Kichernde Mädchen mit Lorbeerkränzen und Bettlakenroben bauten sich um Sara Jane Oberdorf auf, die für die Rolle der Südstaatenweiblichkeit auserwählt worden war.
Marie-Louise war das längst egal. Sie zitterte vor Erwartung. Wenn das nicht die Liebe war, dann war es etwas ebenso Benebelndes und Köstliches. Sie brachte es kaum fertig, den Mund zu halten, als Mrs. Allwick ruhegebietend zischte.
Der Vorhang wurde weggezogen. Marie-Louise, die in steifer Pose neben den anderen Mädchen stand, suchte mit ihren Blicken das Publikum ab. Beinahe wäre sie in Ohnmacht gefallen. Was war sie doch für ein alberner Dummkopf! Sie hatte das Offensichtliche übersehen und etwas vollkommen Falsches angenommen.
Alle Stühle waren von Eltern und Verwandten in bester Kleidung besetzt. Er war gezwungen, ganz hinten zu stehen, in der Fensternische, von der aus man auf die Straße herabsehen konnte. All die Lampen, die extra für dieses Programm hereingeschafft worden waren, ließen ihn in seinem Armeeblau mit den glänzenden Metallknöpfen förmlich erstrahlen. Es war kein Ex-Captain. Er war jetzt Captain.
Und dort, in der zweiten Reihe, saß ihre Familie, Papa sichtlich aufgebracht. Er wußte, daß sie ihm getrotzt hatte. Und das wegen eines Armeeoffiziers der Union. Wie sollte sie das je erklären?
Sie verlor die Balance, stieß Sara Jane von der Kiste, auf der sie stand. Die Südstaatenweiblichkeit flog in ihren Hofstaat und verstreute ihn kreuz und quer. Die Kinder im Publikum kreischten vor Lachen, die bildliche Darstellung endete im Chaos ... und der Abend fing gerade erst an.
Zum Abschluß des Programms führten die jungen Damen eine kunstvolle Quadrille vor. Am Ende sprangen einige Eltern auf, um zu applaudieren. Bald hatten sich alle erhoben. Der Vorhang ging wieder auf, und Mrs. Allwicks Schülerinnen nahmen mit einer Verbeugung die Ovation entgegen. Ein paar Mädchen kicherten; wegen ihres Gürtels hatte Sara Jane Schwierigkeiten, sich in der Taille zu biegen. Während sie sich abmühte, schoß sie mörderische Seitenblicke in Marie-Louises Richtung. Coo-pers Tochter sah allerdings nur den jungen Offizier, der wild klatschte.
Während sich das Publikum vermischte, griff Judith nach Coopers Arm, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Auf einer Seite des Salons stand Des LaMotte in weißer Krawatte, einem dunkelgrünen Wams und Kniehosen und starrte Cooper an, während er den Eltern, die ihm gratulierten, ein Danke zumurmelte.
»Cooper, ist das der Tanzlehrer, der ...«
»Genau der«, schnappte er. »Leere Drohungen, nichts weiter.«
»Er schaut aus, als würde er dich am liebsten kreuzigen.«
Cooper warf ihm einen Blick zu, dem LaMotte, ohne mit der Wimper zu zucken, standhielt. Dann widmete er seine Aufmerksamkeit wieder seinen Bewunderern, verbeugte sich und verteilte Handküsse.
»Wir gehen«, rief Cooper seiner Tochter zu, die sich durch die Menge der Schüler und Eltern vor dem Vorhang drängte. »Hol deinen Hut und deinen Schal.«
»Bitte, Papa, ich muß noch mit jemandem sprechen.«
»Ich hab' ihn gesehen. Mit Canbys Söldnern wollen wir nichts zu tun haben.«
Judith sagte: »Ich glaube, es ist unfair, ihr ein harmloses Gespräch von ein paar Minuten zu verweigern.«
»Ich entscheide, was harmlos ist und was nicht.« Cooper packte das Handgelenk seiner Tochter. »Wo sind deine Sachen?«
Marie-Louise verfärbte sich. Am liebsten wäre sie auf der Stelle tot umgefallen. Captain German kam auf sie zu. Durch ihre aufsteigenden Tränen hindurch sah sie ihn plötzlich stoppen. Sie versuchte, sich loszureißen, aber ihr Vater hielt sie fest.
Judith gab auf und eilte davon, um die Sachen ihrer Tochter zu holen. Augenblicke später schob Cooper Marie-Louise durch eine Nebentür in eine Passage hinaus, die zur Legare Street führte. Sie schluchzte laut.
41
Ein Mann von sechsundsiebzig ist zu alt für so was, dachte Jasper Dills. Seine Fahrt mit der Baltimore & Ohio war ein schlafloser Alptraum aus Rucken, Stoßen, Ruß und Dreck gewe-sen. Selbst ein Wagen der ersten Klasse war mit Pöbel vollgestopft. Schwitzende Krämer, drängelnde Mütter mit heulenden Kindern, elegante Gentlemen, die Opfer für ihre Kartenbetrügereien suchten. Schrecklich, unerträglich.
Doch er ertrug es, oder? Er war dem gebieterischen Ruf gefolgt, kaum daß er das Telegramm erhalten hatte. Er hatte seine Reisetasche gepackt und eine Fahrkarte gekauft, weil er die Konsequenzen einer Weigerung seinerseits fürchtete.
In der Abenddämmerung fuhr der Zug in den Bahnhof ein. Es war ein milder Frühlingsabend; entlang der Route bis zur Ostseite der Stadt blühten überall Blumen und Bäume. Gott, es war entsetzlich, jetzt von Washington weg zu müssen, wo sich der Vorhang zum letzten Akt des Dramas von Johnson und den Radikalen hob - die Senatsverhandlung gegen den Präsidenten mit elf Anklagepunkten. Nie zuvor in der Geschichte der Republik hatte es eine Gelegenheit gegeben, den Sturz eines amtierenden Präsidenten mitzuerleben.
Doch das Drama war fern und unpersönlich, während dieses hier, falls man es als Drama bezeichnen wollte, sein Leben direkt berührte. Auf dem ganzen Weg durch die bergige Finsternis von West Virginia hatte er sich andere Gründe für die Vorladung auszumalen versucht, neben dem einen Grund, den er befürchtete.
Am Bahnhof war Dills aus dem Zug gestiegen und beinahe an dem Gestank von Schweinen und noch mehr Schweinen erstickt. Ein europäischer Reisender hatte Cincinnati einmal als >Monsterschweinerei< bezeichnet und ihm den Spitznamen Por-kopolis verpaßt.
Die Droschke mühte sich einen Hügel hoch und bog in eine gekrümmte Sackgasse ein, wo sie stoppte. Zwischen der Sackgasse und dem Fluß ragte ein gewaltiges, im gotischen Stil erbautes Haus drohend wie ein Schloß auf; die drei achteckigen Türme zur Flußseite hin verstärkten diese Wirkung noch. Der Schmutz vieler Jahre hatte das grobe Steinwerk verfärbt, Efeu hatte es überwuchert. Viele Fenster im Erdgeschoß waren mit Brettern vernagelt, eine ganze Menge kleiner, bunter Glasscheiben waren zerbrochen.
Hinter einem rostigen Eisenzaun zog sich ein unkrautüberwucherter Hof bis zum Eingang hin. Dills bemerkte dort eine im Schatten lauernde Gestalt. Nach fünfundzwanzig Jahren doch nicht der gleiche verdammte Verwalter, dachte er, nahm seine Reisetasche und stieg aus der Kutsche. Er bezahlte den Fahrer und fügte bedauernd ein reichliches Trinkgeld hinzu.
»Ich verdopple das, wenn Sie mich in einer Stunde wieder abholen kommen«, sagte er. Es war schändlich, so viel Geld auszugeben, aber der Gedanke, hier draußen ohne Transportmittel festzusitzen, entsetzte ihn. In der Ferne hörte er das Lied eines Vogels, aber hier in der Nähe des großen gotischen Hauses war kein einziger Vogel zu sehen. Er hatte das Gefühl, an einem Ort der Toten gelandet zu sein.
»In Ordnung, Sir«, sagte der Fahrer. »Wußte gar nicht, daß in diesem alten Schutthaufen noch jemand wohnt.« Und damit ratterte die Droschke den Hügel hinab.
Er hörte den schlurfenden Schritt des alten Mannes. Es war tatsächlich der gleiche Verwalter, der immer noch für die Bewohnerin des Hauses arbeitete. Er war schlecht gekleidet und ging sehr gebückt; sein Alter ließ sich unmöglich schätzen, weil er ein Albino war, mit rotgefärbten Augen und einer Haut, die fast so weiß war wie sein Haar.
Abgebrochene Fingernägel wurden sichtbar, als er nach dem Tor griff, um es zu öffnen. Rostige Angeln quietschten. Unter seiner dreckigen Kappe musterten seine roten Augen den Besucher, während er das Tor aufzog. Dills trat hindurch, und der Verwalter knallte das Tor wieder zu, ein Laut wie ein Akkord aus lauter falschen Tönen.
Sie waren den halben Weg hochgegangen; Dills zuckte heftig zusammen, als der Verwalter plötzlich hinter ihm sagte: »Sie ist Ihnen auf die Schliche gekommen.«
Er fühlte sich zerbrechlich und sehr verwundbar. Sein Herz flatterte und raste. Er versuchte, etwas von der Abneigung zu mobilisieren, die während der langen, schmutzigen Reise in ihm aufgestiegen war. Er benötigte sie dringend, um das Kommende zu ertragen.