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»Ich hasse es, die Proben zu verzögern. Ich habe so eine Vorahnung, daß unsere neueste Produktion uns in höchste Höhen tragen wird. Ich habe einigen New Yorker Managern telegraphiert und sie eingeladen.«

»Oh, um Himmels willen, Sam«, sagte sie, ihr Gesicht ganz untypisch feindselig. »Du weißt doch, daß all diese wunderbaren Triumphe nur in deiner Phantasie existieren. Wir leben und sterben als Provinzschauspieler.«

Trump stand auf. Die Theaterkatze krallte sich in seine Bluse und hinterließ einen langen Riß. Tief verletzt starrte Trump seine Partnerin an. Willas blaue Augen füllten sich mit Tränen.

»Tut mir leid, Sam. Es war gemein von mir, das zu sagen. Vergib mir.«

»Schon vergeben. Was deine Abwesenheit anbelangt, was bleibt mir schon für eine Wahl? Du läufst wie eine Schlafwandlerin durch deine Rollen. Wenn das durch eine weitere Fahrt nach Fort Leavenworth besser wird, dann fahr um Himmels willen. Und da wir gerade so offen sind, erlaube mir noch eine Bemerkung. Ich mochte den jungen Mann, als du ihn kennenlerntest. Jetzt mag ich ihn nicht mehr. Er hat dir weh getan. Selbst wenn er nicht da ist, tut er dir weh. Irgendwie reicht er bis in mein Theater und vergiftet alles.«

Willa schenkte ihm ein trauriges, halbes Lächeln. »So was nennt sich Liebe, Sam. Du hast auch deine Affären gehabt.«

»Aber keine, die mich zerstört hätte. Ich werde nicht zulassen, daß du daran zugrunde gehst.«

»Nein, Sam. Nur ein paar Tage, dann ist alles wieder in Ordnung.«

»Gut«, sagte er mit Zweifel in der Stimme.

Bei jedem Halt sprangen die Passagiere des Zuges, mit dem Willa quer durch den Staat fuhr, hinaus, um sich die letzten Zeitungen zu besorgen. Eine Story aus dem östlichen Colorado nahm fast die ganze Titelseite für sich in Anspruch. An der Ari-karee-Gabelung des Republican River war eine Spezialabteilung von Indianer jagenden Westmännern unter einem Colonel Forsyth von einem gewaltigen Cheyenne-Trupp überrascht worden. Die Abteilung suchte Zuflucht auf einer Flußinsel mit dünnem Baumbestand; dort setzten sie sich fest und kämpften.

Es war unglaublich, wie sie Welle um Welle der angreifenden Indianer zurückschlugen; einigen Meldungen zufolge sollte es sich dabei um annähernd sechshundert Indianer gehandelt haben. In einer der Angriffswellen war ein berühmter Kriegshäuptling namens Fledermaus mit einem gewaltigen Kriegskopfschmuck mitgeritten, dessen Medizin alle Kugeln von ihm ablenken sollte. Die Medizin versagte. Er wurde niedergeschossen, diese Fledermaus - von einigen auch Römernase genannt.

Die Passagiere des Zuges genossen die Berichte über die Schlacht von Beecher's Island, so benannt zu Ehren eines jungen Armeeoffiziers, der dort gefallen war. »Sie sind in Sicherheit«, rief ein neben Willa sitzender Fahrgast und hielt ihr die Zeitung hin. »Die Männer, die Forsyth nach Fort Wallace schickte, sind durchgekommen. Das Ersatzkommando fand sie immer noch eingeigelt auf der Insel vor; aus toten Pferden hatten sie sich Fleisch herausgeschnitten.«

»Wie viele haben sie umgebracht?« erkundigte sich ein anderer Passagier.

»Hier steht, es seien Hunderte gewesen.«

»Bei Gott, es sollte noch fünfzig weitere solcher Kämpfe geben als Ausgleich für die armen Unschuldigen, die in diesem Sommer skalpiert worden sind.«

Wütend sagte Willa: »Sie erwarten, daß sich die Cheyenne friedlich verhalten, wenn man ihnen nicht mal schlichte Fairness und Ehrlichkeit zukommen läßt. Vor fast einem Jahr hat ihnen die Friedenskommission Nahrungsmittel und Waffen für die Jagd zugesagt. Der Sommer war fast vorüber, als die Waffen ausgegeben wurden. Sollen sie etwa die Verträge nicht brechen, wenn wir es ständig tun?«

Ihre Stimme verlor sich im Klicken der Räder. Die männlichen Fahrgäste starrten sie an, als hätte sie die Cholera. Der Mann mit der Zeitung sagte zu den anderen: »Wußte gar nicht, daß es Squaws gibt, die man für weiße Frauen halten könnte. Ihr vielleicht, Jungs?«

Willa wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, da beugte sich der Mann mit der Zeitung vor und spuckte einen großen Klumpen Kautabak auf den Boden.

In früheren Zeiten hätte diese Art von Benehmen sie nur angestachelt, noch härter zu kämpfen. Jetzt nicht. Sie fühlte sich mutlos, kam sich sogar albern vor bei dieser Schlacht, die nicht gewonnen werden konnte.

Sie starrte aus dem Fenster auf Ställe und im Abendlicht grasendes Vieh. Sie versuchte die sarkastischen Scherze zu überhören, die die Männer weiterhin über sie machten. Sie fühlte sich elend. Irgendwie vergiftete er alles.

Vielleicht war ihr häufig unpraktischer Partner weiser, als sie geahnt hatte. Vielleicht sollte sie aufhören, hinter Träumen herzujagen. Vielleicht sollte dieser Besuch in Leavenworth ihr letzter sein.

»Nein, der Brigadier hat seit Wochen nichts mehr von ihm gehört«, sagte Maureen, als Willa an einem grauen, stürmischen Morgen ankam.

»Ist der General hier?«

»Nein. Er ist wieder mit der Zahlmeisterei unterwegs.«

»Wo steckt Gus?«

»Ich lass' ihn hinten den Gemüsegarten umhacken. Es ist natürlich nicht die richtige Jahreszeit dafür - Kürbis und Kartoffeln haben wir bereits geerntet -, aber der arme Kleine muß sich ja mit irgendwas beschäftigen.«

»Was ihm fehlt, ist ein normales Leben.« Willa stellte ihren Koffer neben dem kalten Eisenofen ab. »Er braucht Schule, Eltern, ein eigenes Zuhause.«

»Daran gibt's keinen Zweifel«, sagte Maureen. Sie sah viel älter aus; das rauhe Präriewetter hatte ihre Haut runzelig werden lassen. »Aber ich fürchte, hier wird er diese Dinge nicht finden.«

Ein leises, gedämpftes Heulen unterstrich ihr Gespräch. Die Haustür klapperte in ihrem Rahmen. Maureen zerrte an ihrer Schürze. »Maria und Josef, manchmal hasse ich diesen Ort. Die Hitze. Diesen infernalischen Wind. Seit Wochen bläst er nun schon.«

Willa ging zur Hintertür. Von hier aus konnte sie den kleinen Gus beobachten, einen stämmigen Jungen, der in einer Ecke des Gartens lustlos mit seiner Hacke in der Erde herumstocherte. Staub und Abfälle wirbelten über den Garten und die nahegelegenen Gebäude. Gus' kleiner, runder Hut drohte jeden Moment fortgeblasen zu werden.

Willa brach fast das Herz, als sie ihn von der offenen Tür aus beobachtete. Wie verloren er aussah! Gebückt wie ein kleiner alter Mann. Grabend, hackend - ohne Sinn und Zweck.

Sie trat hinaus. »Hallo, Gus.«

»Tante Willa!« Er ließ die Hacke fallen und rannte auf sie zu. Sie kniete nieder und umarmte ihn. Charles' Sohn war fast vier. Er hatte seinen Babyspeck verloren. Obwohl er viel an der frischen Luft war, hatte er eine helle, blasse Haut.

Trotz des Windes machte sie mit ihm einen Spaziergang entlang der Klippe über dem Fluß. Sie stellte Fragen, die er einsilbig beantwortete. Dann hörte sie einen Ruf hinter sich und drehte sich um.

»Guter Gott.«

Charles kam den Pfad herabgeschwankt. Über dem Rücken seines Zigeunermantels trug er eine Art Segeltuchbeutel, aus dem ein Gewehrlauf ragte. Sein Bart war lang und ungekämmt.

Little Gus entdeckte seinen Vater, fing an zu strahlen und lief auf ihn zu. Er hatte die Hälfte der Strecke zurückgelegt, als Charles über einen Felsbrocken stolperte und stürzte. Er konnte gerade noch die Hände ausstrecken, sonst wäre er mit dem Gesicht auf den Boden geknallt.

Verwirrt blieb Gus stehen. Willas Gesicht spannte sich. Charles' Schwanken beim Aufstehen machte nur zu deutlich, daß er betrunken war.

»Hallo, Gus. Na komm, gib deinem Papa einen Kuß.«

Der Junge näherte sich ihm, aber mit gebotener Vorsicht. Charles kauerte sich hin und nahm den Jungen in seine Arme. Gus drehte den Kopf weg; Willa sah, wie er die Augen schloß und den Mund zusammenpreßte, als hätte er Angst vor dem Mann, der ihn umarmte. Der Augenblick spontaner Freude war dahin.