toleriert wurde.«
Cooper zeigte ihm ein kühles Achselzucken. Marie-Louise erinnerte sich, wie Papa gekocht hatte, als der junge Nordstaatler der schwarzen Frau seinen Sitzplatz angeboten hatte. »Die neue Verfassung ist eine grimmige Angelegenheit, Mr. German. Unser Überleben hängt von ihrer Ablehnung ab.«
»Ich bin nichtsdestoweniger dafür, Sir.«
»Das vermutete ich, Sir. Sie stammen nicht aus Carolina.«
»Nein, Sir, ich bin nur vorübergehend hier, aufgrund meines, äh, Jobs. Ich wohne bei Mrs. Petrie in der Chalmers Street.«
Marie-Louise schaute an der Schulter von Papa vorbei in die blauen Augen von Theo German. Sie begriff, warum er seine Adresse genannt hatte. Cooper hegte einen ähnlichen Verdacht.
»Papa, du hast mich nicht vorgestellt.«
Mit eisiger Stimme sagte Cooper: »Meine Tochter, MarieLouise Main, die Sie so aufmerksam beschützt haben. Ich stehe in Ihrer Schuld.« Cooper faßte ihren Ellenbogen. »Gehen wir?«
Die Wolken über der Meeting Street ließen einige Sonnenstrahlen durch. Theo Germans Gesicht leuchtete auf wie das einer goldenen Statue. Marie-Louise fühlte sich schwach.
Der junge Mann trat plötzlich einen Schritt vor. »Sir, ich frage mich, ob ich um Ihre Erlaubnis bitten dürfte .«
Oh ja, dachte sie ganz benommen vor Glück. Bevor er den Satz beenden konnte, stieß Cooper sie buchstäblich auf das Mills House zu. »Guten Tag, Mr. German.«
In der Kutsche schlug sie vor lauter Empörung mit ihren behandschuhten Händen auf ihren Rock. »Papa, wie konntest du nur! Er wollte um Erlaubnis zu einem Besuch bitten.«
»Das dachte ich mir. Wir brauchen keine Yankee-Abenteurer, die die Tradd Street verschmutzen. Womöglich ist er ein Organisator der Union League oder etwas noch Schlimmeres. Er hat sich wie ein Gentleman benommen. Aber das reicht nicht, um meiner Tochter den Hof zu machen. Ich sage dir Bescheid, wenn es dafür an der Zeit ist.«
»Papa«, sagte sie, den Tränen nahe. Er ignorierte sie. Er ließ das Pferd antraben, nach Süden auf die Tradd Street zu. Sie rollten an dem jungen Theo German vorbei, der immer noch, eingehüllt in goldenes Licht, vor der Hibernian Hall stand.
Chalmers Street, Chalmers Street, dachte sie und wollte ihm zuwinken, wagte es aber nicht. Ich bin eine erwachsene Frau. Ich lasse mir nicht vorschreiben, wen ich lieben darf. Mrs. Pet-rie, Chalmers Street.
Cooper hatte keine Ahnung, daß er soeben eine Revolte entfacht hatte.
Marie-Louise brachte zwei Tage damit zu, ihre Nachricht auf Lavendelpapier zu verfassen. Darin dankte sie Theo German weitschweifig, daß er ihre Ehre beschützt hatte, wie sie es formulierte. Schließlich fügte sie noch einen letzten Absatz hinzu, nachdem sie die schlimmsten Konsequenzen abgewogen und sich vorgestellt hatte, wie sie damit fertig wurde, und lud ihn zu dem Frühjahrsfest von Mrs. Allwick ein: »Wenn Sie sich die Mühe einer Antwort machen wollen, dann schicken Sie diese bitte an die Schule.« Mit diesen Worten schloß ihre Botschaft. Sie unterzeichnete mit ihrem Namen, faltete das Papier und schrieb die Adresse der Schule auf die Außenseite. Sie befeuchtete die Note mit einem schweren Blumenparfüm, bevor sie das Ganze versiegelte.
Der Neger, der alle möglichen Arbeiten in der Schule erledigte, stellte das Briefchen ohne eine Frage zu. Am nächsten Tag kam ein knapper, in kühner Schrift gehaltener Brief zurück:
Ich fühle mich geehrt und nehme die Einladung an.
Ihr ergebener,
Brvt. Capt. Theo German
»Captain!« rief sie und drückte den Brief an ihre Brust. Dann war er also tatsächlich ein Yankee-Abenteurer. Wahrscheinlich einer dieser Exsoldaten, die gekommen waren, um zu rauben und zu plündern, wie Papa es ausdrückte. Sie hoffte nur, daß er nicht bei Sherman gewesen war. Papa würde verrückt werden.
Sie zählte die Tage bis zu dem Frühjahrsfest, das eine Woche nach den Wahlen stattfand. General Canby stellte im ganzen Staat Soldaten für gefährdete Orte ab, um Übergriffe auf schwarze Wähler zu verhindern. Die neue Verfassung wurde mit ungefähr siebzigtausend gegen zwanzigtausend Stimmen angenommen. Man hätte meinen können, ein Hurrikan hätte die
Tradd Street heimgesucht. »Nur sechs Demokraten sind für die einunddreißig Senatssitze des Staates gewählt worden! Und lediglich vierzehn demokratische Abgeordnete! Die anderen hundertzehn sind verdammte schwarze Republikaner!«
»Cooper, bitte fluche nicht vor deiner Tochter«, sagte Judith.
»Wir sind ruiniert. In einem Jahr werden wir bankrott sein.« Sein Zorn hielt sich bis zum Dienstagabend, dem Abend der Festveranstaltung.
Lampen und Kerzen ließen Mrs. Allwicks Haus hell erstrahlen. Stühle waren überall in dem altmodischen Salon aufgebaut; vor dem angrenzenden Speisesaal hing ein weißer Gazevorhang.