Der Blick ihrer gelben Augen glitt über sein Gesicht und dann weiter. Aus einem Mundwinkel sickerte ihr die dunkelbraune Flüssigkeit und lief über ihr Kinn, wie ein schlammiger Bach durch Schnee. »Sie haben ja keine Ahnung, wie ich ihn geliebt habe. Wie sehr habe ich mir ein anständiges Leben für ihn gewünscht. Vor allem, weil er solch einen schrecklichen Start hatte.«
Was wollte sie ihm sagen? Ihr Blick suchte den seinen, fast mitleiderregend in der plötzlichen Bitte um Verständnis. »Sie wissen Bescheid über meine Familie, Mr. Dills?«
»Ein bißchen. Nur vom Hörensagen.«
»Es existiert als Erbanlage eine gewisse geistige Instabilität. Sie reicht viele Generationen zurück und hat sich stark ausgebreitet.«
Sogar bis ins Weiße Haus, dachte er.
»Mein Vater litt darunter. Nach dem Tod meiner Mutter, als Heyward Starkwether mir den Hof zu machen begann, wurde mein Vater eifersüchtig. Ich war sein Lieblingskind. Heyward machte mir einen Antrag. Als ich meinem Vater mitteilte, daß ich ja sagen wollte, geriet er in unglaubliche Wut. Er hatte viel getrunken. Mein Vater war physisch ungemein stark.«
Dills hatte das Gefühl, er spähe in ein Grab. Auf eine perverse Weise fühlte er sich fasziniert. Irgendwo pfiffen die Ratten; dazu kam noch ein leiserer Ton, als wäre ein Beutetier geschlagen worden.
»Erlauben Sie mir, den Rest zu erraten, Madam. Eine Hochzeit war zu dem Zeitpunkt bereits eine Notwendigkeit, ja? Sie trugen bereits Starkwethers Kind, das später nach den Farmern, die ihn aufzogen, den Namen Bent erhielt. Sie teilten Ihrem Vater Ihren Zustand mit, und er schlug Sie.«
Ein leeres Lächeln. Ihre rechte Hand baumelte über die Stuhllehne. Der schmutzige Kelch entglitt ihrer Hand, fiel zu Boden und zerbrach Sie achtete nicht darauf. »Ah - ah. Wenn es nur so einfach wäre. An dem Abend, an dem ich ihm von meinen Heiratswünschen erzählte, wandte mein Vater Gewalt an. Ihre weiteren Schlußfolgerungen stimmen nicht.« Er verstand nicht, wie sie das meinte. »Später wollte ich das ungeborene Kind töten. In einem seiner Wutanfälle sagte mein Vater, er würde mich umbringen, wenn ich das täte. Ich hatte zuviel Furcht vor ihm, um ihn herauszufordern. Gemeinsam - er zwang mich dazu, verstehen Sie - ließen wir Starkwether kommen und überzeugten ihn von seiner Verantwortung. Von seiner Schuld, wenn Sie so wollen. Ich vermute, er trug daran bis zu seinem Tod, der arme, unglückselige Mann.«
Dills standen die Haare zu Berge. Allmählich fiel Licht in das modrige Grab.
»Wollen Sie damit sagen, Sie haben Starkwether betrogen, Madam?«
»Ja.«
»Mein verstorbener Klient - Elkanah Bents Gönner und erklärter Vater - hatte mit dem Jungen gar nichts zu tun?«
»Heyward nahm an, er sei Elkanahs Vater. Wir haben ihn davon überzeugt.«
»Aber er war es nicht?«
»Nein.«
»Mit anderen Worten, während all dieser Jahre wurde mein Klient genötigt, diesen Jungen zu unterstützen?«
»Nicht genötigt, Mr. Dills. Nachdem er erst einmal davon überzeugt war, daß Elkanah sein Kind war, half er ihm natürlich gern, wie es jeder Vater getan hätte.«
»Wer war Bents Vater, Madam?«
Die gelben Augen, feucht und irre, reflektierten die Kerzen in dem Turmzimmer.
»Aber Mr. Dills«, sie kicherte, eine gräßliche Koketterie, »Sie wissen es doch. Ich sagte, er wandte körperliche Gewalt an.«
»Jesus Christus! Elkanahs Vater war ...«
»Mein Vater, Mr. Dills. Meiner.«
Der mit Stroh übersäte steinerne Fußboden schien unter Jasper Dills zu erbeben. Das rationale Fundament seiner Welt drohte einzustürzen. »Auf Wiedersehen«, sagte er, riß seine Reisetasche an sich und eilte zur Tür. »Auf Wiedersehen, Miss Todd.«
In der Sackgasse wartete er zitternd auf die Rückkehr der Droschke. Jetzt verstand er Ursache und Ausmaß von Elkanah Bents Geisteskrankheit. Die Pension kümmerte ihn nicht mehr. Damit wollte er nichts mehr zu tun haben, genausowenig wie mit der Frau, die er betrogen hatte, oder mit Bent. Vor allem mit Bent, wo immer er auch sein mochte.
Endlich begriff Dills viel von dem, was ihm nie zuvor klargeworden war. Bents sinnloser Haß gegen die Mains und Ha-zards, der ihn seit seinen Kadettenzeiten beschäftigt hatte; die Brutalität des Mordes in Lehigh Station - Bent hatte das Böse geerbt.
Schweißtropfen perlten über Dills Gesicht, als er sich daran erinnerte, wie oft er Bent kritisiert, zurückgewiesen und aus seinem Büro geworfen hatte. Hätte er geahnt, was für ein Mensch Bent in Wirklichkeit war, dann hätte er so was niemals getan.
Die Droschke kam nicht. Dills nahm seine Reisetasche auf und stolperte den Hügel hinunter, bis zu dem Gasthaus, in dem er vorsorglich ein Zimmer bestellt hatte. Eine Stunde später zahlte er dort einen Wahnsinnspreis für eine Zinkwanne voll heißen Wassers.
Er saß mit einem Stück selbstgemachter Seife, so gelb wie ihre Augen, in der Wanne und fühlte sich bis auf die Knochen schmutzig; er schrubbte und schrubbte seine runzelige Haut und dachte an Elkanah Bent, dessen Hirn, dessen Blut, dessen innerstes Ich schon vor der Geburt vergiftet worden war.
Von einem unerklärlichen Kummer erfüllt, ließ Dills sich in der Wanne zurücksinken. Möge Gott Erbarmen mit dem armen Bent haben, den er sicherlich nie wieder zu Gesicht bekommen würde. Möge Gott noch mehr Erbarmen mit der Person haben, gegen die sich Bents Zorn als nächstes richten würde.
42
Nördlich von Washington an der Seventh Street Road bauten Farmer aus Maryland einmal wöchentlich Buden und Wagen für einen Markt unter freiem Himmel auf. Am letzten Samstag im März, zwei Tage vor Beginn der Senatsverhandlung gegen den Präsidenten, gingen Virgilia und Scipio Brown auf den Markt, um Nahrungsmittel für das Waisenhaus einzukaufen. Brown fuhr den Buggy und trug das Geld bei sich; seine Hartnäckigkeit, alle männlichen Pflichten auf sich zu nehmen, amüsierte Virgilia. Die Blicke, die sie auf sich zogen, weil er schwarz und sie weiß war, schienen ihn nicht zu stören.
Sie schoben sich durch die übervölkerten Marktgassen hindurch, zwischen Hühnern und Ferkeln in Kisten. Sie diskutierten über das Thema, das Washington momentan am brennendsten interessierte.
»Er reißt die Macht an sich, Virgilia. Schlimmer noch, er ist durch einen Meuchelmörder, nicht durch das Volk an die Macht gekommen.«
»Da muß man schon etwas deutlicher werden, um ihn verurteilen zu können.«
»Guter Gott, sie haben elf Anklagepunkte gegen ihn zusammengestellt.«
»Die ersten neun hängen alle mit Angelegenheiten seiner Amtszeit zusammen. Ben Butlers zehnter Artikel verurteilt Johnson wegen Reden, in denen er den Kongreß kritisiert hat. Ist die freie Rede nun ein Verbrechen oder ein Vergehen? Der elfte Artikel ist nichts weiter als eine Wundertüte.«
»Von deinem guten Freund, Mr. Stevens.«
»Trotzdem.« Sie hatten eine kleine Kreuzung erreicht. Ein Karren näherte sich, auf dem sich Kisten mit Kaninchen türmten. »Ich bleibe bei meiner Meinung.«
Er sah, wie der Karren in eine Rinne geriet und seitlich wegkippte. Eine Schnur riß, und der gewaltige Kistenstapel stürzte auf sie zu. Er packte sie bei der Taille und schwang sie herum, weg von der Stelle, wo die Kisten herunterkrachten. Einige zerbrachen; Kaninchen flüchteten in alle Richtungen. Der Fahrer rannte ihnen nach.
Ganz plötzlich wurde sich Virgilia der starken Hände des Mulatten an ihrer Taille bewußt - und der merkwürdigen Intensität in seinen dunklen Augen. Ähnliche Blicke hatte sie in letzter Zeit häufiger bemerkt. »Vielleicht machen wir uns besser auf die Suche nach Eiern und vergessen die Politik, Scipio. Ich möchte nicht, daß unsere Freundschaft darunter zu leiden hat.«
»Ich auch nicht.« Lächelnd ließ er sie los. Sie bebte noch von der Berührung seiner Hände und war von dieser Reaktion mehr als nur ein bißchen erschreckt.