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»Ja«, sagte er. »General Canby hat nichts dagegen, und es ist leichter so, die Leute zum Sprechen zu bringen. Auf diese Weise finde ich eher Zugang zu den Gefühlen und Ansichten der lokalen Bevölkerung. Natürlich gibt es ein paar Leute, die sich weigern, mit mir zu sprechen, nachdem sie mich reden hörten.«

»Wegen Ihres Akzentes?«

Er lachte. »Ich habe keinen Akzent. Sie haben einen - den ich allerdings bezaubernd finde.«

»Oh, Mr. German - Captain German ...«

»Wie wär's mit Theo?« sagte er; die freundliche Unschuld seiner Augen wärmte sie. Marie-Louise war auf einen Schlag so verliebt, daß sie in Ekstase hätte sterben und im Boden versinken können, direkt bis nach China.

»Gut. Aber dann müssen Sie Marie-Louise zu mir sagen.«

»Mit Vergnügen.«

Die Möwen kreischten. Das junge Paar schlenderte unter den stattlichen alten Bäumen nahe am Wasser entlang. Theo erzählte ihr, daß er vierundzwanzig war und zu Canbys Stab gehörte. »An dem Tag im Zug befand ich mich auf einer Besichtigungstour. Der schönste Anblick, den ich zu sehen bekam, befand sich in diesem Eisenbahnwagen.«

»Papa war furchtbar wütend, als Sie der Farbigen Ihren Platz gaben.« Sie seufzte. »Er ist immer noch im Krieg.«

»Ihr Vater und die Hälfte von Charleston. Doch die andere Hälfte ist hinreißend. Ich bin nie zuvor Südstaatlern begegnet, mit Ausnahme vieler Kriegsgefangener, die natürlich nicht gerade bester Stimmung waren. Ich finde, die Südstaatler sind ein warmherziges, bezauberndes Volk. Und Carolina besitzt ein wunderbares Klima, vom Sommer mal abgesehen.«

»Was meinten Sie mit den Kriegsgefangenen?«

Er erklärte, daß er im letzten Kriegsjahr nach Camp Douglas versetzt worden war, dem riesigen Kriegsgefangenenlager südlich von Chicago. »Wir hatten Tausende von Insassen, aber nur einmal wurden Schüsse abgefeuert, als ein halbes Dutzend Gefangener einen Ausbruch versuchten. Und nur einmal fühlten wir uns wirklich in Gefahr, an einem Sonntag im November '64, als in Chicago die Gerüchte überkochten, daß Geheimagenten der Konföderation die Stadt in Brand stecken und unsere Gefangenen befreien würden. Nichts davon stimmte. Als das Gefängnis ein Jahr später seine Pforten zumachte, entschloß ich mich, in der Armee zu bleiben und ein bißchen was vom Land zu sehen. Zuvor bin ich nie aus Illinois herausgekommen.«

Wieder lächelte er und berührte leicht ihre behandschuhte Hand auf seinem Arm. »Ich habe Glück gehabt, daß sie mich nach South Carolina schickten. Ich möchte mich gern hier niederlassen und dem kalten Wetter für immer entfliehen.«

»Werden Sie für immer in der Armee bleiben?«

»Ich glaube nicht. Vor der Armee lernte ich in einer Anwaltskanzlei. Ich würde gern meine Studien beenden und als Anwalt arbeiten.« Marie-Louise befürchtete, sie könnte jeden Moment von der Promenade stürzen und im Wasser ertrinken, wenn er weiterhin diese blauen Augen auf sie richtete.

Andere Verehrer schlenderten mit ihren Angebeteten vorbei. Ein alter Mann mit einem quietschenden zweirädrigen Karren kam auf sie zu. Er pries seine Waren mit einem musikalischen Sprechgesang an. »Kaufen Sie Melonen. Süße Wintermelonen.«

»Möchten Sie ein Stück Melone?« fragte Theo. Vor lauter Nervosität brachte sie nur ein Lachen und ein Nicken zustande, aber ihn schien das nicht zu stören. Er kaufte dem Mann zwei Stücke ab und brachte sie zu der Eisenbank zurück, wo er ihre Bücher abgelegt hatte. Marie-Louise faßte die Melone an dem um die Schale gewickelten Papier. So vorsichtig sie auch war, der Melonensaft tropfte nur so auf ihr Kinn. Sie fühlte sich ge-demütigt.

Theo zog ein Taschentuch hervor. »Erlauben Sie.« Mit zarten Tupfern trocknete er ihr Kinn. Ihr Körper erbebte bei jeder Berührung.

»Ich hoffe, Sie halten mich nicht für zu aufdringlich, Miss Main.«

»Oh nein. Aber ich muß Ihnen recht albern vorkommen mit meinem Geschwätz und Gekicher. Es ist nur ...« Durfte sie es wagen? Ja, besser eine Erklärung riskieren, als ihn zu verlieren. »Ich habe keine Erfahrung mit Verehrern. Um ehrlich zu sein, ich hatte nie einen.«

Die Melone zwischen seinen Fingern tropfte. In dem kühlen Schatten lehnte er sich ihr entgegen. »Darf ich sagen, daß es meine innigste Hoffnung ist, daß Sie nie einen anderen Verehrer nötig haben werden?«

Diese Erklärung brachte sie an den Rand des Zusammenbruchs. Dann beugte er sich zu ihrer grenzenlosen Verblüffung schnell vor und berührte mit seinen Lippen ihren Mundwinkel.

Ein umfassendes Schweigen hüllte sie ein. Der Gesang des Melonenmannes war verklungen, ebenso wie das Gekreisch der Möwen, ja selbst das rasende Klopfen ihres Herzens. Alle Nervosität fiel von ihr ab, wie sie so neben ihm stand und ihn anschaute, unwiderruflich verändert. Ihre Mädchenjahre waren vorüber.

Die Melonen in ihren Händen tropften den gepflasterten Weg voll. Keiner von ihnen bemerkte es.

Nach und nach zwang sie sich selbst in die Realität zurück. Der Sonnenschein kam schon sehr schräg über die großen Giebelhäuser der South Battery. Es war spät.

»Ich muß zurück zur Tradd Street.«

»Darf ich dich begleiten?«

»Aber sicher.« Diesmal war es kein unsicheres Getaste mehr, als sie ihren Arm in den seinen legte. Sie fühlte sich locker und leicht; fraulich. Niemand schenkte ihnen Beachtung, als sie in dem weichen Frühlingslicht die Church entlanggingen.

»Ich möchte, daß du meine Familie kennenlernst«, sagte Theo.

»Das möchte ich auch.«

»Ich habe elf Brüder und Schwestern.«

»Gütiger Himmel!« rief sie.

Er grinste. »Ich liebe sie alle, aber im Haus war es immer ein bißchen eng, und die Portionen am Tisch waren knapp. Vaters Gehalt reichte nicht aus, um so viele Münder zu stopfen. Er ist ein lutheranischer Pfarrer.«

»Oh Gott. Nicht auch noch ein Abolitionist?«

»Doch, das war er.«

»Und ein Republikaner?«

»Ich fürchte schon. Ich bin das zweitjüngste Kind und mußte deswegen immer auf dem Fußboden schlafen. Wir hatten nicht genügend Betten. Deshalb bin ich auch in die Armee eingetreten. Um ein eigenes Bett zu haben und regelmäßige Mahlzeiten zu kriegen. Die Soldaten meckern ständig über schlechtes Essen und schlechte Matratzen. Für mich ist es das Leben eines Prinzen.«

Sie sah, daß die Kreuzung zur Tradd Street nur noch einen Block entfernt war, und sagte schnelclass="underline" »Ich bin genauso froh wie du, daß die Armee dich hierhergebracht hat, Theo.« Ihre eigene Kühnheit schockierte sie.

Im Weitergehen erzählte sie ihm von dem Verlust ihres Bruders vor der Küste von North Carolina und den schlimmen Momenten im Meer, als sie fürchtete, sie würden alle ertrinken. »Vor Judahs Tod war Vater bei weitem nicht so streng und hart. Damit ist ihm etwas widerfahren, wovon er sich nie mehr erholt hat.«

»Das ist tragisch. Es erklärt, weshalb er auf mich so reagiert hat. Ich hoffe, er stellt kein unüberwindliches Hindernis dar.« Im Schatten einer hohen Backsteinmauer drehte er sie zu sich und griff nach ihrer Hand. »Ich will in der richtigen Weise um dich werben. Warum runzelst du die Stirn?«

»Nun, es wäre viel einfacher, wenn du - wenn du nicht der wärst, der du bist.«

»Wie in Mr. Shakespeares Stück?«

»Wieso?«

»Romeo, Romeo, warum bist du Romeo? Mit anderen Worten, warum bin ich Romeo, ein Montague? Ein Feind? Wird das wirklich eine Rolle spielen?«

Marie-Louise versank wirbelnd in den blauen Teichen seiner Augen, gab sich ihren Emotionen hin, die so heftig waren, daß sie glaubte, sie nicht ertragen zu können. »Nein«, erklärte sie, auf einmal ganz sicher, was sie wollte. »Nein, das wird es nicht.«

»Dein Vater?«

»Nein«, wiederholte sie zuversichtlich.

Er verließ sie am Tor zu dem Haus in der Tradd Street, nachdem er versprochen hatte, ihr am kommenden Nachmittag einen formellen Besuch abzustatten. Noch ein Händedruck zum Abschied, dann war er verschwunden; sie blieb, einige Fuß über der irdischen Welt schwebend, zurück.