»Wenn das alles ist ...«
»Das ist es nicht. Ist dir bewußt, daß es einen Ku-Klux in diesem Bezirk gibt?«
»Ich habe Gerüchte gehört. Beweise dafür konnte ich keine finden.«
»Nun, ich weiß es aus bester Quelle. Die Gruppe hier führt ein sogenanntes Totenbuch. Darin stehen die Namen jener, die den Klan beleidigt haben. Weißt du, welcher Name ganz oben auf der ersten Seite steht? Deiner.«
»Das überrascht mich nicht.« Madelines erzwungene Ruhe ließ nichts von dem plötzlichen, krampfartigen Schmerz in ihrem Magen erkennen.
»Ich warne dich, diese Männer sind gefährlich. Wenn sie herkommen, wenn deinetwegen meiner Tochter etwas geschieht, dann lasse ich dich nicht durch die Gerichte bestrafen. Das werde ich dann persönlich erledigen.«
Ein letztes Mal versuchte sie vernünftig mit ihm zu reden. »Cooper, wir sollten nicht miteinander streiten. Für Marie-Louise werden sich die Wogen schon glätten. Gib ihr eine Woche oder so. Und vergiß in der Zwischenzeit nicht, was uns verbindet. Wir sind eine Familie. Mein Mann war dein Bruder.«
»Sprich nicht von ihm. Er ist tot, und du bist das, was du immer warst - eine Außenseiterin.«
Sie zuckte zurück, als hätte er sie ins Gesicht geschlagen.
Seine Wut ließ ihn jegliche Beherrschung verlieren. »Ich verfluche den Tag, an dem ich dir vertraut habe. Daß ich dir die Verwaltung dieser Plantage übertragen habe. Weil Orry dich hier haben wollte. Ich wünschte bei Gott, ich könnte diese Vereinbarung zerreißen und dich rauswerfen, denn genau das würde ich tun, Madeline. Ich würde es tun! Du bist es nicht mal wert, im Schatten meines Bruders zu stehen. Orry war ein weißer Mann.«
Er rammte sich seinen Hut auf den Kopf und ging auf sein Pferd zu. Sein Gesicht war grau und eingefallen und haßverzerrt, als er davonritt.
Orry, ich kann nicht vergessen, was er sagte, oder darüber wegkommen. Ich sollte nicht lang und breit darüber schreiben. Ich möchte nicht in Selbstmitleid verfallen. Doch er hat eine tiefe Wunde geschlagen ...
... Die Mine ist in vollem Betrieb. Endlich ein bißchen Geld!
Mr. Jacob Lee, Savannah, ist die ganze Nacht durchgeritten, um sich heute morgen mit mir zu treffen. Er ist jung, eifrig und besitzt gute Empfehlungen als Architekt. In Atlanta aufgewachsen, wo er seine Eltern in Shermans Feuer verlor, weiß er kaum etwas vom Flachland und gar nichts von mir. Genau deswegen habe ich ihn eingestellt .
Lee, klein und voller Energie, zeichnete mit seinem Kohlenstift einen schnellen Entwurf auf seinen Block. Sie hatte sich entschuldigt, daß sie mit den Begriffen der Architektur nicht vertraut war, und Mont Royals Umrisse skizziert, wie sie ihr im Gedächtnis geblieben waren. Das hatte genügt.
»Die toskanische Säulenordnung. Die Stützpfeiler etwas freier von Ornamenten als die griechischen Säulen. Schlichter, sauberer Säulenknauf und Säulengebälk - haben Sie es so in Erinnerung?«
Madeline flüsterte, die Hände zusammengepreßt: »Ja.«
»War die äußere Seitenwand so? Weiß?« Er setzte horizontale Linien hinter die Pfeiler.
Sie nickte. »Hohe Fenster, Mr. Lee. Meine Größe, vielleicht noch etwas größer.«
»Ungefähr so?«
»Oh ja.« Sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Auf seinem Block sah sie es endlich vor sich, geschaffen von einigen fachmännischen Strichen und ihrer eigenen Phantasie. Das zweite große Haus. Das neue Mont Royal ...
Das Haus, in dem sie nach Coopers Worten ein Eindringling war.
Juli 1868. Wir gehören wieder zur Union! Der Kongreß hat die neue Verfassung anerkannt, die staatliche Legislative hat sie ratifiziert, und wir wurden am 9. Juli wieder aufgenommen. Ein großer Anlaß für öffentliche Freude. Aber nichts dergleichen ...
14. Verfassungszusatz ratifiziert. Andy ist sehr stolz. Er sagte: »Ich bin jetzt ein Bürger. Ich werde jeden Mann bekämpfen, der mir das streitig machen will...«
Theo German kam gestern abend zu Besuch. Was für ein wunderbarer, aufrichtiger junger Mann. Er kam in voller Uniform und ganz allein - eine mutige Tat angesichts der Stimmung in der Nachbarschaft. Er hat den ganzen Morgen in der Schule verbracht. M.-L. hilft dort aus. Wenn ich solche Dinge noch richtig beurteilen kann, dann lieben sie einander wirklich. Wie sie allerdings ihre Beziehung auf Dauer gestalten wollen, ohne sich C. für immer zum Feind zu machen, weiß ich nicht ...
Merkwürdige Zeiten. Die Mixturen von Männern, die unser Leben kontrollieren, zeigt sich am deutlichsten bei unseren Kongreßabgeordneten. Die Senatoren sind Mr. Robertson (einer der ersten prominenten Männer des Staates, der sich den Republikanern angeschlossen hat) und Mr. Sawyer aus Massachusetts, der zu uns gekommen war, um die Leitung der Grundschule in Charleston zu übernehmen. Von unseren vier Abgeordneten stammen Corley und Goss aus Carolina, es spricht nicht viel für, aber auch nicht viel gegen sie. Whittemore ist ein Pastor der methodistischen Episkopalkirche aus Neuengland mit einer herrlichen Baßstimme; es heißt, sein mächtiger Hymnengesang habe ihm geholfen, die Neger auf seine Seite zu bringen. Dann ist da noch der bemerkenswerte Christopher Columbus Brown, Organisator der staatlichen Republikaner und ehemaliger Glücksspieler. Er stand vor einem Kriegsgericht der Konföderation und saß zum Zeitpunkt der Kapitulation unter dem Verdacht des Mordes an seinem Kommandeur im Gefängnis von Charleston.
Gen. Canby sagt, die Umstrukturierung des Staates unter den Wiederaufbaugesetzen sei abgeschlossen. Die Regierungsgewalt geht vom Militär an die gewählten Zivilbehörden über. In Columbia haben wir Gen. Scott vom Büro als Gouverneur, den Mulatten Mr.
Cardozo als Staatssekretär und einen kalten, kultivierten Republikaner und Veteranen der Union, Mr. Chamberlain, als Justizminister. Chamberlain bringt für seinen Posten sowohl Universitätsabschlüsse von Harward als auch von Yale mit, ebenso wie eine grundsätzliche Abneigung gegen alle Demokraten.
Der bemerkenswerteste - oder je nach Standpunkt schlimmste -Anblick ist die neue Legislative.
Cooper stand neben Hampton am Geländer der Galerie. Er war nach Columbia gekommen, um mit den Führern der Demokratischen Partei zu konferieren. Hampton hatte vorgeschlagen, sie sollten sich mal aus erster Hand informieren, indem sie einen Blick auf die Leute warfen, die jetzt den Staat kontrollierten. Vom ersten Augenblick an, als Hampton ihn in das immer noch nicht vollendete Parlamentsgebäude geführt hatte, war er entsetzt gewesen.
Schmutz bedeckte die Flure. Die Tore des Hauses wurden von einem Neger mit glänzendem Gesicht bewacht, der auf einem gegen die Wand zurückgekippten Stuhl saß. Beim Aufstieg zur Galerie entdeckte Cooper an der Marmorwand des Treppenhauses etwas, das wie ein großer Fleck getrockneten Blutes aussah.
Wie betäubt umklammerte er jetzt wieder das Geländer. Er hatte gewußt, daß fünfundsiebzig der hundertvierundzwanzig gewählten Repräsentanten Neger waren, aber es war viel ein-drücklicher, sie alle in dem Saal versammelt zu sehen. Der Sprecher war schwarz. Sein Gehilfe ebenfalls. Anstelle der anständigen weißen Jungs, die früher als Pagen gedient hatten, sah Coo-per - »Mischlingskinder. Unglaublich.«
Viele der weißen Gesetzgeber erkannte er. Einst Sklaven- und Plantagenbesitzer, waren sie nun eine verschwindende Minderheit gegenüber den Schwarzen, die ihnen früher vielleicht gehört hatten. Was die Schwarzen anbelangte, so vermutete Cooper, stammte ihre einzige politische Bildung aus dem Geschwätz der Union League. Diese Männer würden Jahre brauchen, um die feine Kunst des Regierens zu beherrschen. Zuvor schon würde der Staat ruiniert sein.
Mit kummervollem Gesicht sagte Hampton: »Genug gesehen?«