Vom Tisch der Ankläger funkelte ihn George S. Boutwell an.
Und so ging es weiter und weiter, mit Anklage, Verteidigung, Interpretation und theoretischen Erörterungen. Männer sprangen auf der Galerie von ihren Sitzen, einige jubelnd, andere protestierend. Virgilia sah vor Empörung gerötete Gesichter, während andere Gesichter sie an Raubtiere denken ließen -Raubtiere, die sich von Anschuldigungen nährten, ganz gleich, wie ausgefallen und lächerlich sie sein mochten.
Plötzlich entdeckte sie auf der anderen Seite der Galerie zwei Gesichter, die ihr bis jetzt entgangen waren - ihren Bruder Stan-ley und dessen Frau Isabel. Virgilia hatte längst jeden Kontakt zu ihnen verloren; keine Essenseinladungen in die I Street, keine Geburtstagsgrüße, nichts. In der Stadt hörte sie häufig Stan-leys Namen, wenn auch nicht immer in schmeichelhafter Verbindung.
Isabel blickte Virgilia ohne jedes Erkennen an. Stanley war in die Geschehnisse unten im Saal vertieft. Wie aufgedunsen er aussieht, dachte Virgilia. Viel älter als seine fünfundvierzig Jahre. Seine Haut hatte eine ungesunde, gelbliche Färbung.
Die Sitzung wurde unterbrochen. Im Gedränge auf der Treppe stieß Virgilia auf Stanley, der an der Wand lehnte und sich mit einem großen Taschentuch sein Gesicht abwischte. Sie stoppte eine Stufe über ihm, versuchte ihn vor der drängenden Menge zu schützen.
»Stanley?« sagte sie über den Lärm hinweg. Sie zupfte an seinem Ärmel. »Ich habe dich vorhin schon gesehen. Ist mit dir alles in Ordnung?«
»Virgilia. Oh - ja, mir geht es gut.« Er schien abwesend, betrachtete die Leute, die sich an ihr vorbei die Treppe hinabdrängten. »Und dir?«
»Ich kann nicht klagen. Aber ich mache mir Sorgen um dich, Stanley. Du schaust krank aus. Es ist so lange her, seit wir miteinander gesprochen haben, und es gibt so viele unfreundliche Geschichten über dich.«
»Geschichten?« Er zuckte zurück, wie ein Verbrecher vor den Handschellen. »Was für Geschichten?«
Sie roch die Gewürznelke, die er gekaut hatte. Welchen Duft wollte er damit verbergen? »Geschichten über Dinge, die du dir selbst antust. Ausgedehnte Trinkgelage.«
»Lügen.« Keuchend drückte er seine schwitzende Stirn gegen den Marmor. »Verfluchte Lügen.«
Voller Mitleid mit ihm und seiner eigenen Lüge berührte sie seinen Ärmel. »Ich hoffe es. Du bist ein prominenter Mann, ungemein reich und erfolgreich. Du hast jetzt alles.«
»Vielleicht verdiene ich es nicht. Vielleicht bin ich nicht stolz auf das, was ich bin. Hast du je daran gedacht?«
Seine herausgesprudelten Worte verblüfften sie. Stanley von Schuldgefühlen geplagt? Warum? Von hinten griff jemand nach ihrer Schulter. Beinahe hätte sie das Gleichgewicht verloren.
Nur ein paar Zentimeter von Virgilias Nase entfernt schien Isabels langes Pferdegesicht vor Zorn aufzuflammen. »Laß ihn in Ruhe, du Schlampe. Stanley ist müde, das ist alles. Wir haben dir nichts zu sagen. Aus dem Weg.«
Wie ein Offizier, der einen gemeinen Soldaten disziplinierte, packte sie den Arm ihres Mannes und stieß ihn die Treppe hinab. Mit den Ellbogen bahnte sie sich einen Weg. Stanley stand unsicher auf seinen Beinen. Über seine Schulter hinweg warf er seiner Schwester einen hastigen, entschuldigenden Blick zu. Am Treppenabsatz waren er und Isabel verschwunden.
Virgilia dachte, daß sie ihren Bruder noch nie so krank, so gequält gesehen hatte. Warum sollte sein Erfolg ihn soviel gekostet haben?
Die Resümees gingen in der ersten Maiwoche zu Ende. Ganz Washington war von der Verhandlung betroffen. Einige be-zeichneten die Geschehnisse als das majestätische Werk der Gerechtigkeit. Andere nannten es einen Zirkus. Wegen der Verhandlung ausgebrochene Schlägereien wurden für die Polizei zur Routinearbeit. Mit jedem Zug strömten weitere Spieler in die Stadt, füllten die Hotels und schlossen Wetten auf das Urteil ab. Als der Vorsitzende Chase am Montag, dem 11. Mai, die Türen schloß und das Gericht sich zur geheimen Sitzung zurückzog, standen die Wetten zugunsten eines Freispruchs.
Im Star und in anderen Zeitungen hatte Sam Stout verkündet, daß die Spieler aufs falsche Pferd gesetzt hatten. Die zur Verurteilung nötigen einunddreißig Stimmen in mindestens einem Anklagepunkt seien gesichert, sagte er. Gegen Ende der Woche würden noch sechs weitere Stimmen hinzukommen.
Am Donnerstag suchte Stevens Zuflucht im Waisenhaus. »Die verdammte Presse läßt mich nicht in Ruhe. Meine eigenen Wähler auch nicht.« Er sah noch müder aus als beim letztenmal.
»Wie sieht es mit den Wahlstimmen aus?« fragte sie und schenkte ihm eine Tasse Kräutertee ein. Seine geäderte, mit Altersflecken übersäte Hand zitterte, als er die Tasse anzuheben versuchte. Er gab es auf.
»Fünfunddreißig sind sicher. Alles hängt von einem Mann ab.«
»Wer ist der Mann?«
»Senator Ross.«
»Edmund Ross aus Kansas? Er ist ein überzeugter Abolitionist.«
»War«, korrigierte Stevens voller Abscheu. »Ross beharrt darauf, daß er seinem Gewissen entsprechend wählt, auch wenn die Leute in Kansas ihn mit Telegrammen überschwemmen, in denen steht, daß er erledigt ist, wenn er für Freispruch stimmt. Senator Pomeroy bearbeitet ihn. Ebenso das Union Congressio-nal Committee.« Diese Gruppe radikaler Senatoren und Abgeordneter war gegründet worden, um dafür zu sorgen, daß lokale Parteiorganisationen Druck auf unentschlossene Senatoren ausübten. »Ross hat sogar Morddrohungen erhalten«, fügte Stevens hinzu. »Damit steht er nicht allein.«
Mit erschöpften Augen starrte er Virgilia an. »Wir müssen Ross auf unsere Seite ziehen, oder alles ist umsonst gewesen, und die Bourbonen erobern wieder den Süden.«
»Du darfst das Urteil nicht so furchtbar ernst nehmen, Thad. Dein Leben hängt davon nicht ab.«
»Und ob es das tut, Virgilia. Wenn wir eine Niederlage hinnehmen müssen, bin ich erledigt. Ich habe weder das Herz noch die Kraft, einen solchen Kampf erneut durchzustehen.«
Am Samstag, dem 16. Mai, vier Tage vor dem republikanischen Konvent, erwachte Virgilia noch vor Tagesanbruch und konnte nicht mehr einschlafen. Sie kleidete sich an und verließ das Häuschen, in dem Stout sie einst ausgehalten hatte. Sie dachte daran umzuziehen, um sich von den Erinnerungen dieses Ortes freizumachen, doch das Häuschen gehörte ihr, es war bequem, und sie konnte es sich von ihrem Gehalt im Waisenhaus leisten.
Sie schlenderte durch einen stillen Bezirk, wo die Häuser kleiner und ärmlicher wurden. Bald hatte sie das Waisenhaus erreicht. Überraschenderweise war die Haustür unversperrt. Es roch nach Kaffee, als sie die Küche betrat. Er saß am Tisch.
»Scipio. Wieso bist du schon auf?«
»Konnte nicht schlafen. Ich bin froh, daß du hier bist. Wir müssen miteinander reden. Ich soll heute morgen Lewis zu seinen neuen Adoptiveltern in Hagerstown bringen.«
»Ich erinnere mich.« Dankend nahm sie eine Tasse Kaffee an. Seine Hand berührte die ihre. Er reagierte, als hätte er sich verbrannt.
»Mir wäre wohler, wenn du nicht zum Kapitol gingst«, sagte er.
»Ich muß. Ich will das Urteil hören.«
»Es könnte gefährlich werden. Bei diesen gewaltigen Menschenmassen kann es leicht zum Aufruhr kommen.«
»Es ist schön, daß du dir Sorgen um mich machst, aber das mußt du nicht.«
Er kam um den Tisch herum und schaute auf sie herab. Er schien sich jedes einzelne Wort herauszureißen. »Ich mache mir aber Sorgen. Viel mehr, als du ahnen kannst.«
Ihre Blicke verhakten sich. Zitternd spürte sie es heiß in sich aufsteigen, knallte die Kaffeetasse auf den Holztisch und rannte hinaus. Sie war unfähig, mit den Emotionen umzugehen, die er ihr so unerwartet enthüllt hatte, ebensowenig wie mit den Emotionen in ihrem eigenen Herzen.