Er nahm noch einen Drink, dann verließ er den Schuppen und trottete durch den mit Müll übersäten Hinterhof auf das verschachtelte, zweistöckige Gebäude zu. Er hatte tief und fest geschlafen, aber wieder Alpträume gehabt. Für gewöhnlich träumte er den alten Traum mit brennenden Wäldern, stürzen-den Pferden, träumte, wie er langsam im Rauch erstickte. Letzte Nacht war es anders gewesen. In seinem Traum hatte Elkanah Bent einen großen Perlenohrring vor ihm geschwenkt, während er ihn mit einem gewaltigen Messer stach.
Anfang des Jahres hatte er über Jack Duncan eine telegraphische Botschaft erhalten, die ihn von dem Mord an George Ha-zards Frau in Kenntnis setzte. Bents langer Rachefeldzug gegen die beiden Familien hatte Charles nur in seiner Überzeugung bestärkt, daß die ganze Welt und die meisten ihrer Bewohner wertlos waren. Allerdings glaubte er nicht, daß sich Bent je auf seine Fährte setzen würde. Charles hatte ihm in Texas vor dem Krieg einen zu großen Schrecken eingejagt.
Seit Januar war Charles nur zweimal in Leavenworth gewesen. Duncan behandelte ihn mit steifer Korrektheit, aber ohne jede Herzlichkeit. Er ließ Charles merken, daß er dessen Trinkereien nicht billigte. Charles hatte versucht, mit seinem Sohn zu spielen und zu reden, doch der Junge war ungern mit ihm allein und wollte ständig zu Maureen oder dem Brigadier zurück.
In Leavenworth warteten auch keine Briefe von Willa auf ihn. Er hatte ebenfalls nicht geschrieben.
Er befand sich in seiner üblichen mürrischen, gehässigen Stimmung, als er die zerbrechliche Hintertür aufriß und durch den dunklen Flur zu seiner Arbeit stelzte.
Der Professor hämmerte auf das Fenway-Klavier ein. Auf dem Plankenboden tanzten zwei Cowboys mit zwei Huren. An drei Tischen saßen Gruppen von lärmenden, staubigen Trinkern. Charles bemerkte, daß ihn einige der Cowboys anstarrten, als er auf das Ende der fünfzig Fuß langen, messingbeschlagenen Bar zuging.
»Schenk ein, Lem.« Der Bartender goß gehorsam einen Doppelten seines speziellen Bourbon ein. Charles kippte ihn hinunter; einen in der Nähe sitzenden Cowboy, der einem anderen mit blondem Kraushaar etwas zuflüsterte, bemerkte er nicht. Der blonde Junge warf Charles einen verächtlichen Blick zu.
Es roch hier nach Spucke und Sägemehl, Zigarren und Trail-staub und nach Kuhfladen, in den jemand getreten war. Für halb sechs war ganz schön was los, obwohl es nicht lärmender als üblich zuging. Die Besitzerin, die eins fünfzig große Nellie Slingerland, kam die der Bar gegenüberliegende Treppe herab. Nellie war etwas über vierzig, trug stets hochgeschlossene lange Kleider und besaß den größten Busen, den Charles je bei einer so kleinen Frau gesehen hatte. Ihre Augen waren hell und schauten berechnend drein, ihre Wangen waren von irgendeiner Kinderkrankheit her vernarbt. Nellie kostete doppelt soviel wie irgendeine der anderen Huren, doch für Charles tat sie es umsonst. Sie schliefen ein- oder zweimal in der Woche miteinander, für gewöhnlich tagsüber; Charles mußte sich stets vorher betrinken. »Roll rüber, du Bock«, pflegte sie zu sagen, und er schwang sich auf sie, drang in sie ein und stützte sich mit ausgestreckten Armen ab, während er es ihr besorgte. Sie schrie und stöhnte und hüpfte unter ihm. Weil er so groß war, befand sich sein Kopf ein ganzes Stück über dem ihren. Nie sah sie seine geschlossenen Augen oder den seltsam verzerrten Ausdruck auf seinem Gesicht. Stets versuchte er sich einzureden, es sei Willa. Es funktionierte nie.
»Wie geht's dir, Buck?« Nellies teure, handgearbeitete Stiefel knallten über den Boden, als sie sich ihm näherte. Man nannte sie Trooper Nellie, weil sie sich weigerte, für irgendeinen Mann die Stiefel auszuziehen, Charles eingeschlossen. In Abilene gab es eine Menge Geschichten über sie: Sie war eine ehemalige Schullehrerin; auf ihrer Farm in der Nähe von Xenia, Ohio, hatte sie ihren Mann seines Geldes wegen vergiftet; sie bevorzugte Frauen.
»Mir würd's besser gehen, wenn diese Hitze vorbei wäre«, sagte Charles. Er haßte die Anrede >Buck<, so als wäre er irgendein Feldarbeiter. Doch sie bezahlte ihn, also fand er sich damit ab.
»Du schaust so mürrisch aus, als könntest du einen Backstein verschlingen.«
»Hab' nicht besonders geschlafen.«
»Mal was ganz Neues«, sagte sie sarkastisch und griff nach dem Glas Limonade, das der Bartender aus ihrem Privatkrug eingegossen hatte. Sie trank keine harten Sachen. »Du bist ein verdammt guter Rausschmeißer, Buck, aber du läßt dir ziemlich deutlich anmerken, daß es dir nicht gefällt. Ich fange langsam an zu glauben, du gehörst nicht hierher.«
Sie nahm einen weiteren Schluck Limonade, während sie die Gäste musterte. Besondere Aufmerksamkeit schenkte sie dem Tisch, an dem der blonde Cowboy saß. Der ganze Lärm ging auf sein Konto.
»Behalt diesen Haufen im Auge«, sagte sie. »Die Jungen machen den meisten Ärger.«
Charles nickte und blieb mit dem Rücken gegen die Bar gelehnt stehen; über seine linke Schulter ragte der Lauf der Spencer. Kurz darauf schwankte der blonde Cowboy auf die Tanzfläche und steuerte auf den Professor zu, wobei er Squirrel Tooth Jo und ihren Kunden grob aus dem Weg stieß. Er verlangte etwas. Der Professor schaute zweifelnd drein. Mit wildem Gesichtsausdruck knallte der Cowboy einige Goldstücke auf die glänzende, schwarze Oberfläche des Klaviers. Der Professor warf Nellie einen Blick zu und begann >Dixie< zu spielen.
Der blonde Cowboy stieß ein Kriegsgeschrei aus und schwenkte seinen Hut. Er stieg auf einen Stuhl und dann auf den Tisch, an dem seine Freunde saßen. Nellie nickte Charles zu. Das bedeutete: Mach der Sache ein Ende.
Seit er erwacht war, überkam ihn zum erstenmal ein angenehmes, erwartungsvolles Gefühl. Ein grob gekleideter Mann stieß in diesem Moment die Tür von der Straße her auf, fing Charles' Blick ein und grinste. Der große, bärtige Bursche in mit Stachelschweinborsten verzierten Hosen und einem fransenbesetzten Wildledermantel kam ihm irgendwie bekannt vor, aber Charles wußte nicht genau, woher. Er hatte andere Dinge im Kopf.
Am vorderen Ende der Bar hatte jemand ein halbes Glas Whisky stehenlassen. Charles stürzte es herunter, griff dann über seine linke Schulter und holte die Spencer hervor. Er ging auf den Tisch zu, auf dem der Cowboy tanzte. Die anderen Männer am Tisch hörten auf zu reden und schoben ihre Stühle zurück. Die Stiefelabsätze des Cowboys hämmerten weiter auf den Tisch, der langsam splitterte.
»Daß du dir einen Drink kaufst, gibt dir noch nicht das Recht, die Möbel zu zerbrechen«, sagte Charles in erzwungenem Konversationston.
»Ich tanze gern. Mir gefällt die Musik.« Der Cowboy war kein Texaner. Sein schwerer Akzent deutete auf den Baumwollsüden hin. Vielleicht Alabama.
»Die kannst du auch im Sitzen genießen. Runter vom Tisch.«
»Wenn mir danach zumute ist, Soldat.«
Charles' Augenbrauen schossen in die Höhe. Der Cowboy schenkte ihm ein verwaschenes, herausforderndes Grinsen. »Soldat, in einem Schuppen weiter die Straße hoch, hab' ich alles über dich erfahren. Hamptons Kavallerie, aber danach bist du wieder in die US-Armee gegangen. Dafür würden wir dich in Mobile teeren.«
Charles verlor die Geduld und griff nach seinem Bein.
»Runter.«
Der Cowboy zog seinen Stiefel zurück und trat nach Charles, streifte seine linke Schulter und brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Der Cowboy sprang vom Tisch, als Charles zurücktaumelte.
Ein anderer Cowboy packte Charles' Spencer. Zwei weitere Männer ergriffen seine Arme. Charles versetzte dem einen einen kräftigen Schlag und trieb ihn zurück. Vom Alkohol halb verrückt hämmerte der blonde Jüngling zwei Schläge in Charles' Bauch.
Die Wucht riß Charles aus dem Griff der Männer. Er rutschte aus, sackte dann verkrümmt in sich zusammen. Seine Spencer lag sechs Fuß entfernt.
»Haltet diesen verdammten Narren auf«, schrie Nellie, als der Cowboy seinen .44 Revolver zog.