»Es war alles so friedlich, daß ich gar nicht aufgepaßt habe«, sagte Ridley, sich plötzlich der Dämmerung bewußt. Er faßte ihre Hand und schritt schneller aus; wegen ihres Zustandes konnte er sie nicht zu sehr drängen. Plötzlich hörten sie hinter sich Pferdegetrappel.
Ridley und seine Frau drehten sich um. Sie sahen Lichter über die Straße schweben und einen roten Schimmer. Dann hörten sie das Geklirr von Zaumzeug. Reiter in Roben mit Fackeln.
»May, wir müssen rennen. Das sind diese Klansmänner.«
Sie wandte sich wortlos um und rannte auf Mont Royal zu; ihre nackten Füße berührten kaum den Boden. Er holte sie ein, und nebeneinander flüchteten sie vor den trabenden Pferden. Ridleys Atem ging schneller; bald schon keuchte er. May stöhnte. Die Anstrengung war zuviel für sie.
Die vier Reiter trieben ihre Pferde zum Galopp. Schnell überholten sie das schwarze Paar. Ridley und May sahen die Schatten der Klansmänner hinter ihren Fackeln auf der Straße auftauchen. Zwei Reiter parierten ihre Pferde mitten in der Straße durch. Ridley und May waren eingekreist.
»Nigger, du weißt, daß du in der Dunkelheit nichts mehr draußen zu suchen hast«, sagte einer der Reiter. Alle vier hatten ihre scharlachroten Roben und Kapuzen an, die bei jeder Bewegung aufleuchteten. Ridley umklammerte Mays Schulter. Er war wütend, aber er wollte die Reiter nicht provozieren; sie konnten May etwas antun.
»Wir sind gerade auf dem Heimweg, Gentlemen.«
»Gentlemen«, lachte ein anderer schallend auf. »Wir sind keine Gentlemen, wir sind die Teufel der Hölle, die aufrührerische Nigger hetzen.« Der Sprecher stieg ab und schlich auf sie zu. Hinter den Löchern der Kapuze sah Ridley blaue Augen, aber weder an der Stimme noch am Körperbau erkannte er den Mann. Der Mann hielt Ridley einen Leech-&-Rigdon Revolver unter die Nase. »Wo kommst du her, Boy? Antworte respektvoll.«
»Ein Stück die Straße weiter runter. Von Mont Royal.«
»Oh, dann bist du einer von diesen Union-League-Niggern, der glaubt, er könne im November zur Wahl gehen. Du willst versuchen, diesen gottverdammten Grant ins Weiße Haus zu bringen, nicht wahr, Niggerboy?«
Mays dunkle Augen blitzten vor Wut. »Jawohl, das wird er. Er ist ein freier Bürger und genausogut wie irgendeiner von ...«
»May, hör auf«, bat Ridley.
»Wir sind die Agenten des Teufels und verlangen Respekt«, sagte der Mann und hob den Revolver, um das schwangere Mädchen zu schlagen.
Ridley sprang zwischen sie. »Renn, May!« schrie er. Seine Hände schossen auf die Kehle des Kapuzenmannes zu. Der Mann feuerte eine Kugel ab. Es klang wie Donnergrollen.
»Jesus, Jack«, protestierte einer der anderen Männer. Ridley sank auf die Knie; aus einer Wunde knapp über seinem Gürtel strömte Blut auf sein Hemd. May schrie auf und sprang den Mann mit dem Revolver an. Anstatt zu schießen, rammte er ihr seinen Ellenbogen in den gerundeten Bauch. Sie stöhnte und stürzte mit dem Rücken auf die Straße, wo sie weinend liegenblieb.
Ihr verwaschenes Kleid hatte sich um ihre Hüften gewickelt. Sie trug saubere Baumwollschlüpfer, in denen sich plötzlich ein Blutfleck zeigte. Jack Jolly zerrte seine Maske herunter und starrte May angeekelt an. Einer der Männer sagte: »Sie ist doch bloß ein Mädchen.«
Jolly zielte mit dem Revolver zwischen die Augenhöhlen der Kapuze des Mannes. »Du hast überhaupt nichts zu sagen, Get-tys.« Ridley rollte langsam zur Seite, zitterte, blieb still liegen. Jolly grunzte zufrieden, zielte mit dem Revolver auf Mays Kopf und drückte ab.
Ihr Körper wurde herumgerissen. Die Explosion dröhnte durch den Wald, scheuchte unsichtbare Vögel auf, die alarmiert hochstiegen. Jolly lachte und wischte sich mit dem Rand seiner Kapuze über das feuchte Kinn.
»Das ist eine Niggerstimme weniger, über die wir uns Sorgen machen müssen. Zwei, falls sie einen Jungen in ihrem Wanst hatte.«
»Keine Gewalt«, sagte Devin Heely, der kleine, rotbärtige Ire, der von den Minenbetrieben in Charleston angeheuert worden war. »Die Beaufort Phosphate Company ist absolut gegen jede Gewalt. Es ist mein Job als Vorarbeiter .«
»Sie haben zwei unschuldige Menschen umgebracht«, rief Madeline. »Was schlagen Sie vor, wie wir mit derartigen tollwütigen Hunden umgehen sollen? Sollen wir sie vielleicht zum Tee einladen, um die Sache mit ihnen zu besprechen?«
Schweigen, Heely kaute auf dem Stiel seiner Maiskolbenpfeife herum. Es war in der Abenddämmerung, vierundzwanzig Stunden nach dem Doppelmord auf der Straße. Vor dem weißgetünchten Haus brannte jede verfügbare Laterne; alle auf den Phosphatfeldern beschäftigten Schwarzen hatten sich in einem großen Halbkreis versammelt. Sie hatten auch ihre Frauen und Kinder mitgebracht. Ein Baby schrie. Die Mutter wiegte das Kind.
Prudence Chaffee und Andy Sherman saßen nebeneinander auf der Veranda und beobachteten Madeline. Eine Frau in der Menge, Mays Schwester, weinte laut. Heely machte den Mund auf, um etwas zu sagen.
»Sie hat recht.«
Heely und alle anderen drehten sich um. Andy trat in die Mitte des erleuchteten Kreises. »Sie haben uns nur eine Wahl gelassen, so wie es in der US-Verfassung steht.«
»Wovon redest du, Sherman?« fragte Foote.
»Ich rede von dem, was in dem zweiten Verfassungszusatz steht. >Das Recht des Volkes, Waffen zu tragen, darf nicht verletzt werden .<«
»Gibt wieder mit seinem verdammten Gesetzesgelerne an«, murmelte jemand. Andy achtete nicht darauf.
»Ich rede davon, daß wir unsere eigene Miliz gründen. Jetzt sofort.«
»Du bist ein Narr«, sagte Heely. »Wenn es etwas gibt, was diese Klan-Jungs noch mehr hassen als die Liga, dann ist es eine Negermiliz. Ich bin dagegen.«
»Ich fürchte, Sie haben da nichts mitzureden«, unterbrach ihn Madeline. »Ich denke, du hast recht, Andy. Wir müssen uns selber schützen. Wenn diese Klansmänner nach Mont Royal kommen, werden wir nicht mehr die Zeit haben, in Charleston Soldaten anzufordern.«
Jane fragte: »Woher sollen wir Gewehre kriegen?«
»Wir werden sie in der Stadt kaufen«, sagte Madeline.
»Wird das nicht sehr teuer sein?« erkundigte sich Prudence.
Madeline warf ihr einen merkwürdigen, trauernden Blick zu, den weder Prudence noch Marie-Louise, noch sonst jemand verstand. »Ich könnte mir vorstellen, daß ich das Geld schon irgendwie auftreibe.«
Habe Mr. J. Lee, dem Architekten, geschrieben und ihn gebeten, die Arbeit aufzuschieben. Das Geld für seine Dienste muß anderweitig verwendet werden.
46
Das war die wahre Prärie. Nicht ein einziger Baum störte die makellose Linie des Horizontes. Es war der letzte Tag im Oktober, und der über den Boden fauchende, beißende Wind trug schon einen Hauch des kommenden Winters in sich. Ein stahlfarbener Himmel spannte sich über die leere, trostlose Weite.
Nahe dem Ufer eines sich dahinschlängelnden Bachlaufs tauchte ein winziges Pünktchen auf. Es wurde größer, wurde zu Reiter und Pferd - Charles und Satan. Unter dem Zigeunermantel trug er drei Hemden und fror immer noch. Der Saum des Mantels wirbelte klatschend um ihn herum. Der Lauf der Spencer ragte über seine linke Schulter.
Seine Augen suchten einen großen Bogen ab, konnten nichts entdecken. Mürrisch kaute er auf einer kalten Zigarre herum. Eine teuflische Zeit, um in den Krieg zu ziehen, dachte er. Doch wenn es einen Krieg geben sollte, dann wollte er dabei sein. Allein aus diesem Grund hatte er seinen letzten Job -Frachtverladungen im Eisenbahndepot in der Nähe von Leaven-worth - aufgegeben und war bei bitterkaltem Herbstwetter über zweihundert Meilen geritten.