Ihr Zimmer lag in der Spitze des größten achteckigen Turmes. Über eine knarrende Treppe und durch einen Eingang in Form eines klassischen gotischen Torbogens gelangte er dorthin. Er war außer Atem und kam sich klebrig und verschmutzt vor. Wenigstens ging hier oben ein Luftzug. Er spürte ihn, feucht und übelriechend, als er über den Steinboden auf die Gestalt zuschlurfte, die auf einem riesigen, geschnitzten Stuhl mit hoher Rückenlehne saß.
Der Stuhl war das einzige Möbelstück neben einem zerbrochenen Spinnrad. Auf dem Boden standen Schüsseln und Schalen, in denen ein Dutzend dicke, selbstgemachte Kerzen brannten, die die Düsternis etwas aufhellten und es ihm ermöglichten, die Gestalt auf dem Stuhl zu erkennen. Hinter ihr hatte man aus zwei eingeschlagenen Fenstern eine beeindruckende Aussicht auf den Ohio River und das dunkelblaue Hügelland von Kentucky. Barken mit schimmernden Laternen schoben sich langsam über den Fluß.
»Ich habe keinen Stuhl für Sie, Mr. Dills.« Ihr Ton drückte aus, daß es sich dabei um eine Strafe handelte.
»Das macht überhaupt nichts. Ich bin sofort gekommen, als mich Ihre Nachricht erreichte.«
»Das wundert mich nicht. Das wundert mich ganz und gar nicht - um die durch Lug und Trug erhaltene Pension zu schützen.«
Sie griff unter ihren Stuhl. Er hörte Glas klirren. Dann raschelte etwas. »Sie haben mich getäuscht. Gelegentlich holt mein Verwalter eine Lokalzeitung. Das hier hat er entdeckt. Sie haben mich getäuscht.«
»Darf ich dazu sagen ...«
»Sie sagten, Elkanah sei in Texas. Sie sagten, er sei ein reicher und angesehener Baumwollpflanzer. Ich habe Ihnen vertraut und Sie jahrelang auf der Basis dieser Information bezahlt. Und das ist Ihre Dankbarkeit? All diese Briefe, die die Wahrheit verbergen?«
Das zerbrechliche Herz in seiner Brust raste schneller; blinzelnd stellte Dills seine Reisetasche ab. »Darf ich das sehen?«
»Sie wissen bereits, was da steht.« Sie streckte die Hand aus; der Handrücken war von dicken, blauen Adern überzogen. Er nahm die Zeitung. In der allgemeinen Nachrichtenkolumne auf der Titelseite entdeckte er einen Artikel mit der Überschrift BIZARRER MORD IN PENNSYLVANIA.
Er überflog den Absatz, bis er auf den Namen Elkanah Bent stieß. Er hörte auf zu lesen und gab die Zeitung mit zitternder Hand zurück.
Die Frau hielt sie einen Moment fest und schleuderte sie dann von sich. Rational gesehen wußte Dills, daß er von einer so alten Person kaum etwas zu befürchten hatte. Und doch hatte er Angst.
Das lag teilweise an dem Raum - die Kerzen in den fettigen Tümpeln geschmolzenen Talgs - und teilweise an der Frau. Sie wog kaum hundert Pfund und war zerstört vom Alter und von den unergründlichen Emotionen, die in ihrem kranken Geist all die Jahre gewütet hatten, so daß sie kaum noch menschlich aussah. Sie ähnelte mehr einer Wachsfigur, einem gespenstischen Museumsstück mit merkwürdiger Ähnlichkeit mit ihrem Albino-Verwalter. Sie puderte ihr Gesicht, sie puderte ihre Haare, sie puderte ihre Hände, über allem lag eine dicke, weiße Staubschicht. Sie bildete eine Art Kruste unter ihren lebendigen, alten, gelben Augen.
Die Jahre hatten ihre Augenbrauen verschwinden lassen. Knochige Bögen preßten sich gegen ihre fast durchsichtige Haut, als suchte der Schädel einen Weg ans Licht.
Dills Versuch, seine Abneigung und seinen Widerwillen als Abwehrwaffe einzusetzen, war kläglich gescheitert. Die gelben Augen, die ihn, ohne zu zwinkern, wie die Augen einer gepanzerten Echse anstarrten, erinnerten ihn an ihren Geisteszustand. Er kannte die Geschichte des Nervenleidens, das in ihrer Familie verbreitet war, aber das machte sie nicht weniger furchtein-flößend. Am liebsten wäre er geflohen.
»Mein Sohn hat einen scheußlichen Mord begangen. Warum?«
»Ich weiß es nicht«, log Dills. »Ich kenne seine Beziehung zu dem Opfer nicht. Vielleicht eine zufällige Wahl.« Wozu sollte er versuchen, die Vendetta gegen Hazard und Main zu erklären? Dills hatte sich das selbst niemals vernünftig klarmachen können.
Er leckte sich über die rissigen Lippen. Irgendwo unter seinen Füßen hörte Dills das Huschen von Ratten.
»Sie teilten mir mit, Elkanah sei in Texas. Ich habe Brief um Brief .«
»Madam, ich wollte Ihnen die schmerzliche Wahrheit ersparen.«
Trockene Lippen teilten sich und entblößten gelbe Zähne.
»Sie wollten sich den Verlust der Pension ersparen.«
»Nein, nein, das war es nicht.« Dills gab es auf. Die wahnsinnigen alten Augen, die Augen eines Inquisitors, durchschauten seinen Betrug. »Ja, das stimmt.«
Sie seufzte, schien in ihrem schweren, grausilbernen Kleid noch mehr zu schrumpfen. Grüner Schimmelpilz zierte den Spitzenbesatz, der größtenteils verrottet war. Das tiefgeschnittene Oberteil hing von ihrer ausgezehrten, stark gepuderten Brust herunter.
Ihre Lippen zitterten kurz, und eine ihrer haarlosen Augenbrauen hob sich, als sie sagte: »Das ist vielleicht Ihr erstes ehrliches Wort heute abend. Sie haben mich grausam betrogen, Dills. Eine Voraussetzung für die Pension war, daß Sie mit äußerster Sorgfalt über Elkanah wachen.«
Seine Abneigung verschaffte sich endlich Luft. »Das habe ich auch getan, bis er es unmöglich machte mit seinem ...« Er unterdrückte das Wort verrückt. ». seinem fehlerhaften Betragen.«
»Aber es war eine Grundlage unserer Vereinbarung.«
»Ich würde es zu schätzen wissen, wenn Sie mir gegenüber etwas weniger unfreundlich wären«, sagte er heftig. »Ich bin Ihrem Ruf aus reiner Rücksicht gefolgt.«
»Aus Furcht«, zischte sie. »Aus irgendeiner schwachsinnigen Hoffnung heraus, Sie könnten die Pension weiterhin beziehen.«
Er trat zurück; ihre gelben Zähne waren voll sichtbar, wie bei einem tollwütigen Hund. »Nun, das ist vorbei. In dem Zeitungsartikel steht, daß mein armer Elkanah irgendeine unselige Frau getötet hat, aber niemand weiß, warum und wo er steckt, weil er schon vor Jahren untergetaucht ist. Das wußten Sie.«
Obwohl er noch Angst hatte, empfand Dills Erleichterung. Vielleicht waren seine Nerven zu stark belastet worden und konnten nichts mehr ertragen. »Das stimmt. Ich verstehe Ihre Verärgerung.«
»Ich liebte ihn. Ich liebte meinen Sohn. Ich liebte meinen armen Elkanah. Selbst wenn er Hunderte von Meilen entfernt war, selbst als er erwachsen war und ich keine Ahnung hatte, wie er aussah, wie seine Stimme klingen mochte.« Mit einer Hand fuhr sie an ihrem Gesicht vorbei. Ihre Finger waren unter den dreckverkrusteten Ringen aus Silber und Gold, bei denen einige Steine fehlten, kaum zu sehen. Es war eine merkwürdig wischende Bewegung, als fühlte sie sich von einer Spinnwebe belästigt, die er nicht sehen konnte. Es gab genügend Spinnweben hier.
»Nun«, sagte die Frau weniger giftig, »ich bin froh, endlich die Wahrheit zu wissen. Mein Sohn ist also nicht in Texas zu Reichtum gekommen?«
»Nein. Niemals.«
»Wo versteckt er sich, Dills?«
Ah, eine Chance, sie zu verletzen. Energisch sagte er: »Ich habe nicht die geringste Ahnung.«
»Wann haben Sie den Kontakt verloren?«
»Kurz vor Kriegsende. Er verließ die Unionsarmee mit Schimpf und Schande. Er desertierte.«
»Oh, Gott. Mein armer Junge. Mein armer Elkanah.«
Wieder tastete sie unter ihrem Stuhl herum, tauchte mit ihrer Hand in die Spinnweben hinein. Sie förderte eine alte, grüne Weinflasche ans Licht, ebenso einen herrlichen Bleiglaskelch mit einem Sprung und einer dicken Schmutzpatina. Sie goß etwas dunkle Flüssigkeit in den Kelch, vielleicht Port oder Sherry, so braun wie Kaffee. Es roch nach verdorbenem Wein.
Sie nippte an dem Glas, ohne ihm etwas anzubieten. Nicht daß er das Dreckszeug angerührt hätte. »Ich würde mich gern zurückziehen, Madam. Es war eine anstrengende Reise.«