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Seine Freunde stoben auseinander. Eine ebensolche Fluchtbewegung leerte die Tanzfläche. Der Cowboy feuerte, als Charles nach rechts rollte. Die Kugel schleuderte Splitter und Staub hoch.

Nellie kreischte: »Der Boden kostet dreihundert Dollar, du Hundesohn!«

Wieder zielte der Cowboy auf Charles. Etwas schlitterte über den Boden auf Charles rechte Hand zu. Er sah nur die Stiefel und die Hosen mit den Stachelschweinborsten des Mannes, der ihm die Spencer zugeschoben hatte. Bevor der Cowboy ein zweites Mal abdrücken konnte, schoß Charles ihm in den Bauch.

Der Cowboy wurde zurückgeschleudert und landete auf dem Tisch, der krachend unter ihm zusammenbrach. Charles schwankte auf die Beine, schonte dabei das linke Bein, das er sich verrenkt hatte. Eine Hure kreischte; Squirrel Jo fiel in Ohnmacht. In das Schweigen hinein sagte Nellie: »Nun, ich schätze ...« Weiter kam sie nicht. Charles jagte eine zweite Kugel in den am Boden liegenden Cowboy. Der Körper zuckte und rutschte ein Stück weg. Charles feuerte ein drittes Mal. Wieder riß es den Körper weiter.

»Hör auf«, sagte Nellie und zerrte seinen Arm nach unten.

»Notwehr, Nellie.« Er zitterte, konnte seine Wut kaum unter Kontrolle halten.

»Beim erstenmal. Wozu die anderen Schüsse? Du bist genauso schlimm wie irgendein verdammter Indianer.«

Charles starrte sie an, versuchte eine Antwort zu finden. Sein linkes Bein sackte weg, und er knallte auf den Boden.

Sie trugen ihn in den Schuppen und legten ihn auf das Feldbett. Nellie scheuchte den Barkeeper und den Hausdiener hinaus und betrachtete ihn nüchtern.

»Der Junge ist tot, Buck.«

Er sagte nichts.

»Du kannst hierbleiben, bis dein Bein besser ist, aber dann ist Schluß. Ich weiß, daß du dich verteidigen mußtest, aber du hättest ihn nicht zu verstümmeln brauchen. Das spricht sich rum. Ein Temperament wie das deine ist schlecht fürs Geschäft. Tut mir leid.«

Mit steinernem Gesicht sah er zu, wie sie sich abwandte und hinausging. Verdammt noch mal, er hatte nur versucht, seine Haut zu retten -

Nein. Das war eine Lüge. Trooper Nellie hatte recht. Eine Kugel hätte gereicht, um diesen närrischen, hitzköpfigen Jungen zu erledigen, und er hatte es gewußt. Warum konnte er diesen tobenden Zorn nicht loswerden, der ihn veranlaßt hatte, die anderen Schüsse abzufeuern?

Ein Klopfen. Er nahm den Unterarm von seinen Augen.

Die Tür ging auf. Gegen das verblassende Augustlicht erkannte er die Silhouette des bärtigen Fremden.

»Griffenstein«, sagte der Mann in Wildleder.

»Ich erinnere mich. Dutch Henry.«

»Hat mich einiges gekostet, dich zu finden. Wie geht's dem Bein?«

»Tut weh. Wird eine Weile dauern, schätze ich.«

»Hör' ich ungern. Ich bin hundert Meilen geritten, den ganzen Weg von Hays.«

»Wozu?«

»Um dich anzuwerben.« Griffenstein zog sich eine alte Kiste heran und setzte sich. »Die Cheyenne spielen verrückt, und die Kavallerie jagt bloß hinter ihnen her, also hat Phil Sheridan beschlossen, in die Offensive zu gehen. Er hat einem seiner Adjutanten, Colonel Sandy Forsyth, den Befehl erteilt, fünfzig erfahrene Männer der Prärie anzuheuern, die losziehen und alle Wilden umbringen, die ihnen vor den Lauf kommen. Ich sagte, einen besseren Mann als dich könnten wir nicht finden. Du bist immer noch Tagesgespräch im Zehnten Regiment.«

Mürrisch sagte Charles: »Du meinst meinen Rausschmiß.«

»Nein, Sir. Sie reden darüber, wie du aus diesen Farbigen eine der besten Kavallerietruppen der Armee gemacht hast. Sie nennen deine alte Truppe nicht Barnes' Truppe, sie nennen sie Mains Truppe - nach deinem richtigen Namen -, und der Alte sagt Amen dazu.«

»Tatsächlich?« Charles packte sein schmerzendes Bein. »Hier, hilf mir mal. Ich weiß, daß ich aufstehen kann.«

Er versuchte es, fiel aber sofort wieder auf das Feldbett zurück. »Verdammt. Ich wollte, du wärst einen Tag früher gekommen, Griffenstein.«

»Ich auch. Naja, dann beim nächstenmal. So, wie die Roten brandschatzen und skalpieren, wird es noch einige Gelegenheiten geben. Dann kannst du mitmachen.«

»Verlaß dich drauf«, sagte Charles.

»Wie finde ich dich?«

»Telegraphier an Brigadier Jack Duncan. Er ist beim Zahlmeister des Departements in Fort Leavenworth.«

»Ein Verwandter?«

Eine Bequemlichkeitslüge: »Schwiegervater.«

»Niemand hat mir gesagt, du seiest verheiratet.«

»Nicht mehr. Sie starb.«

Und du hast jeden Hauch von Gefühl in der einzigen anderen Frau getötet, die du ebenso geliebt hast.

Der große Mann sagte: »Tut mir leid, das zu hören.« Mit einem kurzen Nicken tat Charles die Sache ab.

Sie gaben sich die Hand. Dutch Henry Griffenstein tippte an seinen Hut und zog die Lattentür hinter sich zu; Charles blieb fluchend und frustriert zurück. In der Dunkelheit griff er nach der halbleeren Flasche unter seinem Feldbett.

Nellie Slingerland nahm die Entlassung nicht zurück. Charles war schlecht fürs Geschäft. Trooper Nell's blieb fast die ganzen sieben Tage leer, die er in seinem Schuppen lag. Der Krämer, der zum Sheriff geworden war, schaute am letzten Tag vorbei und teilte ihm mit, daß ihn Zeugen entlastet hätten; es war Notwehr gewesen.

Hinkend packte er seine wenigen Habseligkeiten zusammen. Nellie verabschiedete ihn nicht persönlich, sondern schickte ihm lediglich durch den Barkeeper zehn Dollar. Charles verwendete das Geld, um Satan aus einem Mietstall im anständigen Teil der Stadt auszulösen. In der sommerlichen Abenddämmerung verließ er Abilene und ritt nach Osten in die Dunkelheit hinein.

45

Als Willa völlig aufgelöst ihren Text zum drittenmal vergaß, sagte Sam Trump: »Zehn Minuten Pause, meine Damen und Herren.«

Er zog sie beiseite, zu der mit Kissen übersäten Plattform, die bei den Proben als Bett diente. Er drückte sie auf den Bettrand, hinterließ dabei tintige Abdrücke am Ärmel ihres gelben Kleides. Wegen der Septemberhitze zerfloß sein mohrenschwarzes Make-up.

»Meine Liebe, was ist los?« Er wußte es ganz genau. Sie sah schlampig aus; ihr Silberhaar war stumpf und achtlos hochgesteckt. Er setzte sich neben sie; seine schwarzen Hosen und die schwarze Bluse waren feucht vom Schweiß. Die weiße Chrysantheme, über seinem Herzen festgesteckt, war verwelkt. Die Katze Prosperity sprang auf seinen Schoß und schnurrte.

Sie schwieg, und er versuchte es noch einmal. »Liegt es am Wetter? Es gibt sicherlich bald einen Wechsel.«

»Das Wetter hat nichts damit zu tun. Ich kann mich einfach nicht auf meine Rolle konzentrieren.« Sie berührte seine Hand. »Kannst du die Proben so lange aussetzen, daß ich schnell mal nach Leavenworth fahren kann?«

»Es sind noch keine dreißig Tage her, daß du dort warst.«

»Aber dieses arme Kind braucht neben der Haushälterin jemanden, der sich um es kümmert. Der Brigadier ist manchmal wochenlang mit der Zahlmeisterei unterwegs. Gus könnte genausogut ein Waisenkind sein.«

Sam strich über Prosperitys glatten Rücken. Es war wichtig, daß er irgendeine Möglichkeit fand, Willa aus ihrer Melancholie zu reißen. Das wurde mit jedem Tag schlimmer, raubte ihrer Darstellungskunst jegliche Energie. Er faßte sich ein Herz und sagte: »Liebes Mädchen, ist es wirklich der kleine Junge, um den du dich sorgst? Oder ist es sein Vater?«

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Ich weiß nicht, wo sein Vater steckt. Außerdem ist es mir völlig egal.«

»Oh nein, natürlich nicht. >Des Poeten Nahrung ist Liebe und Ruhm<, sagte Mr. Shelley, und das trifft auch auf Schauspieler zu. Doch du willst mir erzählen, daß auf dich nur die Hälfte zutrifft.«

»Quäl mich nicht, Sam. Sag einfach, daß du Grace ein paar Abende für mich proben läßt. Ich werde meine Rolle in >Othello< besser spielen können, wenn ich weiß, daß mit Gus alles in Ordnung ist.«