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»Das sind vierunddreißig«, flüsterte der Fremde links von Virgi-lia. »Wahrscheinlich Waitman Willey aus West Virginia. Also hängt es von Ross ab.«

Der Vorsitzende Chase ergriff das Wort. »Senator Ross, wie lautet das Urteil? Ist der Beklagte, Andrew Johnson, Präsident der Vereinigten Staaten, schuldig oder nicht schuldig eines Amtsvergehens, wie ihm in diesem Anklagepunkt vorgeworfen wird?«

Da stand er, der unscheinbare Mann aus Kansas. Gegenwärtig kämpfte er, ein Veteran der Union und alter Anhänger der Abo-litionistenbewegung, für die gewaltmäßige Entfernung der Indianerstämme. Virgilia beobachtete Thad Stevens, der weiß vor Anspannung am Tisch der Ankläger saß.

Ross räusperte sich.

»Wie lautet Ihr Urteil?« wiederholte Chase.

»Nicht schuldig.«

Ein einziger Aufschrei der Galerie. Dann wilder Applaus, laute Buhrufe, ein Meer aus winkenden, weißen Taschentüchern.

Stevens sackte mit geschlossenen Augen zurück. Ein Arm baumelte schlaff über die Lehne seines Stuhls.

Virgilia wußte, daß diese Wahl die Entscheidung gebracht hatte. Der Kongreß hatte versucht, die Oberhand über die Exekutive zu gewinnen; vor einem Augenblick war dieser Versuch fehlgeschlagen. Was immer sich auch sonst noch ereignen mochte, der radikale Wiederaufbau war vorbei. Thad Stevens hatte das vorausgesagt, wenn es zum Freispruch käme. Stevens' auf dem Stuhl zusammengesackter Körper wiederholte das unzweideutig.

Auf den Stufen des Kapitols kreischten die Leute, tanzten und umarmten einander. Ein fleischiger Mann mit einer Melone packte Virgilia am Arm. »Old Andy hat's ihnen gegeben. Das ist schon einen Kuß wert.«

Sein Mund näherte sich dem ihren, während er mit einer Hand nach ihrer Brust tastete. In dem Gedränge achtete niemand auf sie. Virgilia drehte sich seitlich weg, saß aber in der Falle. »Du bist nicht für Andy?« grollte der Mann und zog sie an sich.

»Du verdammter Säufer, laß sie in Ruh.«

Virgilia erkannte die Stimme, bevor sie ihn sah. Der fleischige Mann brüllte: »Du verfluchter Nigger hast mir gar nichts zu sagen!« Dann erwischte ihn Scipios Hand an der Kehle und hielt ihn fest, bis er zu würgen begann.

Die Feiernden brüllten, stießen, leerten Flaschen und tanzten auf den Stufen. Scipio ließ den fleischigen Mann los. Er floh, so schnell es nur ging.

»Was ist mit Hagerstown?« rief Virgilia über den Lärm hinweg. »Hab' ich verschoben. Ich konnte dich doch nicht allein diesem Mob überlassen. Allein der Gedanke daran ließ mich weder schlafen, noch konnte ich was essen.«

Ein paar Leute hinter ihm stolperten und drückten gegen ihn. Er fiel auf sie zu. Sie hob die Hände, um ihn aufzufangen, und fand sich in seinen Armen wieder. Eine weiße Frau, ein brauner Mann. In dem Tumult kümmerte sich niemand darum.

Er brachte seinen Mund dicht an ihr Ohr. »Hier ist der richtige Ort, um dir zu sagen, daß meine Bewunderung für dich im Laufe der Zeit immer größer geworden ist. Ich habe dir immer wieder zugeschaut, wie du mit den Kindern umgehst. Du bist eine sanfte, liebevolle Frau. Intelligent, voller Prinzipien.«

Sie wollte ihm von all den üblen Dingen in ihrer Vergangenheit erzählen. Etwas Stärkeres, Lebensbejahendes zerquetschte den Impuls. Menschen können sich ändern.

»Und wunderschön«, sagte Scipio Brown, seine Lippen an ihrem Ohr. Mit einem nervösen Lachen wehrte sie das ab, was ihn amüsierte. »Ist das alles wirklich eine so große Überraschung für dich?«

»Ein paar Hinweise hatte ich schon.« Sie kämpfte gegen das Gedränge in ihrem Rücken an. »Ich bemerkte die Blicke, die du mir zuwarfst. Aber es sprechen zu viele Dinge dagegen, Scipio, nicht nur die Hautfarbe. Da ist einmal mein Alter.«

Mit einer Hand berührte sie ihr ergrauendes Haar. »Ich bin zehn Jahre älter als du.«

»Warum solltest du dir deswegen Gedanken machen? Mich stört es nicht. Ich liebe dich, Virgilia. Der Buggy wartet. Komm mit mir.«

»Wohin?«

Einen Augenblick lang schien er nicht mehr so selbstsicher wie gewohnt zu sein. Er wirkte scheu, zögerte, brachte aber schließlich heraus: »Ich dachte - wenn du nichts dagegen hast -, daß wir in deinem Haus allein sein könnten?«

Ihre Augen wurden feucht. Der Gedanke, daß jemand so viel für sie empfand, war überwältigend. Gleichzeitig wußte sie, daß tief in ihr sich seit langer Zeit schon ähnliche Gefühle gerührt hatten. Sie hatte es sich bis jetzt nur nicht einzugestehen gewagt.

»Virgilia?«

»Ja, sehr gern«, sagte sie weich. Wegen des Tumultes konnte er die Worte nicht hören, aber er verstand auch so. Sie nahm seinen Arm. »Hinterher werde ich Frühstück für uns machen.«

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43

Drei Wochen nach dem Elternprogramm in Mrs. Allwicks Akademie endete das Semester. Zum letztenmal vor dem Herbst liefen die Mädchen lärmend aus der Tür hinaus; es war 4 Uhr 30 an einem herrlichen Juninachmittag. Mehrere Verehrer warteten auf der breiten, kühlen Veranda, darunter auch Sara Jane Oberdorfs Leichenbestatterlehrling.

Die Tragödie beim Auftritt hatte man Marie-Louise nicht verziehen. Sara Jane rauschte vorbei und sagte süßlich: »Wartet immer noch keiner? Nun, vielleicht in ein paar Jahren, wenn du erwachsen bist.« Sie klammerte sich an ihren jungen Mann. »Lyle. Wie reizend von dir, daß du mich abholst.«

Mit einem trostlosen Gefühl im Herzen drückte Marie-Louise die Bücher gegen ihren Busen und stieg mit gesenktem Kopf die schmiedeeisernen Stufen hinab, bis sie einen Schatten auf ihren Rock fallen sah. »Entschuldigung.« Sie trat einen Schritt zur Seite, blickte auf und ließ die Bücher fallen.

»Miss Main.« Theo German verbeugte sich und riß sich den Strohhut mit der Pfauenfeder vom Kopf. Erneut trug er keine Uniform. »Erlauben Sie.« Er bückte sich, um die Bücher aufzuheben.

»Ich dachte ...« Reiß dich zusammen, du Memme. »Ich dachte, nach diesem fürchterlichen Abend würden Sie nie mehr mit mir sprechen. Sie müssen gedacht haben, ich schneide Sie.«

»Selbstverständlich nicht. Ich sah, daß Ihr Vater die Ursache dafür war.« Er richtete sich auf und bot ihr seinen Arm. »Haben Sie Zeit für einen kleinen Spaziergang über die Battery?«

Wenn ich mich verspäte, wird Mama mich ausfragen. Und was ist, wenn Papa dahinterkommt?

Doch Coopers Verhalten an dem bewußten Abend hatte das Feuer der Rebellion in seiner Tochter entzündet; für den jungen Offizier war sie dadurch noch anziehender geworden. »Oh ja«, sagte sie.

Zufällig berührte ihr Busen seinen Mantelärmel. Sie fühlte sich wie vom Blitz getroffen. Lächelnd nahm Theo das plötzliche Rosa ihrer Wangen zur Kenntnis. Auch seine Wangen hatten sich verfärbt.

Die scharfen Nadelspitzen reflektierender Sonnenstrahlen tanzten über die Wasseroberfläche des Hafens. Möwen folgten einem vom Atlantik hereintuckernden Fischfänger. Draußen auf Fort Sumter flatterte die Unionsfahne über den Ruinen in der kräftigen Brise. »Gehen Sie oft ohne Uniform in die Stadt?« erkundigte sich Marie-Louise, während sie sich verzweifelt an Mrs. Allwicks Konversationslektionen zu erinnern suchte.

Ihr ganzer Verstand fühlte sich wie ein Topf Kleister an.