Willa hielt ihren Federhut gegen den böigen Wind fest. Dieser Wind trug ihr auch einen üppigen Whiskyduft zu. Also doch betrunken. Gus löste sich schnell von Charles. Er schaute erleichtert drein.
Charles starrte sie fast unfreundlich an. »Hatte nicht erwartet, dich zu treffen. Was machst du hier?« Er sprach mit schwerer Zunge.
»Ich wollte Gus besuchen. Ich hatte nicht damit gerechnet, daß du hier bist.«
»Bin gerade angeritten gekommen. Gus, geh zurück zu Mau-reen. Ich muß mit Willa reden.«
»Ich möchte draußen bleiben und spielen, Pa.«
Charles packte ihn an der Schulter, wirbelte ihn herum und gab ihm einen Stoß in Richtung der Offiziershäuser. »Widersprich mir nicht. Lauf.«
Little Gus sah aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. Charles brüllte: »Lauf, verdammt noch mal!«
Gus rannte los. Willa hätte Charles am liebsten geschlagen, ihn mit der Pferdepeitsche bearbeitet. Die Intensität ihres Gefühls regte sie auf, weil sie wußte, daß sie nicht so empfinden würde, wenn sie ihn nicht liebte.
Irgendwo beim Militärposten veranstaltete die Artillerie ein Übungsschießen. Charles packte Willas Ellenbogen und drehte sie fast so grob herum wie den Jungen. Er stieß sie fast den unkrautüberwucherten Pfad zum Fluß hinunter. Um ihre Beherrschung ringend, sagte sie: »Wo bist du gewesen, Charles?«
»Oh, muß ich dir das beantworten?«
»Um Himmels willen, ich bin neugierig, das ist alles. Kannst du nicht mal mehr eine höfliche Frage erkennen?«
»Abilene«, murmelte er. »Bin in Abilene gewesen. Hatte dort einen Job, hab' ihn aber aufgegeben.«
»Was für einen Job?«
»Würde dich nicht interessieren.«
Bei einigen Weiden nahe der Kante der Klippe hielt sie an, stellte sich ihm gegenüber. Der Wind riß gelbe Blätter von den Zweigen und trug sie in staubig graue Ferne davon.
Sie haßte den Whiskygeruch, den Gestank seiner ungewaschenen Kleidung. Wieder wurde sie von ihren Emotionen überwältigt.
»Warum bist du ständig so wütend?« Sie drückte ihre behandschuhten Handflächen gegen seinen Zigeunermantel, stellte sich auf Zehenspitzen und küßte ihn. Sein Bart kratzte. Genausogut hätte sie einen Marmorblock küssen können.
»Hör mal, Willa!«
»Nein, du hörst, Charles Main.« Irgend etwas warnte sie, ihre Gefühle im Zaum zu halten, aber sie konnte nicht anders. »Glaubst du, ich bin aus reiner Barmherzigkeit hier? Ich liebe dich. Ich dachte, du hättest mich auch mal geliebt.« Sein Blick glitt an ihr vorbei, hinüber zu dem vom Staub verschleierten Fluß. »Ich möchte, daß du dieses wilde Leben aufgibst.«
»Ich bin hergekommen, um Gus zu besuchen, nicht um mir Vorträge anzuhören.«
»Nun, so ein Pech. Das wirst du dir jedenfalls anhören. Du gehörst nicht in die Prärie. Such dir einen Job in Leavenworth. Kümmere dich um deinen Sohn. Du hast ihm einen Schrecken eingejagt. Du mußt ihn zurückgewinnen. Erkennst du das denn nicht? Er braucht dich, Charles. Er braucht dich so, wie du vor zwei Jahren warst. Ich brauche dich so. Bitte.«
Er zerrte die Krempe seines schwarzen Hutes tief in die Stirn. »Ich bin noch nicht soweit, hierherzukommen. Ich habe noch einiges zu erledigen.«
»Diese verdammten Cheyenne!« Sie war den Tränen nahe.
»Für die dein Herz blutet. Kümmere dich um deine Friend-ship Society und deine gottverdammten Petitionen.«
Noch keine Stunde hier und schon läuft alles schief, dachte sie. »Warum schreist du mich an, Charles?«
»Weil ich nicht will, daß du dich in Dinge einmischst, die meinen Sohn betreffen.«
»Ich mag ihn!«
»Ich auch. Ich bin sein Vater.«
»Kein besonders guter.«
Er schlug sie mit der offenen Hand, nicht besonders fest, doch sie empfand einen unbeschreiblichen Schmerz.
Sie trat zurück, sich die Wange haltend. Der Wind trug ihren kleinen Federhut davon. Automatisch schnappte er mit einer Hand danach, doch der Hut segelte vorbei, trieb über den Rand der Klippe. In langsamen Spiralen segelte er auf den Missouri zu. »Oh«, sagte sie, ein kleiner, verlorener Laut. Dann schaute sie ihn wieder an. Härte schimmerte in ihren blauen Augen auf.
»Du hast dich in einen absoluten Bastard verwandelt. Ich habe mich gefragt, warum das geschah. Ich habe sehr viel für dich übrig gehabt. Das ist vorbei. Auch dein Junge schreckt vor dir zurück, aber du bist zu dumm und zu betrunken, um das zu erkennen. Wenn du so weitermachst, dann wird er dich eines Tages hassen. Angst hat er jetzt schon genug vor dir.«
»Mein Gott, spielst du die Überlegene?« Er sagte es laut und verächtlich. »Zuerst hattest du alle Antworten, was die Indianer betraf. Alle falschen Antworten. Jetzt erzählst du mir, wie ich meinen Sohn zu erziehen habe. Ich brauche dich nicht. Kümmere dich um deine eigenen Probleme. Such dir irgendeinen anderen Mann, den du in dein Bett zerren kannst.«
»Fahr zur Hölle, Charles Main! Fahr zur Hölle! Nein!«
Sie schüttelte heftig den Kopf. »Du bist ja schon dort, du bist so tief gesunken, wie man nur sinken kann.«
Wütend griff er nach ihr. Sie duckte sich, rannte an ihm vorbei. »Willa!« Ein kurzer Blick zurück zeigte Charles ihr tränen-überströmtes Gesicht. »Nur zu, lauf. Lauf doch!«
lauflauflauflauf - so hallte das Echo über den Fluß. In den wirbelnden Wolken von Blättern und Staub tauchte es unter.
»Miss Willa, Sie sind doch gerade erst angekommen.«
»Ein Fehler, Maureen. Das war ein schrecklicher Fehler. Kümmern Sie sich um den armen Jungen. Sein Vater wird es nicht tun.«
Den ganzen Weg nach Leavenworth ging sie zu Fuß; eine Staubschicht bedeckte ihre Lider und Lippen und Hände. Ein freundlicher Fahrkartenverkäufer besorgte ihr eine Schüssel mit Wasser und einen sauberen Lappen. Mit dem 4-Uhr-Dampfer fuhr sie nach St. Louis.
Als sie, noch schmutzig von der Reise, Trumps Theater betrat, war der alte Schauspieler von ihrem munteren Wesen überrascht. »Setz eine Probe an, Sam. Ich kann es kaum erwarten, an die Arbeit zu gehen. Wenn ich Glück habe, sehe ich Mr. Main nie wieder.«
MADELINES JOURNAL
September 1868. Zwei Monate vor den Wahlen haben die KlanAktivitäten in unserem Staat stark zugenommen. York County, an der Grenze von North Carolina, ist eine Brutstätte. Auf eine bizarre Art und Weise hat der Klan die Phantasie der Öffentlichkeit angeregt. Als Theo das letztemal Marie-Louise hier besuchte, brachte er eine Dose >Ku-Klux-Pfeifentabak< mit. In C'ston sah er, daß Notenblätter eines Songs verkauft werden, der zu Ehren des Klans geschrieben wurde. In Columbia ehrt ein Baseball-Team namens Bleichgesichten diese Organisation öffentlich.
Die Gruppe in Summerton bleibt sichtbar, hat aber noch nichts gegen uns unternommen. Manchmal weiß ich nicht, ob ich über diesen Pesthauch kostümierter Fanatiker lachen oder vor ihnen zittern soll.
Ridley, ein muskulöser junger Schwarzer, legte seinen Arm um seine Frau. May war ein zierliches Mädchen. Allmählich konnte man erkennen, daß sie schwanger war.
Ridley hatte den ganzen Tag auf den Phosphatfeldern von Mont Royal gegraben und war ziemlich erschöpft heimgekommen. Doch das Wetter war so angenehm, daß er May zu einem Spaziergang überredet hatte. Er fühlte sich großartig. Er verdiente anständig und fing nun gerade an, sich ein eigenes Zweizimmerhaus aus Kalkmörtel mit Hilfe seines Freundes Andy Sherman und einiger von Mr. Heely, dem weißen Vormann des Mont-Royal-Arbeitstrupps, entliehener Werkzeuge zu bauen. Ridley war stolz darauf, all diese Dinge tun zu können und als freier Mann dort hinzugehen, wohin er wollte. Das schloß auch Summerton ein, wo er beabsichtigte, für General U.S. Grant als
Präsident zu stimmen, wie Mr. Klawdell von der Liga es vorgeschlagen hatte.
Die letzte Röte des Tages verblaßte hinter dem dichten Wald, der an die Uferstraße grenzte. Ridley und seine Frau gingen nebeneinander, als sie fernes Gejohle hörten. May drängte sich dicht an ihn. »Die Sonne ist weg. Wir sind zu weit gegangen.«