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Mit Armen, die von harter Arbeit kräftig geworden waren, rührte Virgilia mit dem großen Holzlöffel in dem dampfenden Topf mit dicker Erbsensuppe herum. Es war der Mittag des nächsten Tages. Auf der anderen Seite der Küche saß Thad Stevens; auf seinem Schoß döste, den Daumen im Mund, ein kleiner, hellbrauner Junge. Virgilias Freund sah blaß und erschöpft aus.

»Wirst du morgen bei der Verhandlungseröffnung dabei sein?« fragte er.

»Ja. Danach werde ich so oft wie möglich hingehen, ohne daß ich dabei meine Arbeit hier vernachlässige.«

»Vermutlich möchtest du, daß er verurteilt wird.«

Widerstrebend sagte sie: »Ich glaube nicht. Er leugnet jedes Verbrechen.«

»Sein Leugnen wird durch sein vorangegangenes Benehmen widerlegt. Er hat Thomas geschickt, um Stanton abzulösen.«

»Thomas hat versagt, also war es keine wirkliche Ablösung, sondern nur der Versuch.«

»Du argumentierst langsam richtig juristisch, meine Liebe.« Er klang dabei nicht sehr glücklich; allerdings stimmte das ganze Durcheinander um Stanton mit Ausnahme der Anwälte niemanden glücklich.

»Juristisch, Thad?« sagte sie. »Nein, ich bemühe mich nur, die Dinge fair zu betrachten.«

»Zum Teufel mit der Fairness. Ich will Johnson draußen haben. Ich werde ihn jagen, bis er verschwunden ist.«

Sie ließ den großen Holzlöffel am Kesselrand ruhen. Draußen im Hof, wo eine milde Märzsonne durch die nackten Zweige von zwei Kirschbäumen schien, tobte Scipio lachend mit mehreren Kindern herum. »Ganz gleich, ob er schuldig ist oder nicht?«

In seinem funkelnden Blick lag schon die Antwort. »Wir säubern das Land von diesem Mann und von allem, was er repräsentiert, Virgilia. Nachsicht gegenüber einer gesamten Klasse von Menschen, Menschen ohne Reue, die immer noch konspirieren, um diese Nation wieder zu dem zu machen, was sie vor dreißig Jahren war, als die gesamte schwarze Bevölkerung in Ketten lag und Mr. Calhoun arrogant mit der Sezession drohte, falls jemand zu widersprechen wagte. Wir haben sieben Leute, die die Anklagen gegen Johnson managen. Hast du eine Ahnung von dem gewaltigen Druck, der bereits gegen uns ausgeübt wird? Briefe. Feige Drohungen ...«

Er schreckte den Jungen auf seinem Schoß auf, als er ein zerknittertes gelbes Telegramm aus seiner Tasche zog. »Das hier kam aus Louisiana, das ist das einzige, was ich sicher weiß.«

Sie entfaltete es und las. stevens, bereite dich auf die Begegnung

MIT DEINEM GOTT VOR. DER RÄCHER IST DIR AUF DEN FERSEN. EIN PLATZ IN DER HÖLLE IST DIR SICHER. K.K.K.

Kopfschüttelnd gab sie das Papier zurück. Stevens' wachsbleiche Wangen zeigten ganz kurz ein bißchen Farbe. »Der Rächer sitzt auch Mr. Johnson auf den Fersen. Ihm ist ein Schuldspruch sicher.«

Scipio rannte jubelnd in den Sonnenschein. Der freudige Laut stand in krassem Widerspruch zu den zornigen Augen des Kongreßabgeordneten. Sein Dogma hatte ihn eine Straße entlanggeführt, von der Virgilia abgebogen war. In ihr war kaum noch Haß, doch in ihm tobte der Krieg weiter.

Am Montag, dem 30. März, erschien sie eine Stunde bevor die Türen zur Senatsgalerie geöffnet wurden. Als sie dann aufgingen, kämpfte sie sich zwischen hastenden und stoßenden Menschen hindurch nach oben. Als der Vorsitzende des Obersten Gerichtshofs, Salmon P. Chase, die Verhandlung eröffnete, gab es keinen leeren Sitz und keine freie Stufe mehr auf der Galerie.

Vor Tagen hatte Chase den Senat als Gericht eingeschworen. Heute waren alle vierundfünfzig Gesetzgeber, die die siebenundzwanzig Staaten repräsentierten, anwesend. Seine Zuversicht bezüglich des Ausgangs der Verhandlung war überall zitiert worden. Er glaubte, daß sie die sechsunddreißig Stimmen, die sie zur Verurteilung Johnsons in einem oder mehreren Anklagepunkten benötigten, problemlos erhalten würden.

Auf der Galerie ging es lautstark zu. Einige Zuschauer pfiffen und winkten mit Taschentüchern, als die Urheber der Präsidentenanklage, sieben Kongreßabgeordnete einschließlich des alten Thad mit schiefer Perücke, ihre Plätze an einem Tisch mit hohen Stapeln von Büchern und Akten links von dem Vorsitzenden einnahmen. Die fünf prominenten Anwälte des Präsidenten saßen ihnen auf der anderen Seite des Vorsitzenden gegenüber. Sämtliche Senatoren waren in die ersten beiden Reihen gequetscht worden, dahinter drängten sich Mitglieder des Repräsentantenhauses. Reporter füllten die hinteren Gänge, blockierten die Türen und hatten jeden freien Platz an den Wänden mit Beschlag belegt.

Der Hauptankläger, der Abgeordnete Ben Butler aus Massachusetts, eröffnete die Verhandlung mit einer dreistündigen flammenden Rede. Spoons Butler, die Bestie von New Orleans, war ein fähiger, gerissener Anwalt. Er löste einen Sturm winkender Taschentücher und jubelnde Zustimmung aus, als er erklärte, daß Johnson ganz offenkundig schuldig war, Stanton gegen den Willen des Kongresses und während der Sitzungsperiode des Kongresses seines Amtes enthoben zu haben.

Virgilia saß inmitten der unruhigen, lärmenden Menge und schaute hinab auf Sam Stout; bis auf eine melancholische Leere empfand sie so gut wie nichts. Die Zeit bewirkte tatsächlich ei-nen Wandel in ihr und machte sie sanfter. Zu ihrer eigenen Überraschung konnte sie sich des öfteren nicht auf das Schauspiel unter ihr konzentrieren, sondern sah statt dessen Scipio Browns Augen vor sich, nachdem er sie vor dem Marktkarren gerettet hatte. Sie erinnerte sich, wie sich der feste Druck seiner Hände an ihrer Taille angefühlt hatte. Sie erinnerte sich gern daran.

Am 9. April hatten die Ankläger ihren Fall vorgetragen. Der Höhepunkt der Anklagedarstellung war vielleicht der Moment, als Butler ein rotgeflecktes Kleidungsstück hervorholte und es durch die Luft schwang. Er sagte, dies sei das Hemd eines Mannes aus Ohio, vom Büro für befreite Negersklaven, den Klansmänner in Mississippi ausgepeitscht hätten. Am nächsten Morgen hatte Washington eine neue Phrase für sein politisches Lexikon: man peitschte Antisüdstaatengefühle auf, indem man das >blutige Hemd schwenkte<.

Johnsons Anwälte plädierten hingegen für Freispruch. Wegen einer Masernepidemie verpaßte Virgilia viele dieser Aprilsitzungen. Sie bedauerte es nicht, als sie in den Zeitungen davon las. All diese Haarspaltereien über die Auslegung der Verfassung und diese endlosen Reden hörten sich langweilig an. Sie fragte sich, wozu lange Reden notwendig waren. Die Sache schien doch klar genug. Johnsons Autorität war durch die zahlreichen Wiederaufbaugesetze herausgefordert worden, einschließlich des Amtsdauergesetzes, durch das dem Präsidenten untersagt wurde, Kabinettsmitglieder ihres Amtes zu entheben, die der Senat in ihrem Amt bestätigt hatte. In dieser Angelegenheit hatte Johnson keinen Zoll nachgegeben, um eine Entscheidung zu erzwingen.

Virgilia hielt das nicht nur für wichtig, sondern auch für notwendig. Weiterhin war Edwin Stanton nicht von Johnson, sondern von Lincoln ernannt worden, und es war in Lincolns Amtsperiode, nicht in Johnsons gewesen, daß der Senat diese Ernennung bestätigt hatte. Sie meinte, daß einiges dafür spreche, daß Stanton gar nicht unter das Amtsdauergesetz fiel.

Jetzt begannen die langen, ausschweifenden Zusammenfassungen. Sie hörte eine von William S. Groesbeck, einem redegewandten Anwalt aus Cincinnati. Er widmete sich Johnsons Charakter:

»Er ist ein Patriot. Er mag voller Fehler und Irrtümer stecken, aber er liebt sein Land. Ich habe oft gesagt, daß jene, die im Norden leben, in sicherer Entfernung der Kriegsschauplätze, wenig davon wissen. Wir, die wir in den Grenzgebieten leben, wissen mehr davon . Unser Horizont war immer von Flammen gerötet, und manchmal war der Brand so nahe, daß wir mit ausgestreckten Händen die Hitze spüren konnten. Andrew Johnson lebte im Herzen der Feuersbrunst ... direkt im Hochofen des Krieges ..., und seine gehärtete Kraft und Stärke ließ ihn in unerschütterlicher Loyalität zur Union ausharren ... unzugänglich für jeden Verrat. Wie kann er sich dann plötzlich, nach den Worten des Gentleman Mr. Boutwell aus Massachusetts, in einen Erzrenegaten verwandelt haben? Das ist doch lächerlich.«